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Full text of "Studien auf dem Gebiete der aerztlichen Seelenkunde : gemeinfassliche Vortraege"

STUDIEN 



AUF DEM GEBIETE 



DER 



AEKZTLICHEN SEELENKUNDE. 



GEMEINFASSLICHE VORTRAEGE 



VON 



DR FRIEDRICH WILDELM HAGEN, 

kgl. Oberarzt und Vorstand der Kreis -Irrenanstalt, "Professor an der Universität 

zu Erlangen. 



ERLANGEN, 
VERLAG VON EDUARD BESOLD. 
1870. 



Das Recht der Uebersetzung 1 wird vorbehalten. 



WM , 

1 



Vorwort. 



Die folgenden Vorträge sind, mit Ausnahme des ersten, 
theils im hiesigen von akademischen Lehrern aller Fakultäten 
gebildeten philomathischen Verein theils zu einem wohlthätigen 
Zweck auf Wunsch des betreffenden Ausschusses vor gemisch- 
tem Publicum gehalten worden. Wenn ich dieselben hiedurch 
der Oeffentlichkeit übergebe, so bestimmte mich dazu nicht 
etwa blos das subjective Motiv, wieder einmal ein Buch heraus- 
geben zu wollen; denn bei der Masse von Büchern, welche 
jetzt geschrieben werden, sollte Jeder billig Anstand nehmen, 
jene ohne noch anderweitigen Grund zu vermehren. Als einen 
solchen kann ich den viel gebrauchten mit Wahrhaftigkeit 
angeben, dass ich von mehr als einer Seite und schliesslich 
vom Verleger selbst um die Herausgabe angegangen worden 
bin. Ich durfte daraus die Hoffnung schöpfen, dass diese 
Arbeiten auch in weiteren Kreisen Anklang finden und ihren 
Zweck erfüllen würden. 

Gleichwohl würde ich das nonum prematur in annum, im 
Gegensatz zur Druckhast unserer Zeit, auch auf die jüngeren 
der folgenden Vorträge ausgedehnt haben, wenn ich hätte 
glauben dürfen, dass ich selbst in dieser Frist auf ihre wieder- 
holte Durcharbeitung würde zurückkommen können. Da mich 
aber meine dermaligen Studien nach anderen Richtungen führen, 
so musste ich jene, um mich für diese frei zu machen, jetzt 
schon vornehmen. 



IV 



Vorwort. 



Die Anmerkungen und Zusätze haben mehrerlei Zweck. 
Fachmännern gegenüber musste mancher im Texte enthaltene 
Satz näher begründet werden; den übrigen Lesern mochte 
betreffs anderer Puncte vielleicht ein Nachweis der wichtigsten 
Literatur, in welcher sie über dieselbe weitere Belehrung finden 
können, erwünscht sein. Endlich ergab die Darstellung hie 
und da Yeranlassung zu Excursen, welche in den Vorträgen 
selbst nicht unterzubringen waren, ohne deren Anlage zu stören 
und ihren inneren Bau zu ungleichmässig werden zu lassen. 

Im Einzelnen habe ich noch folgende Vorbemerkungen 
zu machen. 

Der erste Vortrag ist eine öffentliche Antrittsvorlesung, 
durch welche ich mich in die Reihe der akademischen Lehrer 
einführte. Im Jahre 1860 gehalten, wurde dieselbe unmittelbar 
vor der Drucklegung, um sie meinem jetzigen (in der Haupt- 
sache zwar nicht veränderten) Standpunct entsprechend zu 
gestalten, ihrer grösseren Hälfte nach umgearbeitet. Zu j3. 17 
habe ich nachträglich zu bemerken, dass der Ausdruck Radical 
auf psychische Vorgänge zwar schon von G-uislain ange- 
wendet wurde, jedoch in einem von dem meinigen verschiede- 
nen Sinn (als Sensation doirfoureuse) , in welchem er nicht 
allgemeine Zustimmung finden konnte. 

Die zweite Abhandlung gibt eine Probe von der in der 
ersten dargelegten psycho - physischen Untersuchungsmethode. 
Auch sie hat eine Umarbeitung erfahren, welche hier haupt- 
sächlich in einer Erweiterung bestand. Als -ich nämlich den 
Vortrag im Jahre 1862 im philomathischen Verein hielt , hatte 
ich mehr nur den Zweck, um der prognostischen Würdigung 
willen nachzuweisen, dass bei der fixen Idee ein psychisches 
Allgemeinleiden angenommen werden müsse; auf die "Wahn- 
bildung selbst war ich damals nicht des Näheren eingegangen, 
weil der Vortrag dadurch für einen Abend zu umfangreich ge- 



Vorwort. 



V 



worden wäre. Hier, wo die Abhandlung zum Lesen bestimmt 
ist, konnte diess nun nachträglich geschehen ; es ist aber dafür, 
um der besseren Abrundung des Textes willen, ein Theil des 
Stoffes den Zusätzen einverleibt worden. 

Der dritte Vortrag (1864) bespricht ein Thema, welches 
schon öfters und besonders noch im letzten Jahrzehend behan- 
delt worden ist. Allein einerseits darf ich wohl voraussetzen, 
dass nur wenige meiner Leser mit der ganzen Literatur über 
Jeanne d'Arc bekannt sind, und andererseits weiss ich und 
wurde mir überdiess auch von competenten Seiten versichert, 
dass gerade in dieser Weise der Gegenstand bis jetzt noch 
nicht behandelt worden ist. So hoffe ich denn, dass die Ab- 
handlung als ein historisch- psychologisches Gutachten auch 
vom grösseren Publicum mit Gunst möge aufgenommen werden. 

Nachdem ich den vierten Vortrag (1869) gehalten hatte, 
sagten mir mehrere Collegen, dass in Norddeutschland der Aus- 
druck Narr als Synonymum für Geisteskrank unbekannt sei, 
wonach also mein Eifer nur einer süddeutschen Unart gälte; 
vielleicht findet sich Süddeutschland durch denselben bewogen, 
seine Eigenthümlichkeit wenigstens in dieser Hinsicht als eine 
unberechtigte aufzugeben. 

In die Anmerkungen zu dieser Arbeit wurden mit den 
erforderlichen Zusätzen einige Stellen aus einem anderen in 
dieser Sammlung nicht mitabgedruckten Vortrag, welcher die 
Uebergänge von psychischer Gesundheit zur Krankheit zum 
Gegenstand hatte, aufgenommen. 

Dass die fünfte Abhandlung (1866) nicht etwa, wie es 
Manchem scheinen könnte, in Widerspruch mit der ersten steht, 
wird bei einiger Ueberlegung leicht erhellen. Auch brauche 
ich wohl kaum mich noch besonders vor dem Missverständniss 
verwahren zu müssen, als ob ich psychische Behandlung der 
Geisteskranken überhaupt für überflüssig und zweckwidrig 
hielte. 



VI Vorwort. 

Ueber das Thema des sechsten Vortrages (1868) habe ich 
schon einmal einen Aufsatz geschrieben, der in Schwegler's 
Jahrbüchern erschien. Da ich aber davon weder einen Separat- 
abdruck mehr besitze noch dieses Journals selbst mehr habhaft 
werden konnte, so vermag ich nicht einmal den Jahrgang an- 
zugeben, welcher ihn enthält, sondern weiss nur, dass er dem 
Anfang der vierziger Jahre angehörte. Ich erwähne diess nur 
desshalb, weil aus jenem anonym erschienenen Aufsatz ein 
paar Stellen in den Yortrag übergingen; in allem Uebrigen ist 
dieser nach Form und Inhalt von jenem Aufsatz verschieden 
und völlig neu. Er gehört zwar nur zum Theil in's Gebiet der 
Medicin und erscheint hier mehr als Beigabe oder Nachtisch. 
Doch denke ich, es soll Niemand an den fünf Hauptgerichten 
so übergenug haben, dass er nicht auch diesen noch gemessen 
möchte. 

Erlangen, den 24. Mai 1870. 



Hagen. 



Inhalt. 



I. Der Werth und die Bedeutung der Psychologie für die 



Psychiatrie 1 

II. Fixe Ideen 39 

III. Die Jungfrau von Orleans 87 

IV. Narrheit 117 

V. Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken . . . 151 

VI. Der Zweck heiligt die Mittel 177 



Der Werth und die Bedeutung 

der 

Psychologie für die Psychiatrie. 



Hagen, Studien. 



1 



enn die Grundlage der Pathologie, wie jetzt allgemein an- 
erkannt ist, die Physiologie oder, noch richtiger gesprochen, die 
Pathologie selbst Physiologie, aber Physiologie des kranken Lebens 
ist, so scheint naturgemäss und logisch daraus zu folgen, dass der- 
jenige Zweig der Pathologie, welcher sich mit dem kranken Seelen- 
leben befasst, also die Psychiatrie, zur Grundlage und zum Aus- 
gangspunkt die Psychologie haben müsse. So sehr sich diess für 
den noch nicht näher mit diesem Gegenstande Bekannten von selbst 
zu verstehen scheint, so können doch gegen diese Schlussfolgerung 
gewichtige Bedenken erhoben werden. 

Zuerst kann man die Frage aufwerfen, und hat sie in der 
That auch schon oft genug verneinend beantwortet: ob es denn 
überhaupt richtig sei, von Seelen krankheiten zu sprechen , und 
ob nicht vielmehr als erstes und oberstes Axiom in dieser Lehre 
der Grundsatz aufgestellt werden müsse, dass die Seele nicht 
erkranken könne. 

Man weist ferner, und nicht mit Unrecht, darauf hin, dass 
alle psychischen Krankheiten doch in letzter Instanz auf eine Ge- 
hirn- oder Nervenkrankheit zurückgeführt werden müssen. Man 
möge nun, so schliesst man etwa weiter, entweder nur beabsichtigen, 
die nächste Ursache derselben zu ergründen oder sich bestreben, 
eine richtige Heilmethode für sie zu finden, so sei es im Grunde 
sehr gleichgültig, die Gesetze des gesunden Seelenlebens zu kennen, 
da das störend wirkende Princip nicht in diesem Seelenleben selbst, 
sondern ausserhalb desselben seinen Sitz habe, und der ganze Auf- 
ruhr in jenem sich lege, sobald dieser abnorme Reiz entfernt sei. 
Nimmt man vollends an, dass alle Thätigkeit nur eine Kraftäus- 
serung der Materie und sohin auch jede psychische Erscheinung 
nur eine Function des Gehirns ist, so ist es, kann man sagen, doch 
nur nothwendig, im Allgemeinen zu wissen, dass eine psychische 

1* 



4 



Der Werth der Psychologie 



Störung vorhanden sei ; man sei dadurch sofort auf die Untersuchung 
der Gehirn- und Nervensubstanz hingewiesen, welche dann schon 
von selbst die nähere Beschaffenheit des vorliegenden Zustandes im 
Detail ergeben werde. Wenn ein Typhuskranker delirire, so komme 
sehr wenig darauf an, ob er dabei eine schwungvolle oder lahme 
Phantasie zeige, ob seine Aeusserungen einen hohen oder niederen 
Bildungsgrad verrathen und ob sich dabei sein Charakter von einer 
guten oder schlimmen Seite darstelle. Die Prognose richte sich 
doch immer nach dem diagnosticirten Hirnzustand und nach den 
sonstigen begleitenden körperlichen Symptomen, und diese, und nur 
diese, gäben auch die Anzeigen für die Behandlung ab. Ebenso 
werde es denn auch mit den psychischen Krankheiten im engeren 
Sinne sein, und ein Studium der Psychologie sei daher zu ihrer 
pathogenetischen Erkenntniss und ihrer Cur sehr überflüssig. 

Sie sehen, es sind Einwürfe von nicht eben leichtem Gewicht, 
welche gegen die Bedeutung der Psychologie für die Erkenntniss 
der Geisteskrankheiten erhoben werden. Ja, wir können dieselben 
sogar noch vermehren. Gehirn und Nervensystem sind es — das 
ist durch die Forschungen unserer Zeit zu einem uns nicht mehr 
zu raubenden Gemeingut geworden — durch deren Erkrankung eine 
Geisteskrankheit allein möglich wird. Nun sind wir aber auf rein 
psychologischem Wege (durch Selbstbeobachtung, Denken, sei es 
über diese oder a priori, Erschliessen der psychischen Processe im 
Innern Anderer) niemals im Stande , zu irgend einer Vorstellung 
vom Gehirn zu gelangen. Wir wissen aus und durch uns selbst 
ebenso wenig etwas davon, dass wir ein Gehirn, als dass wir einen 
Magen, Herz, Muskeln u. s. f. haben. Und nicht allein von der 
Existenz des Gehirns, sondern auch von vielen Functionen desselben 
und des Nervensystems können wir ein Wissen nur durch die sinn- 
liche Beobachtung erlangen. Bei Erkrankung dieser Organe, bei 
Erschwerung ihrer Leistung, werden sie uns zwar wohl fühlbar, 
aber eben nur fühlbar; eine Anschauung von ihnen gewinnen wir 
auch durch die Krankheit nicht; diese muss immer erst durch die 
äussere Erfahrung gegeben werden. So vermögen wir denn auch 
die wirkliche Natur und Herkunft gestörter psychischer Thätigkeiten 
weder blos durch Selbstbeobachtung noch durch logische Schluss- 
folgerungen lediglich aus den Aeusserungen des Kranken zu erken- 
nen; denn mit diesen Mitteln können wir eben so gut zu der An- 



für die Psychiatrie. 



5 



nähme gelangen, dass es sich in Fällen psychischer Krankheit 
eigentlich um Bosheit handle, oder dass wir einen wirklich unter 
der Last seiner Sünden Zerknirschten vor uns haben oder (je nach 
unserem religiösen Standpunct) dass hier ein böser Dämon sein Spiel 
treibe. Dagegen lehren nun aber vielfache Erfahrungen der ver-^ 
gleichenden Anatomie und der Physiologie, dass das Nervensystem 
zur Vollziehung psychischer Thätigkeiten unentbehrlich ist; es ist 
ferner kein Zweifel, dass jede bedeutendere Verletzung oder krank- 
hafte Affection desselben Störung der psychischen Functionen zur 
Folge hat , d ass Alcohol , Chloroform und narcotische Substanzen 
die geistige Thätigkeit zu alteriren vermögen, und dass zwischen 
Nervenkrankheiten und psychischen Krankheiten eine innige Ver- 
wandtschaft stattfindet, in Folge deren oft eine in die andere über- 
geht oder mit ihr abwechselt, — lauter Beweise, dass die Wurzel 
der psychischen Krankheitserscheinungen im Nervensystem zu suchen 
ist. Wer wäre jemals im Stande, aus den Resultaten der Selbst- 
beobachtung seiner Seelenvorgänge und aus rational-psychologischen 
Gründen zu ermitteln, dass im gegebenen Falle die Ursache einer 
Geisteskrankheit ein — Nierenleiden sei? 

So wären wir also zu dem Ergebniss gelangt, dass für die 
Psychiatrie die Psychologie in der That — wo nicht sogar schäd- 
lich — doch wenigstens nutzlos und entbehrlich sei? Ich glaube 
nicht, dass diess aus dem Angegebenen folgt. Vielmehr hoffe ich 
zu zeigen , dass ein solches Ergebniss , welches schon an und für 
sich dem gesunden Menschenverstand als paradox erscheint, in der 
That aus dem Zugestandenen nicht abgeleitet werden kann. Die 
fraglichen Einwürfe, so richtig sie an sich sind, vermögen doch 
nicht, den somatischen Standpunct als den allein massgebenden 
darzuthun. 

Die sinnliche Anschauung des Gehirns, seine chemische Unter- 
suchimg , die Ergründung der physikalischen Seite der Nerven- 
thätigkeit, geben für sich allein nicht den mindesten Aufschluss 
über psychische mit ihnen im Zusammenhang stehende Vor- 
gänge. Aus ihnen allein lässt sich absolut nicht erschliessen , dass 
es nur überhaupt psychische Leistungen gibt. Selbst die Vivi- 
sectionen lehren über die psychischen Functionen der Centraltheile 
an xmd für sich nichts ohne gleichzeitige Analogie, ohne Schlüsse 
von unserer Selbstbeobachtung auf die psychischen Vorgänge bei 



6 



Der Werth der Psychologie 



den Thieren um die Zeit der Verletzung; denn ohne solche ver- 
bindende Beziehung würden wir eben nichts Anderes gewahr wer- 
den als dass Extremitäten der Thiere sich im Raum bewegen oder 
dass diese Laute von sich geben, welche ihrerseits eben so mecha- 
nische Effecte sein könnten. Eben so wenig aber lässt sich auf 
eine psychische Krankheit vom körperlichen Befund allein schliessen. 
Zwar kann ausgesprochener Blödsinn aus dem Leichenbefund er- 
rathen werden da , wo entschieden Atrophie , Zerstörung und 
Schwund von Hirnzellen in grösserem Umfang oder Mangel grösserer 
Hirntheile gefunden wird, diess aber doch nur, weil und nachdem 
wir durch vielfältige Erfahrung wissen, dass in solchen Fällen im 
Leben Blödsinn vorhanden zu sein pflegt. Wer es anders behauptet, 
wer glauben machen möchte , dass (abgesehen vom wirklichen Her- 
gang, der ohnehin kein anderer ist als der angegebene) es bei 
richtigem Verfahren in der Macht der Menschen gestanden wäre, 
a priori aus Hirnbefunden abzuleiten, dass es Geisteszerrüttungen 
geben müsse, der täuscht sich selbst und hat in Bezug auf Ein- 
bildung seinem Gegner, dem Metaphysiker , welcher die ganze Welt 
aus seinem Geist heraus construirt, nicht das Geringste vorzuwerfen. 
In den allermeisten Fällen, in dem weitaus grössten Theile der 
Manien, der Melancholie, der Verrücktheit, ja selbst in vielen Blöd- 
sinnsfällen ist es aber überhaupt unmöglich, auch a posteriori einen 
nothwendigen Zusammenhang zwischen dem sichtbaren Gehirnbefund 
(der in der Regel negativ ist) und der psychischen Störung nach- 
zuweisen; das Gegentheil mag zwar Wunsch und Hoffnung, für 
Manche auch Postulat sein , Thatsache aber ist es jedenfalls noch 
nicht. Noch weniger natürlich kann man aus einer Herz- und 
Lungenkrankheit, die man bei einer Section eines ganz und gar 
unbekannten Menschen findet, den Schluss ziehen, dass dieser ein 
Geisteskranker gewesen sein müsse ; so sehr es auch sonst durch 
Erfahrung bewiesen sein mag, dass Herz- und Lungenkrankheiten 
zu Mitursachen psychischer Krankheit werden können. Wenn es 
nun so schon da steht, wo wir das leidende Organ unmittelbar zu 
Gesicht bekommen, um wie viel grösser muss die Schwierigkeit sein, 
wenn wir die Diagnose einer Geistesstörung auf körperliche Befunde 
an Lebenden gründen sollen. Fast am directesten, scheint es, können 
wir noch zum Gehirn heran gelangen durch ein zu anderen Zwecken 
erfundenes Instrument , durch den Augenspiegel. Es unterliegt gar 



für die Psychiatrie. 



7 



keinem Zweifel , dass wir durch denselben im Stande sind , zwar 
nicht das kranke Gehirn unmittelbar zu sehen, aber von der Be- 
schaffenheit des Sehnerven bei seinem Eintritt in den Augapfel ge- 
wisse Rückschlüsse auf die Beschaffenheit des Gehirnes selbst zu 
machen. Ich muss es den Sachverständigen überlassen, zu bestim- 
men, wie weit dieses diagnostische Hülfsmittel für die Gehirnkrank- 
heiten reicht und in wie fern die mitunter ziemlich kühnen Auf- 
stellungen in dieser Hinsicht begründet sind. So viel aber ist 
jedenfalls gewiss, dass damit eben nur Vegetations - Anomalien der 
Hirnsubstanz aufgedeckt werden können ; ob mit diesen Störungen 
der psychischen Functionen verbunden sind und welche, ist Sache 
weiterer Ermittelung, zu welcher der Augenspiegel nichts mehr bei- 
tragen kann. Alle übrigen körperlichen Symptome vollends reichen, 
selbst wenn man deren mehrere zusammenfasst , erfahrungsmässig 
nicht hin , um ein psychisches Kranksein zu constatiren. Selbst 
dasjenige Symptom, was neben dem Augenspiegel noch am unmittel- 
barsten auf ein gestörtes Hirnleben zurückzuweisen scheint, die Be- 
schaffenheit der Pupille ist bekanntlich sogar bei derjenigen psychi- 
schen Krankheitsform , welche ganz eminent auf einem organischen 
Hirnleiden beruht, unzuverlässig, zur Diagnose eines psychischen 
Krankseins überhaupt aber für sich allein völlig werthlos. Die 
Pulslehre hat in neuerer Zeit unbestritten sehr bedeutende Fort- 
schritte gemacht und man kann es vielleicht bereits als bewiesen 
annehmen, dass wir aus der Beschaffenheit der Pulscurven Schlüsse 
auf den Lebenszustand des sympathischen Nerven ziehen können '), 
aber das Höchste , was auf diesem Wege erreicht werden kann , ist 
doch (und wohl auch nur in Verbindung mit anderen Zeichen) eben 
nur diess; das Vorhandensein einer Geisteskrankheit und deren 
Beschaffenheit aus dem Puls erkennen zu wollen, würde wohl Jeder- 
mann für Vermessenheit halten. 

Ich muss mich, um nicht zu weitläufig zu werden, auf diese 
Beispiele beschränken. Sie werden hinreichen, um zu beweisen, 
was ich darthun wollte, dass die Diagnose der Existenz und Art 
einer Geisteskrankheit niemals durch die physischen Symptome ge- 
macht werden kann. Wir haben dazu kein anderes Mittel, als die 
psychischen. Alle physischen Zeichen, so werthvoll sie sein mögen, 
um ein Gesammtbild des Zustandes zu gewinnen, sind für sich 
allein, selbst wenn man sie alle zusammen nimmt, nicht im Stande, 



8 



Der Werth der Psychologie 



uns mit Sicherheit eine Hirnstörung von der Art, wie sie zur Er- 
zeugung von Seelenkrankheiten erfordert wird, anzuzeigen. Also 
sind die psychischen Symptome die patho gnomischen Symptome 
der psychischen Krankheiten. Ihre genaue Erhebung und ihr Ver- 
ständniss sind das erste und unerlässlichste Erforderniss bei dem 
Studium der Geisteskrankheiten. Es mag Manchem sonderbar be- 
dünken, dass diess erst noch besonders betont werden muss oder 
wenigstens betont wird; eine gewisse einseitige Strömung, welche 
viele Geister erfasst hat, macht es aber heut zu Tage noth wendig, 
auf diese selbstverständlichste aller Wahrheiten immer wieder hin- 
zuweisen. 

Die einseitige Betrachtung führt eben, wie überall, so ganz 
besonders bei diesem Gegenstande, zu Nichts; es muss von beiden 
Standpuncten aus geforscht und dann versucht werden, die Ergeb- 
nisse dieser verschiedenen Untersuchungs weisen mit einander zu ver- 
einigen. Eine Vereinigung aber ist nur möglich, wenn ein Gemein- 
schaftliches gefunden wird, an welchem beide Theil haben, ein 
Mittelpunkt, in welchem sie sich treffen. 

Dieser Punct ist das Leben und Wirken des Gehirns und 
Nervensystems in demjenigen Theil seiner Functionen, welcher eben 
der Seele zugewendet ist und unmittelbar mit der Seele zu thun 
hat. Nicht um Structur und Mischung handelt es sich hier 
zunächst, obgleich diese weiterhin sehr in Betracht kommen können, 
sondern um Dynamik (falls dieses Wort überhaupt zur Zeit noch 
erlaubt und statt desselben nicht immer nur »Molekularbewegung« 
zu sagen ist), um Strömungen, Spannungen des Nervenagens oder 
wie man es nennen will: denn von der Natur dieser Function 
wissen wir noch sehr wenig und müssen uns mit allgemeinen, muth- 
masslich vielfach bildlichen Ausdrücken begnügen. Es ist sehr 
wahrscheinlich, dass gerade von der Psychiatrie noch manche Auf- 
klärung für diese noch so vielfach dunkeln Partien kommen wird; 
jedenfalls aber muss die psychische Krankheit in diesem Boden ihre 
letzten Wurzeln und hier ihre nächste Ursache haben. 

Alles , was man gewöhnlich Ursache psychischer Erkrankung 
nennt, verhält sich zu der Störung dieses Nervenagens als ent- 
ferntere Ursache. Von äusseren Geschicken und Ereignissen, dann 
von Erkrankungen anderer Leibesorgane versteht sich diess von 
selbst, sie sind ohne allen Vergleich viel häufiger vorhanden, ohne 



für die Psychiatrie. 



9 



eine psychische Störung zu erzeugen, als dass sie eine solche be- 
wirken. Aber selbst was organische Affectionen des Gehirns und 
Nervensystems betrifft, so decken sich diese und die Zeichen psy- 
chischer Störung durchaus nicht immer und nicht völlig. So hat 
man schon längst gefunden und hervorgehoben, dass die anatomi- 
schen Gehirnbefunde dieselben sein können , die Krankheit mag 
Manie oder Melancholie gewesen sein. Eine Zeit lang beherrschte 
die Idee der Gehirnhyperämie die Theorie der Geisteskrankheit, in 
neuerer Zeit ist an deren Stelle grossentheils die Gehirnanämie ge- 
treten ; man mag aber der einen oder der anderen huldigen, so sieht 
man sich gezwungen, zu erklären, dass jede derselben sowohl Manie 
als Melancholie hervorbringen könne; ein deutlicher Beweis, dass 
in diesen Zuständen noch nicht die nächste Ursache der Geistes- 
störung, noch nicht jener körperliche Vorgang enthalten sein kann, 
welcher in unmittelbarem noth wendigem Causalzusammenhang mit 
dieser steht. Selbst in derjenigen pathogenetischen Form , die im 
eminentesten Sinn auf einer vegetativen Gehirnanomalie beruht, der 
paralytischen Psychose, können alle elementaren Formen von Geistes- 
krankheit auftreten, ja es können auf eine Zeit lang sogar die Symp- 
tome psychischer Störung sowohl als motorischer Schwäche ganz 
und gar in den Hintergrund treten, während wir doch nach aller 
Analogie annehmen müssen, dass während des vorhergegangenen 
Aufruhrs eine Anzahl Nervenelemente des Gehirns zu Grunde ge- 
gangen sind. 

Es kann zwar sein , dass eine künftige Zeit uns noch so 
manche unerwartete Aufschlüsse gibt. Wer weiss , ob die Hülfs- 
mittel der neueren chemischen Analyse , Spectral - Untersuchung 
oder vielleicht noch etwas Anderes, von dem wir zur Zeit noch 
keine Ahnung haben, oder Mittel, Abweichungen im Verhalten der 
Nerven-Electricität als Ursachen nachzuweisen , uns nicht noch ein- 
mal in den Stand setzen, durch eine Jedem leicht zugängliche Me- 
thode in Fällen, wo nur überhaupt Zeichen psychischer Störung 
zugegen sind, irgend eine Blutvergiftung oder veränderte Modali- 
täten der electrischen Strömungen aufzuzeigen. Es ist hier noch 
gar viel möglich, und wer über dergleichen Hoffnungen von vorn 
herein ungläubig lächelt, hat keine Idee von der Art des Fort- 
schrittes in den Wissenschaften. Missverstehen wir uns aber nicht. 
Mit dem eben Gesagten sollte nur zugegeben sein, dass die künftige 



10 



Der Werth der Psychologie 



Untersuchung mittelst der physikalischen Methoden uns noch die 
werthvollste Förderung unserer Kenntnisse von den Ursachen ver- 
schaffen könne, Kenntnisse, welche möglicherweise von weittragend- 
ster Bedeutung auch für die Heilkunst werden können. Die nächste 
Ursache jedoch können sie , obgleich sie ein Weg zu ihrer näheren 
Ergründung werden könne , nicht direct aufdecken ; denn die Thä- 
tigkeit der Hirnfaser in ihren Beziehungen zum psychischen Leben 
ist ein Ding für sich, das seine eigenen Gesetze hat, und auf dessen 
Zustände bei dem zu erzielenden Resultate noch viel ankommt. 
Dass zwischen jener Ursache und dem psychischen Effect nach 
Quantität und Qualität kein directes Verhältniss besteht, zeigt sich 
sogar da, wo die körperliche Schädlichkeit ganz unzweifelhaft und 
handgreiflich ist, z. B. am Typhus, am Rausch. Man nehme zu 
einer gewissen Zeit Blut von Zweien, die Wein oder Branntwein 
getrunken haben, und untersuche es. Man wird Alcohol darin 
linden, bei A viel, bei B wenig, aber B hat einen Rausch und bei 
A findet sich keine Spur eines veränderten Benehmens; oder A hat 
zwar auch einen Rausch, kann aber durch eine Schreckensbotschaft 
augenblicklich ernüchtert werden, B nicht. Aehnlich verhält es 
sich mit dem Genüsse des Opiums. Es ist ferner zwar gewiss, dass 
auf die psychischen Symptome im Typhus die Temperatur den 
grössten Einfluss hat; aber nicht unbedingt; bei hoher Temperatur 
kann das Delirium fehlen und bei wenig erhöhter da sein ; die Höhe 
der Temperatur ist auch nicht correspondirend und parallel mit 
der Intensität, mit der Qualität und dem Inhalt des Deliriums, 
und es wird sich daher wohl kaum Jemand vermessen, aus der 
Temperatur allein zu bestimmen , ob ein Typhuskranker zu einer 
letzten Willenserklärung fähig sei oder nicht. In wie viel höherem 
Grade muss nun diese Incongruenz der auf das Gehirn wirkenden 
Schädlichkeiten mit den psychischen Leistungen stattfinden bei den 
psychischen Krankheiten, wo sowohl die so häufige Unbeständigkeit 
oder Geringfügigkeit der körperlichen Symptome, als die Wandel- 
barkeit der psychischen, das plötzliche Auftreten nach psychischen 
Ursachen, das zuweilen rasche Verschwinden oder das Aiterniren 
der Formen beweisen, dass die psychischen Vorgänge in den Nerven 
jedenfalls höchst feine sein müssen. 

Da nun also auch bei noch so grosser Erweiterung unserer 
Kenntnisse von den materiellen Veränderungen, welche zu den 



für die Psychiatrie 



11 



Geisteskrankheiten in Beziehung stehen, immer ein Rest bleiben 
wird, der von dieser Seite her nicht erkannt werden kann, und da 
zweitens überdiess diese Kenntnisse jedenfalls dermalen noch unvoll- 
ständig sind — so ist es um so nothwendiger, auch die übrigen uns 
zu Gebote stehenden Quellen der Erforschung recht auszunützen. 
Diese muss von zwei Seiten her geschehen, weil eben das Gehirn- 
leben nach zwei Seiten hin gekehrt ist, ein Janusgesicht hat. Von 
jeder Seite her muss so weit als möglich fortgeschritten werden, 
aber in der Richtung nach der anderen Seite zu , und die Resultate 
der einen Seite müssen immer denen der anderen zur Probe dienen. 
So werden wir, wenn wir mit den Hülfsmitteln der vergleichenden 
und der pathologischen Anatomie, der Nervenphysiologie und der 
Nervenpathologie bis zu gewissen Puncten vorgedrungen sind und 
gewisse Wahrscheinlichkeiten gefunden zu haben glauben, immer 
auch nach der anderen Seite sehen und uns überzeugen müssen, wie 
das Gefundene sich mit den Thatsachen , die von psychologischer 
Seite ihr Licht auf das Nervenleben werfen , sich verträgt. Wir 
werden uns fragen müssen, welcher Art die Nervenstörung sein 
muss, um die psychischen Symptome gerade in dieser Beschaffenheit, 
dieser Aufeinanderfolge und diesem Verlaufe hervorzurufen. 

Dazu ist aber eine genaue Kenntniss des gesammten That- 
bestandes und somit auch des psychologischen unerlässlich. Es 
fragt sich nur, ob zur Erhebung desselben gerade Psychologie als 
Wissenschaft und Studium derselben erforderlich sei. Kann man 
denn nicht, so lässt sich sagen, in die verschiedenen hier zur Be- 
obachtung kommenden Zustände , als da sind : Temperamentsfehler, 
Leidenschaften, Affecte, Schrullen und Phantasiespiele eine gute 
Einsicht haben, ohne jemals über Psychologie ein Collegium gehört 
oder ein Buch gelesen zu haben , durch blosse Lebenserfahrung ? 
Allerdings, so ferne man diese Zustände für sich betrachtet, ohne 
ihre Beziehung auf psychische Krankheiten : um diese zu verstehen, 
ist aber ein ganz anderes Eingehen erforderlich. Was man ge- 
wöhnlich Menschenkenntniss zu nennen pflegt, ist eine bei guter 
Beobachtungsgabe durch häufigen Umgang mit Menschen gewonnene 
Erfahrung über deren Tauglichkeit für diese oder jene Zwecke, 
über die Eindrücke , welche gewisse Lagen auf ihr Gemüth zu 
machen pflegen, ihre Lieblingsneigungen und Schwächen, und nament- 
lich über die vorzüglichsten Triebfedern ihrer Handlungen. Eine 



12 



Der Werth der Psychologie 



solche Menschenkenntniss ist ohne Zweifel, wie für das sociale Leben 
überhaupt, so auch für die Psychiatrie ein unumgängliches Erforder- 
niss ; denn die Mehrzahl der Irren ist ja nicht blos und nicht durch 
und durch geisteskrank, sondern bietet immer noch viele gesunde 
Seiten, bezüglich welcher sie dieselbe Behandlung verlangen wie 
Gesunde, und wobei besonders ihre Fähigkeiten, ihre Bildungsstufe 
und ihre Gemüthsart in Betracht kommen. Die Psychiatrie braucht 
aber mehr. Man kann vieler Menschen Städte gesehen und Sitte 
gelernt haben, kann mit den verschiedensten Ständen in den man- 
nichfaltigsten Lagen in Berührung gewesen sein, sich eines scharfen 
Blickes in die Falten des menschlichen Herzens mit Recht rühmen, 
kann als Diplomat die Menschen trefflich benützen , als Dichter sie 
meisterhaft schildern gelernt haben — in Bezug auf die Seelen- 
zustände der Irren lässt doch all diese Erfahrung im Stich, man 
befindet sich hier plötzlich in tiefster Finsterniss oder geräth, was 
schlimmer ist, auf gefährliche Abwege. Die Geschichte der Irren- 
heilkunde beweist diesen Satz zur Genüge. Im Mittelalter und bis 
in's 17. und 18. Jahrhundert herein bekümmerte sich die Medicin 
wenig um die Seele; die Lehre von ihr war der Theologie und 
Philosophie zugewiesen. Da aber der Natur der Sache nach die 
psychischen Krankeiten den Bemühungen dieser Wissenschaften 
nicht zugänglich waren und dieselben mit diesen Erscheinungen 
(wenn solche nicht gar für dämonische Wirkungen angesehen wur- 
den) practisch nichts anfangen konnten, so war die Psychiatrie von 
allen Seiten verlassen und es blieb der Routine und dem ge- 
sunden Menschenverstand überlassen, mit ihnen fertig zu werden 
so gut sie konnten. Das Resultat war traurig genug. Wenn das 
Aufheitern und Zerstreuen der Melancholischen, das Belehren der 
Wahnsinnigen, das Bändigen der Tollen durch Schmerzen, Hunger 
und Schläge, wie so oft, nicht zum Ziele führte, so legte man die 
Hände in den Schooss, überliess die Kranken sich selbst oder suchte 
sich ihrer durch Einsperrung schlechthin, so gut es ging, zu ent- 
ledigen. Daher die uns jetzt so unbegreiflich lange Dauer des 
traurigen Schicksals, zu welchem früher die Geisteskranken verur- 
theilt waren. Selbst das Humanitätszeitalter würde hierin durch 
seine Philanthropie allein, so grosse Verdienste es auch in dieser 
Beziehung hat, doch wenig geleistet haben, wenn nicht gleichzeitig 
ein anderer Geist auch in die Wissenschaft eingedrungen und die 



für die Psychiatrie. 



13 



Psychologie der Geisteskranken zu einem philosophisch - medicini- 
schen Studium geworden wäre. 

Aber sofort war eine andere Klippe zu vermeiden : die Nei- 
gung, den Schwerpunkt lediglich in die psychologische Seite der 
Forschung zu verlegen, eine Neigung, welche ihren Grund haupt- 
sächlich in der im vorigen Jahrhundert sich so sehr geltend ma- 
chenden Vorliebe für das Philosophiren überhaupt hatte. Man 
stellte Definitionen auf, leitete daraus Erscheinungen, Arten und 
Unterarten ab, classificirte diese, meistens nach Seelenvermögen, 
und gelangte so zu complicirten Divisionen und Subdivisionen. Ueber 
der Freude an dem Spiel mit logischen Formen übersah man, dass 
diesen Constructionen meistens die Natur nicht entsprach, und statt 
die Beobachtung und Analyse der Erfahrung zum Ausgangspunkt 
zu nehmen , begnügte man sich seine Deductionen mit einzelnen 
auffallenden Beispielen aus dieser zu illustriren. Wenn nun dabei 
das somatische Element, obwohl die Kenntnisse von demselben noch 
schwache waren, doch noch anerkannt wurde 2 ) , so wurde dasselbe 
von einer späteren Theorie ganz und gar aus der Pathogenie der 
Seelenkrankheiten gestrichen. Unbefriedigt von jenen Abstractionen 
sowohl als von den Versuchen jeder von aussen nach innen gehen- 
den Erklärung und von dem Drange erfüllt, sich den gesammten 
Process der Seelenstörung aus einem einheitliehen Mittelpunct her- 
aus verständlich zu machen, suchte Heinroth 3 ) der Frage auf 
den Grund zu gehen, in ihren Kern einzudringen. Er glaubte da- 
her die nächste Ursache aller psychischen Erkrankung in das Sub- 
ject derselben, in die Seele selbst, verlegen zu müssen; da diese 
jedoch den Gesetzen der Naturnotwendigkeit nicht unterworfen 
sein durfte, so kam es, dass H e i n r o t h das Wesen aller Seelenstö- 
rung in freiwillig eingegangene Unfreiheit setzte. Die offenbare 
Einseitigkeit dieser Theorie , durch welche namentlich die Gränze 
zwischen Sünde und Krankheit völlig verwischt wurde, trug trotz 
des Geistes und der Energie, mit welcher sie vertheidigt wurde, 
den Keim des baldigen Verfalles in sich selbst. Und eben so 
konnte die Ansicht des verdienstvollen I de ler 4 ), welcher das We- 
sen der Seelenkrankheiten, der von ihm so genannten idiopathischen 
wenigstens, in höchst gesteigerte Leidenschaft setzte, obgleich sie 
Heinroth's Schroffheit vermied und mehr auf die Breite und Fülle 
der Erscheinung einging, sich vor dor Erfahrung nicht halten. 



14 



Der Werth der Psychologie 



Jetzt sind beide moralisirende Schulen bei den Aerzten ganz um 
ihr Ansehen gekommen, und in ihrer Ausschliesslichkeit mit Recht ; 
aber ihr negativer Effect dauert noch heut zu Tage fort in dem 
Misscredit, in welchen durch sie die psychologische Erforschung der 
psychischen Krankheiten gekommen ist. Unter diesem Misscredit 
hatten selbst solche Bestrebungen zu leiden, welche, die Einseitig- 
keiten beider Parteien vermeidend, bald mehr äusserlich zu ver- 
mitteln 5 ) bald ihre Pathologie auf der Idee der anthropologischen 
Einheit , jedoch mit organischer Gliederung , aufzubauen suchten °). 
Die Verirrungen der sog. rationalen Psychologie wurden jedem 
Versuche, übei'haupt psychologische Erklärungsweisen mit hereinzu- 
ziehen , als warnendes Schreckbild vorgehalten , und endlich Psy- 
chologie überhaupt schlechthin für „Metaphysik" und psychologische 
Beurtheiluugen von krankhaften Seelenzuständen für „luftige Spe- 
culationen" erklärt 7 ). 

Mit diesen äussersten (Konsequenzen wäre nun aber die Sache 
wiederum verfahren und der Psychiatrie der Boden und die Hälfte 
ihrer Hülfsmittel entzogen worden , wenn nicht die praktische Ir- 
renheilkunde in sicherem Instinct stets wieder auf den richtigen 
Weg gewiesen hätte. In der That ist Psychologie, eingestanden 
oder nicht, stets einer der Leitsterne im irrenärztlichen Erkennen 
und Handeln gewesen. Freilich darf sie, wenn sie von Nutzen sein 
soll, keine blos deductive, rationalistische, auch keine oberflächliche, 
aus den Erfahrungen des gemeinen Lebens abstrahirte, sondern sie 
muss eine empirisch-wissenschaftliche sein, was von selbst voraus- 
setzt, dass sie auch in den Gränzgebieten wohl bewandert sei. Um 
die Symptome gehörig zu erheben und aufzufassen und das psy- 
chische Gesammtbild richtig aufzunehmen, dazu gehört eben auch 
eine Schulung und ein Studium. Denn die Aeusserungen des Kran- 
ken, aus welchen wir auf seinen Seelenznstand schliessen, sie mö- 
gen in Worten, Mienen oder Handlungen bestehen, sind nichts Ein- 
faches, wie etwa eine Neuralgie oder ein Muskelkrampf, sondern 
das Endergebniss einer complicirten Reihe von Vorgängen, von 
welchen ein Theil normal von Statten gehen kann, indem das ab- 
norme Endproduct nur durch das falsche Eingreifen der abnorm 
gewordenen Glieder entsteht. Es wird daher immer eine Analyse 
darüber erfordert, was von diesem Gemisch dem Gesunden und was 
dem Kranken angehört, und die ganze Reihe muss sorgsam in ihre 



für die Psychiatrie. 



15 



Glieder aufgelöst werden , um auf den schadhaften Punct zu kom- 
men. Es muss ferner wohl auf den bisherigen Verlauf geachtet 
werden , um zu erfahren , welche psychisch krankhafte Erscheinun- 
gen die ersten und ursprünglichen waren , und welche erst später 
hinzugekommen sind. Will man alle und jede auffallende psychische 
Erscheinungen bei Geisteskranken unmittelbar auf organische Vor- 
gänge zurückführen, die psychischen Symptome alle über Bausch 
und Bogen mit physischen Störungen in Beziehung setzen, so er- 
schwert man sich die Sache ganz unnöthiger Weise und täuscht 
sich noch dazu oft gründlich dem hausbackenen Verstand eines 
Laien gegenüber. Ein Theil der psychischen Symptome kann und 
muss psychologisch erklärt und gedeutet werden; es müssen erst 
die verschlungenen Fäden des psycho -pathischen Gewebes, wenn 
man so sagen darf, aufgelöst und klar gelegt werden, ehe mau un- 
tersuchen kann , mit welchen dieser Fäden es mit der organisch 
krankhaften Grundlage verflochten ist. So kann z. B. die Zer- 
streutheit eines Geisteskranken durch sehr verschiedene Zustände 
bedingt sein und es kann durch diesen verschiedenen Ursprung die 
Classification und die Prognose der betreffenden Psychose bestimmt 
werden ; um aber auf die Beschaffenheit des abnormen Gehirnzu- 
standes schliessen zu können, muss erst psychologisch ermittelt sein, 
in welchen psychischen Vorgängen die Zerstreutheit begründet ist, 
ob in einer überraschen Production sich drängender und jagender 
Vorstellungen, oder in einem überwichtigen Interesse, welches den 
Anforderungen der Aussenwelt die nöthige Aufmerksamkeit zu 
schenken verhindert, oder in einer Schwäche, welche nicht er- 
laubt, eine bestimmte Gedankenreihe zu verfolgen, sondern dieselbe 
fortwährend durch zufällige äussere Eindrücke unterbrechen lässt. 
Irrige Gedanken können bei einem Irren ganz unabhängig von sei- 
ner Geisteskrankheit sein und ihre Erklärung in zufälligen Bege- 
benheiten oder in seiner Bildungsstufe finden; was aber die krank- 
haften Wahnideen betrifft, so muss man, ehe man deren Genese 
im Gehirn sucht, sich jedenfalls vorher darüber klar geworden sein, 
in welchem Zusammenhang dieselben mit den Leidenschaften, Ge- 
fühlen und Affecten der betreffenden Person stehen. Und um von 
diesen selbst noch Einiges anzuführen, so kann der Hochmuth, 
durch welchen sich ein Irrer bemerklich macht, schon in seinem 
Charakter begründet sein; ist er aber durch die Krankheit ent- 



16 



Der Werth der Psychologie 



standen, so kann er seinen Grund in einer Ueberspannung des 

Selbstgefühles haben, woraus Geringschätzung Anderer folgt; es 
kann aber auch durch das herrschende Gefühl des Unmuthes und 
der Bitterkeit Menschenhass, Menschenverachtung, Zurückziehen in 
sich selbst und daraus erst in zweiter Linie Selbstüberhebung ent- 
stehen, auf ähnlichem Wege, auf welchem, wie schon Spinoza 
hervorgehoben hat, auch der Schüchterne hochmüthig werden kann. 
Für die Beurtheilung und Behandlung des Kranken ist es unerläss- 
lich zu wissen, ob sein Egoismus ein ihm natürlicher oder ein krank- 
hafter, seine Trägheit Characterfehler oder Krankheitserzeügniss, 
sein Schimpfen eine besondere Form seines Sprech- oder Schrei- 
dranges oder Ausfluss der bewnssten Absicht zu kränken ist. 

Diese Beispiele mögen genügen, um darzuthun, wie die psy- 
chischen Erscheinungen beim Irresein durchaus nichts so Einfaches 
sind, dass sie so unmittelbar, wie sie sich aufdrängen, jede auf 
gestörte Organfunctionen zurückgeführt werden können , und wie, 
bevor man zu diesem Geschäfte schreiten kann, durchaus erst psy- 
chologische Arbeit gethan werden muss. Hiezu gehört freilich, dass 
man ein relativ selbstständiges Seelenleben anerkennt, und die Exi- 
stenz von psychischen Vorgängen zugesteht, welche nicht unmittel- 
bar durch Nervenzustände bedingt und provocirt sind. Die Psy- 
chiatrie wird und muss dieses Bedürfniss für die Zwecke der Praxis 
und der Theorie stets empfinden, und braucht sich hierin nicht 
durch gegentheilige Behauptungen von Disciplinen her beirren zu 
lassen, welche in diesem Punct vielleicht ebenso viel von ihr zu 
lernen haben als sie von ihnen. 

Aber die Anknüpfung an die abnormen Functionen des Gehirnes 
und Nervensystems wird natürlich immer das Endziel von Allem 
sein müssen. Bei der gründlichsten psychologischen Zergliederung, 
bei dem lebendigsten Hineindenken in das Seelenleben des Irren wird 
doch immer ein Rest bleiben, der nicht psychologisch zu erklären 
ist, man wird ein fremdartiges Etwas finden, das in den psychi- 
schen Lebensvorgängen sein Spiel treibt und nicht aus rein geisti- 
gen Prämissen abzuleiten ist. Diesen basischen psychischen Grund- 
vorgang zu finden, zu welchem sich das gesammte übrige Heer der 
psychischen Erscheinungen als Folgewirkung oder als Reaction ver- 
hält, ist der Endzweck der psychologischen Erforschung der Gei- 
steskrankheiten. Wir können denselben, da in ihm gewissermassen 



für die Psychiatrie. 



17 



das ganze psychische Krankheitsgewächs seine Wurzeln hat, oder 
(um einen Vergleich aus der Chemie herzunehmen) da er die Grund- 
lage, den ersten psychischen abnormen Elementarvorgang darstellt, 
von welchen alle übrigen psychisch krankhaften Vorgänge sich als 
Verbindungen betrachten lassen, das psychische Radical nen- 
nen. In seiner Erkenntniss wird uns auch das Wesen aller psychi- 
schen Krankheit im Allgemeinen sowohl, als in seinen besonderen 
Gestaltungen aufgeschlossen und in ihm auf seinen einfachsten Aus- 
druck gebracht. 

Aber mit dem Wesen ist noch nicht die nächste Ursache ge- 
geben. Man kann die Aeusserungen des kranken Seelenlebens auf 
das feinste zergliedert haben und ein lebendiges Gemälde von dem- 
selben zu entwerfen im Stande sein, ohne dass noch im Mindesten 
etwas von der Kraft sichtbar würde, welche alle diese Erscheinun- 
gen sprudelnd auf die Oberfläche treibt. Eine Diagnose, welche 
sich darauf beschränkt, je nach dem Zustand und der Wechselwir- 
kung der Vorstellungs - Gefühls- und Willensthätigkeit das Vorhan- 
densein einer Manie, Melancholie, Verrücktheit u. s. w. nachzuwei- 
sen, ist zwar auch nicht ohne Nutzen, namentlich in Hinsicht auf 
das, wessen man sich von dem Kranken zu versehen haben kann 
und auf die gerichtliche Psychologie. Aber die Medicin darf sich 
damit eben so wenig begnügen, als sie sich in der somatischen Pa- 
thologie auf die "Diagnose von Halsweh, Leibschmerz, Gliederweh 
mit den Unterarten von Reissen, Stechen, Schneiden, Bohren u. s. w. 
beschränken darf, um daran sofort ihre Indicationen zu knüpfen. 
Eine wirkliche Diagnostik psychischer Krankheiten darf sich nicht 
mit der Breite der psychischen Aeusserungen begnügen, sondern sie 
muss auch in die Tiefe steigen, um den Erscheinungen auf den 
Grund zu sehen. Jenes psychische Radical, in welchem wir das 
Wesen der Geisteskrankheit ausgedrückt fanden, ist nämlich selbst 
nur Reflex , Spiegelbild, Wirkung der proxima causa , der Nerven- 
störung. 

Die Natur und Beschaffenheit dieser kennen zu lernen ist die 
Aufgabe. Wir sahen, dass dieses Ziel nicht auf einseitigem Wege, 
blos durch physikalische Mittel und Sinneswahrnehmung, erreicht 
werden kann. Mit aller sinnlichen Beobachtung, Mikroskopie, 
Chemie, Physik werden wir immer nur bis zu einem gewissen Punct 
vordringen können , über welchen hinaus der eigentliche Vorgang 
Hag en, Studien. 2 



13 Der Werth der Psychologie 

in der Gehirn- und Nervenfaser bei ihrer Lebensthätigkeit für alle 
Ewigkeit ein innerlicher, dem Sinn entrückter, bleiben wird. Hier 
wird das strenge Denken, der scharfe Schluss, verbunden mit einer 
gewissen natürlichen Intuition, immer die Hauptarbeit thun müs- 
sen; denn zu Vorgängen, die sich dem Auge und dem Ohr entzie- 
hen haben wir keinen anderen Zugang. Von metaphysischer Specu- 
lation ist hiebei nicht die Rede, auch sollen die physischen Hülfs- 
mittel keineswegs vernachlässigt werden ; aber ohne sich den be- 
treffenden Zuständen innerlich hinzugeben , sich in sie hineinzu- 
denken und hineinzufühlen und ohne Reflexion darüber wird der 
betreffende krankhafte Nervenprocess ebenso wenig unserem Ver- 
ständniss näher gerückt werden. Gerade die psychischen Processe 
sind, weil sie in manchen Beziehungen durchsichtiger und verständ- 
licher sind als die physischen , geeignet , so manches Licht auf Ver- 
hältnisse zu werfen , welche von der anderen Seite her ewig im 
Dunkel blieben. Die psychologische Betrachtung, ja der psycho- 
logische Versuch ist oft genug , wo nicht das einzige , doch das 
hauptsächlichste Reagens auf den Zustand der Centraiorgane , die 
feinsten Veränderungen in dem Verhalten und den Strömungen des 
Nervenagens geben sich im Psychischen kund, und kann so dieses 
für jenes zum Barometer und Thermometer werden. Freilich geht 
uns hier die Möglichkeit exaeter Messung ab ; aber auch ohne sie 
bleibt der Werth dieser Methode noch gross genug. 

Indem ich so als den Kern alles geistigen Erkrankens ein 
psychisches und ein physisches Radical annehme, von welchem jenes 
durch dieses gesetzt und bedingt wird, während das weitere psy- 
chische Geschehen und die Ausgestaltung des geistigen Krankheits- 
bildes auf selbstthätiger Mit- und Gegenwirkung der Seele beruht, 
brauche ich kaum noch besonders hervorzuheben, dass hienach als 
propädeutische Wissenschaften der Psychiatrie weder die Psychologie 
noch Physiologie im gewöhnlichen Sinn und Umfang ausreichen. 
Für das theoretische psychiatrische Verständniss ist vielmehr als 
Grundlage eine Disciplin nothwendig, welche man zwar nach Um- 
ständen bald zu der einen bald zu der anderen rechnen kann, welche 
aber in Hinsicht auf Umfang und Bedeutung recht wohl auch als 
selbstständige Wissenschaft gelten kann: die Psycho - Physiologie, 
medicinische Psychologie oder die Lehre von der Wechselbeziehung 
des Seelen- und Leibeslebens. Auf dem geheimnissvollen Boden, 



für die Psychiatrie. 



19 



wo leibliche Affectionen zu Empfindungen, Vorstellungen und Gefühlen 
werden, und wo die Gedanken, Gemüthsbewegungen und Triebe sich in 
körperliche Verändei-ungen übertragen, geht auch die Entwicklung 
der psychischen Störungen vor sich, und von hier aus als von 
ihrem Heerd müssen diese erforscht werden. Was sich von da aus 
weiter in den höheren psychischen Sphären, im Urtheil, in der Ge- 
sinnung, im Willen Abnormes gestaltet, kann dann auf jene Prä- 
missen hin allerdings eben so rein psychologisch erörtert werden, 
als nach der anderen Seite hin die begleitenden Störungen im or- 
ganischen Leben eine rein- physiologisch - pathologische Erklärung 
nicht allein gestatten, sondern auch erfordern 8 ). Die Physio- Psy- 
chologie setzt ferner, da sie als eine Brücke zwischen zwei Dis- 
ciplinen angesehen werden kann, zwar selbstverständlich Kenntnisse 
aus beiden voraus und vermag nicht ohne sie zu bestehen, ist aber, 
schon nach dem Principe, dass Theilung der Arbeit ein grosses 
Förderungsmitte] der Forschung ist, auch als eine selbstständige 
Diseiplin anzuerkennen. Diess um so mehr , als sie zugleich die 
Aufgabe hat, Erfahrungen und Thatsachen aufzubewahren und für 
den praktischen Gebrauch darzubieten, welche noch keine genügende 
Erklärung gefunden haben, und, wenn sie von der momentanen 
Zeitrichtung etwas seitwärts liegen, von der Physiologie oder von 
der Psychologie ausser Acht gelassen werden. Sie muss in solchen 
Fällen ihre Unabhängigkeit namentlich auch desshalb bewahren, 
weil der Weg jeder Wissenschaft, und so auch ihrer Hilfswissen- 
schaften, zur Wahrheit ja so vielfach durch den Irrthum hindurch- 
geht. Da es nun oft geschieht, dass neue und alte Meinungen nur 
durch einen gewissen Terrorismus eine Zeit lang die Herrschaft 
behaupten, während sie in der That irrig sind, so darf die Anthro- 
pologie, von der ja unsere Wissenschaft ein Theil ist, sich durch 
den Schein des Widerspruchs, den ihr bereits gewonnenes Besitz- 
thum mit solchen herrschenden Tagesmeinungen darbietet, nicht 
verleiten lassen, dasselbe aufzugeben. Sie wird dann aber auch 
ihrerseits, da man sich nur auf das stützen kann, was widersteht, 
nicht blos für die Psychologie, sondern auch für die Physiologie 
selbst eine wirkliche Hülfswissenschaft werden; daher viele der 
umsichtigsten Forscher auf dem Gebiete der Physiologie, wie Dar- 
win der ältere, Reil, Johannes Müller, in neuerer Zeit Wun dt, 
sich auch eindringlich mit Psychologie beschäftigt haben. 

2* 



20 



Der Werth der Psychologie 



Eine solche Psycho - Physiologie nun ist der Eckstein und die 
Grundlage, auf welche die ganze Psychiatrie sich gründen muss, 
und alle Kenntniss, die der Irrenarzt als solcher sich zu erwerben 
hat, muss er auf diesen Mittelpunct beziehen, um ihn gruppiren. 
Er wird von ihm aus die ganze zwingende Macht kennen lernen, 
welche vom dunkeln Naturgrund aus sich auf das Seelenleben er- 
streckt und vermöge deren wir überhaupt allerdings in gewissem 
Sinne nicht anders sein können als wir sind; aber er wird auch 
einsehen, dass das Seelenleben nicht so unbedingt von dem physi- 
schen Leben abhängig ist, um bei Erkrankungen ganz und gar und 
in jeder Beziehung von diesem bestimmt zu werden. Denn die 
psychische Thätigkeit in ihrem Yerhältniss zum Gehirn ist nicht 
etwa einfach so zu denken, dass dieses eine Saite wäre, welche be- 
beliebig gestimmt und angeschlagen dann immer die psychische 
Aeusserung als die Schwingung ihrer selbst unmittelbar von sich 
gäbe , sondern , um bei dem Gleichniss zu bleiben , es handelt sich 
hier um zwei Saiten, von welchen die eine das Gehirn und das 
Nervensystem, die andere die Seele voi-stellt. Wenn nun die erste 
angeschlagen wird, so klingt die letztere mit; wie sie aber mit- 
klingt, das hängt zwar zum Theil, aber keineswegs ganz von der 
Beschaffenheit der ersten Saite und ihres Anschlages ab, sondern 
zum grossen Theil von der Stärke und der Stimmung der anderen. 
Daher kann bei Gleichheit der physischen Nervenstörung doch die 
Art, wie das mitleidende Seelenleben sich gestaltet , immer noch 
verschieden sein. Eine gewisse Nervenverstimmung mit ihrer Ein- 
wirkung auf die Seele ist gegeben; was aber die Seele nun in der 
Weiterbildung daraus macht, das hängt zum grossen Theil ab von 
ihrer natürlichen Begabung, ihrem Temperament, der Stärke und 
Richtung ihrer Phantasie, dem Inhalt ihres Gedächtnisses, ihren 
Gewohnheiten und Neigungen, ihrer Gesinnung und Gemüthsart, 
ihrem Charakter; ja theilweise kommt selbst noch Willkühr und 
Absicht ins Spiel, so dass aus dem Zusammenwirken so verschiede- 
ner Elemente nothwendig eine unendliche Mannichfaltigkeit der 
einzelnen Fälle hervorgehen muss. Die Lebhaftigkeit, mit welcher 
die Seele hierbei reagirt, und wobei oft auch ihre höheren Thätig- 
keiten zur Befestigung des Wahnes verwendet werden, drängt sich 
oft in so auffallenden Erzeugnissen hervor, dass man dadurch sogar 
zuweilen verleitet werden kann, in diesen secundären psychischen 



für die Psychiatrie. 21 

Abirrungen, in dem zufälligen Inhalt des Wahnes, die Hauptsache 
zu sehen. Religiöse Grübeleien und Einbildungen erscheinen dann 
leicht fälschlich als der Excess einer theosophischen Richtung oder 
Schmähsucht und Zerstörungslust als der Durchbruch eines ursprüng- 
lich schadenfrohen Characters, wobei es im Endergebuiss ziemlich 
gleich ist, ob man den Zustand moralistisch als sündhaft, oder 
materialistisch schlechtweg als Hirnorgan - Läsion erklärt; das Eine 
ist in seiner Abstraction so oberflächlich und falsch als das Andere. 
Will man nicht Gefahr laufen, auf diese Weise unwesentlichen Er- 
scheinungen, die sich in den Vordergrund drängen, nachzugehen, 
so muss man sorgfältig Alles abscheiden, was in Folge der physi- 
schen und psychischen Organisation durch eine Kette von Gliedern 
hindurch erst eine secundäre und tertiäre Wirkung ist, man muss 
auf den Kern der Sache eingehen, und dieser besteht in einer 
Störung des sinnlichen Seelenlebens, des Seelenlebens jener Sphäre, 
welche zunächst mit dem physischen Nervenleben zusammenhängt. 
Erst wenn wir uns in diesen Mittelpunkt gestellt haben, erhält 
unser Erfahrungswissen über die Ursachen und Erscheinungen der 
psychischen Krankheiten seine rechte Stellung und Bedeutung. In 
der Lehre vom Temperament, in der psychischen Symbolik des 
organischen Baues, in den Thatsachen, welche uns den Uebergang 
von Geistes- und Gemüthseigenthümlichkeiten von den Erzeugern 
auf die Nachkommen beweisen, und in dem, was wir von der Wir- 
kung der Leidenschaften und Gemüthsbewegungen auf den Organis- 
mus und von dem Einfluss, den dieser auf jene ausübt, wissen, 
liegen die wesentlichsten Elemente für die Kenntniss der Ursachen 
der psychischen Krankheiten. Die Vorgänge bei der Bildung der 
Wahrnehmungen und Vorstellungen, die Gesetze der Association 
der Vorstellungen, ihres Auftauchens und Verschwindens und die 
innere Verwandtschaft der Phantasie mit der organischen Plastik 
werden uns den Wahnsinn und die Geistesschwäche erklären helfen, 
und das Studium des Schlafes und Traumes uns werthvolle Ana- 
logieen für das Verständniss des Deliriums und des krankhaften 
Irrthums überhaupt geben. Die Entstehung und Verkettung der 
Gefühle, Strebungen und Triebe, die Förderung und Hemmung, ja 
der Zwang, welchen sie durch körperliche Zustände erfahren, der 
Antagonismus und die Sympathie, in welchen überhaupt körperliche 
und psychische Vorgänge zu einander stehen, die Frage, in wie 



22 Der Werth der Psychologie 

weit das Gesetz der Erhaltung und Metamorphose der Kraft auch 
von der Wechselwirkung zwischen Seele und Leib gilt, alles das 
muss bei der Beurtheilung der psychischen Krankheiten möglichst 
genau erkannt und wohl erwogen sein. Die Erfüllung dieser For- 
derungen im Einzelnen ist Gegenstand der Wissenschaft selbst, und 
von diesem Standpunct aus soll es meine Aufgabe sein sie zu lehren, 
wie es schon längst mein Bestreben war, sie von ihm aus zu er- 
forschen. 

Ich kann aber diesen Vortrag über die Beziehungen der Psy- 
chologie zur Psychiatrie nicht schliessen, ohne noch einen Blick auf 
das umgekehrte Verhältniss zu werfen, nämlich auf den Gewinn, 
den die Psychologie von der Psychiatrie zieht. Sie wissen, meine 
Herren, dass die Physiologie nicht den kleinsten Theil ihres Stoffes 
und ihrer Aufgaben aus der Pathologie bezieht, ja dass vielleicht 
diese von jeher die vornehmste Triebfeder für die Forschungen in 
jener war. Was aber vom Ganzen gilt, gilt auch von den Theileti 
und so haben auch wohl die bald Furcht bald Mitleid bald Ver- 
wunderung erregenden Eindrücke , die man durch das Gebahren der 
Delirirenden , Nachtwandler und Geisteskranken erhielt, vielfachen 
Anstoss zu den Untersuchungen über Seelen- und Leibesleben in 
ihrem gegenseitigen Zusammenhang gegeben. Eben durch dieses 
Ueberraschende der Erscheinungen drängen uns die Seelenstöruugen 
ganz vorzüglich zum Nachdenken und Forschen. Zwar ist dem 
menschlichen Geiste die Wissbegierde und das Streben, die Gründe 
der Erscheinungen zu erkennen, schon von Natur eingeboren, aber 
die Gewohnheit des täglichen Lebenslaufes stumpft uns oft gerade 
gegen das Wichtigste und Räthselhafteste in einer Weise ab, dass 
es uns vorkommt, als ob sich das von selbst so verstünde, und der 
Wunder grösstes ist ja , wie schon Lessing sagte , diess , dass uns 
das tägliche Wunderbare nicht mehr wunderbar erscheint. Da 
liefern nun die Seelenstörungen ein wohlthätiges Ferment, indem 
sie uns täglich neue Probleme aufgeben und das durch Bequemlich- 
keit oder Systemsucht so leicht in Stocken gerathende Getriebe 
unserer Ideen immer von Neuem in Bewegung setzen. Eine Wissen- 
schaft wie die Psychiatrie ist ganz dazu angethan uns keine er- 
träumte Sicherheit zu erlauben; denn sind wir nur einigermaassen 
aufrichtig, so müssen wir in ihr täglich unseres Nichtwissens gewahr 
werden und bekennen, dass es im Seelenleben noch Vorgänge und 



für die Psychiatrie. 



23 



Gesetze gibt, welche nicht in unsere Begriffe von Reiz, Reflex, Vor- 
stellungsmeehanismus , Spannung u. dergl. gehen , von denen wir 
aber noch keine Ahnung haben. 

Doch die Psychiatrie gibt uns nicht blos schwerere Aufgaben, 
sie hilft sie auch lösen. Von den 'zwei Hauptquellen der Psycho- 
logie nämlich, der Selbstbeobachtung und der Beobachtung Anderer, 
wird die letztere oft getrübt , ja zum Theil gesperrt durch die 
Selbstbeherrschung der Menschen, in Folge deren ihre Mimik und 
Sprache das Gegentheil von dem ausdrückt, was ihr Inneres bewegt. 
In der Geisteskrankheit dagegen fällt in der Regel mit der Beson- 
nenheit die Verstellung weg, die Decke, welche sonst das geheime 
Räderwerk der menschlichen Gedanken verhüllt, ist weggezogen, 
und es ist uns ein Einblick in das Spiel derselben gestattet. Wie 
lehrreich dadurch die Geisteskrankheiten für die Psychologie wer- 
den können, liegt am Tage. Doch muss ich auch gleich hinzusetzen, 
dass damit auch eine gefährliche Quelle des Irrthums eröffnet ist. 
Wie nämlich von einem analogen Zustande, dem Rausch, schon 
längst das: in vino veritas, als Wahrheit erprobt wurde, so machen 
wir auch in der psychischen Krankheit oft die Erfahrung, dass in 
derselben nur ausgesprochen wird, was schon längst im Innern 
genährt und gepflegt wurde. Aber so wahr diess in vielen 
Fällen ist, so falsch und gefährlich kann die Verallgemeinerung 
einer solchen Erfahrung werden. Denn die Krankheit spricht 
keineswegs blos aus, wie der Wein, sondern sie erfindet auch, 
und zwar mit solcher Lebhaftigkeit, dass der Kranke ihre 
Erfindungen selbst nicht mehr von der Wirklichkeit unterscheiden 
kann. Wie irrig unser Urtheil ausfallen würde, wenn wir darauf 
hin einen Schluss auf den sittlichen Gehalt des Patienten machen 
wollten, wird Ihnen schon aus dem einzigen Beispiel klar werden, 
dass Melancholiker sich häufig dieser oder jener, ja aller Todsünden 
anklagen und zwar nicht etwa nur im Allgemeinen, sondern dass 
sie uns Handlungen erzählen , von welchen wir selbst zur Evidenz 
beweisen können, dass dieselben niemals stattgefunden haben. 
Müssen uns aber solche Erfahrungen in Hinsicht auf die Verwer- 
thung der Psychiatrie für die Psychologie etwas vorsichtig machen, 
so sind sie doch eben auch zugleich ein doppelter Reiz für die 
Forschung und lehren uns das Seelenleben von neuen Seiten kennen. 
Wir erfahren, was aus unserem ganzen geistigen Besitzthum werden 



24 



Der Werth der Psychologie 



kann, wenn die gewöhnlichen Bedingungen unserer psychischen Be- 
wegung sich in ungewöhnliche und ungünstige verwandelt haben, 
und lernen uns hüten, aus der Aehnlichkeit oder Gleichheit psychi- 
scher Producte auf die Gleichheit der Factoren zu schliessen, aus 
welchen sie entstanden sind. Wir lernen besser begreifen, was 
Irrthum ist und unparteiischer die Momente in Anschlag bringen, 
durch welche der Character gebildet wird. 

Dass in dieser Richtung die Psychiatrie auch der Philosophie 
überhaupt und der Theologie manche Ausbeute gewähren könne, 
liegt zu sehr in der Natur der Sache, als dass ich dabei zu ver- 
weilen brauchte , und allgemein anerkannt ist ohnediess schon der 
theoretische und praktische Werth der ärztlichen Seelenkunde für 
die Jurisprudenz, so dass sich ja bereits mehr und mehr eine eigene 
Disciplin, die gerichtliche Psychologie, von der gerichtlichen Medicin 
abzweigt und für sich gestaltet. 

So gibt es denn, meine Herren, keine Facultät, zu der die 
Psychiatrie nicht nach irgend einer Seite hin in innigen Beziehungen 
stände, sei es dass sie Förderung von derselben empfängt oder ihr 
entgegenbringt. Und wenn diese gegenseitige Belebung und Durch- 
dringung der verschiedenen Wissenschaften das wesentlichste Ele- 
ment unserer deutschen Hochschulen und der erste Beweggrund ist, 
der, wie wir hoffen wollen, für immer ihre Auflösung in Special- 
schulen verhindern wird, so darf sich die Psychiatrie wohl auch in 
dieser Beziehung als ebenbürtiges Glied in der üniversitas litterarum 
betrachten. Möchte es mir gelingen, sie darin würdig zu vertreten ! 



für die Psychiatrie. 



25 



Anmerkungen und Zusätze. 

1) Man lese hierüber die werthvollen »Beobachtungen über den 
Puls bei Geisteskranken« von Wolff in der allgemeinen Zeitschrift 
für Psychiatrie Bd. XXIV. XXV. XXVI. Wenn sich die Resultate, 
welche Wolff gewonnen hat, bestätigen, so hat die Diagnostik der 
psychischen Krankheit oder vielmehr der ihnen zu Grunde liegenden 
neuropathischen Zustände einen grossen Fortschritt gemacht. Obgleich 
ich der Psychologie ihr Recht in der Psychiatrie zu wahren suche, so 
bin ich doch weit entfernt, ihre Tragweite zu überschätzen und die 
mannichfachen Lücken zu verkennen, welche sie in der Erkenntniss 
der bezüglichen nervösen Processe nothgedrungen lassen muss. Nimmt 
man hinzu, dass die nächste Ursache der psychischen Krankheit noch 
im Keim vorhanden sein kann, auch ohne dass eine Geisteskrankheit 
besteht , so muss ein Mittel in hohem Grade willkommen sein , welches 
eine gewisse Beschaffenheit des Nervensystems, wenigstens einer Ab- 
theilung desselben, in seinen Wirkungen auf die Gefässbewegung unserem 
Auge durch sichtbare Zeichnungen und Zahlen zugänglich macht. Frei- 
lich erhebt sich noch die Frage, ob die Beschaffenheit des Pulses, auch 
bei dem hier als pathognomisch betrachteten pulsus tardus in der That 
blos vom Nerveninfluxus herrührt, und ob nicht auch die natürliche 
und krankhafte Beschaffenheit der Musculatur, der allgemeine Kräfte- 
zustand, die Quantität der Blutmasse und noch manche andere Zustände 
Einfluss darauf haben. Auch die Annahme, dass die organische Basis 
der Seelenstörungen lediglich in Functionsanomalieen des vasomotori- 
schen Nervensystems bestehe, dürfte wohl kaum auf allgemeine Bei- 
stimmung rechnen. 

2) So von Erhard in seinen Abhandlungen »ein Versuch über 
die Narrheit und ihre ersten Anfänge« in Michael Wagner' s Beiträgen 
zur philosophischen Anthropologie, I. Band, Wien 1794, S. 100 ff., und 
»über Melancholie«, ebendas. IL Bd., 1796, S. 1 ff. Er unterscheidet 
vorbereitende und gelegentliche Ursachen. »Die vorbereitenden scheinen 
dem Körper eine solche Disposition gegeben zu haben, aus welcher die 
Krankheit entstehen rnusste; diese Disposition heisst dann die nächste 
Ursache; diejenige Beschaffenheit des Körpers endlich, welche den näch- 
sten Grund der Zufälle enthält, aus welcher die Krankheit besteht, 



26 Der Werth der Psychologie 

heisst die unmittelbare Ursache.« Aber diese unmittelbare Ursache 
nun will Erhard ganz übergehen, weil er nichts von ihr zu sagen wisse, 
da alles bisher darüber Vorgebrachte unbefriedigend und hypothetisch 
sei. Er will sich an die Symptome halten und macht daher seine Ein- 
teilung der »Verrückungen« nach den Seelenvermögen , je nachdem die 
Abweichung in den Wahrnehmungen, in den Trieben und den Hand- 
lungen stattfindet. Aber ehe er sich's versieht, wird aus den Definitio- 
nen der Ordnungen und Arten, eine pathogenetische, rein psychologische 
Erklärung, nicht auf dem Wege der Analyse, der Induction, sondern 
ganz einseitig blos auf dem der Deduction. Definitionen werden gegeben 
und dann aus ihnen Alles, Kennzeichen, Benehmen u. s. f. abgeleitet. 
Ein paar magere ganz unvollständige Fälle dienen mehr zur blossen 
Illustration ; man sieht überall das Künstliche, Gemachte und den Mangel 
der Erfahrung. Naiv, aber ganz das Vertrauen des Zeitalters auf die 
Macht des philosophischen Construirens ausdrückend, ist besonders eine 
Stelle, in welcher Erhard bei der Schilderung der Zeichen der Narrheit 
erklärt , es sei dazu auch nöthig , das Benehmen eines Melancholischen 
(Melancholie ist bei ihm immer gleichbedeutend mit Wahnsinn), eines 
Narren und eines Rasenden zu vergleichen, und sodann fortfährt: »Da 
es zu diesem Vorhaben gleich gilt, ob die Fälle erdichtet oder wirklich 
sind, welche ich zu dieser Vergleichung wähle, so wähle ich einen sehr 
bekannten Charakter, den Don Quixote dazu«, und nun weist er nach» 
wie dieser zuerst melancholisch gewesen und dann ein Narr geworden 
sei. Da die pathologische Psychologie, die doch nur ein äffender Schein 
der gesunden ist, hier ganz und gar auf diese gegründet und der orga- 
nische Zwang, das Erwachsen abnormer Gefühle und Vorstellungen aus 
der Wurzel der Sinnlichkeit viel zu sehr ausser Acht gelassen wurde, 
so kann es nicht fehlen, dass die Erklärungen vielfach schief und 
gemacht erscheinen und der Erfahrung widersprechen. Die Neigung zu 
vielgliederigen Classificationen auf Grund abstracter Begriffe findet sich 
übrigens in mehreren medicinischen Systemen des vorigen Jahrhunderts. 

3) Heinroth, Lehrbuch der Störungen des Seelenlebens, 2 Bde. 
Leipzig 1818. — Dann in noch mehreren anderen Schriften, so in 
den Beilagen zur Uebersetzung von G e o r g e t's Werk de la folie, Leip- 
zig 1821; in der Anweisung für angehende Irrenärzte, Leipzig 1825 u.A. 

4) Ideler vermied die Fehler Heinroths und Hess auch dem 
somatischen Factor mehr Recht widerfahren, als Viele glauben, die 
seine Ansichten nur vom Hörensagen kennen (denn es ist nicht Jeder- 
manns Sache, seine sehr breit angelegten und weitläufig geschriebenen 
Bücher durchzulesen). Er thut tiefe Blicke in das normale und abnorme 
Seelenleben und deckt mit kritischer Schärfe die Schwächen der rein 
somatischen Theorie auf. Es gehört zu seinen Hauptverdiensten, das 



für die Psychiatrie. 



27 



Mitwirken der Seele bei ihren krankhaften Zuständen im Wahnsinn 
gebührend hervorgehoben zu haben. Aber er überschätzte den Antheil 
dieser Mitwirkung an der Erzeugung der psychischen Krankheit; 
von der Gewissheit durchdrungen, dass in den gewöhnlichen Körper- 
krankheiten die volle Ursache der Geisteskrankheit nicht zu finden 
sein könne, that er im Suchen nach dem entscheidenden Moment, das 
den Zustand erst zur psychischen Krankheit mache, einen Schritt zu 
weit vor und setzte die nächste Ursache, statt in das dynamische Wir- 
ken gewisser Theile des Nervensystems, in die Seele selbst. Theils 
humane Denkungsart, theils die Consequenzen, zu welchen die Hein- 
roth'sche Theorie führte, mussten ihn abhalten, das Wesen der psychi- 
schen Krankheit in der freiwillig eingegangenen Unfreiheit zu sehen; 
was blieb ihm Anderes übrig, als Dasjenige, was ausserdem noch in 
der Seele als vorzugsweise abnorm und der Krankheit am nächsten 
stehend gelten kann, die Leidenschaft? Er betrachtet die psychischen 
Krankheiten als Producte höchst gesteigerter Leidenschaft ; es ist ihm 
aber nicht gelungen, den Unterschied zwischen dieser und dem Wahn- 
sinn gehörig zu bestimmen; denn die äussere Besonnenheit (resp. deren 
Verlust), welche das Kriterium hauptsächlich abgeben soll, geht auch 
in der höchsten Leidenschaft verloren, die noch kein Wahnsinn ist, wo- 
gegen viele Wahnsinnige sie noch haben und bei solchen eine so starke 
Leidenschaft, wie sie erfordert wird, um die Besonnenheit zu rauben, 
nicht nachzuweisen ist. Die wichtigen Wirkungen somatischer Krank- 
heitszustände sind ihm nicht entgangen; er erkennt sie auch an in 
seiner zweiten Hauptclasse von Seelenstörungen, den sympathischen, 
während die blos durch die Leidenschaften erzeugten die idiopathischen 
seien. Allein auch die sympathischen sollten nur dadurch und dann 
entstehen, wenn die betreffenden somatischen Störungen auf eine leiden- 
schaftlich bewegte oder besonders leicht in Leidenschaft zu versetzende 
Seele träfen — eine Aufstellung , die ohne Zweifel für manche Fälle 
zutrifft, aber weit entfernt ist, zum allgemeinen Satz erhoben werden 
zu dürfen. Eine Folge des Grundirrthums seiner Theorie zeigt sich 
unter Anderem auch darin, dass Ideler die religiöse Schwärmerei und 
dergl. als Wahnsinn bezeichnete und mit diesem identificirte. Sein 
Hauptwerk ist : Grundriss der Seelenheilkunde, Erster Theil. Berlin 1835. 
809 S. Zweiter Theil. 1838. 975 S. — Ausserdem legte er seine An- 
sichten noch in mehreren Büchern dar, so : in seinen »Biographieen Geistes- 
kranker« , dann in einem Werke: der Wahnsinn in seiner psycholo- 
gischen und socialen Bedeutung, Bremen 1848; Versuch einer Theorie 
des religiösen Wahnsinns. Zwei Theile, Halle 1848 und 1850; und 
mehreren anderen grösseren und kleineren Schriften. — Versuche, den 
Wahnsinn aus den Leidenschaften abzuleiten, waren übrigens schon 
früher gemacht worden, so von Zuckert (von den Leidenschaften, 



28 



Der Werth der Psychologie 



3. Aufl. Berlin 1774, §. 55) und dem Engländer Harper (a treatise on 
the real cause and eure of insanity. Lond. 1789, übers, von Cons- 
brüch, Marb. 1792). S. Friedreich, Literärgeschichte der Pathologie 
und Therapie der psychischen Krankheiten, Würzb. 1830. S. 500. 

Versuche, die Seelenkrankheiten psychologisch zu erklären, machten 
auch zwei Philosophen, Hoffbauer (zugleich Rechtsgelehrter), welcher 
1802—1807 Untersuchungen über die Krankheiten der Seele herausgab, 
und Beneke (Beiträge zu einer rein seelenwissenschaftlichen Bearbei- 
tung der Seelenkrankheitskunde , als Vorarbeiten für eine künftige 
strengwissenschaftliche Naturlehre derselben. Leipzig 1824). 

Unter Nichtärzten sind derartige Anschauungen und darauf ge- 
gründete Einwirkungs- und Behandlungsversuche noch vielfach verbreitet. 

5) Gr oos, Entwurf einer philosophischen Grundlage für die 
Lehre von den Geisteskrankheiten, Heidelberg 1828, und in einer Reihe 
von anderen Schriften und Journalaufsätzen. 

6) Leupoldt, Lehrbuch der Psychiatrie, Leipzig 1837. — D a- 
merow, Elemente der Zukunft der Medicin, Berlin 1829. Sefeloge, 
eine Wahnsinnsstudie, Halle 1853, S. 154 ff. — Ausserdem sprach ei- 
serne theoretische Grundanschauung in einer Reihe von Aufsätzen aus, 
wovon ich nur anführe: Zeitschr. für Psychiatrie, III. Bd. S. 31 und die 
Abhandlung: über die Grundlage der Mimik und Physiognomik als 
freier Beitrag zur Anthropologie und Psychiatrie, ebendas. Bd. XVII. 
S. 385 ff. — Jessen, Versuch einer wissenschaftlichen Begründung der 
Psychologie, Berlin 1855. 

7) Der neueste Repräsentant dieser Richtung ist Henry Mauds- 
ley, vormals Vorstand der Irrenanstalt zu Manchester, jetzt Arzt am 
West London Hospital und Professor der Psychiatrie an der medici- 
nischen Schule des St. Mary Hospitals. Nachdem derselbe sich schon 
durch mehrere Abhandlungen vortheilhaft bekannt gemacht hatte, gab 
er im Jahr 1867 eine Physiology and Pathology of Mind heraus, welche 
sowohl in England als auf dem Continent eine so günstige Aufnahme 
fand, dass bereits im Jahr 1868 eine zweite Auflage nöthig wurde. Da 
Maudsley's Meinung von dem Werth und der Bedeutung der Psychologie 
für die Psychiatrie eine sehr geringschätzige ist, so bin ich eben wegen 
der weiten Verbreitung seines Werkes und des Einflusses, den es da- 
durch ausüben kann , um so mehr verpflichtet , mich mit ihm ausein- 
ander zu setzen. 

Die Fülle des Materials , die Feinheit der Beobachtung und die 
gewandte und zuweilen geistvolle Art der Darstellung lassen den Beifall 
welchen das Buch fand, im Allgemeinen als berechtigt erscheinen, und 
es war vollkommen am Platze, dass eine Uebertragung derselben in's 
Deutsche erschien (durch Dr. Böhm, Würzb. 1870). Indessen sind die 



für die Psychiatrie. 



29 



Theile desselben sich an innerem Werth nicht gleich; und wenn die 
genannten Vorzüge besonders dem zweiten, dem pathologischen Theil, 
zukommen, so werden sie durch die Irrthümer des ersten, die auch auf 
die im zweiten enthaltenen Ansichten in manchen Punkten nachtheilig 
einwirken, sehr beeinträchtigt. Der wesentlichste dieser Irrthümer 
besteht in der Verachtung der Psychologie und ihrer förmlichen Aus- 
weisung aus dem Gebiete der psychischen Krankheitslehre. Maudsley 
glaubt dieser damit einen grossen Dienst zu erweisen, und ist ohne 
Zweifel der Meinung, nach dieser Ausfegung, nach der Ausreissung 
dieses Unkrauts werde das Beet der Psychiatrie erst die schöneren Blu- 
men und die saftigsten Früchte tragen. 

Dabei begegnet ihm nun aber von vornherein ein sonderbarer 
Unstern. Als Freund der deutschen Literatur (mit welcher er, auch 
das müssen wir rühmend hervorheben, eine nicht gewöhnliche Bekannt- 
schaft zeigt) stellt er an die Spitze seines Buches ein Motto aus Göthe, 
aber — unglücklicher Weise das aus dem Faust: »Ich sage dir, ein 
Kerl der speculirt« u. s. f. Hat Herr Maudsley nicht bedacht, dass es 
der Teufel ist, der also spricht, der Geist, der stets verneint, der es 
für besser hält, wenn nichts entstünde, und der kurz nach dem Aus- 
sprechen der citirten Sentenz dem Faust nachruft: Verachte nur Ver- 
nunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft so hab' 

ich dich schon unbedingt ! 

Es ist mir in der That nicht bekannt, wie es mit der psycholo- 
gischen Wissenschaft im Ganzen in England zur Zeit des ersten Auf- 
tretens Maudsley's stand ; vielleicht hatte er wirklich Grund, dem Ueber- 
wuchern und den Prätentionen einer rationalen Psychologie, welche 
ihre Sätze aus metaphysischen Voraussetzungen schöpft, entgegenzu- 
treten. Wir in Deutschland sind über die Zeit, wo jeder junge Arbeiter 
sich dem Publicum durch einige Seitenhiebe und Ausfälle auf die „meta- 
physischen Speculationen" empfehlen zu müssen glaubte, schon seit ein 
paar Jahrzehenden hinaus. Wir haben schon eine Reihe ganz erkleck- 
licher Arbeiten auf dem Gebiete der empirischen Psychologie und der 
Psycho -Physiologie und wissen recht gut, dass diese und Metaphysik 
zweierlei sind. Wir wissen aber auch, dass ohne eine tüchtige philo- 
sophische Grundlage die bei der Eingangsthür unter ihrer eigenen 
Firma zurückgewiesene Metaphysik zu einer Menge von Seitenpforten 
wie durch eine poröse Wand unvermerkt und unerkannt hereinzieht 
und dass dann Irrthum und Selbsttäuschung erst recht arg wird. 

Maudsley gesteht zwar zu, dass es bisher ausser der transcenden- 
talen auch schon eine empirische Psychologie gegeben habe , thut aber 
immer, als ob diese bisher lediglich in directer Befragung des Bewusst- 
seins bestanden habe. Wie Maudsley behaupten kann, die bisherige 
Psychologie habe keine anderen Quellen gehabt, als die Selbstbeobach- 



30 



Der Werth der Psychologie 



tung, so zwar, dass er sie öfters schlechtweg als introspective Psycho- 
logie bezeichnet, ist unbegreiflich. Die Schwierigkeiten, welche mit der 
Selbstbeobachtung verbunden sind und die Irrthümer, zu welchen sie 
ohne Vorsicht führen kann, sind uns Allen längst bekannt; man darf 
nur in die Handbücher einen Blick werfen, so findet man sie überall 
aufgezählt, eben so aber auch die sonstigen sorgsam zu benutzenden 
Quellen für die Psychologie. Es ist nöthig, diess besonders hervorzu- 
heben , weil bei so Manchem , der , von der Journal - Literatur erdrückt, 
keine Zeit mehr findet, wissenschaftliche Bücher, die älter als ein paar 
Jahre sind, zu lesen, durch die Autorität Maudsley's die Meinung ent- 
stehen könnte, die Sache sei wirklich so; wir seien bisher ganz elend 
auf dem Holzweg gewesen , und erst mit Maudsley gehe eine neue Aera 
an. Die bisherige Psychologie hat bei uns mit nichten lediglich 
die Selbstbeobachtung als Quelle angenommen und Maudsley selbst 
verräth in gelegentlichen Bemerkungen, dass er von unserer Psycho- 
Physiologie Kenntniss hat; gleichwohl erscheint nach dem Gesammtein- 
druck, den seine Aeusserungen über diesen Gegenstand machen, ein Psy- 
cholog als Einer, der den ganzen Tag auf seinem Sessel sitzt und 
seinen Nabel anschaut. 

Ueberdiess ist Maudsley auch im Irrthum, wenn er die introspec- 
tive Psychologie im Gegensatz zu anderen Erforschungsmitteln und 
Erfahrungsquellen so gar gering schätzt. Es ist zwar richtig, dass die 
Selbstbeobachtung immer nur eine gelegentliche, ein Erhaschen des 
Momentes sein kann, und dass, wenn man seine Aufmerksamkeit län- 
ger auf einen inneren Vorgang richtet, dieser inzwischen ein anderer 
geworden ist *). Wer empfiehlt denn aber etwas so Verkehrtes ? Mauds- 
ley ficht gegen Windmühlen. Die Wahnideen Geisteskranker selbst 
sollen ein Beweis sein, wie wenig man dem Zeugniss des individuellen 
Selbstbewusstseins trauen dürfe. Wunderbar ! Weil Irre sich täuschen, 
müssen wir Gesunde uns auch täuschen. Und welches Mittel habe ich 



*) p. 10. To direct conscioussness inwardly to the Observation 
of a particular state of mind is to isolate that activity for the time 
to cutt it off from its relations, and, therefore, to render it unnatural. 
In order to observe its own action, it is necessary that the mind pause 
from activity; and yet it is the train of activity that is to be obser- 
ved. As long as you cannot effect the pause necessary for self-contem- 
plation, there can be no Observation of the current of activity; if the 
pause is effected, then there can be nothing to observe. Also alle 
Beobachtungen und Erfahrungen unserer grossen Dichter und Weltwei- 
sen über die Vorgänge in ihrem Innern wären hienach trügerisch und 
nichtig. 



für die Psychiatrie. 



31 



denn, mir die Entstehung der Wahnideen eines Irren zu erklären, als 
wenn ich mich möglichst in ihn hineindenke und in dieser Situation 
mich selbst beobachte? Zudem haben wir durch die Selbstschilderun- 
gen von Geisteskranken, zum Theil noch während ihrer Geistesstörung 
oder nachher schon die werthvollsten Aufschlüsse erhalten. 

Ein gut Theil der von Maudsley gerühmten sonstigen Erforschungs- 
mittel und Erfahrungsquellen werden zu solchen überhaupt erst durch 
die Selbstbeobachtung oder mittelst dieser erst nutzbar. Wir können 
die Zustände des Thieres und des Kindes nur beurtheilen , wenn und in 
so fern wir uns in diese hineindenken. Ohne dieses, also ohne Selbst- 
beobachtung, ist alle sonstige Beobachtung todt und stumm und 
lehrt höchstens physische Bewegungen, Schreien u. s. f. kennen, ohne 
irgend eine Spur von den bewegenden inneren Ursachen. 

Maudsley wirft (p. 11, S. 10 der Uebersetzung) dem Selbstbewusst- 
sein vor, dass sein Licht nur für die Zustände des Bewusstseins, nicht 
für die der Seele ausreiche. Nun bin ich zwar vollkommen mit dem 
einverstanden, was er p. 14—22 über die Wichtigkeit des unbewuss- 
ten Seelenlebens sagt; wenn er aber daraus die Folgerung ableitet, 
das Selbstbewusstsein sei nicht im Stande, die Thatsachen für eine 
wahre Seelenwissenschaft zu liefern, so ist das kaum zu begreifen. 
Allein reicht es freilich nicht hin; aber die mental science ist auch 
nicht möglich ohne dasselbe. Auf unbewusste Vorgänge im Seelenleben 
können wir allerdings in vielen Fällen nur schliessen; dass es aber über- 
haupt solche gibt, davon hätten wir ja ohne Selbstbeobachtung gar 
keinen Begriff, denn von einem guten Theil derselben wissen wir ja 
doch nur dadurch, dass sie uns hinterher bewusst werden; bei anderen 
erschliessen wir es dann aus der Analogie. »Das Bewusstsein, sagt 
Maudsley p. 13, gibt keine Rechenschaft von den wesentlichen materiel- 
len Bedingungen, welche jeder Seelenäusserung zu Grunde liegen und 
deren Charakter bestimmen; lasst die Function der optischen Ganglien 
eines Individuums durch Krankheit oder sonst wie vernichtet werden, 
und er wird sich nicht bewusst werden, dass er blind ist, bis ihn die 
Erfahrung davon überzeugt.« Diess ist vollkommen richtig; nur muss 
man auch die Kehrseite betrachten. Lasst einen Blindgebornen an 
einem Gehirn die optischen Ganglien betasten und fragt ihn dann , ob 
er nun eine Vorstellung vom Sehen habe. Dass es ein Sehen gibt, 
weiss der Sehende eben nur durch sein Bewusstsein. Dass wir aber 
vermittelst der optischen Ganglien sehen, diess zu erkennen, dazu ge- 
hört eine Verbindung der inneren mit der äusseren Beobachtung. 

Maudsley hat sein Buch »Physiologie und Pathologie der Seele« ge- 
nannt. Man durfte erwarten, dass er in demselben auch sagte, was 
die Seele sei, und wenn man auch recht gerne eine Definition von 
dem Worte erlässt, so möchte man doch ungefähr wissen, was von 



32 



Der Werth der Psychologie 



dem Autor darunter verstanden und dazu gerechnet wird. Maudsl ey 
macht auch Ansätze dazu, er sagt im zweiten Kapitel: »Es ist von 
grosser Wichtigkeit, den Begriff der Seele genau zu präcisiren. Vor- 
erst kann die Seele, als Naturkraft betrachtet, nicht beobachtet, an- 
gefasst (handled) und behandelt (dealt with) werden wie ein palpables 
Object; gleich der Electricität oder der Schwere oder einer anderen Na- 
turkraft, ist sie nur auffassbar (appreciable) in den Veränderungen der 
Materie, welche die Bedingungen ihrer Aeusserung sind.« Unter diesen 
Stoffveränderungen dürften wir jedoch nicht die Umsatzproducte bei 
dem Stoffwechsel verstehen, welche bei jeder Gehirnthätigkeit statt fin- 
den müssen ; in sofern sei der Vergleich der Hirnthätigkeit mit der 
Gallensecretion falsch. »Was bezeichnen wir nun also im physiologi- 
schen Sinne mit Seele? Nicht die materiellen Producte der Hirnthätig- 
keit, sondern die wunderbare Energie which cannot be grosped and 
handled.« Nun, und diese ist — ? Jetzt wird es kommen. »Zweitens 
ist es (nach S. 39 der Uebersetzung) zur Vermeidung von Confusionen 
vor Allem nothwendig, die genaue Bedeutung des Wortes »Seele« uns 
klar zu machen , die ihr dem allgemeinen Sprachgebrauch nach zu- 
kommt. Es ist ein allgemeiner Begriff, der durch Beobachtung und 
Abstraktion von den mannichfaltigen, verschiedenen Seelenerscheinungen 
entstanden ist. Durch Beobachtung der einzelnen Erscheinungen und 
geeignete Abstraktion von ihnen, gelangen wir zur äussersten Verall- 
gemeinerung, zu einem Hauptbegriff, oder, wenn man so sagen darf, 
zu einer essentiellen Vorstellung von der Seele.« Folgt nun der Ver- 
gleich mit einer Dampfmaschine, deren Gesammtleistung abhängig sei 
von dem Mechanismus und dem Ineinandergreifen ihrer einzelnen Theile 
und nicht von diesen getrennt noch unabhängig von ihnen gedacht 
werden könne , obwohl sie als eine Vorstellung für sich in unserem 
Geiste bestehen könne. Wie wir nun durch Beobachtung ihres Mecha- 
nismus und gehörige Abstraktion zu einer essentiellen Vorstellung von 
der Dampfmaschine gelangen, einen fundamentalen Begriff von ihr be- 
kommen , so »gelangen wir durch Beobachtung und Abstraktion zu dem 
allgemeinen Begriff oder der essentiellen Vorstellung von Seele, einer 
Vorstellung, der nicht mehr äussere Wirklichkeit entspricht als irgend 
einer anderen abstracten Vorstellung oder einem allgemeinen Begriff. 
Kraft des mächtigen Bestrebens des menschlichen Geistes, die Wirk- 
lichkeit nach seinen Ideen zu gestalten, eine Tendenz, welche die Quelle 
So vieler Verwirrung in der Philosophie geworden ist, ist dieser allgemeine 
Begriff in eine Entität verwandelt worden, von der sich der Verstand 
knechten Hess. Eine metaphysische Abstraktion wurde zu einer spiri- 
tuellen Entität und dadurch der objektiven, positiven Forschuno- voll- 
ständig der Weg versperrt. Wie immer die reale Natur der Seele 
beschaffen sein mag — davon soll hier nicht die Rede sein — sie muss 



für die Psychiatrie. 



33 



in allen ihren Aeusserungen von dem Gehirn und dem Nervensystem 
abhängig sein. Die wissenschaftliche Forschung erschliesst uns täglich 
kl arer die Beziehungen zwischen ihr und ihrem Organ, wesshalb es vor 
Allem nothwendig ist , sich vor der gewöhnlichen metaphysischen Auf- 
fassung der Seele zu hüten und den wahren subjectiven Charakter der 
Vorstellungen und den Modus ihrer Entstehung und ihres Wachsthums 
kennen zu lernen.« 

Und hiemit ist alle Erklärung von der Seele zu Ende und wird 
nicht weiter davon gesprochen. Seelenerscheinungen sind Lebensäusser- 
ungen der Seele; die Seele aber ist die blosse Abstraction von diesen 
Seelenerscheinungen und in Wirklichkeit nichts. Der Verf. hätte eben 
so gut sagen können : so wie es keine Dampfmaschine für sich , abge- 
sehen von ihren Bestandteilen, gibt und wir den Begriff derselben nur 
durch Abstraction von diesen erhalten, so gibt es auch in Wirklichkeit 
keinen Organismus, ja nicht einmal einen Menschen; es ist Alles nur 
eitel Abstraction. Wirklich »essentiell« ist nur, was die Sinne ganz 
unmittelbar bezeugen. Mit welchem Recht diese, von denen Maudsley 
selbst zugibt, dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach sehr beschränkt 
sind, zu diesem Privilegium kommen, ist freilich nirgends gesagt. Es 
gibt aber nach alle Dem für den Verf. keine Seele und er hätte sich 
nicht weiter zu geniren gebraucht durch die Worte: »wie immer die 
reale Natur der Seele beschaffen sein mag« , obgleich er hie und da 
mit sich selbst im Widerspruch , vor der Ansicht warnt , dass ein ob- 
jectives Studium der Natur nur in der sinnlichen Betrachtung derselben 
bestehe. Seele ist Gehirn und Gehirn Seele; »an der Spitze des organi- 
schen Lebens steht das Nervensystem und dessen höchste Vollendung 
ist die Seele.« 

Da ich hier nicht ein philosophisches oder anthropologisches 
Werk zu besprechen habe, sondern ein psychiatrisches, so will ich nicht 
länger bei der Erörterung dieser anthropologischen Grundanschauungen 
verweilen; für uns ist, da wir es hier mit der Bedeutung der Psycho- 
logie für die Psychiatrie zu thun haben, wichtig zu erfahren, was wir 
denn , nachdem wir auf Maudsley's Anrathen die Psychologie verab- 
schiedet haben werden, als Ersatz dafür erhalten. 

S. 16: »Das Bewusstsein enthüllt uns nichts von dem Process, 
durch welchen eine Vorstellung eine andere hervorruft und hat keine 
Gewalt über die Art und Weise ihrer Reproduction.« Ei, woher kennen 
wir denn die Gesetze der Association? Sehen wir, welche Erkenntniss 
wir statt dieser »Erfindungen« der Psychologen bescheert bekommen. 
S. 17: »Wenn von zwei Perceptionen das Gleichartige festgehalten, 
das Ungleichartige aber vernachlässigt wird, so möchte es scheinen, 
dass dies auf einer assimilirenden Thätigkeit der Nerven- oder Gehirn- 
Hagen, Studien. 3 



34 



Der Werth der Psychologie 



zellen beruhe, welche durch den ersten Eindruck besonders modificirt, 
eine Anziehung oder Affinität für künftige gleichartige Eindrücke be- 
kämen. Die Zelle functionirt hiebei in der Weise, dass sie das, was 
ihr angemessen ist und was sie assimiliren oder was sie gleichartig mit 
sich selbst machen kann, aufnimmt, während sie zurückweist und den 
übrigen Zellen zur^Assimilation hinterlässt, was sie als ungleichartig 
nicht mit sich verbinden kann u. s. f." und S. 19 : „das Gehirn em- 
pfängt nicht nur unbewusst Eindrücke, es registrirt dieselben ohne die 
Mitwirkung des Bewusstseins, verarbeitet unbewusst dieses Material, 
ruft ohne das Bewusstsein die latenten Residuen wieder wach, es reagirt 
auch als ein mit organischem Leben begabtes Organ auf die inneren 
Stimuli, die es von anderen Organen des Körpers unbewusst erhält." 
Wie ist es möglich, hierin (denn spätere Capitel enthalten zwar Wie- 
derholungen dieser Anschauung, aber nichts wesentlich Neues) eine Er- 
klärung der Associationen zu sehen ? Mit der Hervorhebung der That- 
sache, dass das Gehirn auf diese Einfluss hat, ist es nicht gethan. 

S. 41 : „Der Hergang des Denkens involvirt Veränderungen oder 
Degeneration in den nervösen Elementen. Man kann in der That sagen, 
dass jede Ganglienzelle im Gehirn eine ständige Vorstellung repräsen- 
tirt, während die Vorstellung eine Kraftäusserung , eine Leistung der 
Ganglienzelle darstellt." Einen Nachweis des Zusammenhanges, in wel- 
chem hiemit die Gesetze stehen, nach welchen sich Vorstellungen mit 
einander verknüpfen und einander hervorrufen, so wie dass und warum 
Zellenthätigkeit eine bessere Einsicht in diesen Vorgang verschafft, als 
die uns bisher aus unserer Psychologie bekannten Associationsgesetze, 
sucht man bei Maudsley und den Genossen seiner Anschauungsweise 
vergeblich *) ; da sie aber von uns nicht verlangen können, dass wir 
uns bemühen, diese jErklärung nach ihren Postulaten nun selbst zu 
versuchen, so sind wir auch nicht verpflichtet, uns weiter damit zu be- 
fassen. Mit der Substitution des Wortes Hirnzellen an Stelle der Vor- 
stellung und der Zellengruppenanhäufung , welche man Gehirn nennt, 
an Stelle der Seele (schon gefallen sich Einzelne darin, recht modern 
statt: „die Seele" zu sagen: ,,die Hirnzelle") ist nur der Schein einer 



*) Denn das wird doch wohl keine Erklärung sein sollen, dass 
(S. 123) die beim Vorstellen unverbrauchte Kraft in den Corticallagen 
von Zelle zu Zelle wandert, dass ein „Reiz" von einer Zelle zur ande- 
ren mitgetheilt werde, dass vermöge dieser Communication eine Vor- 
stellung „durch irgend eine Association" die andere wachrufe, indem 
sie selbst bei diesem Vorgange ganz oder theilweise verschwinde u. s. f. 
und dass dabei auch (S. 127) die Reihenfolge unserer Erfahrungen in's 
Spiel komme. Und darum die donnernde Philippica gegen die Psycho- 
logie? Words! words! könnte man mit M. gegen ihn selbst ausrufen. 



für die Psychiatrie. 



35 



Erklärung und eines Fortschrittes gegeben, nicht dieser selbst. Man 
hat den Prädicaten ein anderes Subject untergeschoben, nnd geht seines 
Weges, ohne sich weiter darum zu bekümmern, wie diejenigen , welche 
sich die Sache nun zusammenreimen wollen, damit zurecht kommen mögen. 

S. 21 der Uebersetzung sagt M. : ,,Wir können daher zu dem, was 
oben über die unbewusste Seelenthätigkeit bemerkt wurde, noch hinzu- 
fügen, dass die gesammte psychische Thätigkeit auf dem organischen 
Leben des Gehirns beruht, das sich im gesunden Zustande dadurch 
charakterisirt , dass es ausserhalb des ßewusstseins abläuft. Ein 
Mensch, dessen Gehirn ihm zum Bewusstsein bringt, dass er ein Gehirn 
hat, ist nicht gesund, sondern krank, und ein Denken (thought), das 
sich seiner selbst bewusst ist, ist kein gesundes (natural and healthy) 
Denken." Was würden Kant und Hegel dazu sagen? Der Vf. hat sich 
durch diese Consequenz selbst, ohne dass er es merkte, am besten wi- 
derlegt. Die Schlussfolgerung an sich ist ganz correct : ein Gehirn, das 
sich uns während seiner Arbeit fühlbar macht, ist krank; da nun das 
Gehirn die Seele ist und Gehirnthätigkeit Gedanke, so ist das Bewusst- 
werden dieser Thätigkeit krankhaft. Die Sache ist aber gerade umge- 
kehrt; das Bewusstwerden seines Denkens, das was wir im Deutschen 
im eigentlichen Sinne Selbstbewusstsein nennen, hält bei uns kein Mensch 
für etwas Krankhaftes ; da es nun vorkommt, dass wir hie und da un- 
ser Gehirn in widriger Weise fühlen, so ist es ganz unmöglich, dass 
Denken und Gehirnthätigkeit eines und dasselbe sind. Das Gehirn ist 
ein Organ und hat als solches mit anderen Organen , die mit der Seele 
nichts direct zu thun haben, diess gemein, dass es uns im krankhaften 
Zustande fühlbar wird. 

Der Vf. wird sagen , er habe hier nur die unbewusste Seelenthätig- 
keit gemeint, wenn diese, also die Gehirnthätigkeit, uns bewusst werde, 
sei es krankhaft. Ich finde aber im ganzen Buche nicht, dass Maudsley 
die bewusste Seelenthätigkeit einem anderen Substrat zuschreibt als dem 
Gehirne und er wirft dem Selbstbewusstsein Leistungsunfähigkeit und 
Unnatürlichkeit für die bewussten Seelenvorgänge so gut vor, wie für 
die unbewussten, wie denn auf die eben angeführte Stelle unmittelbar 
die ganz allgemein gehaltenen Worte folgen: „Wie wenig competent 
ist also das Bewusstsein, uns die Thatsachen für eine induktive Wis- 
senschaft der Seele zu liefern" und eine Seite später: „Das sind die 
Vorwürfe, auf welche das ürtheil von der Incompetenz des Bewusstseins 
gegründet ist; sie zeigen, dass der, der sich unterfängt, die ganze Reihe 
der verschiedenen seelischen Vorgänge mit dem Lichte seines eigenen 
Bewusstseins beleuchten zu wollen, nicht unähnlich ist einem Menschen, 
der das Universum mit einem Talglicht beleuchten wollte." 

Nun, ich meine, dieser Vorwurf lässt sich mit viel grösserem Rechte 
umkehren und auf den anwenden, der das ganze reiche Seelenleben mit 

3 * 



36 



Der Werth der Psychologie 



der Vorstellung : „Zellen und Zellengruppen" wie mit einem Lichtstümpf- 
chen ausmessen und erleuchten will. Gerade mit der Vorstellungsweise, 
welche Maudsley anempfiehlt, muss man dem Fehler verfallen, welchen 
er (S. 61) der alten Psychologie vorwirft, dass sie das Unterscheiden 
vernachlässige oder unmöglich mache. Diese Zellen haben ja eine Menge 
von Functionen zugleich zu vollziehen und entledigen sich dieser Auf- 
gaben mit einer Vielseitigkeit der in ihnen schlummernden Kräfte, welche 
wirklich in der Natur nicht ihres Gleichen hat. So eine Zelle der 
obersten Centra (Hemisphären) hat vor Allem sich in ihrem Bestand zu 
erhalten, zu wachsen und den verbrauchten Stoff von sich abzustossen. 
Sie hat Reize zu empfangen, dieselben fortzupflanzeu und Reflexe zu 
vermitteln. Sie hat Gefühle zu erzeugen und zwar nicht blos sinnliche, 
Düsterkeit, Dumpfheit oder Gefühl der Leichtigkeit des Vorstellens, 
sondern auch Gemüthsbewegungen, Emotions, äthetische, religiöse Ge- 
fühle sammt den Willensbestrebungen, niederen und höheren; sie hat 
aber auch (denn M. thut dar, wie kein Grund sei , anzunehmen , Emo- 
tions und Ideas seien an verschiedenen Zellen und Zellengruppen ver- 
theilt) das Geschäft der Ideenbildung, Ideation ; sie idealisirt die sen- 
sorischen Perceptionen, das Wesentliche in ihnen ergreifend, das Un- 
wesentliche verwerfend. Wie die Zelle diess anfängt, an was sie das 
Wesentliche und Unwesentliche erkennt, ob jede Zelle nur eine Idee 
haben kann oder mehrere, oder ob mehrere Zellen für eine Idee da sind, 
wie die Zelle zu neuen Ideen kommt, da sie doch von den Eindrücken 
diejenigen abweisen muss, die nicht zu ihrem Bestand passen, wie sich 
die Idee eigentlich vom Gefühl unterscheidet, über alles das erfahren 
wir nichts. Weiteres sei gegenwärtig bei unseren stumpfen Instrumen- 
ten und bei der ausnehmenden Feinheit dieser Vorgänge nicht auszu- 
sagen; vielleicht dass wir künftig einmal in den Stand gesetzt werden, 
die Entstehung der Idea, der Emotion und Volition in der Zelle zu 
sehen — vielleicht aber auch nicht. Warum müssen wir denn nun 
aber gleichwohl jetzt schon die Seele abdanken und dafür an die psy- 
chische Allmächtigkeit der Zelle glauben? Weil — nun weil das eben 
in den allgemeinen Voraussetzungen und Heischesätzen liegt; wir müs- 
sen es — ich kann dem Nieht-Metaphysiker Maudsley nicht helfen — 
wir müssen es nach ihm annehmen a priori. 

Werden wir nun so schon im Gebiete der normalen Psychologie 
gerade da im Stiche gelassen, wo es uns am Meisten daran läge, Dun- 
kelheiten aufgeklärt zu sehen, so finden wir eben so viele unaufgelöste 
Fragen in der Pathologie. Jede Zellenthätigkeit ist die noth wendige 
Resultante ihres jeweiligen Kraftbestandes und einwirkender Reize. 
Wenn nun diese Resultante eine krankhafte Thätigkeit ist, so weiss die 
Zelle entweder davon oder sie weiss nichts davon. Wenn das erstere 
der Fall ist, warum hilft sie sich denn nicht, indem sie das Ungeeignete 
abweist und sich in ihrem richtigen Bestände erhält ? oder, im Fall 



für die Psychiatrie. 



37 



man sie eben wegen ihrer Krankheit entschuldigt, warum weiss sie 
denn wenigstens nicht während des ganzen Verlaufes der psychischen 
Krankheit davon, dass sie krank ist? Weiss die Zelle aber von vorne 
herein nichts von ihrem Kranksein, woher die oft langen Incubations- 
stadien, in welchen der schmerzliche und\ qualvolle Kampf mit den 
krankhaften Ideen und Anwandlungen gekämpft wird? Hilft man sich 
hier mit der Entgegnung, dass hier eben noch die gesund gebliebenen 
Zellengruppen die Abweichung in den krank gewordenen empfinden und 
dagegen reagiren, so fühlt man dabei selbst nur zu gut, dass man sich 
in das Reich des völlig Hypothetischen, Willkührlichen, Chimärischen 
flüchtet, da noch keines Sterblichen Auge diese gesunden und kranken 
Zellengruppen bei einem Melancholiker oder Verrückten von einander 
unterschieden hat, ganz abgesehen davon , dass überhaupt bei jedem 
nicht völlig verwirrten Geisteskranken eine grössere oder geringere An- 
zahl psychischer Functionen noch normal vor sich gehen, ohne dass 
doch damit zugleich ein Bewusstsein der Störung in den übrigen ge- 
geben ist. Warum kommt es bei „Reizungen" der Cells in dem einen 
Falle nur zu Gefühlen und in anderen zu Wahnideen , und worin be- 
steht eigentlich der Unterschied zwischen dem moralischen Irresein und 
der ideational insanity? Denn die psychologische Erklärung hievon, 
welcher M. schliesslich nicht ausweichen kann (S. 341—347 der Ueber- 
setzung) dass hier „Verkörperungen" von Stimmungen, ,, Niederschläge" 
in der Seele stattfinden, können wir gerade ihm nicht gelten lassen, 
sondern er muss uns, da er die Zelle als das A und das 0 aller und 
jeder psychischen Thätigkeit verkündigt, nachweisen, welche Modifi- 
cation der Zellenthätigkeit dem blossen Gefühl und welche Modifica- 
tion der Wahnidee zu Grunde liegt ; mit der psychologischen Erklärung 
lassen wir uns nun hier auf einmal, wie gesagt, gerade von ihm nicht 
abspeisen. Er hätte uns ferner zu sagen, warum es bei der Zellenrei- 
zung nicht blos zum Denkenmüssen eines gewissen Gedankens kommt, 
sondern dieser Gedanke gerade ein falscher, ein Wahngedanke ist? und 
was uns die Wahrheit hilft, dass (S. 160 und 161) das Denken frei 
macht, da es, wie eben daselbst nachgewiesen wird, keinen Willen gibt, 
sondern wir nur das Zusehen haben, wie eine Vorstellung die andere 
verdrängt oder festhält und Alles schliesslich auf Zellenvegetation hin- 
ausläuft ? 

Fragen wir endlich zum Schluss noch, mit welchen Mitteln Maudsley 
denn eigentlich nach Abdankung der verhassten Psychologie die Gei- 
steskrankheiten diagnosticirt wissen will, so ist sein Buch selbst seine 
beste Widerlegung. Eine Schilderung psychisch krankhafter Zustände 
ist ja gar nicht möglich ohne Psychologie; ist aber diese einmal nicht 
zu umgehen, so darf sie auch nicht an der Oberfläche bleiben, sondern 
es muss erlaubt sein, die Sache gründlich zu nehmen und in die Tiefe 
zu steigen. Wenn diess nicht gestattet, wenn jede psychologische Ana- 



38 Der Werth der Psychologie für die Psychiatrie. 



lyse der Erscheinungen und jeder Schluss daraus verworfen werden soll, 
nun dann wird eben schliesslich nichts übrig bleiben, als in jedem Fall 
einen Explorativtroicart durch den Schädel in die Hirnrinde einzu- 
senken und mittelst desselben eine Anzahl Hirnrindezellen zur mikro- 
skopischen Untersuchung herauszuziehen. 

Ich schliesse diese Beurtheilung des Werkes von Maudsley, indem 
ich nochmals dessen Vorzüge bereitwillig anerkenne, besonders was den 
zweiten Theil, den eigentlich pathologischen, betrifft. Sie sind unab- 
hängig von seinen Theorieen, ja sie wären grösser ohne die Befangen- 
heit durch diese. Was mich bestimmte, das Werk hier in einem Excurs 
ausführlicher zu besprechen, war die Verpflichtung, die ich fühlte , der 
Psychologie ihr Recht in der Psychiatrie zu wahren gegen Machtsprüche, 
welche von einem Theile unserer dermaligen Literatur in sehr hohem, 
dem wirklichen Gehalt der Behauptungen nicht eben immer entspre- 
chenden, Ton vorgetragen zu werden pflegen. 

8) Diess hat schon einer der eifrigsten Vorkämpfer der somati- 
schen Schule, Nasse, ganz entschieden ausgesprochen in seiner Ab- 
handlung „die Thätigkeit der Seele im Irresein" Allg. Zeitschrift für 
Psychiatrie Bd. VII. S. 361. Ferner Guislain, schon in seinen Phre- 
nopathieen, und auch später in den Lecons. — Zeller in der Vor- 
rede zu der Uebersetzung von Guislain und in den Zusätzen dazu. — 
Wachsmuth, in der Recension von Flemming's Pathologie und The- 
rapie der Psychosen, allg. Ztschr. f. Psychiatrie. Bd. XVI. S. 495 — 498. — 
Richarz, ebend. Bd. III. S. 309. XVI. S. 409, und wie ich so eben bei 
der Druckgebung dieser Zeilen sehe, erst noch vor Kurzem bei Gelegen- 
heit seines 25jährigen Anstalts - Jubiläums ebendas. Bd. XXVII. S. 251 
— 254, woraus ich zum Schlüsse folgende Stelle anzuführen mir er- 
laube : „Zur vermittelnden Handreichung zwischen Medicin und Philo- 
sophie ist wohl keine Doctrin geeigneter als die Psychiatrie. Nur 
muss sie, nicht wie die modernste psychiatrische Verirrung es versucht 
hat, ihres specifischen Objectes, der krankhaften psychischen Er- 
scheinungen, und damit einer naturgesetzlichen Psychologie sich ent- 
schlagen wollen. Es muss vielmehr eine so beschaffene Psychologie, 
als physiologische Psychologie, ebenso wie die Physiologie selber, ein 
Zweig der Medicin werden und zugleich ein Abschnitt der Philosophie 
bleiben. Und nicht als ein blos geduldeter Gast soll diese Psychologie 
und eine so geartete Psychiatrie in den Hallen der exacten Naturfor- 
schung und der Medicin erscheinen dürfen, als ein Gast, der dort nur 
Almosen zu empfangen, aber selber nichts zu bieten und zu geben hätte 
und der niemals mit dem ihm allein Eigenen zu Worte kommen könnte' 
sondern als ein ebenbürtiger und gleichberechtigter Genosse unter den 
Uebrigen." — Kahlbaum's Bestrebungen gehen ebenfalls in dieser 
Richtung. 



Fixe Ideen. 



Eine der häufigsten Formeln , unter welchen der Irrenarzt 
nach dem Zustande eines Geisteskranken gefragt wird, ist die: 
welches denn wohl dessen fixe Idee sei? Eine Frage, die gar oft 
nicht zu beantworten ist, weil sie von der irrigen Voraussetzung 
ausgeht, dass zu dem Begriffe der Geisteskrankheit fix gewordene 
Wahnvorstellungen als wesentliche Erscheinungen gehören. Sie 
können aber sowohl im acuten als chronischen Irresein fehlen, ohne 
dass darum die Existenz einer Seelenstörung in Zweifel gezogen 
werden dürfte. 

Auf der anderen Seite werden krankhafte Wahnideen aber 
auch oft wieder zu gering geschätzt; man betrachtet das Hegen 
fixer Ideen dann als einen besonderen Zustand, der noch gar nicht 
in das Bereich der psychischen Krankheit gehöre. Familienglieder, 
welche durch das Zugeben von Geisteskrankheit des Kranken Ehre 
gefährdet wähnen, oder gute Freunde, welche in wohlfeiler Sym- 
pathie nothwendig befundene Massregeln hintertreiben wollen, sagen 
dann wohl: Geisteskrank sei der X nicht, er habe weiter nichts 
als eine fixe Idee. Und damit glaubt man den Kranken von den 
Tobsüchtigen und Verwirrten als den eigentlich Geisteskranken mit 
Glück geschieden und jeden Versuch, ihn einer ähnlichen Behand- 
lung wie diese zu unterwerfen, mit Recht abgewiesen zu haben. 
Nicht so der Sachverständige; für ihn hat ein solcher Kranker gar 
oft nicht nur, sondern leider schon eine fixe Idee, und was Jene 
als tröstlich ansehen, ist ihm höchst bedenklich; denn die Erfahr- 
ung lehrt, dass gerade solche Kranke, welche in der That keine 
andere abnorme Erscheinung darzubieten scheinen, als die fixe Idee, 
in der Regel für diese Welt geistig rettungslos verloren sind. 

Das Vorhandensein dieser beiden Vorurtheile und die prak- 
tische Wichtigkeit, welche dieselben erlangen können und nicht 
selten wirklich erlangen, ist der Beweggrund für mich, heute vor 



42 



Fixe Ideen. 



Ihnen einige Betrachtungen über fixe Ideen anzustellen. Betracht- 
ungen sage ich, und will damit von vorn herein angedeutet haben, 
dass Sie nicht ganze Erzählungen und nicht blos ein Register seltsamer 
Einbildungen zu erwarten haben, sondern Reflexionen und Theorie. 
Es sind die Fragen nach der Entstehung der fixen Ideen bei den 
Geisteskranken, nach ihren Beziehungen zu dem übrigen Gedanken- 
kreis des Individuums und ihrer Bedeutung für sein Gesammtieben, 
welche ich zu beleuchten gedenke. 

Das Erste, was wir zu diesem Zwecke zu thun haben,' ist, 
dass wir unser Feld umgränzen. Wir haben es mit fixen Ideen 
Geistesgestörter zu thun , also mit krankhaften Wahnideen , nicht 
mit anderen fixen Ideen, wie sie auch bei Geistesgesunden vor- 
kommen. Die unbewusste und unwillkührliche Verwechslung beider 
ist eine Hauptquelle des einen von den beiden Irrthümern, welche 
ich erwähnt habe. Das Vorherrschen einer Idee bei einem Geistes- 
gesunden ist etwas Anderes als die Beherrschung eines Kranken 
durch seinen Wahn. 

Gewisse Gedankenkreise können vorwalten und mit unwider- 
stehlicher Gewalt immer wiederkehren, und Richtungen auf gewisse 
Ideen können sich fixiren, ohne dass eine psychische Krankheit vor- 
handen wäre. Der sinnende Forscher hat eine Idee erfasst, sie 
erscheint ihm in ihrem ersten Aufspringen als eine neue Sonne, 
die einen weiten Kreis bisher zusammenhangsloser Thatsachen plötz- 
lich hell beleuchtend sie in ihrer natürlichen Gruppirung erscheinen 
lässt; mit dem Schwinden der Neuheit und der ersten Begeisterung 
wird daraus das zweifelhafte Licht einer Hypothese. Aber die 
erweckte Hoffnung lässt sich nicht so leicht wieder dämpfen ; immer 
und immer wieder kehrt der Gedanke, das erste Entzücken kann 
nicht getrogen haben, die Hypothese muss doch wahr sein — und 
dann ist keine Ruhe mehr — ihr Beweis muss gefunden werden — 
da und dort werden Gründe für sie gesehen — neue wird und 
muss die Zukunft noch bringen — in ihrer Erwartung lebt und 
strebt der Mensch ihnen entgegen — sie bildet den Mittelpunkt 
seines Sinnens und Trachtens — sie ist ihm zur fixen Idee gewor- 
den. Dieser Zustand kann stattfinden bei voller Gesundheit, ja bei 
der eminentesten Geisteskraft — und die Idee, wenn sie im Men- 
schen auch feststehend geworden ist, ist darum keineswegs eine 
irrige, sondern sie kann die volle, die ganze Wahrheit enthalten. 



Fixe Ideen. 



43 



Aber allerdings ist die Gefahr des Irrthums gross, und es kann 
Zeit , Kraft und Lebensfreude aufgeopfert werden , lediglich um 
einem Phantom nachzujagen; die grossen Talente sind zwar mehr, 
aber keineswegs ganz davor gesichert, dergleichen falsche Fährten 
zu verfolgen. Dass die festgehaltene Idee falsch ist, ist daher kein 
Beweis für die Geistesschwäche ihres Pflegers, sonst müsste so 
ziemlich jeder grosse Naturforscher dümmer sein als irgend ein 
hundert Jahre später lebender Student, und Jeder, der sich heut 
zu Tage die grossen Portschritte in der Lehre vom Licht angeeignet 
hat, klüger als Göthe, der sich in seine Farbenlehre verrannt hat. 
Da nun überdiess die Wahrheit oder Falschheit einer Lehre sich 
nicht immer schon bald herausstellt, sondern die Welt oft lange 
Zeit die eine für die andere nimmt, so begreift sich leicht, wie 
wenig an und für sich das hartnäckige Verfolgen einer absonderlich 
erscheinenden Idee als ein Symptom von Krankheit angesehen wer- 
den kann. 

Aehnliches wiederholt sich in vielen anderen Verhältnissen, 
daher es genügt, nur kurz darauf hinzuweisen. Der Schuldbeladene, 
an dem die Reue über eine That nagt, die Mutter, welche immer 
an das ihr durch den Tod entrissene Kind denken muss, der Aengst- 
liche, der in einer Epidemie den Gedanken angesteckt zu werden, 
nicht losbringen kann , haben in ihrer Art auch fix gewordene 
Ideen. Gewisse Heilsysteme haben eine Zeit lang, aller Erfahrung 
zum Trotz , die Köpfe beherrscht ; ein Genie wie Friedrich II. ver- 
fiel dem Geschick, in Finanzsachen eigensinnig eine verkehrte Idee 
durchzuführen, und von fixen Ideen auf dem Gebiete der Philosophie 
und Dogmengeschichte Belege anzuführen erlassen Sie mir ohnehin. 

Mit dergleichen Grillen und Schrullen nun haben wir es hier 
nicht zu thun, sondern mit Wahnideen, die das Erzeugniss einer 
Geisteskrankheit sind. Dieselben sind zwar mannigfaltiger Art, 
aber doch nicht so vielfältig verschieden , als man glauben sollte ; 
vielmehr findet man gewisse Typen überall wieder. Ich führe 
Ihnen, damit Sie doch von den Erscheinungen, deren Wesen be- 
sprochen werden soll, vorher einige empirische Kenntniss erlangen, 
die gewöhnlichsten derselben vor. Um des Verständnisses willen 
ist es dabei nöthig, die Beispiele nicht blos von jenen Formen her- 
zunehmen, wo die Wahnidee scheinbar isolirt dasteht, sondern auch 
von solchen, wo die psychische Gesammterkrankung noch deutlicher 



44 



Fixe Ideen. 



ist, daher auch von acutem Wahnsinn, namentlich aber der frischen 
Melancholie. . Ein Melancholiker kann von der Vorstellung nicht 
loskommen, dass er ein schweres Verbrechen begangen habe und 
ihm jede Stunde die Bestrafung oder Hinrichtung bevorstehe; oder 
er ist von dem Gedanken erfüllt, dass er die ewige Seligkeit ver- 
scherzt habe und in die Hölle werde Verstössen werden. Oder er 
glaubt die schwersten absonderlichsten Leiden zu haben, todt zu 
sein u. dergl. Daneben sind seine übrigen Vorstellungen der Wirk- 
lichkeit entsprechend und seine Reden verständlich. In anderen 
Fällen , in Zuständen maniacalischer Art , ist der Wahn fröhlicher, 
beglückender Natur. Der Kranke hat das grosse Loos gewonnen, 
oder es liegt irgendwo eine ungeheuere Erbschaft für ihn deponirt, 
oder er ist General, oder es ist kein Zweifel, dass die Prinzessin 
X oder Y zum Sterben in ihn verliebt ist. Am häufigsten und 
pathognomisch ist aber der fixe Wahn als Hauptsymptom jener 
chronischen Seelenstörung, welche wir die partielle Verrücktheit 
nennen. Die bereits angeführten Wahnideen können auch in ihr 
vorkommen, nur dass der melancholische Wahn selten mehr den 
Inhalt der Selbstunterschätzung, des Selbstvorwurfes, sondern mehr 
den der ungerechten Behandlung hat. Es ist fixer Wahn, wenn 
ein Mensch, dem Niemand Leid's zu thun Veranlassung hat, sich 
für das Opfer systematischer Verfolgung hält, wenn er in allen 
Speisen und Getränken, solchen selbst, die er mit Anderen zusammen 
geniesst, Gift findet, wenn er Beschimpfungen und Drohungen zu 
vernehmen glaubt , die Niemand ausgestossen hat, und wenn Einer, 
der nie ein Wasser trübte und sonst wenig Bedeutung hat, sich 
für das ausersehene Ziel geheimer Verfolgung der Jesuiten hält. 
Der Eine glaubt, dass der Teufel seine Seele ausgetrieben habe 
und nun in Kopf, Hals, Brust und allen Gliedern sitze, von ihm 
zehre und ihn quäle, ein Anderer, dass er auf unsichtbare Weise 
magnetisirt und galvanisirt werde, dass ihn seine geheimen Feinde 
mittelst ihrer Apparate überallhin verfolgen, ihm den Schlaf rauben, 
ihn zum Gegenstand ihrer ausgesucht bübischen Experimente 
machen, ihm in Kopf und Gliedern nach Gefallen die unsäglich 
peiuigendsten Empfindungen verursachen. Aber der Inhalt des 
Wahns kann auch angenehmer, erhebender Natur sein und zwar 
ist diess öfter der Fall. Der Kranke fühlt sich im Besitze beson- 
derer Weisheit, sei diese nun durch eigene Anstrengung errungen 



Fixe Ideen. 



45 



oder durch höhere Begnadigung, durch Inspiration, durch geheimen 
wunderbaren Verkehr mit Geistern ihm zu Theil geworden. Er 
kennt die Geheimnisse der Schöpfung und Weltregierung hesser als 
alle anderen Menschen; was diese darüber gelehrt und geschrieben, 
ist ihm unnöthig und überflüssig zu wissen ; er ist berufen , die 
Welt zu lehren, zu reformiren , und neue Gesetze zu verkünden. 
Ein Schritt weiter und er ist Prophet, Messias, Gott, oder wenn 
Patient weiblichen Geschlechtes ist, Himmelskönigin, Mutter Gottes, 
die etwa auch berufen ist, noch einmal einen Heiland zu gebären. 
Das neue Glück, in welchem der Kranke schwelgt, bezieht sich 
aber oft auch auf weltliche Dinge. Er ist im Besitze grosser 
Reichthümer, die ihm bisher vorenthalten wurden und auf deren 
Auszahlung er täglich wartet; er hat Schlösser und Paläste, in 
denen Alles von Silber und Gold strahlt, oder er ist von vornehmer 
Abkunft, aus fürstlichem Geblüt, mit Kaisern und Königen ver- 
wandt , Prinz oder Prinzessin , ja wohl selbst Kaiser (entweder der 
von Oesterreich oder Frankreich oder der bereits erwählte deutsche). 

Alle diese partiell Verrückten leben, sofern sie nicht durch 
verschiedene Anlässe von Zeit zu Zeit aufgeregter werden, im Gan- 
zen ruhig dahin, verrathen für gewöhnlich und so weit ihr Wahn 
nicht berührt wird , keinen besonderen Affect , und äussern sich 
über gewöhnliche Lebensverhältnisse mit richtigem , nicht selten 
sogar mit scharfem Urtheil und in geordneter Rede. Der Wahn 
imponirt als ein isolirtes Phänomen, das von dem übrigen Verhalten 
des Individuums wie abgelöst erscheint, das man sich nicht zurecht- 
zulegen vermag, dessen unrichtige Beurtheilung daher manche 
schlimme Folge hat. Es ist daher auch in praktischer Beziehung 
von Wichtigkeit, dass man diese Formen der Seelenstörung im 
rechten Lichte betrachtet. 

Versuchen wir es nun, uns eine Einsicht in die Vorgänge zu 
verschaffen, welche so seltsamen Einbildungen zu Grunde liegen 
müssen. Was der Kranke wähnt, kann er begreiflicher Weise nicht 
wirklich erfahren haben, sondern er muss sich die Vorstellungen, 
deren Inhalt er für einen reell vorhandenen hält, selbst geschaffen 
haben. Nun sind aber diese Vorstellungen keine absolut neuen, 
noch niemals da gewesenen; auch die kranke Seele kann so wenig 
wie die gesundo etwas ganz Neues schaffen, sondern hat ihre Vor- 
stellungen ebenfalls nur aus der Erfahrung; der Kranke könnte 



46 



Fixe Ideen. 



sich nicht einbilden, Gott oder Kaiser zu sein oder auf's Schaffot 
geführt zu werden, wenn er niemals gehöi-t hätte, dass es einen 
Gott, einen Kaiser, ein Schaffot gibt. Das Neue und das mit der 
Wirklichkeit nicht Uebereinstimmende liegt also in der Zusammen- 
ordnung und in der Beziehung der Vorstellungen auf das Subject. 

Mit dieser Betrachtung sind wir gleich von Anfang an vor 
einem Abweg behütet, nämlich vor dem, in der Erklärung des 
fixen Wahns das Hauptgewicht statt auf den Wahn auf die Fixität 
zu legen. So denkt man sich wohl , derselbe bestehe einfach in 
einer fix, stabil gewordenen Vorstellung von grosser Lebhaftigkeit, 
welche dem inneren Auge und Ohr des Kranken fortwährend vor- 
schweben. Es wäre diess etwas Aehnliches, wie wenn auch Gesunde 
eine gewisse Vorstellung lange nicht los werden können , eine ge- 
hörte Melodie uns Tage lang im Kopfe summt oder gewisse Phrasen 
und Verse uns immer wieder einfallen. So ist es aber , wie schon 
eine kurze Beobachtung von Verrückten lehrt , bei der Wahnidee 
nicht, diese ist nicht eine sinnliche uns immer vorgaukelnde Vor- 
stellung , welche uns etwa dadurch hinderte , andere Vorstellungen 
zu haben und mit Aufmerksamkeit zu verfolgen , sondern sie ist 
nur ein leicht und gern wiederkehrender Gedanke. Dergleichen 
kommt , wie wir sahen , schon bei Geistesgesunden vor ; wir finden 
die Erscheinung auch als Krankheitssymptom bei manchen Irren, 
welche einem Denkzwang unterworfen sind. Sie müssen in Folge 
desselben immerfort über gewisse Dinge nachdenken , ohne dass 
gerade das Resultat oder der Stoff dieses Denkens schon im Wider- 
spruch mit der Wirklichkeit sein müssen ; oder sie sind zu Gedanken 
genöthigt, welche sie sich selbst zum Vorwurf machen, z. B. Gottes- 
lästerungen oder menschenfeindliche Wünsche. Alles das ist zwar 
ein fixirtes Denken, aber noch kein fixer Wahn; denn zu diesem 
gehört nothwendig der Irrthum. Der Wahn ist eine Art des 
Irrthums 1 ). 

Es würde mich zu weit führen, hier tiefer in das Wesen und 
die Entstehung des Irrthums einzugehen. Was uns interessirt, ist 
nur die Frage, wie sich der Begriff des Irrthums verwerthen lässt 
für die Entstehung der Wahnidee des Geisteskranken. Irrthum ist 
ein falsches ürtheil. Sitzt nun der Wahn im Urtheil und besteht 
er in einer Erkrankung des Urteilsvermögens ? Dann müssten 
alle Urtheile falsch werden , während es gerade das Auszeichnende 



Fixe Ideen. 



47 



der fixen Idee sein soll und es in der partiellen Verrücktheit auch 
oft genug ist, dass der Kranke in jeder anderen Beziehung gut und 
richtig urtheilt. Und' wollte man auch beim acut Wahnsinnigen 
auf dessen allzu rasche Urtheilsfällung oder Leichtgläubigkeit 
verweisen, so blieben doch noch so viele Melancholische übrig, 
welche ausser ihrem Wahn durchaus keine Urtheilsschwäche ver- 
rathen , ja oft scharfsinnig genug da - und dorther Beweise .für die 
Richtigkeit desselben erholen. Oder soll es speciell der Mangel an 
Kritik sein, welcher hindert, die falschen Vorstellungen von wahren 
zu unterscheiden? Es ist kein Zweifel, den Kranken fehlt die ge- 
hörige Kritik; aber, wenn in ihrer Ermangelung eine falsche Vor- 
stellung als wahre hingenommen wird, so muss die falsche doch 
schon erzeugt sein, und ein Schneider, der glaubt, er könne der 
Kaiser sein, ist sicherlich schon krank, indem er diess denkt und 
nicht erst, sofern er die Kritik dieser Vorstellung unterlässt. 

Also auf einer Krankheit des Vorstellens oder Denkens über- 
haupt kann der fixe Wahn nicht beruhen. Das Kranksein äussert 
sich ja in der Richtung vorzugsweise auf einen Gegenstand, be- 
zieht sich auf ein irrig aufgefasstes Verhältniss. Wo der Wahn 
ohne deutliche, auffällige Betheiligung anderer psychischer Affectio- 
nen das Hauptsymptom bildet, da hat man aus diesem Grunde 
einen solchen Zustand Monomanie genannt. Man kann diesen 
Namen wohl zulassen behufs der Verständigung über Classification, 
nur darf man nicht glauben, durch denselben etwas zur Erklärung 
des fixen Wahns selbst gethan zu haben, besonders da solcher eben 
ganz entschieden auch in Zuständen von mehr allgemeinem psychi- 
schen Ergriffensein vorkommt. Es ist überhaupt nicht recht klar, 
was man sich unter dem Ausdruck: die Seele ist nur in Bezug 
auf einen einzigen Punct krank, zu denken hat. Da wir es hier 
zunächst nur mit Ideen (nicht mit Handlungen) zu thun haben, so 
kann diess doch wohl nur heissen: in Bezug auf einen Gedan- 
ken; die Seele wird für krank erklärt in ihrer Eigenschaft, diesen 
Gedanken hegen und glauben zu können. Wenn sie nun aber 
ausserdem gesund ist, wie wir denn gesehen haben, dass die Vor- 
stellungsthätigkeit und das Denken im Allgemeinen, namentlich in 
formeller Hinsicht, keine Abweichungen darbieten kann, so muss 
sich die Theorie der Monomanie (sofern sie eine Erklärung anstrebt) 
auf ein engeres Gebiet zurückziehen; sie muss ein Erkranken des 



48 Fixe Ideen. 

einzelnen psychischen Actes in Hinsicht auf seinen Inhalt annehmen. 
Das Individuum muss nach ihr erkranken können lediglich in seiner 
Fähigkeit, sich für magnetisirt oder sich für den Kaiser von Russ- 
land zu halten; nur diese einzelne Seelenkraft wäre hienach in ihm 
die erkrankte, d. h. die excessiv und gegen den Antagonismus der 
anderen überwiegend thätige. Diess ist absurd, aber die Theorie 
kann, in ihre Consequenzen verfolgt, zuletzt nirgends anders anlan- 
gen ; und es hilft ihr auch nichts, wenn sie sich zum Zwecke der 
Erklärung in gewisse Hirnorgane flüchtet, welche bei der Mono- 
manie gereizt sein sollen. Man denkt sich heut zu Tage wohl, es 
sei Alles bereinigt, sobald man nur einmal die Idee habe und fest- 
halte, dass es sich hier um »Reizungen« von »Zellengruppen« handle, 
wobei es nichts zur Sache thue , dass diese noch Niemand kennt. 
Aber wir kommen damit um kein Haar breit weiter. Diese Lehre, 
welche sich auch ihrerseits gern auf die Monomanie stützt und im 
Principe mit der Phrenologie (abgesehen von deren kraniologischen 
Deutungen) zusammenfällt, müsste doch ebenfalls erst nachweisen, 
dass es für jede fixe Idee ein specielles Hirnorgan gibt; ferner 
müsste sie, da nach ihr psychische Gesundheit im Gleichgewichte 
sämmtlicher Organe besteht, zugleich auch annehmen, dass sämmt- 
liche übrige Hirnorgane, weil sie unfähig sind, durch ihre compen- 
sirend antagonistische Thätigkeit die Wirkung der einzigen krank- 
haft gereizten zu neutralisiren , ebenfalls krank sind; und endlich 
begreift man nicht, warum eine Krankheit, die lediglich ein so 
kleines einzelnes Hirnorgan betrifft, so oft eine viel ungünstigere 
Prognose darbietet als eine allgemeine acute Psychose. Die Phreno- 
logie oder so gestaltete und gedachte Hirnorganenlehre kann uns 
höchstens eine Vorstellung davon gewähren, wie es zugeht, dass 
wir gewisse Gedanken immer denken müssen; sie kann aber, ohne 
die Partialität der Störung wieder aufzuheben , nicht erklären, 
warum der Gedanke gerade ein falscher, ein widersinniger geworden 
ist (es müsste dann in der That jeder Irrthum auf Gehirnstörung 
beruhen) , und warum wir an die Realität dieses falschen Gedankens 
glauben müssen, warum also Alles, was in anderen Organen (Ge- 
dankenreihen) diesem Glauben entgegensteht, annullirt und ver- 
wischt ist 2 ). 

Wir sind hiemit an einen Punct gelangt, an welchen ich 
meine eigenen Ansichten über die Entstehung der Wahnideen au- 



Fixe Ideen. 4g 

knüpfen will. Indem wir sagen: die Kranken glauben an das, was 
sie sich einbilden, sagen wir fast noch zu wenig. Dieselben halten 
nämlich nicht etwa das, was sie wähnen, für das Wahrscheinlichste, 
für das sie sich nach ihrem Gefühl oder auf eine Autorität hin 
entscheiden, sondern sie glauben zu wissen; ihr Glaube, ihre 
Meinung erscheint ihnen als ein Wissen. Sie haben es, wenigstens 
nach ihrem Bewusstsein und ihrer Darstellung zu urtheilen, nicht 
durch Schlüsse ermittelt, nicht auf dem Wege des Calculs und lan- 
ger Reflexionen zu Wege gebracht. Vielmehr lehrt gerade die par- 
tielle Verrücktheit, bei welcher man noch am ehesten von den 
Kranken Aufschlüsse über die Entstehung ihrer Ideen erlangen 
kann, dass zwar im Laufe der Krankheit sich der Patient aller- 
lei Combinationen erklügelt und sich ein System schafft, in wel- 
chem Einzelheiten durch Urtheile und Schlüsse verbunden sind, dass 
diess aber nicht der Vorgang beim Beginne der Krankheit ist. 
Wäre diess so, so müsste der Versuch, dem Kranken seinen Irr- 
thum auf dialektischen Wege zu benehmen, weit öfter gelingen. 
Sie werden aber, wenn Sie bei einem solchen Versuche den Quellen 
seines Irrthums nachgehen, bald auf gewisse Puncte kommen, die 
der Kranke festhält, und auf welche als auf unumstössliche Vor- 
aussetzungen er alle seine Behauptungen stützt. Diese Voraussetz- 
ungen sind nicht logisch gefundene Resultate, sondern wenn man 
nach der Weise forscht, wie der Kranke darauf gekommen sei, 
woher er Diess und Jenes wisse, wer es ihm gesagt habe, so stösst 
man immer auf eine angebliche Erfahrung. Diese vermeintliche 
Erfahrung kann eine Hallucination oder Illusion, also eine förmliche 
Sinnestäuschung sein, es ist diess aber durchaus nicht nothwendig. 
Illusionen, so wie auch Hallucinationen können in allen Krankhei- 
ten, die mit Wahnbildung einhergehen, vorkommen, sind aber 
nicht eben sehr häufig , und andererseits können Illusionen und Hal- 
lucinationen , wenn die Täuschung vorübergehend ist, statthaben, 
ohne dass ein fixer Wahn daraus entsteht. Damit es zu diesem, 
zu einer irrigen Meinung des Individuums von seiner Stellung in 
und seiner Beziehung zu der Welt komme, braucht die Empfin- 
dung und daraus gebildete Objectanschauung durchaus nichts an 
sich Falsches zu liefern, nichts, was der Gesunde sinnlich nicht eben 
so wahrnähme. Ich hatte einmal auf der weiblichen Abtheiluno- 
nicht weniger als drei Patientinen, welche (unabhängig von einan- 
Hagon, Studien. 4 



50 



Fixe Ideen. 



der , denn sie waren auf verschiedenen Abtheilungen) die Gärtenbeete 
und Mistbeete im Gemüsegarten für Gräber erklärten. Eine von 
ihnen behauptete zugleich (eine Einbildung, die überhaupt nicht 
selten ist) , das Fleisch welches sie zu essen bekomme , sei abscheu- 
lich, es sei Ratten-, Katzen-, Menschenfleisch, und Waschlumpen, 
welche sie in der Ferne aufgehängt sah, seien abgezogene Menschen- 
häute. Unmöglich ist es in solchen Fällen nicht, dass Illusionen 
mitspielen , aber doch nur dann , wenn aus der Ferne gesehen wird, 
wobei die Vorstellung das undeutlich Gesehene wirklich umzuge- 
stalten vermag; sicherlich aber ist eine solche Deutung unstatthaft 
bei dem Nahe sehen; also des nächsten Gartenbeetes, des Flei- 
sches auf dem Tisch. Keine von unseren Kranken hatte jemals 
Ratten - oder Menschenfleisch , namentlich gekocht , gesehen , so dass 
sie es etwa wegen der Aehnlichkeit verwechselte. Das Falsche ist 
vielmehr das An sich, das Wesen, der Sinn, den sie in die Wahr- 
nehmung hineinlegen, der Gedanke an die Herkunft des Gegen- 
standes oder an die Absichten der Menschen dabei. Es wird etwas 
hinter den Phänomenen gesucht, etwas gemerkt, und diess so- 
fort als wirkliche Wesenheit genommen, dessen Ausdruck das Wahr- 
genommene ist , wobei sich der Kranke um die nähere Beschaffen- 
heit, exacte Untersuchung dieses letzteren nicht weiter bekümmert, 
so wenig als ein speculativer Philosoph von reinem Wasser um 
genaue Constatirung von Thatsachen. Gleichwohl behauptet der 
Kranke hinterher , wirklich Gräber , Menschenfleisch , Menschenhäute 
gesehen zu haben. 

Eine an einer heftigen acuten Psychose leidende Kranke hatte 
zwar auch Gefühlshallucinationen und ihr Geplauder trug auf der 
Höhe oft den Charakter des vagen Wahnsinns. Aber schon durch 
ihn ging das, was sich im Stadium der Abnahme deutlicher zeigte, 
als rother Faden hindurch, nämlich das Argwöhnen falscher Ab- 
sichten, die Behauptung, dass man unnatürliche Dinge mit ihr 
treibe, in ihrem Bette, im Nachtstuhl allerlei Dinge versteckt halte, 
ja in sie selbst hinein stecke, sie vergifte u. dgl. Dass hier we- 
nigstens nicht blos Hallucinationen zu Grunde lagen, zeigte sich an 
weiteren Erscheinungen. Bei ihrer geschärften Beobachtungsfähig- 
keit nahm sie die geringsten Bewegungen der Leute um sich her 
wahr und fragte immer gleich: was thut denn Die jetzt wieder? 
Von mir verlangte sie öfters, ich solle den Rock öffnen, oder, wenn 



Fixe Ideen. 



51 



ich zufällig die Hände auf den Rücken gekreuzt hielt, ich solle 
sehen lassen , was ich da verberge. — Also beherrschte sie der Ge- 
danke, dass hinter den Dingen etwas Feindseliges für sie stecke; 
aber dieser Gedanke wurde nicht als solcher für sich formulirt und 
nackt hingestellt, sondern er wurde nur unwillkührlich zu jeder 
Wahrnehmung hinzugedacht, so wie beim körperlichen Sehen die 
dritte Dimension immer nur hinzugedacht wird. 

Solche Gedanken fliegen, namentlich um die Entwicklungszeit 
und den Ausbruch des Wahnsinns, den Wahrnehmungen gewissermas- 
sen an, ohne dass der Kranke sich darüber weitere Rechenschaft gibt. 
Mit gewissen Körperempfindungen verbindet sich plötzlich der Ge- 
danke des Vergiftetseins ; eine Tasse Kaffe , ein Glas Wein war es, 
wodurch man es ihnen angethan hat; durch eine bestimmte Prise 
Schnupftabak zu einer bestimmten Zeit ist plötzlich das Gehirn 
metallisirt worden. Durch den Blick von Diesem und Jenem wur- 
den oder werden sie noch bezaubert, behext oder magnetisirt. Die 
Mienen der Leute erscheinen bedeutungsvoll, Diess und Jenes aus- 
sagend, sie drücken Vorwürfe aus — die Leute munkeln allerlei 
unter einander, es wird geredet u. s. f. Der sich für einen Pür- 
sten hält , ist darüber etwa einmal durch eine plötzliche innere Er- 
leuchtung, während er in der Kirche betete, aufgeklärt worden, 
oder die Worte eines Freundes haben diesen Sinn gehabt, der 
Fürst oder auch eine Prinzessin haben ihn bei ihrer Spazierfahrt 
mit vielsagendem Lächeln gegrüsst. Oder die Kranken haben die 
Empfindung des Klarsehens , Hellsehens , des tiefen Einblickes in die 
Dinge und Verhältnisse. Diese, in denen sie leben, machen den 
Eindruck, mehr hinter sich zu haben, als die gemeine äussere Wirk- 
lichkeit anzugeben scheint, sind daher nicht die wahren. Sie selbst 
sind ganz andere Leute als sie scheinen , reich , mächtig , vornehm ; 
und auch diess wird durch die angeblichen Mienen und Blicke der 
Anderen bekräftigt. 

In allen Fällen glauben die Kranken das, was sie bei gewissen 
Anlässen gedacht haben , auch erfahren zu haben. Der Kranke hat 
also eine vermeintliche, eine verfälschte Erfahrung; die Hauptpuncte 
seines Wahnes sind ihm erlebte oder geoffenbarte Thatsachen, 
welche für ihn die ganze Realität und TJnumstösslichkeit des Er- 
fahrungswissens haben, daher ist es denn auch unmöglich, den Kranken 
auf logisch demonstrativem Wege von seinem Irrthum zu überzeu- 



52 



Fixe Ideen. 



gen. Ist es schon im gewöhnlichen Leben bekanntlich oft schwierig, 
sich gegenseitig zu verständigen , wenn man von verschiedenen 
Standpunkten ausgeht, so ist diess völlig unmöglich, wenn man 
sich gegenseitig sogar die Erfahrungen bestreitet. Auf diese Er- 
fahrungen macht der Kranke nun weiter Schlüsse, die richtig sind, 
sobald man nur ihre Prämissen zugibt, bringt alle seine Gedanken, 
so weit sie in den Bereich des Wahnes kommen, mit ihnen in Ver- 
bindung, und macht sich allmählich ein System daraus. Die fixe 
Idee, die schiefe Auffassung der Welt in gewissen Beziehungen 
wird durch diese häufigen Wiederholungen und durch die Verknü- 
pfung mit dem ganzen Gedankensystem immer kräftiger und hart- 
näckiger , sie verwächst mit dem Ich des Kranken so vollständig, 
dass er ihre Nichtrealität nur im Widerspruch mit seinem ganzen 
sonstigen Sein denken kann; sie ist ihm wahr, so wahr er lebt. 
Wir werden von dieser Befestigung des Wahns später noch aus- 
führlicher haudeln und haben nun seine erste Entstehung noch 
näher zu betrachten. 

Wie also kommt die Verfälschung der Erfahrung ursprüng- 
lich zu Stande? Wir haben gesehen, dass die Sinnesthätigkeiten 
nicht alterirt zu sein brauchen ; der Wahnsinn setzt nicht noth wen- 
dig Sinnenwahn voraus. Wir fanden auch , dass keine formale Ver- 
standesabweichung statt findet. Die Hauptsache und das Grund- 
phänomen ist vielmehr, dass das Urtheil über Sinn und Bedeutung 
eines Vorkommnisses, sei es ein äusseres oder ein inneres, schon 
in die Wahrnehmung hinein gelegt wird, und dass der Kranke 
glaubt, jene mit wahrgenommen zu haben. Um diess zu verstehen, 
müssen wir, wie bei aller pathologischen Theorie, auf die Vor- 
gänge in der Gesundheit zurückgehen. In der Erfahrung finden 
wir da ganz analoge Erscheinungen. Wir reihen irgend welche 
Eindrücke nicht blos nach ihrer sinnlichen Beschaffenheit, sondern 
vermöge einer Abkürzung des Denkprocesses in unsere Gedanken- 
welt sogleich nach ihrer Bedeutung und ihrem inneren Zusammen- 
hang ein. Wenn wir einen Postboten auf der Strasse sehen, so 
glauben wir ihn die Briefe austragen zu sehen, obgleich er viel- 
leicht zufällig einen anderen Gang hat; wir sehen Jemand fliehen 
oder verfolgen, obgleich wir sonst Niemand, sohin nur das Laufen 
sehen. Leidenschaftliche oder ungebildete Menschen vermögen 
Begebenheiten, bei welchen ihr Interesse in Spiel ist oder ihr 



Fixe Ideen. 



53 



Gemüth in Erregung kommt, durchaus nicht objectiv zu erzählen, 
sondern mischen immer ihre subjectiven Erklärungen für gewisse 
Handlungen in die Beschreibung dieser selbst hinein, so dass es 
aussieht , als hätten sie gerade diesen Zusammenhang wirklich er- 
fahren. Bei etwas beschränkten und doch sich für gescheidt dünken- 
den Bauersleuten hat der Arzt oft grosse Schwierigkeiten, eine ein- 
fache Schilderung des Thatbestandes ihrer Leiden zu erfahren, weil 
sie ihm statt dieses ihre Anschauung von der Entstehung und dem 
Fortschritt des Leidens gebe, in der festen Meinung, damit etwas 
Objectives gesagt zu haben 3 ). 

Spielt nun schon im gesunden Leben unser Denken so viel- 
fach bereits in unsere ersten Auffassungen von den Dingen hinein, 
so ist dies in weit höherem Grade bei dem Geisteskranken der Fall, 
welcher in Folge seiner Befangenheit die Dinge und Menschen um 
ihn her immer nur in Beziehung auf sich und sich auf jene setzt. 
Der fixe Wahn drückt aus, wie das Individuum die Dinge und 
Ereignisse versteht, was es ihnen für eine Bedeutung zuschreibt. 
Die Nöthigung zu ihm kann nach allem bisher Erörterten, da es 
sich hier um Krankheit handelt, in nichts Anderem bestehen als 
darin, dass in Folge der veränderten Gehirn- und Nervenstimmung 
sowohl die Sinneswahrnehmungen als die eigene Vorstellungsthätig- 
keit einen ganz anderen, fremdartigen, ungewohnten Eindruck auf 
den Menschen machen. 

Wir wissen, dass wir, indem wir empfinden , nicht die objecti- 
ven Eigenschaften der Dinge allein gewahr werden, ihre Farbe und 
Gestalt, ihre Schwere und Glätte, die Schallwellen, die von ihnen 
ausgehen , sondern dass jede Empfindung zugleich noch ein Gefühl 
mit sich führt, durch welches wir inne werden, wie wir als Sub- 
ject in Ansehung auf Lust und Unlust davon berührt werden. Wir 
unterscheiden Beides aber nur auf dem Wege der Abstraction, nicht 
für gewöhnlich; für gewöhnlich legen wir den Dingen den subjec- 
tiven Werth, den sie für uns haben, auch als etwas Objectives bei ; 
es wird die Eigenschaft des Angenehmen oder Unangenehmen, des 
Zusagenden, Freundlichen, oder des Widerwärtigen, Feindseligen 
ihnen selbst als etwas ihnen Adhärirendes zugetheilt; es riecht 
etwas gut oder schlecht, sieht hübsch oder garstig aus, und ist 
daher scheinbar selbst objectiv bös oder gut. Wenn uns dies auch 
im Drange des Lebens und weil wir entweder von der objectiven 



54 



Fixe Ideen. 



Seite der Dinge oder von anderen Interessen gefesselt sind, meistens 
nicht zum Bewusstsein kommt, so können wir doch bei einiger 
Aufmerksamkeit uns bald überzeugen, namentlich an neuen und 
ungewohnten Eindrücken oder wenn wir irgendwie in erhöhter 
Stimmung oder Verstimmung sind, dass in der That ein solches 
zu sofortiger unbewusster objectiver Werthschätzung führendes Ge- 
fühl mit jeder Wahrnehmung verbunden ist. Dasselbe Gefühl der 
Billigung oder Missbilligung, der Befriedigung und Nichtbefriedigung, 
der Schätzung des Werthes ihres Inhalts für unsere Persönlichkeit 
begleitet alle unsere Gedanken 4 ), allerdings meist flüchtig und un- 
bemerkt; denn wir haben durch die Lebenserfahrung und die Aus- 
bildung unseres reflectirenden Verstandes gelernt, um unseres eigenen 
Interesse willen, die Dinge möglichst unbefangen zu betrachten, und 
uns dabei über uns selbst hinweg zu setzen, andererseits aber auch 
ein Interesse über das andere zu stellen. So lernen wir eine Menge 
von Vorkommnissen, inneren und äusseren Erlebnissen, als für unser 
persönliches Wohl oder Wehe indifferente ansehen; das sich sonst 
an sie knüpfende Gefühl kommt nicht zur Ausbildung, wir werden 
wegen seiner Flüchtigkeit und Verkümmerung uns seiner nicht be- 
wusst, und vergessen die Dinge selbst oder sehen sie wie aus der 
Ferne, wie als solche an, die uns nichts angehen. 

Anders wird es in der Krankheit. Mit der veränderten Stimm- 
ung der Nervenfaser bildet sich auch eine neue Erregbarkeit der 
mit Wahrnehmungen und Vorstellungen verknüpften Gefühle, und 
diese selbst erhalten einen dem Individuum selbst bisher ganz un- 
bekannten, fremdartigen Charakter, wodurch sie sich seinem Ich 
mit unwiderstehlicher Macht aufdrängen. Sie wuchern und legen 
sich um jede Wahrnehmung und Vorstellung schon in deren Ent- 
stehen herum, verwachsen, so zu sagen, mit derselben schon in statu 
nascenti, so dass der Kranke nicht mehr fähig ist, sie von einander 
zu trennen und selbst die ganze Lebenserfahrung sammt dem ge- 
sunden Menschenverstand gegen diesen organischen Zwang nichts 
mehr auszurichten vermag. So bekommt denn jede äussere Wahr- 
nehmung nicht nur, sondern auch die Selbstempfindung des Körpers 
von dessen verschiedenen Theilen aus durch die damit verbundenen 
Gefühle und Stimmungen eine gewisse Nota, eine Marke des Ab- 
sonderlichen, Wichtigen. Die erste und allgemeinste Wirkung hie- 
von ist immer, dass die Wahrnehmungen eine besondere Beziehung 



Fixe Ideen. 



55 



zum Ich erhalten, den Charakter des Auffallenden, persönlich Be- 
züglichen annehmen, wodurch das Individuum genöthigt wird, sich 
damit besonders zu befassen. Es ist ähnlich, wie wenn die Wichtig- 
keit eines Satzes und dessen besondere Empfehlung an die Berück- 
sichtigung des Lesers durch gesperrte Schrift, ja durch blosses 
Unterstreichen erreicht wird, obgleich durch Letzteres an den Wor- 
ten selbst gar nichts geändert wird. Und diess gilt, wie gesagt, 
nicht blos für Wahrnehmungen, sondern auch für Körperempfind- 
ungen (jede Sensation kann sich mit Angst verbinden) und für die 
eignen Gedanken, welche dem Individuum von grösster Bedeutung 
und von wichtigen Folgen erscheinen, es mag sie nun für blasphe- 
misch und schlecht oder für sehr klug und scharfsinnig halten. In 
Folge dieser steten Gefühlseinmengung erscheint dem Kranken Alles 
in bestimmter Weise gefärbt : es überrascht ihn das Unbedeutendste, 
ihn eigentlich nichts Angehende , es berührt ihn Alles entweder 
feindselig und widrig oder kitzelnd, Lust erregend. Er müsse nicht 
ein denkender Mensch sein, wenn er diese immer so bestimmt ge- 
arteten Eindrücke nicht in einen ursächlichen Zusammenhang zu 
bringen versuchte, wobei es das Natürlichste ist, dieselben wegen 
ihrer Ungewöhnlichkeit und Fremdartigkeit für beabsichtigte 
Wirkungen zu nehmen. Es wird ihm und ist ihm, als ob diese 
Wirkungen absichtlich in besonderer Richtung auf ihn dirigirt wür- 
den, die Dinge gerade um seinetwillen so geschehen, und selbst bei 
den gleichgültigsten Anlässen regt sich in ihm ein Tua res agitur. 
Die Kranken können nicht sagen wie das eigentlich zugeht; sie 
merken nur etwas — es geht wie sie sagen, etwas vor, sei es 
Schlimmes oder Gutes; es gehört entweder Alles ihnen oder es 
wird ihnen fortwährend Alles genommen, oder Beides ist gemischt, 
wie bei Jenen, deren aus widrigen Sensationen und Angst entstan- 
dener Wahn verfolgt zu werden, verbunden ist mit dem Kitzel der 
Eitelkeit, der Gegenstand einer Verfolgung zu sein. 

So weit ist der Wahn noch mehr vag, unentschieden, es 
kommt dem Kranken nur mehr überhaupt vor, als ob die Welt oder 
er selbst anders geworden sei, Alles einen anderen Schein erlangt 
habe. Selbst bei der paralytischen Geistesstörnng , deren so häu- 
figes Symptom sonst der Grössenwahn ist, kommt es doch zuweilen 
nicht zu diesem, sondern nur zu einer sehr heiteren, mit den äusse- 
ren Umständen nicht harmonierenden Vergnügtheit, in welcher der 



56 Fixe Ideen. 

Kranke mit Allem zufrieden ist und Alles im besten Lichte sieht. 
Alle Möglichkeiten der Erklärung in bestimmterer Weise sind noch 
offen. »Man weiss nicht, was noch werden mag.« Wodurch wird 
nun dieser noch halbwüchsige, unbestimmte Wahn zum festbestimm- 
ten fixen? Kann diess in äusseren, vielleicht zufälligen Verhält- 
nissen liegen? Manchmal wohl. Eine ganz specielle Kränkung, 
zuweilen aber auch nur eine geringe oder vermeintliche Beleidigung, 
oder etwas Widerwärtiges in der Physiognomie eines Anderen rich- 
tet sofort die Spitze auf diesen , ein vermeintlicher verliebter Blick 
oder ein schlechter Spass lustiger Gesellen, welche eine Freude daran 
haben, dem Anderen etwas aufzureden und denselben zum Narren 
zu haben, leitet sofort im Geiste des Kranken einen Roman ein, 
der ihm die volle Wirklichkeit vertritt; häufiger aber liegt die 
Notwendigkeit der Fixirung im Subject selbst und dessen Bedürf- 
niss ; ja jene eben erwähnten Zufälle vermögen ohne dieses Moment 
eigentlich gar nicht so wirksam zu werden. Gerade die Unsicher- 
heit, in welche der Kranke durch die geschilderte Lage versetzt ist, 
das Ungewohnte theils blos Fremdartige theils Unheimliche der- 
selben treibt ihn und zwingt ihn, sich nicht passiv dem Strudel 
hinzugeben, sondern feste Stellung in ihm zu nehmen. Wer nur 
halbwegs Phantasie oder theoretischen Sinn hat, den drängt es 
instinctiv, hinter alle Dem Zusammenhang, Einheit und festbestimm- 
ten Zweck zu suchen. Wie wir auch im gesunden Leben für unser 
Verhalten und unsere Entschlüsse einen Stützpunkt nothwendig 
haben , welcher in dem Bewusstsein unserer Stellung in der Welt, 
unserer Lebenszwecke, unserer Persönlichkeit besteht und wie dieses 
Bewusstsein, das aber oft noch auf der Stufe des dunkeln Gefühles 
stehen bleibt, uns Leitstern bei der Schätzung aller Ereignisse, die 
irgendwie Bezug auf uns haben und bei unseren Handlungen ist 6 ), 
so sucht sich auch der Kranke einen solchen, und er muss ihn erst 
suchen, weil er den natürlichen Stützpunct und damit das instinc- 
tive Gefühl der Sicherheit verloren hat. Die Panphobie z. B., wo 
eine unbestimmte Furcht vor allem Möglichen waltet und sich bei 
jedem Ereigniss regt, ist ein viel zu unerträglicher Zustand, als 
dass er lange bestehen könnte. Das Dunkle wird klar zu machen 
gesucht, dem Wunsch nach Entfernung des Leidens muss dieses 
erst selbst fassbar entgegentreten. Denn nur so kann der kranke 
Mensch das auf ihn Eindringende einigermassen bewältigen, die 



Fixe Ideen. 57 

verlorene Objectivität zum Theil wieder gewinnen. Es ist diess 
keine bewusste Bestrebung, kein absichtlicher Erklärungsversuch, 
sondern ein unwillkürlicher , dem Individuum selbst unbewusster 
Act 6 )', das Erwachsen eines neuen Gedankens unmittelbar aus dem 
Geist der Krankheit heraus. In dem Individuum sind alle Beding- 
ungen gegeben, sich einen Vorgang, ein Verhältniss, das die jüng- 
sten Erfahrungen zu einer Einheit verbindet, als nothwendig und 
hiemit auch als wirklich zu denken. Es füllt mittelst seiner Phan- 
tasie 7 ) die Lücke aus , welche im Ring der Erfahrungen und Be- 
gebenheiten noch fehlt, um sie abzuschliessen und Position zu ihnen 
nehmen zu können ; eine Thätigkeit, welche derjenigen analog (nicht 
identisch) ist, welche das Sehfeld an der Stelle des blinden Flecks 
unbewusst ausfüllt. Ist diess nun aber einmal geschehen, so wird 
der Gedanke, welcher als verbindende Einheit den Wahrnehmungen 
zu Grunde gelegt wurde, diese mag als Absicht, Plan, Sinn oder 
Zweck erscheinen, später wiederum aus Allem herausgelesen, und 
dieses wird zum Beweise von jenem. 

Man könnte nun fragen, welches denn jene Modification in 
der Nerventhätigkeit sei, auf welche ich alles Gewicht lege und 
von welcher als dem Mittelpunct und der Wurzel aus ich alle Er- 
scheinungen ableite. Ich hätte das Eecht die Beantwortung dieser 
Frage abzulehnen, weil es hier, in einem psychologischen Vortrag, 
nur darauf ankommt, die Entstehung der Wahnidee von der psy- 
chologischen Seite aufzuklären und diese Erklärung bis zu dem 
Punkte zu führen, wo die physische beginnt und sich anknüpfen 
muss. Ich will von diesem Rechte keinen Gebrauch machen, aber 
nur, um offen zu gestehen, dass wir die fragliche Störung des 
Nervensystems ihrem Wesen nach noch nicht kennen. Alles muss 
hier noch der künftigen Forschung mit allen schon vorhandenen 
oder noch zu entdeckenden Hülfsmitteln überlassen bleiben 8 ). Wenn 
wir aber erwägen, wie die minimalsten Gaben gewisser Gifte so 
furchtbare Wirkungen ausüben können, und dass manche Farbstoffe 
selbst in kleinsten Mengen noch grosse Massen von Flüssigkeit zu 
färben vermögen, so werden wir uns darauf gefasst machen müssen, 
dass die Störungen in der Nervensubstanz von einer Feinheit sind, 
welche ihrer Ergründung noch lange die grössten Schwierigkeiten 
bereiten wird. Einstweilen mögen wir uns genügen lassen, zu 
wissen, dass sie vorhanden sind. Und dafür haben wir unzweifel- 



58 Fixe Ideen. 

hafte Beweise. Die verschiedenartigsten und sonderbarsten Sensa- 
tionen , über welche derartige Kranke , Verrückte namentlich, klagen, 
oder deren sie sich wohl auch rühmen , sprechen dafür 9 ). Mehr 
als ein Kranker hat mir sogar gesagt, er spüre den neuen Geist, 
der in ihn gefahren , im ganzen Leib , bis in die Fingerspitzen 
hinaus. Instinctiv drücken Andere das fremdartige Etwas, das in 
ihren Nerven haust, dadurch aus, dass es ihnen angethan worden 
sei. Und das Gefühl, welches ihr Vorstellen begleitet, bezeichnen 
wieder Andere je nach der Qualität bald dadurch, dass ihnen die 
Gedanken gehemmt oder entzogen würden, bald dadurch, dass sie 
hellsehend oder somnambül geworden seien. 

So ist nun im Wesentlichen der Vorgang bei der Bildung 
der fixen Wahnideen. Wir sehen, dass diese nicht in einem Ver- 
standesirrthum beruhen, und desshalb können sie auch nicht durch 
verstandesmässige Belehrung umgestossen werden. Sie sind ein 
Product der Phantasie, aber kein reines, für sich bestehendes, son- 
dern ein durch die Bearbeitung der Wirklichkeit entstandenes und 
mit der Vorstellung von dieser vermischtes. Der Kranke beruft 
sich auf seine Erfahrung , diese Erfahrung ist eine falsche ; aber er 
hat kein Bewusstsein davon, weil schon der Act der Verfälschung 
selbst ihm unbewusst von Statten gegangen ist; er muss daher 
seine Erfahrung für so rein, sicher und beweiskräftig halten, wie 
irgend eine andere. Er muss an seine Wahnideen glauben. 

Obgleich wir nun hierin die Hauptsache und den Kern der 
Wahnbildung zu sehen haben, so dürfen wir uns doch nicht ver- 
hehlen, dass die Macht der Wirklichkeit und zum Theil auch, 
namentlich in den frischeren Fällen, die Reaction des gesundge- 
bliebenen Theiles des Seelenlebens den Wahn , auch wenn die an- 
gegebenen Bedingungen gegeben sind, gar oft entweder bereits im 
Keime ersticken oder seine Weiterentwicklung verhindern und seine 
Lebensdauer abkürzen müssen. Es wäre von grossem Interesse, 
diese Umstände weiter zu verfolgen, ihre Kenntniss müsste von 
den weittragendsten Folgen für Prophylaxis und Therapie dieses 
so oft unheilvollen Symptomes sein. Wir müssen uns aber ver- 
sagen, in diese Gebiete hier, wo wir es nicht mit der Verhütung, 
sondern mit der Erzeugung des fixen Wahns zu thun haben, tiefer 
einzudringen, sondern haben im Gegentheil die Umstände aufzu- 
suchen, welche die Entstehung und das Wachsthum desselben be- 



Fixe Ideen. 



59 



fördern. Wir fassen zu diesem Zwecke die Formen von Seelen- 
störung, in welchen er auftritt, nach ihren zwei Hauptgruppen, 
den acuten und den chronischen, ins Auge. 

In sehr acuten Fällen kann der Wahn plötzlich, mit einem 
Schlag entstehen. Diess ist wohl nur bei sehr plötzlich, in der 
Nacht, unmittelbar nach dem Aufwachen ausbrechenden activen 
Melancholieen der Fall, wo die Kranken unter unsäglicher Angst 
mit einem Male von dem Gedanken befallen werden, dass ihnen 
Mörder oder Gespenster oder dergl. drohen. Meistens liegt hier 
eine aus dem Traum mit herübergenommene Vorstellung zu Grunde, 
die ihnen dann Alles als Schrecken erregend vorkommen lässt. Hie 
und da kommt dasselbe auch in anderen Fällen von sog. transitori- 
scher Manie, besonders wenn durch einen heftigen Schrecken eine 
momentane Sinnesverwirrung eingetreten ist, dann bei den Paroxis- 
men Hysterischer und Epileptischer vor. In allen diesen Fällen 
ist das Individuum in einem halben Traumzustand, und das Be- 
wusstsein noch mehr allgemein gestört. 

Viel häufiger ist aber die Entwicklung des Wahnes auch in 
den acuten Formen der Manie und der Melancholie eine allmälige, 
und es ist bei ihnen vorzugsweise die Leidenschaft und der Affect, 
in deren Brutwärme er rasch wächst und gross gezogen wird. Wir 
können uns davon eine annähernde Vorstellung machen, wenn wir 
die Wirkung der Stimmung auf die Geistesgesunden in Betracht 
ziehen. Wer in zornmütbiger Stimmung ist, dem erscheint Alles 
feindselig, selbst die Heiterkeit Anderer ärgert ihn, er fasst die 
harmlosesten Aeusserungen schief auf, als anspielerisch , höhnisch, 
ja er ist geneigt, seinen Zorn auch an unschuldigen Dingen oder 
Personen auszulassen, wenn diese ihn nur irgendwie stören (»du 
kommst mir gerade recht«). Instinctartig suchen manche Leute 
ihres Aergers dadurch los zu werden, dass sie nach Etwas oder 
nach Einem suchen, an dem sie ihn auslassen können, bei jedem 
Unangenehmen, das ihnen widerfährt, sofort nach einem Thäter 
spähen, und womöglich nicht den Zufall gelten lassen, sondern 
immer schlechte Absicht, Eigensinn und dergl. wittern, diess dann 
sofort als gewiss annehmen und Scheltworte oder Züchtigung darauf 
setzen, alles oft in rapider Schnelligkeit. Andererseits erscheint 
dem freudig Gestimmten, dem Verliebten, der geliebt wird, dem, der 
eine Erbschaft gemacht hat, oder dem, dessen Eitelkeit oder Ehr- 



60 Fixe Ideen. 

geiz befriedigt worden ist und dem ein Plan nach dem anderen 
glückt, Alles freudig, Alles rosig, er nimmt Unangenehmes auf die 
leichteste Achsel, es tangirt ihn nichts. Indem er alle Leute mit 
freundlichem Gesicht anschaut, ärntet er wieder freundliche Mienen 
dafür, und so nimmt er auch Alles, was er hört oder gewahr wird, 
in bestem Sinne. Es begreift sich leicht, dass alle diese Einflüsse 
der Stimmung auf die Auffassung und Werthschätzung der Dinge 
in der Geisteskrankheit, wo vor Allem das Gemüth tief und intensiv 
ergriffen ist, sich um so stärker geltend machen werden. Manche 
Tobsüchtige, besonders solche, welche im Uebergang von der acuten 
zur chronischen Manie begriffen sind, sind immer in zornmüthiger 
Stimmung, und kommen aus dem Schimpfen und Spucken nicht her- 
aus. In den geringereu Graden wüthen sie nur gegen gewisse 
Personen, und es ist hier, da ihnen diese in der Regel nichts gethan 
haben, nichts anderes denkbar, als dass dieselben etwas Feindseliges, 
Gehässiges für sie haben, dass ihnen deren Blick, ja ihr Wesen 
überhaupt, eine Beleidigung und ein Vorwurf zu sein scheint. Sie 
schimpfen auf sie blind darauf los und wählen zum Inhalt ihrer 
Schmähungen das nächste Beste, wie wenn man einen Stein oder sonst 
etwas aufrafft, um damit zuzuschlagen — daher vor Allem Ge- 
brechen, oder irgend eine Möglichkeit, woraus sofort eine Lüge 
gemacht und dem Anderen an den Kopf geworfen wird. Dabei 
wird zugleich diesem Anderen die eigene Stimmung, die eigene 
aggressive Absicht, untergeschoben. Schliesslich dehnt sich diess in 
den höheren Graden auf alle Menschen aus , die Kranken verhüllen 
sich wohl zuweilen, nur um Niemanden zu sehen und nicht zum 
Zorn gereizt zu werden. Ein ganz anderes Bild stellt der heitere 
Maniaker dar; aber auch er beurtheilt, wenn ihm Alles leicht und 
glückverheissend oder auch als lächerlich und seines Muthwillens 
würdig erscheint, die Dinge falsch. Der Melancholiker endlich 
braucht noch gar keine fixe Wahnidee zu hegen, um doch im All- 
gemeinen sich für werthlos oder missachtet zu halten, Alles in 
düsterem Licht zu sehen und immer nur möglichst Unangenehmes, 
wenn es auch nicht irrig ist, zu denken. Es begreift sich, dass in 
solchen Gemüthsverfassungen der Wahn, wenn er auf die früher 
besprochene Weise im Keim gebildet ist, den günstigsten Boden 
findet , auf welchem er wie ein Parasit auf schon erkrankten orga- 



Fixe Ideen. 



61 



nischen Gebilden sich in üppigster Weise rasch vollends ent- 
wickeln kann. 

Was nun in acuten Seelenstörungen in mehr oder minder 
kurzer Zeit geschieht, das vollzieht sich in den chronischen, soferne 
sie sich nicht aus acuten herausbilden, mehr allmälig. Die Um- 
stimmung im Nervenleben macht sich auch hier durch mancherlei 
Erscheinungen bemerklieb. Ein allgemeines tiefes Unwohlsein, bald 
mit schmerzhaften oder widerlichen örtlichen Sensationen, bald mit 
unbestimmtem Weh, Zustände, welche meistens für Hypochondrie 
erklärt werden, gehen zuweilen der Gestaltung der Krankheit als 
partielle Verrücktheit längere Zeit vorher. Die beim Ausbruche 
dieser selbst in ihnen stattfindenden Vorgänge bezeichnen die Kran- 
ken sehr oft mit einem der schon früher angegebenen Ausdrücke. 
Und auch während des späteren Verlaufes äussert sich die Nerven- 
störung noch oft genug durch allerlei Symptome. Obgleich nämlich 
die Verrückten im Allgemeinen körperlich gesund erscheinen, so 
ist doch in der That ein völliges Freisein derselben von leiblichem 
Unwohlsein eine Seltenheit. Manche leiden zuweilen an allgemeiner 
Ermattung und Abgeschlagenheit bis zu dem Grade, dass sie Tage 
lang im Bett liegen bleiben , oder sie haben öfters Gastricismen ; 
oder es verschlimmern sich von Zeit zu Zeit asthmatische Beschwer- 
den ; besonders häufig sind aber Nervenschmerzen und unangenehme 
Empfindungen aller Art , welche freilich eben so , wie die ebenfalls 
von innen heraus entstehenden angenehmen Sensationen sofort irrig 
gedeutet werden. 

Zu dieser einen Grundlage für die Wahnbildung kommt nun 
aber bei den auf dem Wege zur Verrücktheit Befindlichen noch 
eine Umwälzung im Gemüthsleben. Jene intensive Angst, welche 
bei dem Melancholiker, jenes tiberschwän gliche Gefühl von Wohl- 
sein und Ueberlegenheit , welches bei dem Manischen Keimstätte 
des fixen Wahnes ist, finden wir zwar hier nicht. Aber gleichwohl 
ist die Unversehrtheit der Gemüthssphäre bei den Verrückten theils 
überhaupt selten, theils nur scheinbar vorhanden und bei nur 
einigermassen schärferer Nachforschung immer zu entdecken. Wo 
die Umgebungen des Kranken auf diesen achtsam und fähig zur 
Beobachtung waren, findet man immer, dass entweder mehr oder 
minder lange Zeit die Erscheinungen einer auffallenden Veränder- 
ung im Gemüthsleben vorhergegangen waren, sich kundgebend 



62 



Fixe Ideen. 



in überspannt lebensfroher oder gedrückter Stimmung, Empfindlich- 
keit, vagen Misstrauen, oder dass durch seine nervösen hypochon- 
drischen Sensationen in dem Kranken selbst der deprimirende Ge- 
danke bevorstehender geistiger Erkrankung erregt und unterhalten 
worden war. Aber auch, wenn die Verrücktheit sich schon aus- 
gebildet hat, so entgeht dem aufmerksamen Beobachter nicht, dass 
Gefühle und Bestrebungen auch unabhängig von ihrer Erregung 
durch den Wahn sich verändert haben. Die Lust zur eigentlichen 
Arbeit verliert sich, auch ohne dass man in der ersten Zeit schon 
lediglich die Befangenheit des Interesses durch die fixe Idee allein 
als Ursache beschuldigen könnte; und Liebe und Zuneigung zu 
Frau, Aeltern, ja Kindern verwandeln sich zuweilen nicht blos in 
Gleichgültigkeit, sondern selbst in Abneigung. Dass dieses Mit- 
leiden des Gemtithslebens nicht immer deutlich in die Augen fällt, 
hat ausser der anfänglichen Selbstbeherrschung der Kranken und 
der Unachtsamkeit der Umgebung noch einen dritten Grund, den 
nämlich, dass dasselbe durch den Wahn selbst so zu sagen, maskirt 
ist. Da dieser nämlich das Blendende, leichter Aufzufassende ist, 
so nimmt er alle Aufmerksamkeit in Anspruch , und es gewinnt 
leicht den Anschein, als ob er das Primäre, die Gemüthsaffection 
aber lediglich das Secundäre, erst in seinem Gefolge Entstandene 
wäre. Diess ist nun zwar zuweilen so , in der Hauptsache aber 
nicht, wie eine sorgfältigere Betrachtung und Erwägung des Ge- 
sammtverlaufes der Störung lehrt. 

Vor Allem muss man sich vor der falschen Anschauung hüten, 
dass der fixe Wahn etwas Ruhendes, ein für allemal Fertiges sei, 
das im Hirn etwa so eingebettet sei wie ein Tuberkel. Diess ist 
in der That, wenn auch unbewusst, die landläufige, so ziemlich 
Jedem unwillkührlich geläufig werdende Vorstellung; wenn man 
von Jemand sagt, er habe eine fixe Idee, so denkt man sich die- 
selbe nun so fest in die Seele hineingedrungen, dass sie darin steckt 
wie ein eingeschlagener Nagel. Eine Idee ist aber niemals etwas 
Todtes, sondern immer eine lebendige Function, die, wie auch 
andere nicht blos auf die Ernährung bezügliche , sich durchaus 
nicht immerfort äussern muss. Nicht allein, dass der Wahn keines- 
wegs in Einem fort kundgegeben wird, so denkt ihn auch der 
Kranke nicht anhaltend. Man kann manche partiell Verrückte wenn 
man vorsichtig zu Werke geht, im Gespräch so führen, dass lange 



Fixe Ideen. 63 

Zeit ihr fixer Wahn gar nicht zum Vorschein kommt ; die Arbeiten, 
welche die Kranken verrichten, sind gar oft von der Art, dass die- 
selben, um sie recht zu machen , an etwas Anderes dabei nicht 
denken dürfen; sie spielen Schach und Karten ganz gut, womit 
sich ein gleichzeitiges fortwährendes Denken des Wahnes nicht vertrüge. 
Wäre Letzteres der Fall, so müsste die anhaltende Einförmigkeit der 
Gedanken den Blödsinn ohne allen Vergleich viel rascher herbeiführen 
als es der Fall ist. Aus alle Dem geht hervor, dass der fixe Wahn des 
partiell Verrückten nicht immerfort in Wirklichkeit besteht, son- 
dern dass unter seiner Fixität nur ein sehr häufiges und leichtes 
Auftauchen desselben verstanden werden kann. Der Wahn wird 
immer wieder, durch bedeutende oder geringe Anlässe, erzeugt, 
weil in der chronischen Seelenstörung selbst die Ursachen gegeben 
sind, dass unter gewissen Bedingungen der Vorstellungslauf immer 
wieder denselben Gang nimmt. Wir beobachten hienach , dass in 
der Häufigkeit der Aeusserung des fixen Wahns bei den einzelnen 
Verrückten eine sehr grosse Verschiedenheit herrscht. Während ihn 
die Einen nur auf schriftlichem Wege verrathen, sprechen ihn die 
Anderen lieber in der Conversation aus ; und während die Einen 
Wochen lang von ihm stille sind, und ihn nur in ihren Paroxys- 
men aussprechen, kann man Andere ihn alle Tage zum Besten 
geben hören. Dazwischen gibt es natürlich viele Mittelstufen ; vor 
Allem aber sind es ausserordentliche Ereignisse, der Besuch eines 
Fremden in der Anstalt, Veränderungen, die im Personal vorgehen, 
Unzufriedenheit über das Essen oder über ein Kleidungsstück u. dgl., 
wodurch der Erguss der wahnhaltigen Aeusserungen hervorgerufen 
wird. Diese Thatsachen sind uns der Leitfaden, an welchem wir 
das Verhältniss des Gemüthszustandes der Wahnsinnigen zu ihren 
fixen Ideen auffinden können. Wir sahen, wie bei den acuten Formen 
der Geisteskrankheiten die Bildung des Wahns aus den veränderten die 
Empfindungen und Vorstellungen begleitenden Gefühle mittelst der 
symbolisch ausdrückenden Phantasie durch die Gemüthslage des Kran- 
ken eine mächtige Förderung empfängt. Der Uebergang von ihnen zu 
den chronischen Seelenstörungen bilden die periodischen, und so werden 
wir vermuthen dürfen, dass hier die vermittelnden Glieder zwi- 
schen dem acuten Wahnsinn und dem fixen Wahn der partiellen 
Verrücktheit zu finden sein werden. Nun ist es bei diesen periodi- 
schen Seelenstörungen eine häufige Beobachtung, dass bei jedem 



64 



Fixe Ideen. 



Rückfall oder Paroxysmus sich immer dieselbe Gedankenreihe und 
damit dieselbe Gruppe von Wahngebilden einstellt wie im ersten 
Anfall. Nicht anders wird es sich im Wesentlichen da verhalten, 
wo die zeitenweisen Aufregungen weniger reine Zwischenräume zwi- 
schen sich haben, sondern wo eine gewisse Unfreiheit auch die 
ruhigeren Perioden charakterisirt und den Paroxysmus mehr als 
eine temporäre Steigerung der chronischen Seelenstörung erscheinen 
lässt. Wir haben gesehen, wie bei den partiell Verrückten der 
Wahn oft sehr zurücktritt und sich wenig oder gar nicht verräth; 
wir wissen aber auch, wie von Zeit zu Zeit, wenn ein körperliches 
Unwohlsein oder ein psychischer Anlass , eine Zumuthung , Ableh- 
nung oder Zurechtweisung eine Gemüthsregung setzt, in dem da- 
durch bewirkten Sturm aller verborgener Unsinn aufgewirbelt wird. 
Dass es der Gemüthsaffect ist, welchem in solchen Fällen die Wie- 
dererneuerung des Wahnes zuzuschreiben ist, geht aus zwei That- 
sachen hervor. Erstens kann der Verrückte manchmal zufällig oder 
absichtlich an seinen Wahn erinnert werden, ohne dass er sonder- 
lich darauf reagirt oder sich vermüssigt fühlt, denselben weitläufiger 
auseinanderzusetzen; und zweitens kann die Ursache, welche den 
Affect erregte, eine dem Wahne selbst ganz fremde sein und doch 
dieser augenblicklich hervortreten. Die Wahngedanken sind eben 
bei dem Kranken eine innige Verbindung mit leidenschaftlichen 
Gefühlen eingegangen ; jeder Affect ruft auf dem Wege der Erinne- 
rung frühere ähnliche Gemüthslagen und mit ihnen die mit ihnen 
verbunden gewesenen Vorstellungen wach. Es können aber auch, 
ebenso wie durch einen Aerger oder Schrecken oder selbst durch 
eine plötzliche Freude Kopfweh, Zahnschmerz, Kriebeln in den Ex- 
tremitäten oder sonst' eine dem Individuum habituelle Neuralgie 
erregt werden kann, beim Verrückten durch einen auf irgend einen 
Anlass entstehenden Affect seine abnormen Sensationen erregt oder 
wenigstens seine sensible Nerventhätigkeit so afficirt werden, 
dass deren gewöhnliche Function sich ihm in abnormem Modus 
fühlbar macht, woran sich dann die Wahnvorstellungen anreihen. 
So erklärt es sich, dass diese oft längere Zeit latent sein können, 
so lange eben keine leidenschaftliche Aufregung da ist. Tritt aber 
eine solche, sei es in Folge einer temporären Steigerung der Reiz- 
barkeit oder durch einen bedeutenden äusseren Anlass ein, so brin- 
gen die aus dem dunkeln Grund aufsteigenden Gefühle allemal die 



Fixe Ideen. (55 

fixen Ideen mit herauf; und die Aufregun gen entstehen daher in 
der Regel nicht desshalb, weil der Patient an seine Wahnideen denkt, 
sondern wenn er aufgeregt ist, denkt er mehr an seine Wahnideen. 
Zuletzt wird alle Leidenschaft der Idee dienstbar, d. h. es kann 
keine leidenschaftliche Aufregung mehr entstehen, ohne dass sich 
auch der fixe Wahn einmischt, ihr seinen Inhalt und Sinn substi- 
tuirt, kurz sie in ihren Dienst nimmt und für sich thätig sein lässt. 
Es lässt sich leicht denken, wie dadurch nach und nach die Em- 
pfänglichkeit des Gemüthes für andere Interessen abgestumpft und 
die Fähigkeit der Begeisterung für andere Ideen ganz erlöschen kann. 

Wenn uns nun so die Erfahrung gelehrt hat, dass die Affecte 
auch in chronischen Seelenstörungen ihren reichen Beitrag zur Ent- 
stehung und Unterhaltung des Wahnsinns liefern, so ist doch da- 
mit nicht gesagt, dass sie dazu durchaus nothwendig sind. Das 
die Wahnbildung bedingende abnorme Empfindungs- und Denkge- 
fühl kann auch ohne Affect existiren. Dann thut hier die Gewohn- 
heit sehr viel. Ist dem Individuum einmal das Eingleiten auf ge- 
wisse Vorstellungs - und Ideengeleise recht geläufig geworden, so 
braucht das betreffende Gefühl gar keine sondeidiche Höhe zu er- 
reichen, sondern, sobald es nur im Keim, im Anklang, erregt ist, 
so stellt sich schon die Wahnidee ein. Wenn es daher zwar nicht 
richtig ist, Affectlosigkeit schlechthin als Charakteristicum der par- 
tiellen Verrücktheit aufzuführen, so lehrt doch im Allgemeinen die 
Erfahrung, dass in ihr die fixen Ideen nicht mehr unter solchen 
Gemüthstürmen auftreten wie in den acuten Formen. Oft genug 
üben daher die verrückten Ideen auch in den relativ besseren Zei- 
ten ihren Einfluss aus und geben nach und nach dem gesammten 
Vorstellungskreis des Individuums eine einseitige Richtung und Färbung. 

Je allmäliger der Wahn sich ausbildet, desto deutlicher kann 
man gewahr werden, wie er aus einem Keime heraus wächst. Im 
Anfang spielt dann der Kranke noch mit der Möglichkeit des Ge- 
dankens, er hat an ihr sein Gefallen, und verspürt dabei einen, 
wenn auch zuweilen zugleich schaurigen, Kitzel der Productivität ; 
in den Perioden der Ernüchterung erscheint ihm das Wahnbilden 
dabei noch als eine Schwäche 10 ), er kann sich dessen noch schä- 
men und die Aeusserung seines Wahnes Anderen gegenüber noch 
unterdrücken. Je häufiger er aber den Gedanken reproducirt, desto 
wahrscheinlicher wird er ihm. Wie es überhaupt nach einer ge- 
Hagen, Studien. 5 



ßß Fixe Ideen. 

meinen Erfahrung nur nöthig ist, den Menschen gewisse Sätze recht 
oft ausschliesslich vorzusagen, um sie schliesslich zum Glauben der- 
selben zu bringen, so macht die stete Repetition des Lieblingsge- 
dankens dieselbe Wirkung. Diess um so mehr, wenn in entspre- 
chendem Maasse die mit dem Wahn in Widerspruch stehenden 
Vorstellungen seltener reproducirt werden. Allerdings befestigt 
sich der Wahn dadurch, dass diese Contrastvorstellungen, wie man 
sie zu nennen pflegt, zurücktreten. Aber man darf diesem Um- 
stand keine zu grosse Wichtigkeit beilegen und etwa gar den fixen 
Wahn aus dem (mehr oder weniger zufälligen) durch die Gehirn- 
krankheit bewirkten Auslöschen der entgegengesetzten Vorstellungen 
erklären wollen. Leute , welche sich für Kaiser und Prinzen er- 
klären, haben desshalb noch nicht ihren Namen vergessen, lassen 
sich bei demselben nennen, und gestehen willig zu, dass sie Buch- 
drucker und Metzger sind. Ein soches Auslöschen und Obliteriren 
von Contrastvorstellungen könnte ja an und für sich nur partiellen 
Blödsinn hervorbringen; und andererseits müsste man dann den 
Wahnsinn durch das stete Vorsagen der Wahrheit, durch im- 
merwährendes Wiedereinprägen dessen, was der Patient vergessen 
zu haben scheint, neutralisiren können. Der Wahn selbst wird 
immer die Hauptsache und das Primäre sein ; blassen ihm gegen- 
über die contrastirenden Vorstellungen ab, so wird er allerdings un- 
gestörter wachsen können. 

Er wächst aber nicht blos dadurch, dass er die ihm entgegen- 
stehenden Erinnerungen abschwächt, sondern auch dadurch, dass er 
indifferente verfälscht. Diess kann auf verschiedene Weise ge- 
schehen. Es kann für die jüngste Vergangenheit eine Umsetzung 
der Aufeinanderfolge stattfinden, so dass, was Wirkung war, als 
Ursache erscheint. So behauptete einer unserer Kranken, welcher 
in besonders innigem Verkehr mit Gott zu stehen erklärt, es habe 
einmal, als er während eines Gewitters im Garten war, immer ge- 
rade dann gedonnert und geregnet, wenn er es gerade gewollt; ein 
andermal, es seien morgens die Gaslaternen draussen auf der Strasse 
in dem Augenblick ausgelöscht, wo er daran dachte. Es mag hie- 
bei der Zufall das Meiste gethan haben; gewiss aber wurde auch 
hinterher in der Erinnerung der Gedanke öfters auch an Zeitstellen 
eingeschoben, wo er in der Wirklichkeit nicht stattgefunden hatte. 
Manche Kranke, die Nachts viel plaudern und dadurch Andere 



Fixe Ideen. 



67 



stören, behaupten hartnäckig, durch Andere geweckt und erst da- 
durch unruhig geworden zu sein. In den meisten Fällen ist es 
jedoch die weiter zurückliegende Vergangenheit, welche durch Ein- 
mischung von Wahnideen verfälscht wird, entweder so, dass ge- 
wisse Begebenheiten umgewandelt, im Sinne des Wahnes in einzel- 
nen ihrer Bestandtheile verändert werden oder ganz und gar er- 
dichtete Begebenheiten in sie eingeschoben werden. Eine Taglöh- 
nerin hat viel mit einem Geist zu thun, der oft Stunden, ja ganze 
Nächte lang in sie hineinredet, bald Angenehmes, bald Widerwär- 
tiges, namentlich aber auch sie zu manchen Handlungen, zu Schim- 
pfen und Zuschlagen, auffordert; als mir dieselbe nun einmal ihre 
Lebensgeschichte erzählte, kam sie auch darauf, dass sie einmal 
(aber schon viele Jahre vor ihrer Erkrankung) einen Käselaib ge- 
stohlen und behauptete, nach dem Motive gefragt, diess sei ihr 
schon damals von ihrem Geist befohlen worden. Eine andere weib- 
liche Kranke, welche Misstrauen gegen eine Wärterin hegte , erklärte, 
ihr Bruder habe ihr schon zu Hause gesagt, dass diese (die beide 
vorher gar nicht kannten, die er aber mit Namen genannt haben 
sollte) sie vergiften werde. Ein Metzger, seit 1857 in der Anstalt, 
der vor 30 Jahren längere Zeit in Wien war, will damals schon 
öfters mit seinem »Herrn Bruder« Louis Napoleon zusammenge- 
wesen sein; bei einer dieser Gelegenheiten habe ihm N. anvertraut, 
dass er eine Spanierin heirathen werde. Ein anderer Kranker er- 
zählt, er habe schon als Knabe mit seinem Vater den hiesigen 
Irrenhausbau besprochen, und es mag nun noch in und an der An- 
stalt zugebaut werden was will — von Allem war auch schon im 
älterlichen Hause die Rede gewesen; der Erzherzog Max von Oe- 
sterreich sei schon vor Jahren zu ihm nach Nürnberg gekommen 
und habe ihn nach Mexico engagiren wollen, während der Kranke 
doch in Wirklichkeit schon lange vor dem mexicanischen Handel 
in die Anstalt gekommen ist. So manche Fälle, wo Kranke be- 
haupten, uns schon früher in dieser Eigenschaft da und dort ge- 
sehen und gekannt zu haben und uns den entsprechenden Titel 
und Namen geben, dürften ebenfalls in diese Kategorie gehören 11 ). 

In Fällen dieser Art wird irgend eine Wahrnehmung oder 
eine Begebenheit, die erzählt wird, sofort oder kurze Zeit danach 
für eine schon einmal dagewesene, für eine Erinnerung gehalten, 
entweder in der Art, dass es sich dabei um einen Gedanken, etwa 

5 * 



68 



Fixe Ideen. 



sogar eine Entdeckung, handelt oder um etwas Besonderes, das 
dem Betreffenden widerfahren ist l2 ). Dieser kann es im Gefühl 
seiner eigenen Weisheit nicht vertragen, dass er nicht schon einmal 
im Besitze dieses Wissens gewesen sein soll. Das Neue ist fin- 
den Kranken gewissermassen eine Verneinung seines Wissens, sei- 
nes Selbstgefühles, und muss als solches beseitigt werden. Er 
sucht daher (alles nicht mit bewusster Absicht, etwa um Andere 
zu täuschen, sondern instinctiv) in seiner Erinnerung herum, bis er 
irgend welche Umstände aufgetrieben hat, unter welchen er jene 
Ideen zuerst gehabt oder ausgesprochen oder jene Erfahrung, jene 
Bekanntschaft gemacht haben, bis er gewissermassen ein Nest oder 
einen nestähnlichen Platz gefunden hat, worin ganz gut ein Ei lie- 
gen könnte, das er dann darin als von ihm selbst wirklich gelegt 
in der eingebildeten Erinnerung sieht. Mit der Wiederholung be- 
festigt sich diese wahnhafte Erinnerung dann immer mehr, und ist 
ein Analogon hievon die bekannte Erfahrung, dass alle Lügner zu- 
letzt ihre Lügen selbst glauben; nur mit dem Unterschied, dass 
beim Geisteskranken schon von Anfang eine unbewusste Selbsttäu- 
schung, kein absichtliches Lügen stattfindet. 

Scheinbar etwas ganz Anderes, in Wirklichkeit aber eine ver- 
wandte Erscheinung ist es, wenn der Patient dieses schon früher 
Gedachthaben und Erfahrenhaben nicht sich selbst, sondern Anderen 
zuschreibt, und nicht in die fernere sondern in die unmittelbare 
Vergangenheit verlegt. Die Wahnsinnigen oder Verrückten glauben 
dann, Andere wüssten ihre Gedanken oder hörten dieselben gar. 
Dieses Hören ist offenbar kein wirkliches, sondern nur eine Folge- 
rung. Es ist den Kranken nur so, als ob die Leute ihre Gedanken 
wüssten, und diess wiederum ist nur eine Variation des Pseudo- 
wissens von Dem, was Andere überhaupt • denken , eine Variation, 
welche durch das Gefühl entsteht, beeinträchtigt, beherrscht zu 
werden, nicht entrinnen zu können; woraus dann, zugleich unter 
Missdeutung der Mienen, die Idee sich bildet , als ob Andere da- 
durch über den Kranken Gewalt hätten, dass sie seine Gedanken 
wissen. Indem nun diess sofort als wirkliche Erfahrung genommen 
wird, wird darin eine Bestätigung der Wahnideen gesehen, und so 
ist ein weiteres Element und Bindemittel in dem Truggewebe des 
Wahnsinns fertig. 

In so ferne der Wahn auf die bisher besprochene Weise sich 



Fixe Ideen. 

allnnilicr entwickelt, ist derselbe jedenfalls im Anfang weniger aus- 
gebildet als später. Die ihm augehörigen Vorstellungen stehen an 
Kraft und so zu sagen hinsichtlich des Raumes, welchen sie im 
Bewusstsein einnehmen, noch zurück gegen diejenigen, welche durch 
den Lauf des gewöhnlichen socialen und bürgerlichen Lebens, durch 
Studien u. dgl. erregt werden. Aber mit der Dauer und der Zu- 
nahme der Krankheit kommen sie, wie wir sahen, häufiger und 
schon bei geringen Anlässen. Wenn man früher jene gewöhnlichen, 
dem Stand und den Verhältnissen des Individuums natürlichen Ge- 
danken seine Hauptgedanken nennen konnte, können diese krank- 
haften, deren der Mensch sich anfangs noch schämt und zu erweh- 
ren sucht, als Nebengedanken betrachtet werden , welche mit jenen 
oft zugleich ausgelöst werden, sich wie ein Schatten an dieselben 
hängen. Mitgedanken, Mitvorstellungen hat man sie genannt 13 ). 
Sie sind aber jedenfalls nicht eine Nebensache, sondern die Haupt- 
sache bei der fixen Idee, sie sind diese selbst. Nur sind sie in 
ihrer Embryonalzeit oft noch unscheinbar und stellen sich nur mehr 
als Begleiter dar. Aber durch ihre häufige Wiederholung, und 
indem sie sich allmälig mit immer mehreren psychischen Acten 
verbinden, werden sie zuletzt das Bindemittel für diese und er- 
scheinen als der gemeinschaftliche Hintergrund, auf welchen die- 
selben spielen. Dem Menschen selbst unbewusst durchsetzen sie 
seine gesammte Vorstellungsthätigkeit, geben den Einschlag zum 
Gewebe und bestimmen seine Auffassungsweise und sein Verhalten. 
Auch dafür haben wir Analoga im gewöhnlichen Leben. Wir sind 
unzählige Male in der Lage, während der Ausführung von Hand- 
lungen, welche an und für sich die Aufmerksamkeit schon für sich 
allein in Anspruch zu nehmen scheinen, noch andere Gedanken mit 
uns zu führen, um im Bedürfnissfalle von ihnen Gebrauch zu ma- 
chen, Gedanken, welche an sich keine grosse Lebhaftigkeit haben, 
ja nicht haben dürfen , aber doch stark genug sind , gegebenen 
Falles sich sofort geltend zu machen. Ein Beispiel dieses steten 
Denkens an die Situation oder besondere Umstände der Situation 
ist das Musiciren. Wir denken beim Spielen eines Musikstückes 
nicht blos an die Noten und deren Werth und an das Tempo, 
sondern auch fortwährend an den Tact, namentlich aber an die 
Tonart, so dass wir nicht fehlgreifen, obgleich das # und das b 
keiner Note mehr extra vorgodruckt ist, und obgleich wir fast 



70 



Fixe Ideen. 



keine Zeit zu haben scheinen, bei Sechszehnteln und Zwei und 
Dreissigsteln uns der Tonart allemal erst zu erinnern, uns das # 
und das b neben der Note vorzustellen. Das, was man im Leben 
Tact und Lebensart nennt, besteht hauptsächlich in der Anerziehung 
dieser Mitgedanken, welche in jedem Fall, wo sie zur Anwendung 
zu kommen haben, sich sofort einstellen und so, indem sie zur an- 
deren Natur werden, dem so gewöhnten Menschen einen Vortheil 
vor jenem geben, welcher sich die zweckmässigste Art des Beneh- 
mens in jedem Falle erst aus seinem eigenen Ingenium bilden muss. 
Solche die gesammte psychische Thätigkeit influirende Mit- und 
Nebengedanken nun können auch die durch krankhafte Stimmung 
erzeugten, die Wahngedanken im Anfang sein. Da sie aber, weil 
sie theils Zwangs- theils Lieblingsgedanken sind , sehr oft reprodu- 
cirt werden und eine Menge von Associationen in unserer Seele 
unbewusst vor sich gehen, so beeinflussen sie unsere Gedanken, 
Urtheile und Handlungen , ohne dass wir es wissen. Statt der 
normalen oder unseren wirklichen Interessen entsprechenden Asso- 
ciation entsteht eine durch diesen krankhaften Hintergrund be- 
dingte, und die ganze Vorstellungswelt erscheint nun in dieser Be- 
leuchtung. Allmälig wuchern nun aber die Wahnideen so, dass 
sie, namentlich wenn sie einmal zu einem System vereinigt sind, 
nicht mehr blos im Gefolge von anderen Wahrnehmungen und 
Vorstellungen als deutende und lückenfüllende, sondern als selbst- 
ständige auftreten; das Individuum lebt dann ganz in ihnen und 
sieht in ihnen Inhalt und Aufgabe seines Lebens. Auch gewöhn- 
liche Vorurtheile, Gewohnheit, eigentümliche Neigungen können 
gewisse Lieblingsgedanken fixiren ; aber diese Befangenheit des Ge- 
sunden unterscheidet sich von der des Geisteskranken dadurch, 
dass sie nicht von excessiv krankhafter Stimmung und Selbstem- 
pfindung getragen ist, und dass daher die vorherrschenden Gedan- 
kenkreise nicht den Umfang und die Selbsständigkeit erlangen, um 
die Besonnenheit zu rauben. 

Nachdem wir nun so die Bildungsweise der fixen Ideen bei 
den Verrückten kennen gelernt haben, werden wir uns auch die 
Frage beantworten können, wie es zugehe, dass der Kranke trotz 
aller Collisionen, in welche er durch seinen Wahn mit der Welt 
geräth, trotz der Freiheitsbeschränkung, die er in Folge davon er- 
fährt, dennoch so hartnäckig an ihm festhält, dass er sie fast nie- 



Fixe Ideen. 



71 



mals verläugnet, ja dass er sich im Besitze seiner Idee selbst heiter 
und beruhigt fühlen kann (wiewohl Letzteres nicht so häufig ist als 
man glaubt). Hat die Verrücktheit den melancholischen Charakter, 
wie das in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle in der ersten 
Zeit ihrer Entwicklung der Fall ist, so fühlt sich der Kranke in 
Folge der unheimlichen Gefühle und Sensationen, über welche er 
nicht Herr werden kann, wie einer fremden dunklen Macht preis- 
gegeben. Es entsteht dadurch in ihm ein Gefühl der Haltlosigkeit 
und der Unsicherheit, welches ihn instinctartig treibt, nach einem 
festen Punct zu suchen, an welchem er sich halten und anklammern 
könne. Diese Ergänzung, diese Stärkung und Tröstung findet er 
nur in einer Idee, ganz ähnlich wie auch der Gesunde unter ana- 
logen Umständen. In allen Lagen des Lebens, in welchen wir uns 
gedrückt, beängstigt und rathlos fühlen, hat das plötzliche Be- 
wusstwerden eines klaren Erkennens, dieses mag in Wirklichkeit 
ein wahres oder ein falsches sein, an sich schon eine beruhigende 
Wirkung und das durch jene Lage in uns erregte Gefühl ver- 
liert caeteris puribus oft schon dadurch sehr an seiner Stärke, 
dass das Urtheil über sie an Klarheit gewinnt ; wie umge- 
wendet kein Grauen grösser ist als das vor einer noch unbe- 
stimmten Gefahr. Ist nun vollends oder scheint wenigstens die 
Erkenntniss zugleich die Bestätigung einer Lieblingsidee, gelingt es 
uns, unsere Lage aus ihr zu erklären , so fühlen wir uns schon 
sicherer; wir sind orientirt; wir haben nun den Instinct, dass 
wir an dem rechten Gedanken auch eine Waffe und einen Schild 
haben uns zu behaupten. So nun auch beim Verrückten in seiner 
so eben geschilderten Lage. Indem ihm diese, in der ihm bisher 
Alles dunkel, unheimlich, grauenhaft erschien, durch die gefasste 
Wahnidee plötzlich wie durch einen Blitz erhellt erscheint, sieht er 
in seinen Empfindungen , Gefühlen und Erlebnissen nicht allein 
einen Zusammenhang überhaupt, sondern den einzig möglichen und 
wirklichen Zusammenhang, und Alles hat jetzt erst einen Sinn. 
Es ist hienach wohl erklärlich, dass der Kranke, auch nachdem die 
Aufregung, in welcher er den Wahngedanken erzeugt hat, vorüber 
ist, doch nicht so schnell wieder von ihm zu lassen geneigt ist. 
Es kommt aber dazu noch ein Anderes. Ist uns etwas Widerwär- 
tiges zugestossen, oder finden wir uns überhaupt in unserer Lage 
unglücklich, so unterlassen wir es nur gar zu oft die Ursache des 



72 



Fixe Ideen. 



Ungemaches da zu suchen, wo sie zu suchen wäre, nämlich in un- 
serer Unbesonnenheit, Thorheit oder wenigstens Eigenheit, son- 
dern schieben gar zu gerne die Schuld auf Andere oder auf das 
Geschick; wenn nur der X oder Y andere Leute wären, oder wenn 
sich nicht zufällig Diess oder Jenes ereignet hätte, dann wäre Alles 
in der Ordnung. So kann sich ohne alle Krankheit der Wahn 
ausbilden, dass die Missgunst, welche man erfährt, nur Ausfluss 
eines feindseligen Princips oder Systems sei; eine Annahme, welche 
nicht a priori widersinnig, weil nicht überhaupt unmöglich, ist, 
welche aber eben in dem betreffenden Falle auf Täuschung beruht. 
In viel höherem Grade macht sich diess bei der Geisteskrankheit 
geltend, wenn dieselbe chronisch, zur Verrücktheit wird. Vermöge 
einer Art Naturheilkraft erwacht hier der Selbsterhaltungstrieb, 
welcher nun nicht mehr, wie in der Melancholie, die Ideen von 
Selbsterniedrigung und Selbstverdammung zulässt; der Kranke er- 
geht sich daher immer nur in Ideen der Beeinträchtigung von 
aussen; es entsteht der Verfolgungswahn, wobei das Individuum 
oft schon befriedigt ist, wenn es sich die Feindseligkeiten, welchen 
es ausgesetzt ist, nur recht lebhaft denken und systematisirt vor- 
stellen kann, meistens aber einzelne Personen besonders heraushebt, 
denen es heillose Absichten und Motive unterschiebt. 

Die organisch - psychische (nicht moralische) Selbstsucht, in 
Folge deren der Kranke wegen der Aufdringlichkeit seiner Gefühle 
Alles auf sich beziehen muss, und welche sich in der melancholi- 
schen Abart der Verrücktheit in der eben geschilderten Weise 
äussert, gestaltet sich in der expansiven Art derselben natürlich in 
entgegengesetzter Weise. Das kitzelnde Wohlgefühl, welches den 
Kranken erfüllt und die bedeutungsvollen Beziehungen, welche der- 
selbe in den Mienen und Reden Anderer sowie in den gewöhnlich- 
sten Begebenheiten auf sich selbst findet, haben die Idee in ihm 
erregt und genährt, dass er eine bedeutende Persönlichkeit sein 
müsse. Durch was, ist dabei ziemlich zufällig, und richtet sich 
nach der natürlichen Sinnesart des Individuums. Hat dasselbe 
Neigung zum Denken und Grübeln und erscheint ihm in Folge der 
Krankheit sein eigenes Denken immerfort als wichtig und imposant, 
so wird er sich für einen grossen Weisen, Propheten u. dgl. halten ; 
in anderen Fällen, wo mehr die Sehnsucht nach dem Besitz irdi- 
scher Güter vorwaltet, gestaltet sich der Wahn, eine bedeutende 



Fixe Ideen. 73 

Persönlichkeit zu sein, in der Weise, dass man es sei durch hohe Geburt, 
Rang, Macht, Keichthum. Alles Das wird zwar dem Individuum 
nur zu verstehen gegeben oder es beruft sich auf eine Eingebung 
oder eine angebliche frühere Erfahrung, und die Sache ist zwar 
gewiss, ja wir wissen selbst davon, aber doch ist sie noch verhüllt und 
zwar durch die objective Wirklichkeit, die aber im Sinne des Kran- 
ken die scheinbare ist, während sein Wahn nach seiner Meinung 
die eigentliche Wirklichkeit ausdrückt, weil er als der allein wür- 
dige, entsprechende und mögliche Ausdruck für den Inbegriff neuer 
Verhältnisse gilt, die jetzt die Summe der Existenz des Kranken 
bilden. Daher vermag die mit seinem Irrthum selbst in schreiend- 
stem Widerspruch stehende Wirklichkeit denselben nicht zu ent- 
kräften. Vielmehr hat er sich, wenn er einmal grossgewachsen 
ist, so mit dem den Krankon beherrschenden Wohlgefühl verbun- 
den, dass dieses demselben als die natürliche Folge seines Gedan- 
kens oder vielmehr des Sachverhaltes, welchen dieser ausdrückt, 
erscheint. Und da jenes Wohl- und Glücksgefühl mit seinem ge- 
saramten Daseins- und Lebensgefühl eine unzertrennliche Verbin- 
dung eingegangen hat, so ist es ihm, ohne sich selbst seinen inner- 
sten Lebensnerv abzuschneiden, unmöglich den Gedanken aufzu- 
geben. Er würde dadurch in ein bodenloses Nichts versinken, er 
kann ihn nicht fahren lassen, auch wenn er wollte; seine Idee 
muss wahr sein, so wahr er lebt, weil er eben sonst nicht leben 
könnte. Da ihm nun überdiess, wie wir sahen, falsche Thatsachen 
als vollgültige Beweise gelten, so wird es wohl einigermassen be- 
greiflich geworden sein, warum selbst die gewandteste Dialektik 
den Kranken seinen Wahn nicht auszureden im Stande ist 14 ). 

Beiderlei Arten von Wahnsinn oder Verrücktheit, die mehr 
leidenden und die beglückten können auf einander folgen, und es 
ist möglich, dass zuweilen schon während der ersten die zweite 
sich im Geheimen entwickelt. Oft sind sie aber auch überhaupt 
und während der ganzen Dauer der Störung mit einander gemischt 
oder wechseln mit einander ab. So bei jenem fixen Wahn, wo die 
Kranken glatibcn, dass Alles ihnen gehöre, dass sie ein Röcht des 
Befehles hätten, und sie daher höchlich beleidigt sind, wenn etwas 
vorgenommen wird, ohne dass sie vorher davon gewusst haben oder 
danach gefragt worden sind. Dann ist es aber überhaupt vielleicht 
eine Seltenheit, dass das vom fixen Wahn befallene Individuum ein 



74 



Fixe Ideen. 



vollkommen seliges Gefühl der Befriedigung hat (mit Ausnahme 
der paralytischen Wahnsinnigen). Es erwartet vielmehr meistens 
eine Zukunft, künftige Anerkennung, künftige Erbschaft u. s. f., 
womit immer zugleich mehr oder weniger Unmuth über die der- 
malige Beeinträchtigung verbunden ist. Damit ist nicht gesagt, 
dass der Kranke etwa noch zweifelte; sein Recht, sein ihm gebüh- 
render Rang u. s. f. sind ihm an und für sich ganz gewisse Dinge, 
in deren Ausmalung er seine Phantasie sich ergehen lässt; aber er 
ist keineswegs so völlig verblendet, dass er bereits in actuellem 
Besit» und in wirklichem Genuss zu sein glaubte, sondern diese 
Dinge sollen erst, werden aber ganz bestimmt noch kommen. Bei 
manchen Kranken sind endlich auch ihre widrigen Sensationen 
selbst für sie mit einem gewissen Reiz verbunden; Verrückte, wel- 
chen angeblich solche Empfindungen von aussen her gemacht wer- 
den, verrathen bei ihrem Sprechen davon oft durch ein schmunzeln- 
des Lächeln, dass ihnen dieses Leiden und diese geheime Einwir- 
kung selbst innerliche Freude macht, weil es ihnen den Gedan- 
ken einer gewissen Wichtigkeit und insoferne Bevorzugung erregt. 
Noch erinnere ich mich eines hauptsächlich an theosophischer Ver- 
rücktkeit leidenden Kranken, welcher an Wassersucht starb; in 
den letzten Tagen hatte er wegen der Wasseransammlung in der 
Brusthöhle häufige Athembeklemmungen und auch Schmerzen, 
welche ihn zum Fussstarapfen und Schreien nöthigteu ; er erklärte 
diese Schmerzen für dämonisch und magnetisch, lächelte aber dabei 
zugleich sehr selbstzufrieden und mit der Miene der Schlauheit über 
diese Entdeckung. 

Unter allen Umständen aber ist es dem Verrückten mit sei- 
nen Ideen voller Ernst; und weil ihm Alles an der Zusammen- 
stimmung seiner Wünsche mit seinem Denken und an der Wirk- 
lichkeit seiner Aufstellungen liegt, so kann er, namentlich wenn 
der Wahn beglückender Natur ist, selbst wenn es sein baarster 
Vortheil wäre, es fast niemals über sich gewinnen, denselben zu ver- 
schweigen oder zu verläugnen, und es ist daher im Ganzen ein 
seltenes Vorkommniss, dass der Arzt bei partiell Verrückten dieser 
Art erheuchelte Geistesgesundheit und absichtliches Zurückhalten 
der fixen Idee angewöhnen muss. 



Anmerkungen und Zusätze. 



1) Aus diesem Grunde erscheint es bedenklich, die fixen Wahn- 
ideen, wie es wohl zuweilen zu geschehen pflegt, mit »Zwangsvorstellun- 
gen« synonym zu gebrauchen. Soferne ein Individuum, welches fixe 
Ideen hat, nicht als frei betrachtet werden kann, sind dieselben aller- 
dings als ihm aufgenöthigte anzusehen, allein der Ausdruck »Zwangs- 
vorstellung« schliesst nicht den Wahn in sich, ausser secundär, wenn 
der Kranke das Gefühl, dass er nicht über seine Gedanken Herr ist, 
sich übersetzt in die Einwirkung eines dämonischen Wesens, einer frem- 
den Persönlichkeit, welche ihm die Gedanken machen. Das Denken- 
müssen gehört an und für sich , eben so wie das Thunmüssen , als eine 
Beschaffenheit unserer Willensrichtung zum Kapitel der Narrheit. Ich 
hätte gleichwohl nichts dagegen, den Terminus als generelle Bezeich- 
nung für solche Ideen anzuwenden, welche dem Individuum durch die 
Wirkung der Krankheit aufgezwungen werden, wobei dann die wahn- 
haften Ideen eine Unterart bilden würden. Man müsste aber über- 
einkommen , darunter eben nur krankhafte Ideen zu verstehen , damit 
nicht auch solche Ideen, zu denen auch ein Gesunder immer wieder hinge- 
zogen wird, damit bezeichnet werden können. Dann sagt mir aber auch 
ein gewisses Sprachgefühl, dass es gut wäre, das Wort zu beschränken 
auf gewisse Wahnvorstellungen Melancholischer, welche von diesen 
stereotyp und monoton geäussert werden, so dass man fast kein anderes 
Wort mit ihnen reden kann, und dann auch bei solchen Kranken, denen 
das Denken- und Vernehmenmüssen eine Pein ist. Dagegen widersteht 
es , den heiteren Höhenwahn von grossem Besitz , Ehren , Weisheit und 
dergl. mit demselben Namen zu belegen. 

2) Diese Gründe gelten auch gegen die Bestrebungen, die Lehre 
von den Seelenkrankheiten auf die Principien der Phrenologie zu stützen. 
Wer nur einige Zeit sich mit Beobachtung und Behandlung von Geistes- 
kranken befasst hat, kommt schon bald zu der Einsicht, dass er mit 
jener Lehre nichts anfangen kann, wesshalb denn meines Wissens kein 
namhafter Irrenarzt Phrenolog gewesen ist. 

3) Um diesen für die Erklärung der Erfahrungsfälschung so 
wichtigen Vorgang, die unzertrennliche Vermischung der Wahrnehmung 



76 Fixe Ideen. 

und der hinzugedachten Ursache, noch mehr zn beleuchten, führe ich 
noch einige Beispiele an. Wir hören Pferdegetrappel oder das Schlagen 
der Glocken und nehmen dabei unwillkührlich an , die Vorstellung des 
Pferdes und der Glocke liegen schon in der Gehörempfindung, und doch 
beweisen die Locktöne des Jägers, die täuschende Nachahmung von 
Thierstimmen oder auch von fremder Menschenrede, dann das Bauch- 
reden (D robisch, Psychologie, S. 127. 129) wie sehr wir uns hierin 
täuschen können. Wir sehen und hören eine Person auf dem Theater 
ein Lied zur Guitarre singen und können glauben, es sei wirklich so, 
während die Guitarre im Orchester gespielt und das Lied hinter den 
Coulissen vorgetragen wird, und glauben ein schreiendes Kind zu hören, 
während es doch nur eine Katze war (Meyer, Vortrag über Sinnes- 
täuschungen. Berlin 1866. S. 10 u. 11). Wer sich durch irgend etwas 
eine Entzündung der Bindehaut des Auges zugezogen hat, hat genau 
dieselbe Empfindung, wie wenn ihm ein kleiner fremder Körper ins Auge 
gerathen wäre. Derjenige, welcher noch keine Erfahrung hievon hat, 
lässt es aber nicht bei diesem Vergleich, sondern geht sofort unwill- 
kührlich in der Vorstellung weiter, und glaubt das als Ursache des 
Schmerzes vorgestellte Sandkorn auch wirklich, in einer gewissen Grösse 
und Gestalt, im Auge zu fühlen. Lange kann der Hypochonder er- 
klären, dass es ihm sei, als ob Mäuse in seinem Leib herumsprängen, 
als ob man ihm Drath durch den Kopf zöge; in dem Augenblick, 
wo er ein melancholisch Verrückter wird, behauptet er wirklich, Mäuse 
im Leib und Dräthe im Kopf zu haben. (Ein Beispiel hievon s. bei 
Krauss, der Sinn im Wahnsinn, allg. Zeitschr. für Psychiatrie. Bd. XVI. 
S, 32 •). 

4) Man vergleiche hierüber die vortrefflichen Ausführungen von 
Lotze in dessen Mikrokosmus. Erster Band (erste Auflage) S. 264 ff. 
und II. Bd. S. 178—185. Ich will nur ein paar Stellen davon ausheben. 
»Man wird vor Allem sich entwöhnen müssen, die Gefühle als Neben- 
ereignisse zu nehmen, die im Verlauf der inneren Zustände zuweilen 
eintreten, während der grössere Theil der letzteren in einer Reihe leid- 
und lustloser Veränderungen bestände. Ausser der völligen Ruhe wür- 
den wir uns keinen Zustand denken können, der nicht mit den eigenen 
Entwicklungsbedingungcn der Seele entweder übereinstimmte oder in 



*) Indem ich diess zum Druck gebe , kommt mir noch die Ab- 
handlung von Freese »Zur Theorie der Gefühle« im ersten Doppelheft 
des Bd. XXVll. der allg. Zeitschrift für Psychiatrie zu, woselbst S. 64 
und 67 diese »Versuche organischer Empfindungen durch Vergleichungen 
und Vermuthungen genetisch an irgend einen anderen Gegenstand oder 
an Bewegungen eines solchen zu knüpfen« ebenfalls besprochen sind. 



Fixe Ideen. 



77 



irgend einer Weise ihnen zuwider wäre. Welche Erregung daher die 
Seele auch immer erfahren mag, von jeder werden wir einen Eindruck 
der Lust oder Unlust erwarten müssen , und eine genauere Selbst- 
beobachtung , soweit sie die verblassten Farben dieser Eindrücke zu 
erkennen vermag, bestätigt diese Vermuthung, indem sie keine Aeusser- 
ung unserer geistigen Thätigkeit findet, die nicht von irgend einem 
Gefühle begleitet wäre. Verblasst sind jene Farben allerdings in dem 
entwickelten Gemüth vor dem übermächtigen Interesse, das wir einzelnen 
Zwecken unserer persönlichen Bestrebungen zuwenden, und nur eine 
absichtliche Aufmerksamkeit findet sie wieder auf, ebenso wie unsere 
mikroskopische Beobachtung die regelmässige Bildung unscheinbarer 
Gegenstände , über die unser Blick gewöhnlich unachtsam hinwegsieht. 
Jeder einfachen sinnlichen Empfindung, jeder Farbe, jedem Ton ent- 
spricht ursprünglich |ein eigener Grad der Lust oder Unlust; aber ge- 
wöhnt, diese Eindrücke nur in ihrer Bedeutung als Merkmale der Gegen- 
stände aufzufassen , deren Sinn und Begriff uns wichtig ist , bemerken 
wir den Werth des Einfachen nur dann noch, wenn wir mit gesammelter 
Aufmerksamkeit uns in seinen Inhalt vertiefen. Jede Form der Zu- 
sammensetzung des Mannichfaltigen erregt neben ihrer Wahrnehmung 
in uns einen leisen Eindruck ihres Uebereinstimmens mit den Gewohn- 
heiten unserer eigenen Entwicklung, und diese oft unklaren Gefühle 
sind es, welche für jedes einzelne Gemüth jedem einzelnen Gegenstand 
seine besondere Färbung geben, so dass er mit demselben Thatbestand 
der Merkmale für alle, doch für jeden von uns ein anderer scheint. 
Aber selbst die einfachsten und scheinbar trockensten Gefühle des 
Denkens sind nie von diesem nebenhergehenden Gefühle ganz entblösst ; 
wir fassen den Begriff der Einheit nicht, ohne zugleich ein Glück der 
Befriedigung zu geniessen, das sein Inhalt einschliesst, den des Gegen- 
satzes nicht, ohne zugleich die Unlust der Feindseligkeit mit zu em- 
pfinden, Ruhe, Bewegung und Gleichgewicht beobachten wir weder an 
den Dingen, noch entwickeln wir uns ihre Vorstellungen, ohne uns mit 
unserer ganzen Lebendigkeit in sie hinein zu versetzen und den Grad 
und die Art der Förderung oder der Hemmung mitzufühlen, die für 
uns aus ihnen hervorgehen könnte.« Dann : 

»Wie widerwärtig auch immer, und am nächsten an thierisches 
Leben erinnernd uns die besondere Ausbildung des Geschmacksinnes 
vorkommen mag , so ist doch wajir, dass selbst in der vollkommensten 
Schwelgerei nicht blos die Lust des Gaumens als eine wohlthuende 
Anregung unseres Leibes gesucht wird, sondern dass die prüfende Zunge 
in dem Geschmacke der Speisen -ein ihnen eigenthümliches Verdienst 
anerkennt, dessen annehmliche Nebenaffecte sie sich freilich gerne ge- 
fallen lässt. Nur das Thier frisst und säuft; d. h. es verwendet die 
äusseren Mittel lediglich zur Tilgung eines unlusterzeugenden Bediuf- 



78 



Fixe Ideen. 



nisses oder zur Herbeiführung einer egoistischen Empfindungslust; es 
verweilt nicht bei diesen Mitteln , sondern beeilt sich, dieselben zu con- 
suuiiren; es vertieft sich in keiner Weise beobachtend, kostend und 
überlegend in die Natur derselben; es kennt sie eben nur als Mittel 
für seinen Nutzen. Der essende und trinkende Mensch kann es dagegen 
nicht lassen, die Süsse als die eigene Freundlichkeit der Dinge freund- 
lich anzunehmen, ihre Herbigkeit als ihre eigene innere charakteristische 
Bosheit zu fassen; er kann in Rührung gerathen über die innere Vor- 
trefflichkeit der Naturstoffe, zu der sein Geschmacksinn ihm nur den 
Zugang zeigt. Nicht dass es ihm auf seinen eigenen Genuss ankäme; 
es gibt nur kein anderes Mittel , dieses Gute der Dinge anzuerkennen 
und dahinter zu kommen , als ihren sinnlichen Genuss. Schon in der 
zweideutigen Vorliebe der menschlichen Sinnlichkeit für die flüssige 
Form der Geschmackreize zeigt sich ihre Befreiung von dem gröbsten 
Interesse ihres körperlichen Wohles; noch deutlicher lässt das Gefallen 
an Wohlgerüchen diese Neigung zum Versenken in eine objective Lieb- 
lichkeit des Materiellen hervortreten. Das Thier scheint diese Neigung 
nicht zu theilen; wie kräftig auch der Geruchsinn einzelner Klassen 
zum Dienst ihrer Lebenszwecke entwickelt ist, so finden wir doch nirgends 
ein bestimmtes Beispiel eines Wohlgefallens, das mit dem Duft der 
Dinge zufrieden wäre. Die menschliche Cultur dagegen umgibt sich 
mit ihm schon bei ihrem Beginne, zuerst in feierlichen Augenblicken 
religiöser Stimmung, bald auch zur Verschönerung des täglichen Lebens. 
Auf der unbedeutenden Grösse der sinnlichen Lust, die so erzeugt wird, 
kann diese Gewohnheit nicht beruhen ; sie wird bedeutsam erst durch 
die Phantasie der menschlichen Sinnlichkeit , die sich in eine andere 
Atmosphäre des Daseins nicht versetzt, ohne neben der Lust, welche 
sie erfährt, den eigenen inneren Werth derselben ahnungsvoll anzu- 
erkennen. Solion wir hinzufügen, dass auch die Empfindungsinhalte 
der übrigen Sinne, dass selbst Wärme und Kälte weder blos als gleich- 
zeitig Verschiedenes, noch blos als lust- und schmerzerregende Kräfte 
von uns aufgefasst werden ; dass wir vielmehr auch in ihnen eine eigene 
unabhängige Schönheit oder Hässlichkeit finden, deren Vortheil und 
Nachtheil nur nebenbei uns zufällt? 

Sollen wir endlich zu den höheren Sinnen zurückkehrend erinnern, 
wie im Klang und der Farbe fast jede Spur egoistischen Interesses aus- 
gelöscht ist, und wir uns völlig der Anschauung einer auf sich beruhen- 
den Trefflichkeit hingeben? So gross ist der eigene Werth dieser Ein- 
drücke, dass bei aller übrigen Armuth des Lebens wir doch immer dem 
gütigen Schicksal zu danken hätten, das Tag für Tag diese schöne 
Welt vor unseren Sinnen aufthat und uns gestattete, in die lebendige 
ahnungsvolle Tiefe der Farben, der Töne und Düfte niederzutauchen.« 

5) Diess ist auch schon bei den Bewegungen überhaupt der Fall. 



Fixe Ideen. 



79 



Zenker (in Königslutter) hebt in seiner Abhandlung über Dysphagieen 
bei Geisteskranken (allg. Zeitschr. f. Psychiatrie Bd. XXVI. S. 484), 
hervor, »dass jeder vom ganzen Körper oder von einzelnen Gliedern 
auszuführenden Bewegung die Sorge um den Unterstützungspunct für 
die beabsichtigte Kraftäusserung vorausgehen muss , dass zu dem Ende 
entsprechende Positionen eingenommen und die bewegten Glieder fixirt 
werden. Da nun eine während des Ablaufes der Bewegung eintretende 
Verrückung des Unterstützungspunctes auf der Stelle Unsicherheit, Be- 
einträchtigung der gewollten Bewegung, selbst Vereitelung des Zweckes 
hervorruft, so ist umgekehrt sobald Unsicherheit und Störung einer 
Bewegung Platz greift, die erste Frage nach dem Unterstützungspunct, 
das erste Bestreben, ihn zu sichern.« Die Paralytischen haben mit dem 
Bewusstsein der Unsicherheit der ausgeführten Bewegungen das Gefühl 
des fehlenden Festen, sie greifen und tasten nach diesem umher, und 
so entstehen Mitbewegungen. 

6) Vgl. über die instinctive Erkenntniss als Gefühl, als aus un- 
bewussten Processen sich entwickelndes Resultat, das bloss als Resultat 
zum Bewusstsein komme, Wundt's Vorlesungen über Menschen und 
Thierseele. Zweiter Band, Leipzig 1863. 43. und 49. Vorlesung. — So 
geschieht denn auch die erste Bildung der Wahnideen aus dem Gefühl 
heraus im Unbewussten (desshalb aber doch sehon Psychischen) ; in dem 
Augenblick, wo Vorstellung und Gedanken entstanden ist, wird uns 
das Ergebniss erst bewusst ; wir sehen diess am ängstlichen Traum. 
Alles, was nun folgt, so besonders die Rückwirkung des Gedankens 
auf die Gefühle, bleibt uns allein im Bewusstsein, und wir halten nun 
den letzten Vorgang für den einzigen und ursprünglichen , während er 
in der That der secundäre ist. 

7) Die Phantasie dürfte überhaupt in der psychologischen Er- 
klärung der Geisteskrankheiten wieder mehr berücksichtigt werden, als es 
eine Zeit lang , zum Theil unter dem Einflüsse einer gewissen Philo- 
sophie, zum Theil aus einer eigenthümlichen Furcht, dadurch selbst als 
zu phantastisch zu erscheinen, geschehen ist. Früher hat ihr besonders 
Ideler (namentlich in: »der Wahnsinn, Bremen 1848) ihr Recht wider- 
fahren lassen. Es lassen sich auch manche Analogieen zwischen den 
Phantasiegebilden der Kunst und des Wahnsinnes nachweisen, und 
gewiss wird Jedermann leicht die Aehnlichkeit finden, wenn er z. B. 
folgende Stelle aus Vis eher' s Aesthetik II, S. 341 liest: »Wird aber 
der Stoff, die Fabel auch vermeintlich ganz ersonnen, so wird bei 
genauerer Selbstprüfung der Dichter immer finden, dass die einzelnen 
Personen, Scenen, Bilder, die er auf der Grundlage der Anschauung 
gebildet hat und nur einzuflechten meint, es vielmehr sind, die den 
Gedanken der Fabel durch Entfaltung der in ihm liegenden Keime in 
ihm weckten. Ein Maler, ein Dichter sieht eine Gestalt, eine Scene 



80 



Fixe Ideen. 



daran schiesst ihm , wie an einem Magnet seine innere Welt an , er 
erneuert den unscheinbaren Keim des Kunstwerkes, aber der Keim, der 
Magnet war gegeben.« 

8) Ich will^hiemit nicht gesagt haben, dass ich nicht allerdings dar- 
über schon gewisse Gedanken habe. Aber sie sind noch nicht so nach allen 
Seiten gereift, dass ich sie schon öffentlich aussprechen möchte, und 
man darf nicht Alles auf einmal erklären wollen , wenn man nicht 
Gefahr laufen will , auch das wirklich Gewonnene wieder aufs Spiel 
zu setzen. 

9) Um die Würdigung dieser Sensationen in Hinsicht auf die 
Entstehung des Wahnsinns hat sich (allerdings in einer von der meini- 
gen etwas abweichenden Auffassungsweise) besonders verdient gemacht 
Schuele durch seine Schrift : Die Dysphrenia neuralgica. Carlsruhe 1867, 
deren Resultate er später noch einmal übersichtlich zusammenstellte in 
der allg. Zeitschr. f. Psychiatrie Bd. XXIV. S. 689. 

10) Wie einen solchen Fall T u k e in Bucknill and Tulce's Manual 
of psychological Medicine. London 1862, S. 178 erzählt. 

11) Weitere Beispiele für die symbolische Umdeutung aller Er- 
lebnisse s. bei Sander, über originäre Verrücktheit in Griesingers 
Archiv für Psychiatrie, I.Band, 1868, S. 387; für das rückläufige Er- 
finden .von Begebenheiten Brierre de Boismont, den Hallucinations. 3e. 
edition. Paris 1862. Obs. 30. p. 91. 

12) Zur Erklärung solcher Fälle wurde auch (Jensen) ein 
Doppelbewusstsein angenommen, und die Duplicität der Hirnhemisphä- 
ren dafür in Anspruch genommen. Nun möchte ich zwar einige der- 
selben sowie diejenigen, welche Huppert in der allgemeinen Zeitschrift 
für Psychiatrie Bd. XXVI, S. 529 ff. von Doppelwahrnehmungen und 
Doppeldenken berichtet, ebenfalls mitletzterem auf eine Incongruenz 
beider Hemisphären, sowie er S. 543 diesen Gedanken formulirt, beziehen, 
aber nicht diejenigen, von welchen ich vorn im Texte gesprochen habe. 
Es ist hier zuweilen der Schein einer Erinnerung vorhanden, wo es 
sich in Wirklichkeit gar nicht um eine Erinnerung handelt. Es liegt 
vielmehr schon in dem Act des betreffenden gegenwärtigen Vorstellens 
selbst etwas, was ein Wiedererkennen ausdrückt; dem Wahrnehmen 
ist schon während seines Geschehens die Signatur des Wiedererkennens 
aufgedrückt, weil das Individuum das Gefühl des Bestätigens, Aner- 
kennens dabei hat, welches sich in verschiedener Weise äussern kann. 
Betrifft es lediglich eigene Gedanken, so verknüpft sich mit jedem oder 
vielen derselben auch der von deren untrüglicher Wahrheit , ihrer 
grossen Bedeutung und in Folge der Selbstliebe, zugleich der der Neu- 
heit. Wird der Gedanke hingegen von einem Anderen geäussert, eine 
interessante Beobachtung erzählt u. s. f., so regt sich in dem Kranken 
das Gefühl, dass er das nicht so hinnehmen könne, ohne sich auch 



Fixe Ideen. 



81 



einen activen Antheil daran zu vindiciren; es kommt ihm gewisser- 
massen als eine Beeinträchtigung vor, dass Jemanden eine Ehre von 
etwas zufallen soll, ohne dass er auch ein Stück davon hat. Wo er 
daher nothgedrungen einem Anderen die Ehre geben muss, etwas erlebt, 
gethan zu haben, travestirt er sich sein Anerkennen dahin, dass das- 
selbe seinerseits eine Erinnerung ist, d. h. er behauptet, es ist schon 
einmal dagewesen. 

13) Griesinger im Archiv für Heilkunde 1866 S. 345. 357. 
Griesinger legte sich diese Mitempfindungen und Mitvorstellungen als 
Ausbreitung von Erschütterungskreisen der Empfindungen auf ganz 
entfernte Vorstellungsfelder im Gehirn aus. 

14) Wie ich im Verlaufe meiner Darstellung schon öfter die 
krankhaften Vorgänge durch Analogieen aus dem gesunden Leben zu 
erläutern suchte , so will ich zum Schlüsse noch eine solche Verwandt- 
schaft der Wahnbildung erörtern , welche von Interesse für den theolo- 
gischen Theil meiner Leser sein wird. In dem Leben jedes Menschen, 
dessen geistiges Leben kräftig angelegt ist und in dem der Wahrheits- 
trieb mächtig ist , kann es zu einer Periode kommen , wo er sein wirk- 
liches Sein im schmerzlichen Widerspruch mit dem findet, was es sein 
könnte. Unbefriedigt sowohl von dem , was er bisher für Genuss ge- 
halten hat als von dem, was er leistet, findet er zuletzt, dass er durch 
und durch ein Anderer werden, dass ein anderer Geist ihn durchdringen 
muss. Wenn dieser geistige Entwicklungsprocess, der zur Umwandlung 
des Menschen führt, im Sinne der Religion und unter Beziehung aul 
einen göttlichen Einfluss stattfindet, so nennt ihn die Kirche Wieder- 
geburt. 

Indem ich die Vorstellung von diesem Geschehen mit den psychi- 
schen Krankheiten in Verbindung bringe, ist es, da diess noch nie 
geschehen ist, wohl kaum anders möglich, als dass dabei der Eindruck 
des Ungewohnten und Seltsamen entsteht. Und zwar nach zwei Seiten 
hin, indem es sowohl den Theologen als den Medicinern scheinen könnte, 
als ob hier in ganz ungehöriger Weise versucht werden wollte, hetero- 
gene Gebiete zu vermischen. Dass dem aber nicht so ist, sondern dass 
gerade diese Frage mit dazu dienen wird, die Gebiete dieser Wissen- 
schaften scharf von einander abzugränzen, ohne eine derselben in ihrem 
Rechte zu verkürzen, das hoffe ich sofort zu zeigen. 

Die Kirche versteht unter Wiedergeburt eine Umwandlung des 
inneren Menschen, durch welche er in ein anderes, innigeres und leben- 
digeres Verhältniss zu Gott tritt. Ihre Vorbedingungen sind die Busse, 
die Bekehrung und der Glaube, ihre Wirkungen die Rechtfertigung 
und die Heiligung, und die Gesammtheit dieser Zustände kommt dem 
Snbject zum Bewusstsein, wenn sich dieses auch von der Art, wie sie 
Hagen, Studien. 



82 



Fixe Ideen. 



zu Stande komme, als von einem Mysterium, eine deutliche Vorstellung 
nicht machen kann. Damit nun dieses Alles vor sich gehen kann, ist 
erstens überhaupt ein Subject erforderlich, in welchem es geschieht, 
und zweitens ein Subject mit bestimmten Kräften und Vermögen. Denn 
da es eine Heiligung, eine Bekehrung an und für sich, gewissermassen 
abstract, ohne einen Menschen, welcher bereut, wel che r glaubt, 
nicht geben kann, so muss der Mensch dieser Zustände , wenn er in sie 
versetzt werden soll, überhaupt fähig sein, er wird nur in sie treten 
können, sofern gewisse Vermögen und Kräfte, die ihm von Natur zu- 
kommen, in Wirksamkeit gesetzt werden. Ich will die Summe dieser 
Voraussetzungen , ohne welche das ganze subjective von Statten gehen, 
nicht blos bei der Wiedergeburt, sondern bei der Religion überhaupt, 
nicht gedacht werden kann, die anthropologische Grundlage 
desselben nennen. 

Ist nun diese einmal vorhanden , so müssen nach allgemeinen 
psychologischen und physiologischen Gesetzen , welche unter allen Um- 
ständen ihre Geltung behalten müssen, die zu ihr gehörigen Vermögen 
durch alle Anlässe, welche mit ihnen eine Verwandtschaft haben, ihnen 
adäquat sind, also nicht etwa nur durch eine, in Thätigkeit gesetzt 
werden können. Andererseits vermag der kräftigste äussere Anreiz den 
Erfolg, den man sonst von ihm gewöhnt ist, nicht hervorzurufen, wenn 
die Fähigkeit, welche ihm zu antworten hätte, abgestumpft oder er- 
loschen ist. Ich will diess durch ein paar Beispiele erläutern. 

So sehr auch die Kirche von ihrem Standpuncte aus im Rechte 
sein mag, wenn sie den Glauben als eine Wirkung der göttlichen Gnade 
bezeichnet, so wird doch auch Niemand zu läugnen im Stande sein, 
dass der Glaube überhaupt, auch der religiöse, spontan und von selbst 
durch die natürliche Entwicklung des Menschen in diesem zu Stande 
kommen könne. Die vor -christlichen und die nicht - christlichen Reli- 
gionen sowie die mannichfaltigen Arten des Aberglaubens beweisen 
diess zur Genüge. Wo diese allgemeine Glaubensfähigkeit nicht vor- 
handen ist, da kann auch der Glaube im Sinne des Dogmas keinen 
Boden finden, es ist kein Gefäss da, in das er sich ergiessen könnte. 
Das beweisen die psychischen Krankheiten. Ein Melancholischer, der 
an seinem Seelenheil verzweifelt, kann nicht glauben, und so lange 
er in diesem Zustande ist, ist alle geistliche Zuspräche, sind alle Mittel 
der Heilsordnung vergeblich. Und wenn Dr. Guggenbühl erzählt, dass 
seine Cretinen auf dem Abendberge beim Anblick der von der aufgehen- 
den Sonne beschienenen Jungfrau von Gottesgedanken ergriffen und 
zur Anbetung hingerissen wurden — wer Cretinen kennt, wusste von 
jeher, was er davon zu halten hatte. 

So ist es auch mit der Bekehrung. Dass allmählich oder 
plötzlich durch einen erschütternden Eindruck oder durch eine gefundene 



Fixe Ideen. 



83 



Wahrheit eine Umwandlung der ganzen Lebensanschauung eines Men- 
schen eintreten kann, auch ohne dass ein religiöses Moment im Spiele 
ist, wer möchte das bezweifeln? Kann nicht auch irgend ein In- 
differentist oder ein Atheist durch irgend eine Enttäuschung oder durch 
die Resultate seines Denkens , zu einer völligen Umänderung seiner 
Grundsätze, seiner Lebensweise , seiner Schätzung der Mitmenschen ge- 
langen? Sind nicht solche Epochen, wenn auch wenig deutlich nach 
aussen hervortretend, am Ende in dem Leben der meisten Menschen 
nachweisbar, entweder als Läuterungsperioden oder als Perioden tieferen 
Verfalls, wenn auch nur in dem vulgären Lebensegoismus? 

Die Psychologie als Naturwissenschaft nun muss, indem sie diese 
Thatsachen auf Gesetze zurückzuführen strebt, eine solche conversio 
als Wirkung bestimmter theils im Individuum theils in den dasselbe 
umgebenden Einflüssen liegenden Umständen und Verhältnissen ansehen, 
sie mag nun dabei mehr den allmählichen Einfluss neuer Umgebungen 
oder den Eindruck erschütternder Lebensereignisse auf das Gemüth 
oder mit den Herbartianern die Umgestaltung der alten die Appercep- 
tion besorgenden Vorstellungsmassen durch eine neue fremdartige Vor- 
stellung in den Vordergrund stellen. All das lässt sich denken , ohne 
dass der Vorgang eine religiöse Färbung in christlichem Sinne hat. 
Die religiöse Wiedergeburt kann nun noch hinzutreten , sie kann aber 
auch ausbleiben. Wo sie hinzutritt, wird die Kirche jene ihr vorher- 
gehenden Umwandlungsprocesse als die Wirkungen der vorbereiten- 
den Gnade ansehen und somit schon zum Processe der Wiedergeburt 
in ihrem Sinn rechnen. Die Psychologie hat kein Interesse, ihr diess 
abzustreiten , wenn ihr nur andererseits das Recht vorbehalten bleibt, 
den Vorgang in ihrer Weise nach natürlichen Gesetzen zu erklären. 
Missverständnisse ergeben sich nur dann, wenn die beiderseitigen Ge- 
biete vermengt werden und die Wissenschaften in einander übergreifen. 
So gut diess die Theologie thun würde, wenn sie jede Möglichkeit einer 
inneren Umwandlung, welche nicht zugleich Wiedergeburt in geistlichem 
Sinn wäre, abläugnen würde, so sehr würde auch die Psychologie im 
Irrthum sein, wenn sie die Existenz einer christlichen Palingenesie des- 
halb verwerfen würde, weil sie derartige Umwandlungsprocesse schon 
anthropologisch hinreichend erklären zu können glaubt. 

Kehren wir nun zu unserem eigentlichen Gegenstand zurück. 
Der Zweck dieser Digression war der Nachweis und die Anerkennung, 
dass eine geistige Umwandlung, eine Regeneration des inneren Menschen 
möglich und wirklich ist innerhalb der Gränzen anthropologischer Vor- 
gänge und insofern auch dem Studium mittelst der naturwissenschaft- 
lichen Methode zugänglich. In vielen Menschen kommt es zu diesem 
Umschwung gar nicht, in anderen nur zu schwachen Anwandlungen, in 
wieder anderen bleiben die ßlüthen ohne Frucht, und vielen schlägt 



84 



Fixe Ideen. 



der innere Kampf gar zum Unheil aus , indem sie fortan zum Princip 
ihres künftigen Lebens den nackten Egoismus wählen und dem Ideal 
abschwören. Eine krankhafte Ausartung hingegen, eine Nach- 
ahmung des Vorgangs, bei welcher die Natur sich zu einem Afterpioduct 
verirrt, ist der fixe Wahn der Verrücktheit. 

Wie der innerlich Erneute als Ausdruck des Geistes, von welchem 
durchweht er künftig alle seine Beziehungen zu Gott und Welt an- 
schauen und durchleben soll , die Idee erkennt , die ihm nun Mittel- 
punct seines Denkens und Bestrebens wird, so schafft sich der Verrückte 
seine fixe Idee, und findet in ihr ebenso eine Ergänzung, eine Aus- 
füllung der Lücken , eine Tröstung und Stärkung wie jener; er hat 
ebenso nunmehr einen Inhalt und Ausdruck für sein ganzes jetziges 
Sein und Denken gefunden. Desshalb ist er denn auch durch sie so 
beruhigt. Obgleich der Ausbau seines inneren Menschen nur ein schein- 
barer ist, so täuscht ihn doch daiüiber das Gefühl subjectiver Befriedig- 
ung vollkommen, und zwar um so mehr, je dringender durch die Ge- 
walt seiner ins Psychische reflectirten Nervenverstimmung und des da- 
durch gesetzten Gefühles der Haltlosigkeit sein Bedürfniss nach einem 
Schwerpunct geworden war. Gleich dem Wiedergeborenen hat er nun 
den Grund gefunden, der seinen Anker hält, und so fest wie jener 
steht er im Glauben, dass er sich von diesem Grunde um keinen Preis 
verdrängen lassen dürfe, wenn er nicht in den Abgrund versinken wolle. 

So ähnlich nun hienach auch subjectiv für den Kranken die 
Processe der Verrücktheit und der Wiedergeburt sind , so sind doch 
natürlich beide Vorgänge im Grunde ihres Wesens verschieden, indem, 
wie ich schon bemerkte, jener nur die krankhafte Nachäff ung , die 
Carricatur von diesen ist. Was sie unterscheidet , ist daher nicht die 
Form , sondern der Stoff, an welchem sich der Vorgang vollzieht. In 
beiden Fällen handelt es sich um eine geistige Gährung; aber die eine 
führt zum Leben und die andere zum Tode. Die Wiedergeburt ist eine 
normale Entwickelung geistigen Lebens aus dem alten heraus, die Ver- 
rücktheit ein abnormer Vorgang, dessen Product aber, bei der Aehn- 
lichkeit des inneren Eindruckes von dem Kranken falsch beurtheilt 
wird. Ja, der Kranke kann sogar glauben, er sei wiedergeboren im 
Sinne der Kirche, und dieser Glaube kann doch nichts Anderes sein 
als ein krankhafter Wahn, und wird diess um so mehr sein, je mehr 
und lauter sich der Kranke dessen rühmt. Es ist mir mehr als ein 
verrückter Bauer vorgekommen, welcher predigte und Lehren der Weis- 
heit vortrug und alle Zurechtweisungen mit der Erwiderung abfertigte, 
davon verstünden wir nichts, wir steckten noch im Fleisch, er aber sei 
wiedergeboren aus dem Geist. Eine alte Patientin, welche auch be- 
hauptete, dass sie niemals sterben werde (sie wurde nahezu 80 Jahre 
alt) motivirte ihre öfteren Entlassungsgesuche damit, dass sie nicht 



Fixe Ideen. 



85 



hierher gehöre, weil sie ein erneuerter Mensch sei. Eine andere 
noch in der Anstalt befindliche Kranke war um die Zeit , wo ihr an- 
fänglicher melancholischer Verfolgungswahn sich in Verrücktheit um- 
setzte, öfters bettlägerig, sehr unwohl und von allerlei peinlichen Em- 
pfindungen gequält; aber öfters waren diese Empfindungen auch von 
einem süssen Schauer begleitet und sie erklärte ausdrücklich, sie spüre, 
wie der alte Mensch ausgezogen werden solle und das neue Leben 
überall, unter der Haut, in den Fingern und Zehen, im Gesicht, ja in 
der Mundhöhle durchzubrechen sich anschicke. Einer der eben erwähn- 
ten Bauern wusch sich öfters nicht gehörig, und darüber zur Rede 
gestellt, sagte er allen Ernstes, der Schmutz auf seiner Haut sei ja 
nur die Schlacke des alten Menschen, und das Waschen werde so lange 
nichts helfen, als dieser Erneuerungs- und Läuterungsprocess noch im 
Gange sei. Ein alter Verrückter, der sich für den erwählten Präsidenten 
der deutschen Republik hält und seit Jahren nicht mehr am Abendmahl 
Theil nimmt, erwidert, darüber befragt, gewöhnlich, ihm sei diess nicht 
mehr nöthig; warum? er habe die Religion bereits so erfasst, dass er 
gar nicht mehr sündigen könne, und also auch nichts zu beichten habe. 
Meinen Zweifel schlug er mit der Aufforderung nieder, ihm einmal eine 
bestimmte Sünde nachzuweisen. Ich konnte es nicht. 



Die Jungfrau von Orleans. 



w enn es als einer der Zwecke des pbiloniathischen Vereins, 
als eines Vereines akademischer Lehrer, gelten darf, von der Zn- 
sammengehörigkeit und dem innigen Zusammenhange der einzelnen, 
sonst oft weit auseinandergehenden, Disciplinen Zeugniss abzulegen, 
so werden diesen Zweck besonders solche Themata zu erfüllen ver- 
mögen, an welchen mehrere Wissenschaften, jede von ihrem Stand- 
puncte, Theil haben. So habe ich denn für den heutigen Abend 
einen Gegenstand gewählt, welcher dem Gebiete der Geschichte 
entnommen ist, aber weniger, um ihn historisch als vielmehr um 
ihn anthropologisch oder medicinisch zu betrachten, nämlich die 
Geschichte der Jungfrau von Orleans. Bei der Allbekannt- 
heit der Thaten und Schicksale dieser Heldin kann natürlich eine 
Erzählung derselben nicht in meiner Absicht liegen; da ich die- 
selben so wie die damalige Zeit- und Weltlage als bekannt voraus- 
setzen darf, so habe ich mir nur die Erörterung eines einzigen 
Punctes vorgenommen, der aber freilich der wichtigste in dieser 
Sache und ohne dessen Aufklärung ein Verständniss dieser Er- 
scheinung nicht wohl möglich ist, nämlich der Visionen Johanna's 
und der Beziehungen derselben zu ihrem gesammten geistigen Leben 
und Wirken 1 ). 

Jeanne d'Arc war geboren in Domremi, einem Dorfe an der 
Gränze von Champagne und Lothringen den 6. Januar 1412. Sie 
wurde ganz wie ein gewöhnliches Landmädchen aufgezogen und half 
ihrer Mutter in ihren häuslichen und bäuerlichen Arbeiten; dass 
ihr vorzugsweise das Hüten der Schafe überlassen gewesen sei, ist 
eine Fabel. Ebenso die Geschichte von dem geheimnissvollen Baum, 
einer Eiche oder Buche, unter welchem es gespuckt und wo sie 
zuerst den Verkehr mit Geistern gelernt habe; vielmehr war sie 
nie abergläubisch. Was in Hinsicht auf unseren Gegenstand wirk- 
lich historisch beglaubigt ist, ist Folgendes. 



90 Die Jungfrau von Orleans. 

Im Jahre 1425, also in ihrem 13. Lebensjahre, befand sich 
Johanna an einem Sommertage, den Tag nach einem Fasttag, im 
Garten ihres Vaters. Da hörte sie auf einmal eine Stimme, als 
ob man sie rufe, und zugleich erschien ihr eine grosse Helle zu 
ihrer Rechten von der Seite der Kirche her. Sie hörte dann auch 
eine Stimme, welche sie ermahnte, forthin auf der Bahn der Tugend 
zu wandeln und ein gutes Mädchen zu sein, und ihr die Hülfe 
Gottes versprach. Nachdem dieses erste Ereigniss vorüber war, 
zweifelte Johanna anfangs selbst an Dem, was sie vernommen und 
blieb mehrere Wochen lang ganz ruhig. Die Lichterscheinung 
wiederholte sich jedoch später, und nun bildeten sich aus derselben 
auch Gestalten heraus. Jetzt erst erfuhr sie, dass der, welcher 
zuerst zu ihr gesprochen habe, der Erzengel Michael gewesen sei. 
Zuerst scheinen sich die Visionen ziemlich in vierwöchentlichen 
Typus gefolgt zu sein, wurden aber weiterhin immer häufiger und 
belebten sich mit zahlreicheren Gestalten; ausser dem Erzengel 
Michael erschien ihr nun auch noch Gabriel mit den himmlischen 
Heerschaaren zu vielen Tausenden, die heilige Katharina und die 
heilige Margaretha; sie waren mit schönen Kronen reich und kost- 
bar geschmückt. Die umgebenden Engel hatten gemeiniglich sehr 
kleine Dimensionen, waren aber in unendlicher Anzahl vorhanden; 
sie sah dieselben sehr deutlich , und , wie sie ausdrücklich immer 
hervorhob, nicht mit geistigem, sondern mit leiblichem Auge. Aber 
noch immer ging dem Erscheinen der Gestalten ein Lichtglanz 
voraus und diese selbst scheinen nicht immer so ganz bestimmt 
gewesen zu sein. So fest sie auch überzeugt war, Engel und Hei- 
lige zu sehen, so konnte sie doch dieselben immer nur im Allge- 
meinen beschreiben; sie sehe eigentlich nur das Gesicht deutlich; 
betreffs der Haare, der Glieder und des übrigen Körpers erhielt 
der Inquirent nur negative Antworten; über Bekleidung und Alter 
etwas mitzutheilen habe sie die Erlaubniss. Auf ihrer Fahne Hess 
sie die beiden Engel abbilden, und als sie nun späterhin bei der 
Untersuchung gefragt wurde, warum sie die Engel mit Armen, 
Füssen, Beinen, Kleidern habe malen, und ob sie jene Engel habe 
abbilden lassen, welche zu ihr kamen, erwiderte sie: »Ich habe 
sie abbilden lassen, wie sie in den Kirchen abgebildet werden.« 
Auf die weitere Frage, ob sie dieselben in der Art gesehen habe, 



Die Jungfrau von Orleans. 



91 



wie sie auf der Fahne dargestellt waren, antwortete sie : »Ich sage 
euch weiter nichts.« 

Was die St immcn betrifft, so Hessen sich dieselben zu ver- 
schiedenen Zeiten hören, aber vorzüglich um die Zeiten des Glocken- 
läutens, früh, zur Vesper und Abends beim Angelus. Einmal 
(schon im Gefängniss) kam die Stimme, während sie schlief und 
weckte sie auf; sie brauchte damals einige Zeit, bis sie dieselbe 
verstand. Die Wahrnehmung der Stimme wurde begünstigt durch 
massiges, etwas entferntes Geräusch, wie eben Glockenklänge, dann 
das Säuseln des Windes in den Bäumen, während dagegen ein un- 
geordnetes Lärmen ihr die Laute in ihrem Ohre verwirrte und sie 
viele der an sie gerichteten Worte verlieren Hess, was namentlich 
oft in ihrem Gefängniss der Fall war. In ihren Unterredungen 
mit den Stimmen unterschied sie verschiedene Intonationen, nach 
welchen sie die Redenden unterschied; denn nicht immer war mit 
den Stimmenhören auch sofort eine Visiou verbunden, obgleich sie 
später selten Stimmen hörte , ohne dass nicht wenigstens die all- 
gemeine Lichterscheinung, welche sie ursprünglich hatte, sich damit 
verbunden hätte. Der Inhalt derselben ging von allgemeinen Er- 
mahnungen allmälig zu Aufforderungen, zum Geheisse bestimmten 
Handelns über und zuletzt verging kein Tag mehr , ohne dass sie 
die Stimmen hörte. 

Auch die Sinne des Geruchs und Gefühls scheinen sich be- 
theiligt zu haben. Johanna wurde in ihren Verhören u. A. auch 
gefragt, ob die Heiligen gut gerochen hätten, was sie bejahte, so 
wie auch, dass sie zuweilen von denselben umarmt worden sei. 

Diese Erscheinungen nun währten von ihrem ersten Beginn 
bis zu Johanna's öffentlichem Auftreten sechs Jahre. Sie lebte im 
Verkehr mit ihren Heiligen , ohne dass sie jedoch dabei in ihrer 
äusseren Lebensweise etwas änderte. Man sah sie zwar öfters ihre 
Gespielen verlassen, bei Seite gehen und wie mit unsichtbaren 
Wesen sprechen, wesshalb man sie bespöttelte, aber Niemand wusste, 
was in ihr vorging, nicht einmal ihr Beichtvater. Sie hielt die 
Sache geheim, weil sie die Zeit des Handelns noch nicht für ge- 
kommen erachtete und sich vor den Fallstricken der Burgunder 
und dem Widerstand ihres Vaters fürchtete. Denn schon bald hatte 
ihr der heilige Michael gesagt , dass der König Hülfe nöthig habe, 
ihr den Jammer des Landes geschildert, und die Erscheinung der 



92 Die Jungfrau von Orleans. 

heil. Margareta und Katharina verkündigt, welche ihr Gottes Be- 
fehl kund thun würden. Dieser bestand, wie bekannt, in dem 
Auftrag, ihrem König in der Befreiung des Landes von den Eng- 
ländern beizustehen. Mit der wachsenden Gefahr des Landes kamen 
die Erscheinungen immer häufiger ; zwei und dreimal in der Woche 
wiederholten ihr die Stimmen, dass sie sich aufmachen solle, um 
Orleans zu entsetzen und ihren König zur Krönung zu führen. Da 
die Stimmen sich niemals widersprachen und niemals ein einmal 
gegebenes Geheiss wieder von denselben zurückgenommen wurde, 
so vertraute sie zwar denselben und gelobte sich, ihnen zu folgen; 
als aber nun endlich der bestimmte Befehl an sie erging, nach 
Vaucouleurs zu Robert von Baudricourt , dem Commandanten des 
Ortes zu gehen , welcher sie führen würde , wohin sie wünsche — 
da crschrack sie nun doch; und so begeistert und ungeduldig sie 
auch früher, als die Aufforderungen nur allgemein waren , gewesen 
war, so erwiderte sie nun: sie sei ja nur ein armes Mädchen, 
welches weder zu reiten noch Krieg zu führen verstehe. Die Stimme 
überwand ihr Widerstreben und nun bewog Johanna ihren Oheim, 
sie (am 13. Mai 1428) nach Vaucouleurs zu führen, wo sie den 
Herrn von Baudricourt, den sie vorher niemals gesehen hatte, so- 
gleich unter den Seinigen erkannte. Sie wurde indessen mit ihren 
Anträgen nicht gut aufgenommen; Baudricourt sagte zu ihrem 
Oheim , es wäre das Klügste , sie nach einigen tüchtigen Ohrfeigen 
wieder zu ihrem Vater zu bringen. Die Stimmen sollen ihr diese 
Schmach vorausgesagt haben. Traurig kehrte sie heim; aber an 
Ruhe war nicht zu denken. Die Noth der Stadt Orleans nahm 
täglich zu und die Stimmen wurden immer dringender, ja drohend. 
Gott sprach durch sie: »Und wenn ich 100 Väter und 100 Mütter 
hätte, und wäre des Königs Tochter, ich würde gehen.« So ver- 
liess sie denn die Aeltern zum zweiten Mal, dieses Mal ohne Ab- 
schied zu nehmen; doch bat sie dieselben späterhin desshalb um 
Verzeihung. Wieder begab sie sich nach Vaucouleurs. Der Anhang, 
welchen sie mehr und mehr unter dem Volke fand, bestimmte den 
Ritter Baudricourt, nun doch endlich aus seiner Gleichgültigkeit 
herauszutreten; er berichtete an den Hof zu Chinon, und dieser 
unterrichtete sich mit grösster Vorsicht, ob sie nicht der Magie 
ergeben sei, schickte Geistliche nach Vaucouleurs, um Nachrichten 
über ihre Sitten, ihre Lebensweise, ihre religiösen Uebungen zu 



Die Jungfrau von Orleans. 



93 



sammeln, Hess sie heimlich Tag und Nacht beobachten, ob sie nicht 
mit abgefallenen Geistern verkehre, und durch Weiber ihre Jung- 
fräulichkeit prüfen. Endlich kam man dann doch so weit, ihrer 
Unternehmung kein Hinderniss mehr entgegenzusetzen. Am 13. Febr. 
1429 entliess Baudricourt sie mit sechs Bewaffneten, gab ihr ein 
Schwert, und sagte beim Abschied zu ihr: »Geht nun, geht; und 
komme, was da kommen mag.« In Chinon angekommen, wurde 
sie nochmals mehrfachen Prüfungen unterworfen; vor einem Tribunal 
von Gottesgelehrten in Portiers und dann durch die hohen Damen 
des Hofes ; und Alle überzeugten sich von der Reinheit ihres Herzens 
und ihren hohen Geistesgaben. Was nun weiter sich begab, wie 
sie ausgerüstet wurde, in Orleans einzog, die Engländer in ihren 
Schanzen vor der Stadt angriff und zur Aufhebung der Belagerung 
zwang, wie sie trotz aller Missgunst und aller Intriguen einer ihr 
feindseligen und hinderlichen Partei doch einen Erfolg um den 
anderen errang, wie sie die Burg Jargeau stürmte, dann den Lord 
Talbot bei Patay in offener Feldschlacht schlug und den Dauphin 
durch die Feinde hindurch nach Rheims zur Krönung führte, wie 
sie dann bei einem Ausfall aus Compiegne, das sie entsetzen wollte, 
gefangen wurde, ist bekannt. Für meinen Zweck genügt es zu 
bemerken, dass Johanna die Visionen auch jetzt noch fortwährend 
hatte, sowohl im Felde und im Getümmel der Schlacht, als im 
Gefängniss ; eine Zeit lang waren sie von Unglück verkündender, 
dann aber wieder von tröstender Art. Sie starb den Feuertod in 
Rouen am 30. Mai 1431 , erst 19 Jahre alt. 

Ich habe mit Absicht nur von einer Seite des Auf- 
tretens Johanna's gesprochen , von ihren Visionen , weil eben nur 
diese der Gegenstand unserer Betrachtung sein sollen, und es schon 
um der Zeit willen gerathen scheint, den Kreis derselben möglichst 
enge zu ziehen. Es wird dabei zwar allerdings nicht möglich sein, 
die anderen merkwürdigen an ihrer Persönlichkeit hervortretenden 
Eigenschaften, ihre Glaubenstreue, ihren Heldenmuth unerwähnt zu 
lassen ; ich werde dieselben aber, um Wiederholungen zu vermeiden, 
erst im Laufe unserer Erörterungen am geeigneten Orte in Er- 
wägung ziehen. 

Wer sich gegen eine so wunderbare Erscheinung, wie die in 
Rede stehende, nicht überhaupt indifferent verhält, sie dahingestellt 
sein lässt, oder schlechthin ohne weitere Gedanken darüber hin- 



94 Die Jungfrau von Orleans. 

nimmt — der kann sich gegen sie nur in zweierlei Weise verhal- 
ten : er muss entweder überhaupt ihre Existenz skeptisch bestreiten 
oder sich bestreben , sie zu erklären. 

Das Erste ist wohl niemals in vollem Ernste versucht wor- 
den, und was in dieser Richtung geschehen ist, ist so zu sagen, 
immer nur partiell gewesen, es ist niemals die ganze Begebenheit 
als solche angefochten worden. Zwar , so sollte man meinen , ist 
gerade eine Geschichte wie diese, so recht dazu angethan , Zweifel 
gegen ihre Aechtheit zu erregen, und alle Schwierigkeiten ihrer 
Erklärung wären am schnellsten abgethan, wenn man sie als einen 
Mythus nachweisen könnte. Es geht aber nicht. Denn so zwei- 
fellos auch andere lange Zeit als historisch angenommene Thatsachen 
von der Kritik als unhistorisch erwiesen worden sind — in unse- 
rem Falle muss diese anerkennen, dass die Geschichtserzählung von 
Johanna D'Arc, wie sie uns überliefert worden ist, in allen wesent- 
lichen Puncten eine richtige und begründete ist. Ist ja ausser 
den Berichten der Zeitgenossen noch ihr ganzer Process sanimt 
allen Protokollen wohlerhalten vorhanden 2 ). Die Sache ist also 
actenmässig. Aber es gibt andere, es gibt, wie schon bemerkt, 
partielle Anzweiflungen ; so soll z. B. bestritten worden sein , dass 
Johanna wirklich verbrannt worden sei — oder ihre wirkliche Be- 
geisterung wurde geleugnet und sie zu einer Buhlerin der franzö- 
sischen Heerführer gemacht, die sie für ihre Zwecke benützt hätten. 
Alle diese Ausdeutungen zerfallen vor der constatirten historischen 
Wirklichkeit. 

Müssen wir also die Thatsachen, wie sie sind , annehmen , so 
bleibt nur noch übrig, ihre Erklärung zu versuchen. Diese kann 
eine mehrfache sein. Für den, welchem ein sinnliches Einwirken 
der Geisterwelt auf die Menschen als möglich und wirklich noch 
stattfindend gilt, wird die Annahme nahe liegen und selbstver- 
ständlich erscheinen, dass die Erscheinungen Johanna's wirkliche 
gewesen seien, d. h. dass die Erzengel Michael, Gabriel, die heilige 
Margareth und Katharine ihr wirklich erschienen und dass es 
buchstäblich die Befehle Gottes waren, welche sie ihr mittheilten. 
Diese Anschauung ist wesentlich eine Sache des Glaubens, denn 
gewusst werden kann ein solches Sachverhältniss nicht. Es kann 
weder sein Bestehen noch das Gegentheil bewiesen werden; denn 
um eine Thatsache als objectiv gültig festzustellen, ist es nach allen 



Die Jungfrau von Orleans. 95 

jetzt angenommenen Gesetzen der Forschung uneiiässlich, entweder 
ein Experiment zu machen, das ein Jeder muss nachmachen können, 
oder, wo das Experiment nicht möglich ist, uns in die Lage zu 
versetzen, dass wir die gleiche Beobachtung ebenfalls machen kön- 
nen, oder nachzuweisen, dass dieselbe von mehreren glaubhaften 
und unbefangenen Zeugen gleichzeitig gemacht wurde. Weder Je- 
nes noch Dieses ist aber bei diesen Erscheinungen der Fall; denn 
es ist ja eben das Eigenthümlieho der Visionen, dass Andere, als 
das betreffende Individuum, nichts sehen. Nun kann zwar hiegegen 
erwidert werden, dass die Visionäre eben eine eigenthümliche 
feinere Organisation hätten, vermöge deren ihr Auge und Ohr noch 
für Einwirkungen fähig sei , für welche andere Sterbliche unem- 
pfänglich seien. Ich gebe zu, dass in der menschlichen Natur noch 
Kräfte verborgen liegen können, von welchen wir noch wenig wis- 
sen, und welche auch nur in wenigen Persönlichkeiten zur Entfal- 
tung kommen; denn nichts wäre thörichter, als wenn wir uns ein- 
bildeten, das Gebiet der anthropologischen Phänomene für alle Zeiten 
abgepflockt zu haben. Aber es liegt eben in der Behauptung eine 
petitio principe f was bewiesen werden soll, dass nämlich die er- 
schienenen Gestalten wirklich objective, äusserlich vorhandene, ge- 
wesen seien, ist als factisch schon vorausgesetzt, und nur hinterher 
soll durch eine Hypothese erklärt werden, warum sie anderen Leu- 
ten nicht erschienen. Dieses wirkliche Vorhandensein der erschie- 
nenen Personen ist aber nicht zu erweisen, schon desshalb nicht, 
weil weder durch die allgemeine Erfahrung noch durch wissen- 
schaftliche Mittel darzuthun ist, dass es einen Erzengel Michael 
oder Gabriel überhaupt gibt. In der Begebenheit, von der eben 
die Rede ist, selbst liegt nichts , was mit Bestimmtheit für eine 
solche Annahme spräche. Stellt man nun überdiess die Erwägung 
an, dass, wenn man einmal die objective Realität dieser Erschei- 
nungen zugibt, man dieselbe Eigenschaft uothwendig auch einer 
Menge anderer Vorkommnisse zuschreiben müsste, die sich noch 
heut zu Tage ereignen, die aber ohne allen Zweifel dem Gebiete 
der Krankheit angehören, so ist man genöthigt, die äussere Realität 
der fraglichen Vorgänge aufzugeben 3 ) und deren Erklärung ledig- 
lich als innerer zu versuchen. 

Erklären heisst, eine Erscheinung auf ihre Gründe zurück- 
führen, ihren inneren Zusammenhang mit anderen uns schon be- 



96 



Die Jungfrau von Orleans. 



kannten Thatsachen aufzeigen, sie von als bestehend bereits nach- 
gewiesenen Gesetzen ableiten. Wollen wir uns hienach eine Ein- 
sicht ver schaffen, wie Jeanne d'Arc zu ihren Visionen gekommen 
sein möge, so werden wir uns nach analogen, ähnlichen oder glei- 
chen uns schon bekannten Zuständen umzusehen und zu prüfen 
haben, ob die bei dieser bereits als erprobt befundene Erklärungs- 
weise nicht auch auf diesen Fall anzuwenden sei. 

Hier ist nun freilich vor Allem zu bedauern, dass die Be- 
richte, welche über Johanna vorliegen, in Bezug auf Umfang und 
Genauigkeit der Thatsachen Manches zu wünschen übrig lassen. 
Indessen, wenn man bedenkt, dass die Untersuchung, welche gegen 
sie geführt wurde, ganz andere Zielpuncte hatte, als sie eine me- 
dicinische sich gesetzt hätte, so muss man sich nur wundern, dass 
wir doch noch so viel interessantes Detail haben, ein Detail, wel- 
ches hinreicht, den Fall unter andere uns bekannte zu grnppiren. 

Für's Erste muss von vorn herein die Idee abgewiesen wer- 
den, dass es sich hier lediglich um Geschöpfe der Phantasie oder 
um das handle, was man Ekstase oder Verzückung zu nennen 
pflegt 4 ). Was das erste betrifft, so sagte Johanna selbst, dass 
sie die Heiligen nicht mit geistigem, sondern mit leiblichem Auge 
sehe, und der Begriff der Verzückung schliesst ein gleichzeitiges 
völliges Entrücktsein aus der wirklichen Umgebung und ein Nicht- 
wahrnehmen derselben ein, Umstände, welche bei dem Sehen und 
Stimmenhören Johanna's niemals Statt hatten. Ihre Erscheinungen 
gehören vielmehr dem Gebiete der subjectiven Sinuesempfindungen, 
und zwar jener derselben an, welche man insgemein Hallucina- 
tionen nennt. 

Der blendende Lichtglanz, die Gestalten, welche sich allmälig 
aus demselben herausbilden, ganz besonders aber die Stimmen, 
welche Johanna hört und durch welche ihr Verkehr mit Geistern 
höherer Ordnung geschieht, Stimmen, welche sie ermuntern, trösten, 
auffordern, ihr gebieten — wer nur irgend einige Erfahrungen über 
Geisteskrankheiten hat, der muss gestehen, dass das eine Sympto- 
menreihe ist, wie sie eben bei Geisteskranken hundertfältig beob- 
achtet wird. In der That hat es, namentlich als die Lehre von 
der s. g. Monomanie an die Tagesordnung kam, nicht an Leuton 
gefehlt, welche die Jungfrau von Orleans schlechthin für eine Gei- 
steskranke erklärten , und zwar ist diess vorzugsweise von ihren 



Die Jungfrau von Orleans. 97 

eigenen Landsleuten geschehen, von welchen ich nur Calraeil, Lelut 
und Moreau nenne. So widerwärtig eine solche Annahme auch in 
manchen Augen erscheinen mag, so kann doch eine solche Ent- 
rüstung kein Beweis für ihre Falschheit sein, üeherdiess wäre der 
Ehre der Jungfrau dadurch nicht zu nahe getreten; denn geistes- 
krank zu sein ist keine Schande, weder in Hinsicht auf den Cha- 
rakter, da lautere und innige Gemüther der Gefahr, es zu werden, 
sogar mehr ausgesetzt sind, noch auf Intelligenz, denn grosse Genie's 
sind in Wahnsinn verfallen und die berühmtesten Männer zählen unter 
ihren Familiengliedern in auf- und absteigender Linie Geisteskranke. 
Die Hauptsache ist einfach : ob die Annahme richtig ist oder nicht, 
und wenn sie sich bewähren würde, so wären wir zwar einer schö- 
nen Täuschung mehr verlustig geworden, wir müssten uns aber 
darein fügen, des Glaubens^ dass die Fügungen des Himmels wun- 
derbar sind, und er auch durch Wahnsinnige grosse Dinge thun 
kann. 

Diejenigen, welche bei dem Mädchen von Orleans eine Gei- 
stesstörung annehmen, führen dafür gar manche wichtige Gründe 
an. Es kann sich hier allerdings nur um eine einzige Form der 
Seelenstörung handeln ; denn von einer gewöhnlichen Tobsucht oder 
Manie, von einer gewöhnlichen Schwermuth oder einer Narrheit im 
engeren nosologischen Sinn oder gar von Blödsinn kann hier gar 
keine Eede sein. Es bleibt also nur die Form der partiellen Ver- 
rücktheit übrig, welche man auch als eine Art der s. g. Mono- 
manie bezeichnet hat ; man erklärt die Jeanne d'Arc für eine Mo- 
nomane, Calmeil speciell für eine Theomane. Auf diesen Punct 
allein also haben wir unsere Beurtheilung zu richten , und uns zu 
fragen, ob das Mädchen von Orleans jene Symptome darbietet, 
welche wir als die Kennzeichen einer solchen partiellen Verrückt- 
heit anzusehen pflegen. 

Eines der bekanntesten Symptome der Verrücktheit, und 
ihr besonders eigenthümlich , so dass das Vorhandensein des- 
selben überhaupt schon eine starke Präsumtion gerade für diese 
Form erwecken muss , sind die Hallucinationcn. Unter Hal- 
lucinationen versteht man sinnliche Wahrnehmungen von Din- 
gen , die nicht wirklich existiren. Ich sage , sinnliche Wahr- 
nehmungen, weil die fraglichen Eindrücke eben als reelle Sinnes- 
affectionen erscheinen und durchaus nicht mit blossen Wahnvor- 
Hagen, Studien. 7 



98 Die Jungfrau von Orleans. 

Stellungen oder Phantasiebildern verwechselt werden dürfen, wess- 
halb denn Alles, was Traum und Träumerei ist, nicht zu diesem 
Gebiet gezogen werden darf. Bei den Verrückten kommt es nun, 
namentlich im Beginn ihrer Krankheit, doch auch zuweilen noch 
im Verlaufe derselben, öfters vor, dass sie mit offenen Augen 
und bei vollem Bewusstsein allerlei Gestalten ausser sich sehen, 
bald leblose Figuren verschiedener Art, Sonnen, Sterne, bald Per- 
sonen, Bekannte und Unbekannte, Heilige, Engel. Wie bei Jeanne 
d'Arc, so besteht auch bei ihnen die erste Vision oft blos in einer 
lebhaften Lichterscheinung, einer glänzenden Fläche oder Wolke, 
einem Strahlenbüschel, aus welchem sich erst später bestimmte 
Umrisse und in sich gegliederte Gestalten herausbilden. Noch 
häufiger, und zwar durch den ganzen Verlauf der Krankheit, also 
meistens das ganze Leben hindurch vorhanden, sind die Hallucina- 
tionen des Gehörs; in einer nur einigermassen grösseren Irrenan- 
stalt sind diese Gehörstäuschungen ein dem gesammten Personal 
wohlbekanntes Vorkommniss. Die Stimmen, welche die Ki-anken hören, 
sind bald unangenehmen Inhalts, indem sie Vorwürfe erheben, be- 
schimpfen oder drohen und Unheil verkünden, oder angenehmen Inhalts, 
indem sie dem Kranken die göttliche Gnade verkündigen, ihm Macht 
und Ehre prophezeien, ihm hohe Weisheit mittheilen, ihm Aufträge 
und Befehle geben. Die fixen Ideen der Verrückten finden ihren 
Ausdruck häufig nur in solchen Sinnestäuschungen ; umgewendet 
werden ihre Wahnvorstellungen durch nichts so sehr befestigt als 
durch die Hallucinationen, welche für den Krauken die ganze Ge- 
walt und Wucht unbestreitbarer sinnlicher Erfahrungen haben. Dass 
die Geisteskranken mit solcher Festigkeit und Ueberzeugungstärke 
an ihren Wahngebilden hängen, hat daher zum Theil seinen Grund 
in ihren Hallucinationen, von denen ihr ganzes Seelenleben in An- 
spruch genommen, so zu sagen, gebannt ist. Und auch Johanna's 
Standhaftigkeit und Unerschütterlichkeit stützte sich vorzugsweise 
auf ihre Visionen. 

Die s. g. Monomanen verlieren ferner für alles Andere, für 
ihren eigentlichen Beruf, für das Wohl und Wehe ihrer Familie, 
das Interesse, um ganz nur in ihren Ideen zu leben; auch die Jung- 
frau verliess ihre gewohnten ländlichen Beschäftigungen, ihr Dorf, 
ihre Aeltern , um dem mächtigen Zuge zu folgen , der sie trieb, 
und für die Regungen der geschlechtlichen Liebe war sie unem- 
pfänglich. 



Die Jungfrau von Orleans. 



99 



Die Hallucinationen haben endlich auch einen mächtigen Ein- 
fluss auf dön Willen. Wird dem Menschen durch Stimmen, die er 
täglich hört , unablässig etwas vorgesagt und zwar in einer Weise, 
dass er all' Das wirklich zu hören vermeint, so lässt er um so mehr 
seine Entschlüsse dadurch bestimmen, als eben das Gehörte natürlich 
vollkommen mit seiner Stimmung barmonirt. Ausbrüche von Jäh- 
zorn und Gewaltthätigkeit , wenn Kranke sich auf diese Weise be- 
schimpft glauben , und die Worte als von Jemandem aus der Um- 
gebung kommend annehmen, sind bei Geisteskrankheiten häufig und 
die Annalen der gerichtlichen Medicin bewahren nicht wenig Fälle 
auf, wo der so entstandene Wahn verfolgt zu werden, zu Verbrechen 
führte, bald um der Rache, bald um der Selbstverteidigung willen. 
So kann denn der Kranke auf diese Weise auch den gött- 
lichen Auftrag zur Vollführung eines Werkes zu erhalten glauben, 
und dasselbe in dem festen Glauben , damit den göttlichen Willen 
zu thun, vollziehen. Auch auf diesem Wege ist es schon zu bluti- 
gen Unthaten, zumal an den Gliedern der eigenen Familie, ge- 
kommen. Wie solche Kranke, so hat auch Jeanne d'Arc stets auf 
das Bestimmteste erklärt, dass das, was sie gethan, nicht die Voll- 
führung eigener Gedanken und Vorsätze, sondern die eines gött- 
lichen Gebotes gewesen sei, und dass sie diesem habe folgen müssen. 
Der Einwendung, dass ihre Klugheit, ihre Gewandtheit und Bered- 
samkeit sowohl im Rathe als auf dem Schlachtfelde, sich mit einer 
gleichzeitig vorhandenen Seelenstörung nicht vertrügen, steht die 
Thatsache gegenüber, dass es gar manche Monomaniker gibt, welche 
in den Verhältnissen des gewöhnlichen Lebens ein ungetrübtes Ur- 
theil haben und ihre fixen Ideen mit ungewöhnlichem Scharfsinn 
vertheidigen. Endlich, um auch noch die hier so belangreichen 
körperlichen Zustände zu berücksichtigen , so weist der vollständige 
Mangel der monatlichen Reinigung, welche sie niemals hatte, ob- 
gleich sie sonst wohl ausgebildet war, auf etwas von der Norm 
Abweichendes hin. 

So scheint denn Alles für die Identität von Johanna's Zu- 
stand mit dem der partiellen Verrücktheit zu sprechen. Ja, man 
kann sogar die Frage so stellen, dass es schier zur Unmöglichkeit 
wird eine verneinende Antwort zu geben. Fragen Sie mich näm- 
lich was ich thun würde, wenn mir heute ein Bauernmädchen an- 
gemeldet würde, welches mit einer Fahne im Lande herumzöge 



100 Die Jungfrau von Orleans. 

und verkündete, dass sie berufen sei, Deutschlands Schmach*) zu 
rächen, weil ihr täglich die Jungfrau Maria erscheine und ihr diess 
befehle — wenn Sie mich fragten, ob ich mich weigern würde, 
selbe in die Irrenanstalt aufzunehmen, weil sie nicht geisteskrank 
sei; ich müsste antworten: nein, ich würde mich nicht weigern. 
Und ich glaube, Sie Alle würden eben so urtheilen. Desshalb 
kann auch dem Dauphin von Frankreich , so viele Mängel dessen 
Character auch hat, doch aus seiner Zögerung, auf Johanna'a An- 
träge einzugehen, kein Vorwurf gemacht werden. 

Zwar betrafen in damaliger Zeit die Zweifel weniger die 
Gesundheit als die Integrität in Bezug auf den Teufel ; da wir aber 
jetzt wissen, dass die Teufelsbesessenen und Hexen des Mittelalters 
grossentheils Geisteskranke waren , so läuft diess im Endresultat 
auf dasselbe heraus. Und wenn sie auch aus allen Prüfungen, 
welchen man sie unterzog, siegreich hervorging und sie für ein 
gottbegeistertes Mädchen wirklich erklärt wurde, so ist doch die 
Frage erlaubt, ob an dieser Anerkennung nicht auch die verzwei- 
felte Lage der Dinge einen grossen Antheil hatte. Die Sache des 
Dauphin stand so , dass sie nicht schlechter mehr werden konnte ; 
er hatte fast kein Heer mehr und sein letztes Bollwerk Orleans 
war schon so viel wie aufgegeben. Unter diesen Umständen konnte 
ein derartiger Versuch nichts schaden, vielleicht aber doch noch 
nützen. Man bot ihr die Hand zuerst nur in schwachem Glauben, 
aber der Erfolg machte ihn stark. 

Wenn man nun also am Hofe zu Chinon Recht hatte, dass 
man Johanna nicht leichtsinnig, sondern nur nach sorgfältiger Prü- 
fung aufnahm, und wenn wir selbst heut zu Tage beim Auftauchen 
eines solchen Phänomens auf die Frage : ob geisteskrank oder nicht, 
uns für das Ja entscheiden würden — so wäre also die Jungfrau 
von Orleans in der That als eine Geisteskranke anzusehen? 
Keineswegs. 

Jene Frage, welche ich an mich selbst habe stellen lassen, 
hinsichtlich der Aufnahme in die Irrenanstalt, so schlagend die 
darauf gegebene Antwort für die Richtigkeit des Verdicts zu sein 
scheint, ist doch weiter nichts als eine Spiegelfechterei. Sie ist 
ein argumentum ad homwem, das alle Mängel eines solchen trägt. 



*) 1864. 



Die Jungfrau von Orleans. 101 

Sie ist auf ein praktisches Handeln, auf einen Entschluss gerichtet, 
sie will wissen, was in einem gegebenen Falle das Klügste sei. 
Die praktische Lebensklugheit darf nun nicht mit Ausnahmen rech- 
nen, sondern im Gegentheil, sie fährt am besten und gewinnt ihre 
Erfolge dadurch, dass sie, auf die gewöhnliche Menschenkenntniss 
gestützt, ihre Manipulationen nach dem berechnet, was nach der 
gemeinen Erfahrung das Häufigste, also das Wahrscheinlichste ist. 
Damit fährt man in der Regel gut, darf aber freilich nicht ver- 
gessen, dass eine derartige Berechnung, wohin selbst die Weisheit der 
Diplomaten gehört, eben gerade ungewöhnlichen Pei*sönlichkeiten 
und unverhofften Ereignissen gegenüber gar oft kläglich scheitert. 
Visionen, wie die Johanna's, in Verbindung mit solchem Enthusias- 
mus, ohne dass zugleich Geisteskrankheit vorhanden wäre, sind nun 
so selten , dass man , wo man jene Erscheinungen findet , mit der 
Wahrscheinlichkeit von etwa 100,000 gegeu 1 auf eine Geistes- 
störung schliessen kann. Wer diese also in einem solchen Falle 
annimmt, hat gegen den, der sie leugnet, hunderttausendmal mehr 
Chancen für sich , und um eben so vielmal hat er nicht allein das 
Recht, sondern, was bei den Leuten noch mehr bedeutet, die Lacher 
auf seiner Seite. Und wer mag erwarten, dass in einem gegebenen 
Falle gerade das seltenste und demnach unwahrscheinlichste Ver- 
hältniss das richtige sei? 

Aber diese Vorschrift der praktischen Klugheit , wobei man 
das Gewöhnliche annimmt , nur der eigenen Sicherheit wegen , weil 
man da am wenigsten Gefahr läuft, einen Fehler zu machen, der 
einem Nachtheil oder Spott zuzieht, ist kein Beweis für die Rich- 
tigkeit einer Sache. Dieser muss den Verhältnissen entnommen 
werden, und wenn man diese, um practische Consequenzen unbe- 
kümmert, in unserem Falle scharf in's Auge fasst, so findet man, 
dass alle Gründe, welche die Geistesstörung der Jeanne d'Arc dar- 
thun sollen, vor der Kritik nicht Stich halten. Zwar kommen 
allerdings eine Anzahl Symptome, welche bei Geistesstörungen be- 
obachtet werden, auch bei ihr vor; aber es ist unrichtig, dass jene 
Merkmale immer eine Geistesstörung anzeigen, und andererseits 
bietet Johanna's gesammtes Denken, Fühlen und Thun das Bild 
eines Zustandes dar, für welchen man ein Analogon in den Kranken- 
geschichten Verrückter zu finden vergebens streben wird. 

Ich sagte, die als Beweise für die Geistesstörung Johanna's 



102 



Die Jungfrau von Orleans. 



angeführten Thatsachen zeigen eine solche keineswegs immer an. 
Damit sind vor Allem ihre Visionen und ihr Stimmenhören ge- 
meint. Solche Erscheinungen kommen zwar als Symptome von 
Seelenstörung vor, können aber auch ohne diese vorhanden sein; 
denn es existiren viele Beispiele, wo nicht nur Gesichtserscheinungen 
stattfanden, sondern auch nicht wirklich gesprochene Reden gehört 
wurden hei völliger geistiger Gesundheit. Ich will von denselben 
nur ein paar anführen. Von Socrates zwar ist es noch zweifelhaft, 
ob sein Dämon wirklich als eine Vision zu erklären ist. Von Ma- 
homet aber ist es bekannt, dass er öfters convulsivische Anfälle 
hatte und während, aber auch ausserhalb derselben, Gesichter sah. 
Der berühmte Pascal wurde einst, als er an einem Abgrund fuhr 
und die Pferde scheu wurden, davon so stark erregt, dass er von der 
Zeit an sehr oft einen feurigen Abgrund zu sehen glaubte , vor 
dessen Anblick er sieb sogar durch einen Schirm zu schützen suchte. 
Und wem ist nicht die Geschichte des Berliner Nicolai bekannt, 
welcher Monate lang täglich Gestalten sah, dann auch ihre Unter- 
haltungen hörte, diese Erscheinungen als krankhafte erkannte und 
später beschrieb , aber nicht eher von ihnen befreit wurde , als bis 
»Blutegel sich an seinem Steiss ergötzten.« Diese Beispiele , deren 
Zahl sich leicht vervielfältigen lässt 5 ) , mögen Ihnen zum Beweise 
genügen, dass Täuschungen der Sinne, Hallucinationen, auch bei 
vollkommen geistiger Gesundheit stattfinden können. Trotzdem 
konnten sich manche Leute von dem Axiom , dass Hallucinationen 
Zeichen von Geisteskrankheit seien , nicht losreissen und für diese 
waren die Fälle der angeführten Art nicht etwa eine Ausnahme 
von der oder ein Instanz gegen ihre Regel, sondern nach ihnen war 
es eben von jeher ein Irrthum, die betreffenden Männer für Geistes- 
gesunde zu halten; sie müssen vielmehr für geisteskrank erklärt 
werden. So erweitert sich der Kreis der historischen Folie (wie 
man zu sagen pflegt) beträchtlich ; Socrates war ein Fou, Mahomet 
war ein Fou, Luther auf der Wartburg war ein Fou. Unser Ein- 
wand, dass ja doch sonst kein Mensch etwas Verrücktes an Jenen 
wahrgenommen hat, ist vergeblich; denn wir werden belehrt', dass 
sie, als Monomanen, eben nur in einer einzigen Richtung, in Bezug 
auf einen einzigen Punct in sensorieller ' Hinsicht geisteskrank ge- 
wesen, ihre übrigen Seelenkräfte aber gesund geblieben seien, viel- 



Die Jungfrau von Orleans. 



103 



leicht sogar auch durch den Reiz der Krankheit einen etwas grös- 
seren Elan bekommen hätten. Die Hallucinationen kämen von 
Hirnreizung her ; auch die psychische Krankheit sei doch wahrhaftig 
nichts als Hirnreizung; da also sowohl der blosse Visionär als der 
psychisch Kranke beide au Hirnreizung litten, so sei ganz natürlich 
auch jeder Visionär ein Geisteskranker. Das sind in nuce die Be- 
weismittel für diese Anschauung, durch die man sich mit den 
grössten, tiefsten und lebenvollsten Erscheinungen der Weltge- 
schichte abfinden zu können glaubt. 

Die Zeit erlaubt mir natürlich nicht , die Lehre von den so- 
genannten Monomanieen weiter zu beleuchten ; zum Theil ist diess 
in einem früheren Vortrag bereits geschehen ; daher ich hier nur 
das Nöthigste in Bezug auf unseren Gegenstand anführe. Nach 
den Gesetzen der Diagnostik reicht ein einziges Symptom niemals 
zur Erkenntniss eines Krankheitszustandes hin, und so oft daher 
auch sonst Verrückte an Sinnestäuschungen leiden mögen , so kann 
doch das Vorhandensein der letzteren niemals zur Constatirung einer 
Geisteskrankheit genügen. Sinnestäuschungen sind zunächst mir 
eine Art des Irrthums ; Irrthum aber , auch wenn sich auf ihn 
Handlungen gründen , ist noch nicht identisch mit Irresein. Um 
also bei Einem, der Gesichte sieht uud Stimmen hört, Geistesstörung 
anzunehmen, ist es absolut nothwendig, auch sein übriges Verhalten 
in Bezug auf Geist und Gemüth auf etwa vorhandene Abnormitäten 
zu prüfen. Ich habe vorhin schon die wesentlichsten Puncte ange- 
führt, welche als Indicien für eine Seelenstörung Johanna's angeführt 
werden. Sehen wir, in wie weit sie diesen Zweck erfüllen. 

Zuerst der Umstand überhaupt, dass Johanna ihre Gesichte 
nicht für Producte ihres Gehirnes, sondern für Wirklichkeiten ge- 
nommen hat, nach der Schulregel : Wer Einbildungen für Realitäten 
nimmt, ist ein Wahnsinniger, erf/o etc. Dieser Grund ist beinahe 
ein zu lächerlicher, als dass man sich ernsthafte Mühe mit seiner 
Widerlegung geben sollte. Seit wann wissen wir denn überhaupt 
etwas über die eigentliche Natur dieser Erscheinungen? Und war 
nicht in jener Zeit der Glaube an die Möglichkeit eines unmittelbar 
innigen Verkehrs mit geistigen, guten oder bösen, Wesen, der 
Glaube an die Erscheinungen von Engeln und Heiligen ein so 
natürlicher und selbstverständlicher, wie wir mit unserer Ungläubig- 
keit daran uns gar nicht mehr vorstellen können? Oder war 



104 Die Jungfrau von Orleans. 

Johanna desshalb geisteskrank , weil sie nicht im 18. Jahrhundert 
gelebt, nicht Medicin studivt oder Nicolai's Schriften gelesen hatte, 
sondern auf einem einsamen Dörfchen, ohne Lesen und Schreiben 
zu lernen, aufgewachsen war? Nicht etwa bloss die Heldin selbst, 
sondern auch ihre Zeitgenossen und Landsleute, Freunde wie Gegner, 
darunter Bischöfe und Gelehrte und die Universität von Paris 
waren von der Thatsache , dass hier ein wirklicher Verkehr mit 
Geistern vorliege, überzeugt, nur dass dem Theil der Franzosen, 
dem sie nützten , diese Geister gute , den Burgundern und Englän- 
dern , denen sie schadeten , böse waren. Das ganze Zeitalter für 
wahnsinnig zu erklären, wäre aber doch etwas zu stark. 

Die Zähigkeit und Unerschütterlichkeit, mit welcher Johanna 
ihren Glauben festhielt und rhr Ziel verfolgt , beweist ebenfalls 
nichts für eine Krankheit. Sie ist zwar ein in Hinsicht auf Prog- 
nose schlimmes Symptom , aber nur dann , wenn es sich eben um 
Krankheit handelt, wenn also diese schon anderweitig festgestellt 
ist ; ausserdem gehört sie zu jenen noth wendigen Eigenschaften, 
ohne welche kein Heldenmuth denkbar ist. Je nach dem Namen, 
den man einer solchen Eigenschaft zu geben beliebt , kann man 
freilich der Sache überhaupt auch einen beliebigen Anstrich ver- 
leihen. Was wir bei den christlichen Märtyrern der ersten Jahr- 
hunderte und bei denen, welche um die Reformationszeit verbrannt 
wurden, bewundernswürdige Standhaftigkeit nennen, war den Römern 
nur Halsstarrigkeit und den Katholiken ketzerische Verstocktheit. 

Damit hängt ein weiterer Punct innig zusammen: der, dass 
Johanna, von ihrem Wahn gefangen, alle Anhänglichkeit an ihre 
Familie und alle anderen zarten Regungen des Herzens verleugnet 
habe. Aber Niemand kann zweien Herren dienen, und wer in der 
Welt etwas Grosses erreichen will, der muss vor Allem nach ande- 
ren Seiten hin Opfer zu bringen wissen. Und in dieser Hinsicht 
ist das Verhalten Johanna's ein ganz anderes als das der Verrückten. 
Bei diesen entsteht die Theilnahmlosigkcit an den Geschicken der 
Familie unmittelbar und unwillkührlich dadurch, dass eben alles 
Interesse von Wahn gefesselt ist und keine Empfänglichkeit für 
andere Regungen mehr übrig bleibt, was denn zuweilen bis zu 
völliger Auslöschung von Liebe und Mitleid geht. Aber Johanna 
fehlten diese Regungen nicht, und es war ein schmerzlicher, mit 
vollem Bewusstsein vollzogener Kampf mit sich selbst nöthig, um 



Die Jungfrau von Orleans. 



105 



sich ihnen zu entziehen. Die Theilnahmlosigkeit der Verrückten 
ist schon eines der Schwächesyinptoine , welche den psychischen 
Defect anzeigen, Johanna's Theilnahine an den Ihrigen aber bestand 
ungeschwächt fort und wurde nur vom höheren Interesse an Wirk- 
samkeit überboten. 

Wir sehen also, dass Alles, was für die Existenz einer Geistes- 
krankheit bei Joanne d'Arc angeführt wird, dieselbe nicht beweist, 
theils weil das betreffende Symptom ohne alle Geisteskrankheit 
vorhanden sein kann, theils weil es sich bei ihr in gauz anderer 
Weise vorfindet und genetisch anders zu erklären ist. Wir können 
aber die Sache auch noch umkehren , und nachweisen , dass die 
Charaktereigenschaften und Handlungen Johanna's Züge darbieten, 
welche mit dem Krankheitsbilde eines partiell Verrückten im Wider- 
spruch stehen. 

Sowohl was Johanna von ihren Stimmen hört, als was sie 
aus sich selbst im Rath und im Verhör spricht, gibt Zeugniss von 
einer höheren Begabung , von Verstand und Scharfsinn , sie trifft 
immer das Rechte, und niemals knüpft sie an ihre Visionen jene 
aberwitzigen und absurden weiteren Auslassungen, welche die Existenz 
von Geisteskrankheit durch die Verdrehung der natürlichen Ge- 
sichtspunete verrathen. Die sonstige Integrität der Geisteskräfte 
bei den partiell Verrückten, den sogen. Monomanen, ist bei diesen 
doch immer nur eine relative, d. h. sie können über Gegenstände 
des gewöhnlichen Lebens ein verständiges Urtheil fällen und je 
nach ihrer natürlichen Begabung von ihren noch im gesunden Zu- 
stande erworbenen Kenntnissen selbst in scharfsinniger Weise Ge- 
brauch machen; aber es fehlt ihnen die schaffende Kraft, ihr geistiges 
Thun ist unfruchtbar, sie drehen sich ohne wirkliches Resultat 
immer im Kreis herum (die Anekdötchen von Pater Sgambari, Prof. 
Titel sind nur schwach beglaubigt und stehen isolirt). Nicht ein- 
mal eine rechte Berufsthätigkeit ist mehr in die Länge möglich, 
geschweige denn, dass wir von einem partiell Verrückten jemals 
ein wissenschaftliches Werk, eine Entdeckung oder Erfindung er- 
halten hätten. Wie ganz anders Johanna! Da finden wir in den 
Antworten, die sie zu Poitiers und zuletzt in ihrer Untersuchung 
gibt, keine wortklauberische Dialektik, sondern ein einfaches klares 
Urtheil, das ohne Abschweifungen immer den Nagel auf den Kopf 
trifft. Sie führt ihr Werk, die Befreiung von halb Frankreich und 



106 Die Jungfrau von Orleans. 

die Führung ihres Königs nach Rheims, mit einer unverdrossenen 
Arbeit aus, wie sie einem Verrückten nicht möglich ist. Stets 
erwies ihr Rath sich als der beste , und wo es weniger erwünscht 
ging, war derselbe sicherlich nicht befolgt worden. »Die Prinzen 
und Feldherrn in Johanna's Begleitung, heisst es ausdrücklich, 
konnten sich nicht genug wundern über ihr Geschick bei Anord- 
nung der Heerhaufen und des Geschützes so wie über die Sicher- 
heit des Erfolges, wenn sie die Massen begeisterte.« Wer aber hat 
jemals diese Eigenschaften eines Feldherrn bei einem Verrückten 
gefunden? Dieselbe Ruhe und Klarheit des Geistes bewies sie auch 
in religiösen Dingen; da ist keine Spur von eigentlichem Aber- 
glauben, von Ueberspannung und Schwärmerei, von süsslicher 
Frömmelei, und trotz aller Erfolge lässt sie sich niemals zu sich 
selbst vergötterndem Hochmuth als Bevorzugte des Himmels hin- 
reissen, sondern bleibt immer dieselbe demüthige Dienerin ihres 
Gottes; lauter Züge, die mit dem Bilde des religiösen Wahnsinns, 
des exaltirten nämlich, nicht verträglich sind. 

Wir sind aber damit schon zu einer anderen Reihe von Er- 
scheinungen gekommen , nämlich denen des Gemüthes. Dem Ver- 
rückten ist es oft schon genug, seine Ideen überhaupt nur zu hegen, 
das Schwelgen in ihnen gibt ihm Genuss, wenn's hoch kommt, wird 
in ihm Stolz darauf rege; aber über das Gefühl geht er nicht 
hinaus. Ja, wenn es mit dem blossen Worte abginge, commandiren 
und Wunder thun würde er genug; aber schwere Arbeit zu thun, 
sich anhaltend um etwas abzumühen, dazu ist er nicht der Mann. 
Bei Widerspruch entlädt er zwar oft seinen Zorn in heftigen Wor- 
ten, aber es bleibt bei der Gemüthsbewegung. Zwar sind auch 
hie und da von Monomanen schwere Unthaten in Folge ihrer Wahn- 
ideen verübt und es ist hiebei manchmal mit Schlauheit verfahren 
worden, um sich die passende Gelegenheit zu verschaffen. Aber 
welch ein Unterschied zwischen ihren Handlungen und der plan- 
mässigen Ausführung eines vernünftigen Vorsatzes! Monomanie- 
kranke sind immer feig, sie ermorden nur ihre Kinder oder Weiber, 
oft während dieselben schlafen, oder sie überfallen aus dem Hinter- 
halt und unvermuthet, und ihr Gebahren ist weit entfernt von der 
Tapferkeit, mit welcher eine Idee durch alle Wechselfälle des 
Krieges und durch die Foltern des Martyriums hindurch verfolgt 
wird. Man sagt zwar, Verrückte könnten wohl auch für ihre 



Die Jungfrau von Orleans. I07 

Wahnideen in den Tod gehen, und sucht diess durch ihre Selbst- 
morde oder ihre Mordthaten, um hingerichtet zu werden oder ihre 
schmerzhaften Selbstverstümmelungen zu beweisen. Allein man 
darf nur den Gesammtzustand solcher Irren in's Auge fassen , die 
entweder durch Angst oder durch einen kitzelnden unwidersteh- 
lichen Trieb zu solcher Selbstbeschädigung oder Vernichtung ge- 
trieben wurden, in der Regel bei ziemlicher Unempfindlichkeit gegen 
Schmerz und dagegen die ruhige Klarheit, den freudigen und doch 
demüthigen Heldensinn, die bewundernswerthe Festigkeit Johanna's 
auch bei ihrem letzten schweren Gang halten, um die Unrichtigkeit 
einer solchen Vergleichung oder gar Identificirung einzusehen. 

Also von einer Geisteskrankheit kann bei Johanna d'Arc nicht 
die Rede sein. Wie aber sind dann ihre Visionen, da sie doch 
einmal lediglich ein subjectives Phänomen sind, zu erklären? Wir 
kennen solche ausserdem auch nur als krankhafte Zustände, und 
sind daher nicht berechtigt, in diesem Falle eine Ausnahme zu 
raachen, sondern wir müssen auch hier " Hallucinationen annehmen. 
Brierre de Boismont, welcher, wie auch mehrere andere fran- 
zösische Irrenärzte, für die Geistesgesundheit Johanna's in die 
Schranken tritt, hat daher für diese Classe von Erscheinungen die 
Bezeichnung der physiologischen Hallucinationen aufgebracht 6 ), 
worunter er eine Hallucination versteht, welche mit dem freien 
Vernunftgebrauch verträglich ist, und ohne Symptom psychischer 
Störung vorkommt. So richtig die in dieser Erläuterung ausge- 
sprochene Thatsache ist, so sonderbar und in sich widersprechend 
ist aber die Bezeichnung ; denn Hallucination ist immer etwas 
Pathologisches, und wenn sie noch zum Breitengrad der Gesundheit 
gehören könnte , so müsste sie noch viel häufiger sein als sie ist. 
Die Hallucination kann aber etwas Pathologisches sein , ohne dass 
desshalb mit ihr irgend eine psychische Krankheit verbunden 
sein müsste ; sie ist eben dann ein vorwaltend körperliches nervöses 
Symptom. Auch Mahomet war in diesem Sinne krank , was noch 
obendrein durch seine Convulsionen bewiesen ist; Pascal war in 
hohem Grade nervös, urtd bei Nicolai thut die Cur den körperlichen 
Ursprung zur Genüge dar. Kann auch bei Johanna irgend ein 
anderes körperliches Krankheitssymptom nicht nachgewiesen werden, 
so thut diess unserer Annahme keinen Eintrag; denn gerade ge- 
wisse Nervenleiden können, wenn sie nur in Anfällen kommen, die 



108 



Die Jungfrau von Orleans. 



übrige Gesundheit intact lassen; so wie einem Epileptiker ausser 
seinen Anfällen unter Umständen kein Mensch ein Kranksein ansieht. 

Wenn wir nun also Johanna's Visionen für das Erzeugniss 
eines körperlich krankhaften Zustandes erklären, so geschieht da- 
durch unserer Bewunderung für ihre übrigen Eigenschaften nicht 
der mindeste Eintrag. Ihre Visionen an und für sich würden 
ohnediess nur unsere Verwunderung erregen. Die Vorzüge des 
Geistes und Characters sind es aber, durch welche die Jungfrau 
uns zur Bewunderung auffordert. Bei einer schwachen oder nur 
mittelmässigen Intelligenz und einer weniger edlen Gemüthsart 
würden ihre Hallucinationen sie zu ganz anderen Zielen geführt 
haben. Entweder wäre sie eine gewöhnliche Schwärmerin geworden, 
welche sich schon bald die Flügel verbrannt hätte, noch ehe es 
zum rechten Aufschwung gekommen wäre , oder sie wäre , nament- 
lich in ihren späteren Jahren , selbst subjectiv , d. h. in ihren 
eigenen Augen , das geworden als was sie verbrannt worden ist, 
nämlich eine Hexe , da es uns bekannt genug ist , dass bei dem 
allgemeinen Teufels- und Hexenglauben damaliger Zeit gar manche 
Weiber sich einbildeten, mit dem Teufel in innigem Verkehr zu 
stehen. Oder endlich unter gewissen Bedingungen wäre sie wirklich 
eine Verrückte geworden. Dagegen konnte nun andererseits nur 
ihre hervorragende Individualität die Ursache sein , dass sie durch 
ihre Hallucinationen zum unsterblichen Ruhme geführt wurde. 

Diese selbst sind desshalb, obgleich sie etwas Krankhaftes 
sind, doch für Johanna's Geschichte keineswegs von geringerer 
Bedeutung; man kann vielmehr sagen, dass sie ohne dieselben 
schwerlich jemals zu ihren Thaten gelangt wäre. Um unter grossen 
Schwierigkeiten und bei anscheinender Hoffnungslosigkeit doch den 
Plan zu kühnen Thaten nicht nur zu fassen , sondern ihn auch, 
namentlich wenn dazu die Mitwirkung Anderer, selbst Vieler er- 
forderlich ist, auszuführen, dazu reichen weder Intelligenz noch 
der Muth der gewöhnlichen Tapferkeit aus. Es ist dazu vor Allem 
eine felsenfeste Zuversicht nöthig, eine Gewissheit von der Wahr- 
heit der Sache und von ihrem Gelingen, ein Glaube an die Beruf- 
ung zu dem Werke, wie er, wenn die Person sich nicht wirklich 
selbst für inspirirt hält, nur bei dem stärksten Bewusstsein ihrer 
natürlichen Ueberlegenheit sich bilden kann. Zu einer solchen 
Selbsthochachtung oder Selbstüberhebung über Andere wären aber 



Die Jungfrau von Orleans. 



109 



ganz andere Vorbedingungen nöthig gewesen, als wir bei Johanna 
finden. In einem kleinen Dorfe aufgewachsen, ohne Unterricht und 
ohne die Welt zu kennen, hätte die erste Bekanntschaft mit dieser, 
die verfänglichen Fragen, welche ihr in den Unterredungen mit 
gelehrten Männern, mit Bischöfen, mit Honeuten vorgelegt wurden, 
die Bemerkung, dass man von allen Seiten lauerte, Schwächen bei 
ihr auszuspüren, nothwendig deprimirend und einschüchternd auf 
sie wirken müssen. Dass diess nicht der Fall war, dass sie mit 
ihrem natürlichen Verstand und ihrem geraden Wesen alle Fall- 
stricke zerriss und sich durch alle Klügeleien und allen Skepticis- 
mus hindurch unaufhaltsam auf ihr Ziel zubewegte, konnte un- 
möglich in einer natürlichen Dreistigkeit oder Süffisance begründet 
sein, welche mit Johanna' s sonstigem sanften und demüthigen Wesen 
wenigstens nicht in bedeutenderem Grade zusammen gedacht werden 
können. Vielmehr bekam sie die ihr nöthige Zuversicht , welche 
Andere aus dem Gefühl ihrer Ueberlegenheit schöpfen , durch ihre 
Visionen , durch ihre Stimmen. Sobald sie dieselben einmal , was 
bei ihrem Naturell sowohl als bei der ganzen damaligen Zeitricht- 
ung kein Wunder ist, für wahrhaft himmlische erkannt hatte, 
musste sie sich in der That für eine von Gott Erwählte halten. 
Damit bekam sie alles Selbstvertrauen , dessen sie bedurfte ; indem 
ihr dadurch alle schüchterne Befangenheit genommen wurde , er- 
hielt ihr Mutterwitz den freiesten Spielraum , mit seiner vollen 
Schneide zu wirken. Nur dadurch war es ihr auch möglich , ihre 
Umgebungen zu der gleichen Begeisterung fortzureissen , und die 
Franzosen siegten , weil sie an Johanna's Wort , dass sie siegen 
würden, fest glaubten. 

Wenn nun hienach bei Johanna zur Erklärung ihrer Persön- 
lichkeit, ihres Lebensganges und Erfolges zwei Reihen von That- 
sachen anzunehmen sind, wenn nämlich (mit Hecker) ihre 
Staatsklugheit, ihre Kriegsgeschicklichkeit, Tapferkeit, Sittlichkeit, 
Massigkeit, Bescheidenheit als ursprüngliche Eigenschaften einer 
hohen Natur angesehen werden müssen — wenn dagegen der feste 
Glaube, den sie sowohl hegte als fand, selbst dann, wenn Un- 
schlüssigkeit, Schlaffheit, ja selbst der böse Wille, der sich gegen 
das Edle auflehnenden Gemeinheit allen Aufschwung wieder lähmen 
zu wollen schienen, als die Wirkung ihrer Visionen anzusehen ist — 
so fragt sich zuletzt, ob nicht am Ende beide Elemente, die ausser- 



110 



Die Jungfrau von Orleans. 



ordentliche Begabung und die Visionen doch nicht so zufällig neben 
einander herlaufen, sondern einen tieferen Ursprung mit einander 
gemein haben. Die Beantwortung dieser Frage würde uns den 
Gegenstand von einer neuen Seite zeigen , aber sie erfordert so 
umfassende Erwägungen und würde uns so weit führen , dass es 
unmöglich ist, hier noch auf sie einzugehen. Vorläufig möge es 
daher genügen, den Blick auf dieses neue Gebiet von Thatsachen 
und Verhältnissen, das sie uns eröffnet, hingelenkt zu haben; viel- 
leicht ist es mir vergönnt, dasselbe einmal später zum Gegenstand 
eines besonderen Vortrages machen zu können, dessen Thema die 
Verwandtschaft desGenie's mit dem Irresein sein würde. 



Anmerkungen und Zusätze. 



1) Bei der ersten Bearbeitung des Thema's im Jahre 1864, i„ 
welchem der Vortrag gehalten wurde, schöpfte ich den Stoff aus fol- 
genden Schriften: 

Calineil, der Wahnsinn in den vier letzten Jahrhunderten, be- 
arbeitet von Leubusch er. Halle 1848 S. 22—26. 

Hecker, über Visionen. Berlin 1848. Von mir besprochen in 
der allg. Zeitschr. für Psychiatrie Bd. VI. S. 285 ff. 

Pauli, die Jungfrau von Orleans in dessen: »Bilder aus Alt- 
England« 1860. 

Brierre de Boismont, de Vhallucination historique ou Hude 
medico - psycJiologique sur les voix et les reoelations de Jeanne d'Arc in 
dessen Werk: des hallucinations 3te edit. Paris 1862 p. 499—521. 

Seitdem lernte ich noch kennen: 

Hase, Neue Propheten. Zweite Auflage. Leipzig 1861. Erstes 
Heft: Die Jungfrau von Orleans. 

Eysell, Johanna d'Arc, genannt die Jungfrau von Orleans, ihre 
Jugend, ihre Thaten und ihre Leiden, getreu nach den Quellen und mit 
Benützung der besten Hülfsmittel. Für Gebildete aller Stände darge- 
stellt. Begensburg 1864. 

Wallon, Johanna d'Arc, die Jungfrau von Orleans. Münster 1869. 

Liebetrut, Vorträge. Gotha 1869. Darin: Geschichte und 
Kritik der Jungfrau von Orleans S. 41 — 147. 

Es sind noch mehr Schriften und Journalabhandlungen erschie- 
nen, deren nähere Bekanntschaft zu machen ich jedoch kein Bedürfniss 
empfand, da dieselben weder hinsichtlich des Stoffes noch der An- 
schauungsweise etwas wesentlich Neues zu liefern schienen. 

2) Proces de condamnation et de rehabilitation de Jeanne d'Arc 
dite la Pucelle publies pour la premiere fois d'apres les manuscrits de la 
Biblioth'eque Boyale, suivis de tous les documents historiques qu'on a pu 
reunir et accompaynes de notes et declaircissements , par Jules Qui- 
ekend. Paris 1841—49. 5 Tom. 

3) Obgleich dieser Ansicht noch immer von Solchen gehuldigt 
wird welchen die Annahme der Möglichkeit eines innigen unmittelba- 



112 Die Jungfrau von Orleans. 

ren mystischen Verkehres mit der Gottheit Herzensbedürfniss ist, und 
welche daher Alles, was als Beweis dafür gelten kann, in diesem 
Sinne zu erklären und festzuhalten bestrebt sind. So Liebe trut. Er 
findet in der Vision überhaupt und so auch der Johanna's »nicht die 
gemeine Wirklichkeit der sinnlichen Anschauung, sondern die ideale 
der höheren Weltordnung, welche in der geheimnissvollen Berührung 
der sichtbaren durch die unsichtbare Welt gründet, für welche die Thä- 
tigkeit der leiblichen Organe so wenig und noch weniger in Anspruch 
genommen wird, als schon bei den krankhaften Erscheinungen des Som- 
nambulismus und verwandter Zustände.« Das Traumleben, die Orakel, 
der Somnambulismus sollen »unwidersprechlich auf einen geheimniss- 
vollen Zusammenhang des höheren und des niederen Naturlebens, der 
höheren und der niederen Weltordnung, oder, wenn man will, des Na- 
türlichen und Uebernatürlichen« hinweisen, ein Zusammenhang, dessen 
Gesetze sich durch keine physiologische Entwicklung der Sinnesthätig- 
keit klarlegen oder gar beseitigen liesse. S. 139 : »Und Gott der Herr 
bekannte sich zu der frommen Jungfrau; diese aber unterstand sich in 
jungfräulicher Schüchternheit und Demuth nicht, ihres Berufes ohne 
ein untrügliches Zeichen sicher zu werden oder gar hervorzutreten und 
die Thaten von gottberufenen Männern und Helden zu thun. So blieb 
nur übrig, falls der Herr durch die Jungfrau retten wollte, ihr seinen 
Willen in unzweifelhafter ihr verständlicher Weise kund zu thun. Ja 
es war selbst nöthig, sie unter den täglichen Gefahren und Schwierig- 
keiten ihres absonderlichen Berufes fort und fort zu leiten, aufzurichten 
und zu stärken.« So vernahm die Jungfrau die Stimmen als Boten des 
Herrn. »Ob die Jungfrau in Wahrheit die Stimmen und Gesichter 
dieser Heiligen und Engel vernommen , ob sie dieselben sämmtlich im 
Raum erblickt und mit leiblichem Auge und Ohr wahrgenommen ? 
öder hat die ewige Weisheit Gottes, das Wort, das alle Dinge schuf, 
hält und trägt, sich nur zu der Schwachheit der Jungfrau herabgelas- 
sen, und was sie der Jungfrau kund thun wollte, im Bild und Gleich- 
niss der Heiligen gewiesen?« — Das sei schwer zu entscheiden (HO). 
Um Engel und Heilige wahrzunehmen, müsse der Seele ein höheres 
Wahrnehmungsvermögen eröffnet werden, oder die Kräfte und Wesen 
der höheren Welt nehmen das Kleid der unsrigen an, wenn sie diese 
berühren und sich dem Seher kund geben wollen. 

S. 141. »In dem Falle der Jungfrau liegt es vielleicht noch 
näher, an eine unmittelbare Berührung ihrer Seele durch Hand und 
Wort ihres Gottes zu denken, welche sich in das Bild ihrer Engel und 
Heiligen kleidete, die sie am Throne Gottes wusste, als Boten seiner 
Macht und Gottheit verehrte.« Gott wollte Frankreich erretten und 
hatte sich die Jungfrau dazu zubereitet, hatte in ihr auch wohl den 
Gedanken erweckt, dass er diess durch ihren Arm thun werde. »Nun 



Die Jungfrau von Orleans. U3 

aber kam es auf ein göttliches Zeichen und Siegel an, dass er es sei, 
der sie berufe.« Er berührte ihren Geist und sie schaute, einerlei, ob 
in leiblichem Bild oder nur in ihrem Geist, jedenfalls eine Realität im 
höchsten Sinn.« 

Nach seinen Gegnern schöpft die Jungfrau alle scheinbar höheren 
Kundgebungen nur aus dem reichen Brunnen der eigenen, natürlichen 
Begabung. S. 144 : »Uns strömt diese Kraft aus den Tiefen der oberen 
Welt, obschon sie ganz und gar in der natürlichen Anlage und Be- 
stimmung des wunderbaren Mädchens ihre Unterlage findet. So liegen 
uns die Gesichte derselben über der gemeinen Wirklichkeit der Sinnen- 
welt, aber sie begreifen die höhere Realität und Wirklichkeit der obe- 
ren Welt und treten der Seherin in voller Objectivität gegenüber; so 
findet sie in ihnen einen über ihr liegenden Halt. Den Gegnern blei- 
ben diese Gesichte blosse Hallucinationen, rein natürliche, lebhafte Er- 
scheinungen ohne alle Objectivität.« Liebet rut findet auch hier den 
lebendigen, in Natur und Geschichte eingreifenden Gott; am Beispiele 
Frankreichs sei das Bedürfniss eines directen Verkehres mit der Gott- 
heit deutlich gemacht worden. Für einen solchen sprächen die Vor- 
hersagungen Johanna's, obgleich (S. 140) er ihre Gesichte den Visionen, 
welche in der h. Schrift vorkommen, nicht gleichstellen will. 

Ich ehre die Gesinnung, aus welcher diese Anschauungsweise 
hervorgeht. Aber ich fürchte, die Erklärung, welche von ihr einge- 
geben worden ist, bewegt sich allzusehr im Gebiete der Phantasie und 
leidet überdiess an Widersprüchen; ja sie lässt uns die Gottheit selbst 
in einem bedenklichen Licht erscheinen. Wenn es einen überhaupt 
sichtbaren Erzengel Michael und Gabriel gibt, warum haben ihn soviel 
tausend Millionen gläubige Juden und Christen, die auf der Welt ge- 
lebt haben, noch nicht zu sehen bekommen? ünd gibt es keinen (was 
doch wohl das Wahrscheinlichere ist) , hat sich Johanna dann nicht 
gerade so gut getäuscht, als wenn sie eine Hallucination gehabt hat? 
Was war, wenn nun Gott doch einmal ganz direct und speciell seine 
Hand im Spiel haben sollte, seiner würdiger, ihre Gedanken von innen 
heraus bestimmen , ihr Urtheil über die Lage der Dinge und die 
nothwendigen Massregeln lenken, und ihren Muth stärken, als dieses 
mittelst einer Vorspiegelung von Dingen thun, die nicht existiren, eine 
wahrhaftige göttliche pia fraus? Ich bin durchaus nicht so platt ver- 
ständig, um nicht die Möglichkeit zuzugeben, dass einer menschlichen 
Seele in Augenblicken, »wo sie dem Weltgeist näher steht als sonst«, 
Blicke in die Zukunft oder in die Ferne verstattet sein können ; und 
so glaube ich auch, dass mehrere Fälle, in welchen Vorhersagungen 
Johanna's in Erfüllung gingen (die ihrer Verwundung vor Orleans, und 
die der Vertreibung der Engländer aus Frankreich) vernünftiger Weise 
nicht angefochten werden können. Aber es ist auch hier bedenklich, 
Hagen, Studien. 8 



114 



Die Jungfrau von Orleans. 



eine unmittelbare Wirkung der Gottheit anzunehmen, denn Johanna 
hat auch andere Vorhersagungen getban, die nicht in Erfüllung gin- 
gen. Sie unternahm den Sturm auf Paris, und t als es dabei schlecht 
ging, ermuthigte sie doch die Soldaten immer wieder, indem sie fest 
behauptete, die Stadt werde an demselben Tage noch genommen wer- 
den. Sie sagte längere Zeit voraus, dass ihre Zeit nun bald aus sei, 
dass sie in Gefangenschaft gerathen werde, die Stimmen hätten ihr 
diess kund gegeben. An dem Tage aber , wo sie in Gefangenschaft 
gerieth, sagten ihr die 'Stimmen diess nicht. Und im Gefängniss hoffte 
sie fest auf Befreiung, weil ihr die Heiligen gesagt hatten, sie würde 
durch einen grossen Sieg befreit werden. Da diess nicht geschehen ist, 
so muss, um die Heiligen zu retten , die Sache allegorisch gedeutet 
werden : durch ihren eigenen Sieg, ihr Märtyrerthum , ihre Hingabe bis 
zum Feuertod; die Heiligen sagten ihr diess unter einer Metapher, um 
ihr die Qualen der Erwartung desselben zu ersparen und sie bei Muth 
und Hoffnung zu erhalten. Sie hatte auch wirklich diese Zuversicht, 
die für sie ein Glück war, und mag diess eben desshalb wohl als gött- 
liche Fügung angesehen werden. Dass sich aber Johanna täuschte und 
ihre Voraussicht ihr zur Illusion wurde, das beweist doch, dass kein 
unmittelbar göttliches reines Schauen in die Zukunft statt Matte; offen- 
bar hörte sie aus der Stimme der Heiligen nur ihren Wunsch und ihre 
Hoffnung heraus, wie sie das überhaupt that, indem sie, wie Hase 
richtig bemerkt, von ihren Stimmen naiv sagte: Ich bin immer ihrer 
Meinung. Es widerstrebt dem natürlichen Gefühl anzunehmen, dass 
Gott ihr durch die Heiligen eine Zweideutigkeit habe sagen lassen, 
einen orakelhaften Spruch, in der Voraussicht, dass Johanna diesen ge- 
rade auf die falsche Weise auslegen und sich täuschen werde. 

Johanna schrieb auch einen Strafbrief an die Hussiten, worin sie 
denselben vorwirft, dass sie aus Christen Ketzer , ja blinde Heiden und 
Sarazenen geworden seien und einem empörenden Aberglauben fröhn- 
ten, sie auffordert, in den Schoos des katholischen Bekenntnisses zu- 
rückzukehren und im Weigerungsfalle ihnen droht, dass sie dann wohl 
sogar von den Engländern ablassen und gegen sie ziehen werde. Wurde 
auch dieser Brief unter unmittelbarer göttlicher Inspiration geschrieben? 
Wenn nicht, so muss man, wie auch hinsichtlich ihrer Weissagungen 
annehmen, dass Johanna's Anschauungen und Triebfedern, selbst in 
religiösen und politischen Dingen, bald göttliche, bald menschliche 
waren. Wer unbefangen urtheilt, wird aber hierin nur eine gute Wen- 
dung sehen, sich um die Schwierigkeit herumzudrücken; eine Wendung, 
welche auch Lange i in Herzog's Realencyclopädie) gebrauchte, in- 
dem er das Göttliche und Menschliche sogar auf zwei Zeiten vertheilte 
die durch die Krönung in Rheims geschieden sein sollten. Aber bereits 
Hase hat hiegegen nachgewiesen, wie weder in den Stimmen der Hei- 



Die Jungfrau von Orleans. jj5 

hgen noch in ihren eigenen Aeusserungen irgend ein Beleg für die An- 
nahme hegt, dass ihre Sendung mit dem Krönungszug nach Rheims 
beschlossen sein sollte, und dass sie daher nur bis zu dieser Zeit eine 
von Gott berufene Seherin, von da an aber eine fromme Schwärmerin 
gewesen sei. Hase sagt auch ganz richtig, das von der Vorsehung 
angesponnene kunstreiche Gewebe, welches wir die Weltgeschichte nen- 
nen, sei, auf Erden mit rein irdischen Mitteln bestritten , viel feiner 
und durchdachter, als wenn der Erzengel uud die Heiligen einen täg- 
lichen Botendienst an die Jungfrau verrichtet hätten. 

4) Diese irrige Deutung, wobei häufig auch der Somnambulismus 
mit hereingezogen wird, findet sich bei Manchen , die doch Bedenken 
tragen, ein objectiv wirkliches Erscheinen von Engeln und Heiligen 
anzunehmen, oder auch mit dieser Annahme selbst verquickt. Es ist 
ein Flüchten ins Gebiet des Wunderbaren und Mystischen, auf welchem 
sodann Alles möglich ist. Dass aber Johanna keine Somnambule war, 
liegt für Jeden, der weiss, was unter einer solchen zu verstehen ist, am 
Tage ; und vom Zustande der Ekstase während ihrer Visionen kann bei 
ihr auch keine Rede sein; wir bemerken keine Spur überspannter, 
schwärmerisch traumhafter Verzückung, sondern Alles ist bei ihr rein 
und hell wie der Tag. 

5) Wer sich hierüber des Weiteren unterrichten will, findet viele 
Beispiele gesammelt in : Hibbert, Andeutungen zur Philosophie der 
Geistererscheinungen. Aus dem Engl. Weimar 1825. — Horst, 
Deuteroskopie. Frankfurt 1830. — Walter Scott, Briefe über Dä- 
monologie und Hexerei. — Hagen, die Sinnestäuschungen in Bezug 
auf Psychologie, Heilkunde und Rechtspflege. Leipzig 1837. — Ruf, 
die Delirien, die Visionen und Hallucinationen des Tag- und Nacht- 
lebens und die phantastischen Zustände. Innsbruck 1856. — Brierre 
de Boismont, des hallucinations ou histoire raisonnee des apparitions, 
des visions, des songes, de Vextase, des reves, du magnetisme et du som- 
nambulisme. Troisieme edition. Paris 1862. — Sterne, die Naturge- 
schichte der Gespenster. Weimar 1863. — Mayer, die Sinnestäusch- 
ungen, Illusionen und Hallucinationen, allgemein verständlich darge- 
stellt. Wien 1869. — Viele kleinere Abhandlungen sind noch über die 
Hallucinationen erschienen, welche alle anzuführen unnöthig ist. Meine 
dermalige Ansicht über dieselben habe ich dargelegt in einer Abhand- 
lung : Zur Theorie der Hallucination in der allgemeinen Zeit- 
schrift für Psychiatrie Bd. XXV. (1868) S. 1—113. Ich möchte diese 
Abhandlung Herrn Perty in Bern zur Leetüre empfehlen, welcher 
(Blicke in das verborgene Leben des Menschengeistes 1869 S. 46) von 
meiner (zum Theil bereits in den »Sinnestäuschungen« enthaltenen) 
Theorie sagt, dass sie schon durch Gerber bekämpft worden sei. Aber 
Gerber's Polemik richtet sich hauptsächlich dagegen, dass durch die- 



116 Die Jungfrau von Orleans. 

selben Geistergeschichten und Gespensterspuk erklärt werden sollten; 
womit ich ganz einverstanden bin , weil solche Geschichten viel zu we- 
nig beglaubigt und objectiv nach allen Richtungen hin sicher gestellt 
zu sein pflegen, als dass man sie zur Grundlage wissenschaftlicher Un- 
tersuchungen machen könnte ; ich habe desshalb in der genannten Ab- 
handlung ausdrücklich erklärt, dass ich alle Erzählungen, bei welchen 
voraussichtlich etwas Mythisches unterlaufen kann, aus meiner Betrach- 
tung ausschliesse. Wo zweifellos nachgewiesen wird, dass irgend ein 
Spuk wirklich stattgefunden hat und von Geistern oder Dämonen auf- 
geführt worden ist, oder dass ein Verstorbener wirklich als solcher sich 
einem Anderen wieder sichtbar gemacht hat, da wird eben meine Er- 
klärung, die es nur mit krankhaften Zuständen zu thun hat , schon an 
und für sich nicht in Betracht kommen können. Die historische Kritik 
des Thatbestandes muss in allen solchen Fällen jedem weiteren Urtheil 
vorhergehen. 

(i) Eine solche scheint auch Hecker anzunehmen , obgleich er 
das Wort nicht gebraucht; aber es ist unmöglich, aus dem Reiz der 
Vorstellung allein so mächtige sinnliche Wirkungen abzuleiten. Die 
stärkste Phantasie, sie werde angestrengt so sehr sie wolle, bringt ohne 
ein somatisch krankhaftes Element keine subjective Lichterscheinung 
zu Wege; Johanna war um die Zeit ihrer ersten Vision durchaus nicht 
etwa in Phantasieen vertieft; sie sah auch nicht sofort eine Gestalt, 
sondern nur ein Lichtphänomen (elementare Hallucination) und als sie 
zuerst Stimmen hörte, wusste sie durchaus noch nicht gleich, von wem 
dieselben stammten. Auch Hase macht entschieden die krankhafte 
Natur der Visionen Johanna's geltend. — Der Idee von den physiolo- 
gischen Hallucinationen huldigt auch Ortiz (Bulletin deV Institute me- 
dico Vtdenciano. Jan. — Mai 18C9. Zeitschr. für Psychiatrie Bd. XXVII. 
S. 245). 



N a r r h e i t. 



Ich bin schon oft gefragt worden , und ohne Zweifel auch 
viele meiner Collegen, wie es doch komme, dass Dieser oder Jener, 
der in eine Irrenanstalt gebracht wurde, habe geisteskrank werden 
können, da er doch immer ein so ruhiger, besonnener und gescheid- 
ter Mann gewesen sei. Da aus der Häufigkeit dieser Frage wohl 
zu schliessen ist, dass auch unter Ihnen Viele sind, welche dieselbe 
schon, wenigstens für und unter sich, aufzuwerfen veranlasst waren, 
so erschien es mir passend, dieselbe zum Motiv des Vortrages zu 
machen, welchen ich beute vor Ihnen zu halten die Ehre habe. 

In dem Sinne zwar, in welchem sie aufgeworfen zu werden 
pflegt, kann die Frage hier nicht beantwortet werden; denn sie 
betrifft da ein Individuum, und will die Ursachen erfahren, welche 
gerade für dieses die Krankheit bewirkten ; sie könnte daher in 
sofern auch nur den einzelnen Fragern in Bezug auf die betreffende 
Person beantwortet werden, wäre aber eben desswegen kein Gegen- 
stand für einen Vortrag, dessen Gegenstand doch mehr allgemeiner 
Natur sein muss. Soll sie daher besprochen werden, so kann diess 
nur im allgemeinen Sinne geschehen. 

Wenn wir uns nun fragen, was denn allen derartigen Fragen 
Gemeinschaftliches zu Grunde liegt, so finden wir : sie drücken eine 
Verwunderung aus und schliessen damit eine Vor aussetzung 
in sich , die nämlich : dass verständige , geordnete nnd wackere 
Lebensführung einerseits und psychisches Erkranken andererseits 
für unsere Erfahrung und unser Denken in einem inneren Wider- 
spruch stünde, dass daher ein Mensch, dem erstere nachzurühmen 
sei, nicht geisteskrank werden könne, sondern im Falle eines solchen 
Erkrankens die Angelegtheit dazu sich immer schon durch ein von 
der Regel abweichendes, bizarres oder excentrisches oder sonst 
irgendwie absonderliches Thun und Treiben verrathen haben müsse, 
so dass die Geisteskrankheit nur als die Gipfelung einer schon von 



120 



Narrheit. 



jeher oder wenigstens seit lange bestandener Geistesanomalie er- 
scheine. 

Hiemit hängt mm ganz innig eine andere Aeusserung zusam- 
men, welche man ebenfalls oft hört. Von manchem wunderlichen 
Menschen, der gewisse seltsame Ideen mit unverwüstlicher Ausdauer 
pflegt, immer auf sie zu reden kommt und sie am unrechten Orte 
und zur unrechten Zeit geltend machen will, oder von manchem 
Anderen, der sich durch masslose Eitelkeit auszeichnet oder von 
Hochmuth bis zum Zerplatzen aufgeblasen ist, pflegt man zu sagen, 
er sei ein »Candidat für's Irrenhaus« und werde gewiss noch ein- 
mal hineinkommen. Und doch ist diese Erwartung in den meisten 
Fällen vergeblich ; es vergehen Jahre um Jahre , der Betreffende 
wird alt und wird doch nicht geisteskrank. Er mag zwar von 
jeher ein närrischer Kerl gewesen sein, er will aber nicht närrisch 
werden. 

Sie sehen schon an dieser Antithese, dass das Wort Narr in 
verschiedenem Sinn gebraucht wird. Noch klarer tritt dies an 
einer dritten Redensart hervor, die sich viele Leute als Witz an- 
geeignet haben, der nämlich: in den Irrenanstalten seien eigentlich 
noch die wenigsten Narren, die meisten liefen draussen in der Welt 
frei herum , etwa gar in Aemtern und Würden , und wenn man die 
alle hinein sperren wolle, wie gross müssten die Anstalten noch 
gebaut werden! Einen Schritt weiter, und die Welt selbst wird 
für ein grosses Narrenhaus erklärt. 

Narrenhaus! Ich musste dieses Wort aussprechen, obgleich, 
aber auch weil es mir in der Seele verhasst ist, und weil ich 
heute vorhabe, es aus dem Sprachgebrauch austilgen zu helfen. 
Denn dieses Wort, wie auch das Wort Narr überhaupt auf Geistes- 
kranke angewendet, trägt nicht am Wenigsten dazu bei, die Vor- 
urtheile hinsichtlich der letzteren, welche sonst wohl schon im 
Wanken sind, noch zu pflegen und zu erhalten. 

Da seh ich wohl an einem heiteren Sonntagsmorgen im Juni 
zum Fenster hinaus, und freue mich, wie in der schönen Natur um 
mich her Alles grünt und blüht — nun bewegt sich als Staffage 
eine Gruppe in dieses Bild herein, ein Familienvater aus einer 
unserer Nachbarstädte mit Weib und Kindern, sie gehen auf unsere 
Berge, in die »Kirschen.« Wio sie nun vor unserem Gatter vorüber- 



Narrheit. 22J 

ziehen, tönen die Worte des Mannes zu den Seinigen zu mir her- 
über: Seht, das ist das Narrenhaus! 

Oder ein Hiesiger hat Nachmittags eine Landpartie nach A. 
oder S. gemacht, und erzählt Abends in Gesellschaft oder im 
häuslichen Kreise davon. »Es war recht hübsch«, sagt er, »die 
Narren waren auch draussen.« 

Solche Wahrnehmungen berühren gerade uns, die wir zu 
Aerzten und Pflegern dieser Kranken berufen sind, um so schmerz- 
licher, als in den Anstalten selbst diese Worte längst verpönt sind 
und weder ein Kranker noch ein Bediensteter sie in den Mund 
nehmen darf, ohne eine Rüge zu empfangen. 

Diese Worte sind aber auch in dieser Anwendung ganz und 
gar unberechtigt, indem es sich mit leichter Mühe nachweisen 
lässt, dass dabei mit der Sprache ein Missbrauch getrieben wird, 
welche die Bezeichnungen »Narr« und »Geisteskranker« oder »Irrer« 
durchaus nicht als gleichbedeutend gebraucht, sondern im Gegen- 
theil mit beiden fast immer einen verschiedenen Sinn verbindet. 
Die deutsche Literatur liefert Beispiele genug, dass das Wort Narr 
und Narrheit von ihr von jeher in ganz anderer Bedeutung als in 
der der Geisteskrankheit, genommen worden ist. Das berühmte 
Gedicht: das Narrenschiff von Sebastian Braut, zuerst erschienen 
zu Basel im Jahre 1494, geschrieben, wie er in der Vorrede selbst 
sagt, »zu nutz und heylsamer 1er, vermanung und ervolgung der 
wyßheit, Vernunft und guter sytten : auch zu Verachtung und straff 
der narheyt , blintheyt , yrrsal und Dorheit aller stat und geschlecht 
der menschen« behandelt nur alle möglichen Thorheiten und Schlech- 
tigkeiten, kein einziges seiner 111 Kapitel ist irgend einer Form 
von Geisteskrankheit gewidmet. Gleiches gilt von des Erasmus 
Encomion Moriae, welches jener selbst als stultitiae laus, Lob der 
Dummheit, (nicht Narrheit) übersetzt, und in welchem von psychi- 
scher Krankheit keine Rede ist. Selbst noch zu Ende des vorigen 
Jahrhunderts gibt Adelung in einem sechsbändigen Werk »Ge- 
schichte der menschlichen Narrheit« *) nur, wie es der Titel besagt 
»Lebensbeschreibungen berühmter Schwarzkünstler , Goldmacher, 
Teufelsbanner, Zeichen- und Liniendeuter, Wahrsager und anderer 
philosophischer Unholden« , unter welchen namentlich auch eine 
Anzahl Literaten und Pamphletschreiber, wie Peter Aretin, sich 
befinden. Derselbe Adelung hat ein Wörterbuch der deutschen 



122 



Narrheit. 



Sprache herausgegeben, in welchem er beim Worte Narr sagt, 
dasselbe bedeute 1) einen Menschen, welcher seltsame Possen 
mache, andere zu belustigen, 2)' einen jeden Menschen, welcher der 
gesunden Vernunft auf eine grobe Art zuwider handle und erst 
3) in engerer Bedeutung einen Menschen, welcher des Gebrauches 
seiner Vernunft ganz unfähig sei, wie der Wahnwitzige, Wahnsinnige, 
Alberne. Er sagt, in dieser Bedeutung werde es wenig mehr ge- 
braucht, vermuthlich, wie er meint, um die Zweideutigkeit mit der 
vorigen Bedeutung zu vermeiden; ich finde aber keinen Beweis, 
dass es vor jener Zeit in eben diesem Sinne häufiger gebraucht 
worden sei. Mir wenigstens ist es nicht gelungen, das Wort in 
der Schriftsprache früher als in der zweiten Hälfte des vorigen 
Jahrhunderts für Irre gebraucht zu finden. Damit stimmt auch 
das neueste deutsche Wörterbuch, das von Sanders 2 ). Hier 
findet sich, nachdem sechs verschiedene andere Bedeutungen und 
Gebrauchsweisen des Wortes angeführt sind, erst als siebente, mit 
dem Prädicat: »veraltend und mundartlich« diejenige, wo es so 
viel heisse als : verrückte Person. Für das Wort Narrenhaus weiss 
aber Sanders keine älteren Gewährsmänner anzuführen als Hebel 
und Wieland, während das Wort Narrenhäuschen, Drillhäuschen 
gar nur einen Käfig bedeutete, in welchem man geringere Ver- 
brecher ausstellte und der öffentlichen Verspottung preisgab. Ich 
konnte auch nicht finden , dass die f r ü h e r e n Irrenhäuser , so 
traurige Stätten sie auch waren, den Namen Narrenhäuser führten ; 
im Norden hiessen die wenigen , die es überhaupt gab , Tollhäuser, 
in Augsburg gab es ein Unsinnigenhaus. Der Name Narrenhaus 
dafür scheint in der That erst eine Erfindung der letzten Jahr- 
zehende des 1 8. Jahrhunderts und das Wort Narr für Geisteskranke 
eine Sprach mo de zu sein, welche sich um eben diese Zeit aus- 
bildete 3 ) , leider aber sich länger als andere Moden erhalten hat. 

Es ist aber nicht blos die Literatur, aus welcher wir in dieser 
Hinsicht Belehrung zu schöpfen haben , sondern die Sprache des 
gewöhnlichen Verkehrs und Lebens selbst beweist ganz entschieden, 
dass ihr Geist sich in der That im innersten Grunde gegen den 
Gebrauch des Wortes Närr für Geisteskranker sträubt. Alle Sprüch- 
wörter bestätigen diess. »Ein Narr macht zehn« kann nicht über- 
setzt werden in: »Ein Geisteskranker macht zehn« und »ein närri- 
scher Kauz« nicht in: »ein geisteskranker Kauz.« Statt: »jedem 



Narrheit. 



123 



Narren gefällt seine Kappe« kann man nicht sagen: »jedem Tob- 
süchtigen oder Schwermüthigen gefällt seine Mütze« und würde 
Ihnen jemals beikommen, den bekannten Luther'schen Tisch- und 
Trinkspruch so zu fassen: »Wer nicht liebt Wein, Weiber und 
Gesang, der bleibt ein Geisteskranker sein Leben lang?« Umgewendet 
sträubt sich die Sprache auch entschieden dagegen, psychisch Kranke 
ohne Unterschied als Narren zu bezeichnen. Einen tief Melancho- 
lischen, dem ein schwerer Druck auf der Seele lastet und der sich 
ohne Unterlass mit Selbstanklage quält, einen Narren zu nennen, da- 
vor bewahrt doch Jeden ein natürlicher Tact. 

Woher kommt nun aber trotz alle Dem die so häufige Ver- 
mengung und Verwechslung beider Begriffe? 

Offenbar aus einer nicht genügenden Unterscheidung zwischen 
Gesundheit und Krankheit. Auch in der Breite der Gesundheit 
gibt es Abweichungen des psychischen Lebens von der Norm, 
welche nicht Krankheit sind. Es gehören dazu die Sünde und das 
Laster, welche aber, als aus freiwilliger Hingabe an das Böse und 
Stellung des selbstsüchtigen Eigenwillens über das Sittengebot, 
ausser den Kreis unserer Betrachtung fallen. Eben so auch die 
Leidenschaften. Zwar sind auch diese schon, von den Stoikern 
zumal, als Krankheiten der Seele bezeichnet worden; sie sind es 
aber auch nur dann, wenn schlechthin jeder abnorme Seelenzustand 
mit Krankheit identificirt wird. Aber eben weil dadurch, durch 
diese metaphorische Uebertragung gewisser Vorstellungen von einem 
auf's andere Gebiet, so leicht eine heillose Begriffsverwirrung ange- 
richtet wird, sollte man eine solche Erklärung unterlassen, und die 
Leidenschaften als Abweichungen, Ausschreitungen, Gleichgewichts- 
verluste, die aus der Seele selbst und ihrem Wesen hervorgehen, 
nicht zu den Krankheiten zählen, als welche nur organisch be- 
dingt sein können. Dann würde auch der Begriff Seelengesund- 
heit seine schillernde und unsichere Bedeutung verlieren. Was 
man gegenwärtig darunter versteht, wenn man z. B. sagt, eine gute 
Erziehung müsse darauf ausgehen, die jungen Leute gesund an 
Leib und Seele zu erhalten, oder wenn man von gesunder Logik 
spricht, oder wenn man Jemanden nachrühmt, .gesunde Lebensan- 
sichten zu haben — davon ist der Gegensatz nicht die Geisteskrank- 
heit, sondern jene figürlich sogenannte Seelenungesundheit, als deren 
Abarten man sowohl Leidenschaft als Narrheit ansehen kann, zu 



124 



Nai-rheit. 



welcher aber auch noch manche andere Geistes- und Gemüthsver- 
fassungen gehören, wie psychische Wehleidigkeit, Weichlichkeit, 
Launenhaftigkeit, Ueberspanntheit, Sentimentalität, Griesgrämigkeit, 
Misauthropie und Aehnliches. Der Gegensatz von psychischer Krank- 
heit, von Geistestörung dagegen ist Gesundheit schlechtweg, Ge- 
sundheit im eigentlichen einfachen und gewöhnlichen Sinne des 
Worts. 

Schon die Leidenschaft selbst kann man unter gewissen Um- 
ständen oder von gewissen Gesichtspuncten aus Narrheit nennen, 
und in vielen Fällen beruht auch das, was man im gewöhnlichen 
Leben eine Narrheit oder eine Manie nennt, auf einer hoch gestei- 
gerten Leidenschaft, wie wir sogleich weiter sehen werden. Aber 
ganz fallen beide Begriffe doch keineswegs zusammen. Um einen 
Ehrgeizigen und Ruhmsüchtigen , namentlich wenn er seine Zwecke 
erreicht , einen Narren zu nennen , müssen wir uns schon immer 
ein wenig anstrengen, uns mit einiger Abstraction extra auf einen 
philosophischen Standpunct schwingen; ähnlich geht es mit dem 
Spieler, wenigstens mit dem Hazardspieler und mit manch anderen 
Leidenschaften. 

Wenn wir hienach die Leidenschaft nur oft, nicht immer, 
zur Narrheit werden sehen, so giebt es andererseits noch andere 
Abweichungen und Auswüchse des psychischen Lebens, deren Träger 
wir, auch ohne dass sie einer besonderen ausschliesslichen Leiden- 
schaft huldigen müssten, doch als excentrische , bizarre Menschen, 
als Sonderlinge, als Narren bezeichnen. Auf kürzere Zeit kann 
eine derartige , wenn man so sagen will , physiologische 4 ) oder ge- 
sunde Narrheit jeden Menschen befallen, blos von der Seele aus, 
ohne Krankheit, insoferne in jedem Menschen, freilich in sehr ver- 
schiedenem Grade, von Zeit zu Zeit ein instinctartiges Bestreben 
erwacht, einmal das Geleise des gewöhnlichen regelrechten Lebens, 
in welchem immer nur gewisse Seiten unserer Existenz angesprochen 
werden, zu durchbrechen, irgend etwas Absurdes, Unschickliches, 
sogar Verbotenes zu thuu, oder sich selbst in gewisse narrenhafte 
quasi verrückte Zustände zu versetzen, sich recht auszutollen, was 
seinen Gipfel im Fastnachtsnarrenwesen, freilich in dem urwüchsi- 
gen, volksthümlichen der früheren Zeiten erreicht. Aber es gibt 
auch chronische Ab- und Ausartungen, die dem Individuum habi- 
tuell sind und die wir als Schrullen, als bizarre Manieen im un- 



Narrheit. 125 

eigentlichen Sinn, als Narrheiten in vulgärer Bedeutung des Wortes 
bezeichnen. 

Alle Ab- und Ausartungen dieser Art nun, sie mögen leiden- 
schaftlicher Natur sein oder nicht, unterscheiden sich von dem, 
was wir psychische Krankheit, Geisteskrankheit nennen, dadurch, 
dass sie unmittelbar Abnormitäten des Seelenlebens sind, Ungleich- 
förmigkeiten und Einseitigkeiten im geistigen und gemüthlichen 
Thun und Treiben, die von der Seele selbst ausgehen, während die 
psychische Krankheit in der Hauptsache eine körperliche Krank- 
heit, ein Leiden des Gehirns und Nervensystems ist, welches nur 
seiner eigenthümlichen Natur nach die Seele in besondere Mit- 
leidenschaft zieht. Sie sehen auf den ersten Blick den wesent- 
lichen Unterschied, welcher zwischen beiderlei Zuständen besteht. 
Betrachten wir aber die Sache etwas näher. 

Was versteht man im gewöhnlichen Leben unter einem NaiTen? 
Zuerst werden wir schon jede Gleichbedeutung des Wortes mit dumm, 
einfältig, zurückweisen müssen, denn diese Worte drücken einen 
Mangel, eine Negation aus, Narrheit aber etwas Actives, Positives. 
Dumm geht ferner auf's Erkennen, Denken, Wissen, dessen Störung 
oder Gebrechen durchaus nicht noth wendig zum Begriff der Narr- 
heitgehört; dem Dummen ist der Talentvolle, Geweckte, Gescheidte, 
dem Narren dagegen der Kluge und der Weise entgegengesetzt. 
Der Begriff wird also wesentlich auf's Thun, auf's Verhalten, auf's 
Streben gehen. Versteht man nun vielleicht unter Narren Jemand, 
der verkehrtes, verwirrtes Zeug spricht? Oder muss er, um sich 
diese Benennung zu verdienen , auf der Strasse tanzen und Grim- 
massen schneiden? Gewiss nicht. Oder ist derjenige ein Narr, 
der überhaupt anders spricht und handelt als man nach seiner Lage 
und seinen Verhältnissen erwarten sollte, und dabei seine Interessen 
oder was wir dafür halten, in für uns unbegreiflicher Weise ver- 
nachlässigt? Das träfe schon näher zu; für sich allein aber wäre 
es immer erst Leichtsinn, Unbesonnenheit. Ein blosses Hiugeben 
an Genüsse ist noch nicht Narrheit. Wir nennen den Säufer, wenn 
er noch so sehr Sklave seiner Neigung geworden ist, desshalb doch 
nicht einen Narren ; den Ausdruck : Trinknarr gibt es nicht. Der 
Narr lebt nicht in den Tag hinein, er muss ein Ziel haben, einen 
Zweck verfolgen, der an sich kein schlechter ist, aber uns nichtig, 
lächerlich erscheint 5 ). Der Narr findet sein Glück in Dingen , die: 



126 



Narrheit. 



wir durchaus nicht für ein solches halten, und wir nehmen an, 
dass er sich gewisse Dinge zu wünschens- und erstrebenswerthen 
erst durch seine Phantasie ausmalt. üm aber Jemand für einen 
Narren zu erklären, reicht es dann noch keineswegs hin, dass er 
einfach in dem erträumten zukünftigen Glück mit seiner Phantasie 
schwelgt, sondern es ist dazu nothwendig, dass er sich's Arbeit 
und Opfer kosten lässt, und gerade desshalb wird er ausgelacht, 
weil er es nach unserer Meinung für Nichts thut. Einem zum 
Narren haben, besteht hauptsächlich darin, ihn zu Handlungen oder 
Reden zu veranlassen und sich daran zu erfreuen, weil sie um ein 
Nichts unternommen sind. 

Es erhellt hieraus schon , wie schwankend und relativ der 
Begriff überhaupt ist und wie seine Anwendung gar oft nur auf 
unserer subjectiven Beurtheilung beruht. Und zwar theils auf der 
Ansicht von dem, was wir für das würdige und selbstverständliche 
Ziel menschlichen Lebens und Strebens überhaupt halten als auch 
auf der Ansicht von dem , was sich das betreffende Individuum in 
dem Punct, um dessen willen es für einen Narren gehalten wird, 
als Ziel vorgesetzt hat. Der Eigennutz ist das , was alle Welt für 
das Vernünftige hält ; darum wird Jeder ein Narr genannt , der 
bei irgend einer Gelegenheit seine Vortheile ausser Augen lässt; 
und wenn Jemand, der sich einen leichten Gewinn verschaffen 
könnte oder dem ein Geschenk angeboten wird, wegen allerlei 
Scrupeln in seinem Ehrgefühl oder Gewissen damit zögert, so pfleg- 
ten Andere ihm oder schliesslich er sich selbst zuzurufen: Sei doch 
kein Narr! Ja selbst die grossen Diebe, die sich in gewissen gros- 
sen Staaten auf Kosten des Volkes oder der Soldaten in unerlaubter 
Weise bereicherten, wurden dazu zum Theil durch ein gewisses 
Schamgefühl getrieben; sie bildeten sich nämlich ein, wenn sie im 
Rohr sässen, ohne sich Pfeifen zu schneiden, so würde man sie all- 
gemein für Narren halten. Es ist diess überhaupt eine der Teufels- 
pforten, d. h. eine der vielen Arten und Weisen, auf welche die 
Welt oder wir selbst uns von der Befolgung des Pflichtgebotes zu 
dispensiren suchen , so z. B. auch in Hinsicht auf Wahrhaftigkeit. 
Dem feurigen Verse des Burschenliedes: Wer die Wahrheit kennet 
und saget sie nicht, der ist fürwahr ein erbärmlicher Wicht, tritt 
mit abkühlender Philisterhaftigkeit das Sprüchwort gegenüber: 
Kinder und Narren reden die Wahrheit; womit offenbar nicht so- 



Narrheit. 127 

wohl gesagt sein soll, dass beide vorzugsweise im Besitze der Wahr- 
heit seien, als vielmehr, dass sie unbekümmert um den Nachtheil 
sind, den ihnen das Aussprechen derselben bringen kann. 

Wir haben gesehen, dass man auch die meisten Leidenschaf- 
ten bei einem gewissen Grade derselben als Narrheiten ansehen 
kann; da aber nichts Grosses in der Welt geschieht ohne leiden- 
schaftliche Antriebe, so laufen wir Gefahr, jeden grossen Menschen 
so lange für einen Narren zu erklären, als er sein Ziel noch nicht 
erreicht hat und als dieses, besonders wenn es auch vor ihm noch 
gar nicht erstrebt wurde, auch als unerreichbar und das Streben 
danach als chimärisch erscheint. Alle grossen Entdecker sind, so 
lange sie sich noch abmühten und es noch zu keinem Resultat ge- 
bracht hatten, mit Misstrauen, ja mit Verachtung oder Mitleid 
betrachtet, für Narren erklärt worden, von derselben Welt, welche 
hinterher, wenn die Entdeckungen gemacht sind, sie ganz gemüth- 
lich, als ob sich's von selbst so verstünde, geniesst. Das erste 
Beispiel solcher Art geben uns die Bewohner der weltbekannten 
Stadt Abdera in Griechenland (Thracien). Ihr Mitbürger, der be- 
rühmte Weltweise Democrit, kam ihnen, weil er, statt in ihre Ge- 
sellschaften zu gehen, Tag und Nacht allein war und sich in 
Studien vertiefte, so bedenklich vor, dass sie den eben in der Nähe 
(auf der Insel Thasos) sich aufhaltenden Hippokrates zu seiner 
Untersuchung und Behandlung herbeiriefen. Hippokrates kam und 
erklärte den Democrit für den Weisesten aller Sterblichen G ). Man 
könnte zwar dieses so überaus günstige Urtheil eines Arztes über 
einen Philosophen zum Theil auf Rechnung des Umstandes schreiben, 
dass jener diesen mit anatomischen Untersuchungen an Thieren be- 
schäftigt fand — allein dem sei wie ihm wolle, die Abderiten hatten 
sich jedenfalls blamirt ; und weil sie nicht nur einen Weisen für 
einen Narren in unserem vulgären Sinn erklärt, sondern auch diese 
vermeintliche Narrheit wieder mit Geisteskrankheit verwechselt 
haben , so ist ihre Stadt , wie sich's gebührt , das classische Urbild 
der Schiida, Laienburg und Hirschau aller Zeiten geworden. 

Nicht anders ist es, was den subjectiven Charakter derartiger 
Beurtheilungen beti-ifft, mit allen anderen Leidenschaften, sofern 
wir sie für Narrheiten erklären. Es gebührt sich, dass ich die 
mächtigste von allen zuerst anführe. Sie wissen, dass man in 
gewissen Fällen statt des Ausdruckes verliebt den Ausdruck 



128 Narrheit. 

vernarrt gebraucht; man will damit sagen, dass das Glück, 
welches der betreffende Liebende zu empfinden scheint, oder sein 
excentrisches Gebahren für uns in diesem Falle etwas Unbegreif- 
liches hat; wobei nun die Ursache entweder in der absoluten und 
sonnenklaren Unerreichbarkeit des geliebten Gegenstandes oder in 
dem wirklichen oder nur angenommenen Missverhältniss zwischen 
den Eigenschaften der Geliebten und der Aufregung des Liebenden 
bestehen kann. Das Erste wäre z. B. der Fall, wenn ein junger 
Beamter bürgerlichen Standes sich um eine Prinzessin abhärmte, 
während er in seiner nächsten Nähe viele und sehr schöne junge 
Damen zur Auswahl hätte. Es wird nicht wenig Leute geben, 
welche geneigt sind, zu dieser Kategorie auch den Ritter Toggen- 
burg zu zählen. Als der anderen Reihe angehörig können die Stu- 
denten im Faust gelten, von welchen die Bürgerstöchter sagen: 
»Da seht mir nur die schönen Knaben, es ist wahrhaftig eine 
Schmach; Gesellschaft könnten sie die allerbeste haben, und laufen 
diesen Mägden nach.« 

Von den beseelten Blumen führt mich ein natürlicher Ge- 
dankengang zu den wirklichen. Blumenzucht wird Jedermann für 
eine vernünftige und schöne Liebhaberei erklären; ihr Pfleger wird 
aber zum Narren, wenn ihm der Erwerb und der Besitz, also das 
Mittel , zur Hauptsache wird , über welchem der eigentliche Zweck, 
der Genuss in der Betrachtung und Pflege , völlig zurücktritt , und 
wenn er, blos um Vieles und Seltenes zu haben, allen Sinn für 
andere Lebensfreuden und Lebenszwecke verliert und vielleicht 
sogar sein Vermögen zu Grunde richtet. Man nennt diese und 
andere zum Excess getriebene Liebhabereien oft Manieen, [mit Un- 
recht, ja zum Theil zum förmlichen Schaden richtiger Begriffe, in- 
dem dabei etwas als eine Geisteskrankheit angesehen wird was 
keine ist, dafür aber wieder rückwärts wirkliche Geisteskrankheit 
lediglich als eine unverzeihliche Leidenschaft oder Schrulle, die man 
dem Betreffenden wohl austreiben könne. 

Im Grossen geschieht diese Verwechslung, wenn gewisse 
Geistesrichtungen, sei es religiöser oder politischer Art, welche 
ganze Zeitalter beherrschen und ihrem Dichten und Trachten vor- 
waltend zu Grunde liegen, wie z. B. der Teufels- und Hexen- 
glauben im Ganzen, als Wahnsinnsepidemieen betrachtet werden, so 
sehr ich auch überzeugt bin, dass ein grosser Theil der angeblichen 



Narrheit. J29 

Hexen Kranke waren. Eine solche Art der Geschichtsbetrachtung 
schien eine Zeit lang bei französischen Schriftstellern Mode werden 
zu wollen; sie hat aber auch bei uns Eingang gefunden, wie diess 
unter Anderen 7 ) eine im Jahr 1850 in Berlin gedruckte medicini- 
sche Inaugural - Dissertation von Groddekk de morbo democratico 
bezeugt, die später deutsch unter dem Titel: die democratische 
Krankheit , eine neue Wahnsinnsform, erschien, und wogegen gleich 
darauf ein Pseudonym Namens Cebedaeus Cameleon Odreg eine 
satyrische Gegenschrift: de morbo reactionario , antiqua insaniae 
forma, herausgab. Es versteht sich von selbst, dass mit solchen 
Witzen der Wissenschaft nicht gedient, vielmehr die Verwirrung 
der Begriffe vermehrt, und nach zwei Seiten zugleich Schaden 
gestiftet wird. 

Zu solchen missbräuchlich so genannten Manieen gehört ferner, 
um noch ein Beispiel anzuführen, die Bibliomanie, Sucht nach Er- 
werb und Besitz von Büchern, entweder überhaupt nur von vielen, 
zuweilen selbst blos schön eingebundenen, oder häufiger von seltenen, 
blos um sie zu haben. Im des schon erwähnten Sebastian Brant 
Narrenschiff eröffnet der Büchernarr 8 ) die Reihe, indem er spricht : 

den vordantz hat man mir gelan 

dann ich on nutz viel Bücher han , 

die ich nit lyß und nit verstan. 
Es ist schon vorgekommen, dass solche Büchernarren auch Bücher 
gestohlen haben ; während wir aber über andere Bücher - oder 
Earitätendiebe , welche damit Handel oder sonstigen egoistischen 
Missbrauch treiben, entrüstet sind, ist hier unser Unmuth über die 
That immer mit einem gewissen Kitzel zum Lachen verbunden. 

Mehr oder weniger können alle Sammler zu Narren in diesem 
Sinne werden, sobald sie in dieses blosse Sammeln das ganze Glück 
ihres Lebens setzen , all ihr Bestreben darin aufgehen lassen , und 
von ihrer Leidenschaft oft auch ganz am unrechten Orte und zu 
unrechter Zeit beherrscht werden. Es ist unnöthig und würde viel 
Zeit kosten, dieselben alle einzeln aufzuführen. Am gesteigertsten 
und zugleich am gehässigsten erscheint dieser Sammeltrieb, wenn er 
auf zeitliche Güter überhaupt, auf Geld und Geldeswerth geht, als 
Habsucht und Geiz. Der Geiz kann zum Laster werden, und gehört 
dann ins Gebiet der Unsittlichkeit ; er wird es aber nur dann und 
insofern, wenn er die besseren Gefühle des Menschenherzens, die 
Hagen, Studien. 9 



130 Narrheit. 

Wohlthätigkeit und Barmherzigkeit austilgt. An sich und in Bezug 
auf seine eigene Lage betrachtet, erscheint der Geizige, weil er 
über dem Erwerb und Besitz dessen, was Mittel zum Genuss seiri 
soll, auf diesen selbst verzichtet , als ein Narr. 

Die Schätze, auf deren Erwerb man ausgeht, müssen aber 
nicht nothwendig in Gold und Silber bestehen, sie können auch 
geistiger Art sein. Gibt es auch hier eine Narrheit? Es kommt 
dabei viel auf den Standpunct des Beurtheilers an. Wer, mit 
Vorliebe der wechselnden Erscheinung zugewendet, an der Mannich- 
faltigkeit der Dinge seine Freude hat oder sich nur im Getriebe 
der Welt wohl fühlt, dem kann ein in den Schachten des Wissens 
Grabender und all sein Sinnen auf gewisse Gegenstände Concentri- 
render, an dem die Güter der Welt völlig unbemerkt vorüberziehen, 
leicht vorkommen, wie 

ein Thier auf dürrer Haide 
Von einem bösen Geist im Kreis herumgeführt , 
Und rings umher liegt schöne grüne Weide. 
Er weiss nicht, dass jenem Forscher sein Arbeitsfeld schon selbst 
die grüne Weide ist. Gleichwohl kann auch das Stndiren zur 
Narrheit werden , sobald Aufstappelung von Kenntnissen und ge- 
lehrtes Wissen als solches zum Selbstzweck gemacht wird, wo dieses 
dann nicht mehr ein Mittel zur Erforschung der Gesetze der Natur 
und Geschichte oder zur Erreichung praktischer Zwecke, sondern die 
blosse Befriedigung des Wissensstolzes das Ziel ist und die grösste Krän- 
kung darin besteht , wenn einem Solchen nachgewiesen wird , dass 
er irgend etwas, sei es auch Kleinliches, noch nicht gewusst habe. 

Von diesem äusserlich sehr verschieden, aber innerlich näher 
verwandt als es scheint, ist derjenige, der allen Werth darauf legt, 
jederzeit bis ins Kleinste herab mit der jeweiligen allgemeinen Sitte 
nicht nur zu gehen, sondern vor Allen auch Jedermann zu zeigen, 
dass er diess thut, wobei es von höchster Wichtigkeit ist, es immer 
sobald als möglich zu wissen, dass etwas Neues wirklich demnächst 
zur allgemeinen Sitte werden wird. Sie merken, dass ich im Be- 
griffe stehe, auf das Gebiet der Modenarrheit zu gerathen. Da 
ich mich jedoch hiemit auf einen gefährlichen Boden begebe, auf 
welchem ich schwerlich etwas gewinnen würde, so will ich lieber 
gleich das Feld räumen, und zu anderen Narrheiten übergehen. 

Es muss nicht gerade eine ausserhalb des Geschäftes liegende 



Narrheit. 



131 



Liebhaberei sein, welche uns den Eindruck einer sog. Manie macht. 
Zwar ist ernsthaftes und eifriges Betreiben eines Berufes in der 
Regel ein Hemmniss für das Entstehen von Narrheiten , und 
diese können sich um so weniger ausbilden, je grösser die Ansprüche 
sind , die an unsere Thätigkeit gemacht werden , daher man sie 
schwerlich bei Fabrikarbeitern und Locomotivfükrern finden wird, 
mehr bei Privatiers, besonders unverheiratheten (denn eine Frau 
ist zwar kein untrügliches, aber doch eines der besten Mittel gegen 
Narrheiten). Aber der Beruf kann doch auch manchmal in einer 
Weise betrieben werden, dass dabei der eigentliche Lebenszweck 
verfehlt wird. Es ist der Lebensberuf der Derwische , religiöse 
Uebungen zu treiben, viele derselben geberden sich aber dabei wie 
Narren. Eines der schönsten Beispiele hiervon ist das, welches 
uns der ungarische Beisende Vambery erzählt (J ). Indem er von 
dem Fanatismus der muhamedanischen ßeligionspartei der Schiiten 
spricht , erwähnt er auch einen Derwisch , der zur Zeit seiues Auf- 
enthaltes in Tebris ebenfalls zufällig dort anwesend war und wel- 
cher »durch und durch überzeugt von der Gerechtigkeit der An- 
sprüche Ali's als ersten Chalifen schon vor 30 Jahren ein Gelübde 
gethan hatte , während seines ganzen Lebens sein Sprachorgan zu 
nichts Anderem gebrauchen zu wollen, als zur Ausrufung der 
Worte : Ali , Ali ! , indem er , wie er meinte , hiemit als eifrigster 
Parteigänger des vor mehr als 1000 Jahren verewigten Chalifen 
sich zeigen werde. In seinem Hause , denn er war verheirathet, 
sprach er zu Frau und Kindern, zu Freunden und Verwandten nur 
Ali, Ali ; wenn er essen, trinken, oder was immer begehren wollte, 
rief er Ali , Ali , wenn er im Bazar etwas erbetteln oder kaufen 
wollte, l'ief er Ali, Ali, wenn man ihn misshandelte oder belohnte, 
rief er Ali, Ali, und in neuerer Zeit stieg sein Eifer so hoch, dass 
er den ganzen Tag zu Pferde wie ein Besessener die Strassen durch- 
rannte, einen Stab hoch in die Luft schwang und wild ausrief : Ali, Ali.« 

Dieser Derwisch hatte, wie so manche andere seines Standes, 
von seiner Narrheit wenigstens den Vortheil, als Heiliger verehrt 
zu werden. In anderen Ständen hat freilich die Liebhaberei für 
den Beruf, wenn sie narrenhaft wird, diesen Erfolg nicht, son- 
dern sie ist nur ihr eigener Lohn. Wie sich ein Beamter in 
seine Acten verlieben kann, hat uns der weiland »Staatshämorrhoi- 
darius« der fliegenden Blätter oft in ergötzlicher Weise dargestellt; 



132 Narrheit. 

und damit auch meine eigene Facultät nicht ungerupft davonkomme, 
so bitte ich Sie, unseren Jean Paul nicht ganz zu vergessen, sondern 
in Dr. Katzenberger's Badereise zu lesen, wie Jemand über der 
Jagd auf Missgeburten zum Räuber werden kann. Ein Stück 
Katzenberger hat aber noch jetzt jeder rechte Mediciner im Leibe. 

Am gefährlichen wird die im Beruf wurzelnde Narrheit auf 
dem Thron. Der Besitz der Macht und die Gewohnheit des Be- 
fehlens soll, wo die Dinge recht stehen, das Mittel sein, um Ord- 
nung und Gesetz aufrecht zu halten und das öffentliche Wohl zu 
fördern. Wo aber statt der Sorge um dieses das Befehlen selber 
zum Zweck wird und der Kitzel, an Allem und Jedem die absolute 
Willkühr zu üben, den Mittelpunct und das Ziel alles Strebens 
ausmacht, da kann die Sucht, die schrankenlose Machtvollkommen- 
heit immer sofort in unmittelbaren Wirkungen zu schauen, zu der 
ungeheuerlichsten und unsinnigsten Verschwendung , zur abge- 
schmacktesten Selbstvergötterung und dem grauenhaftesten Hinweg- 
setzen über alle menschlichen Gefühle führen. Ein Caligula, ein 
Nero waren solche Narren auf dem Thron. Solche Häupter müssen 
aber nicht gerade immer gekrönt sein, es reicht schon der ander- 
weitig erlangte Besitz der Macht aus, und der Schwindel ist dann 
oft nur um so grösser. Schon manche schöne Volkserhebung ist 
schliesslich dadurch verdorben worden und verunglückt, dass sie in 
die Hände von Revolutionsnarren gerieth, welche das Wesen 
der Freiheit darein setzten , die Revolution für permanent zu er- 
klären, d. h. auch wenn gar keine neue Freiheit und kein weiteres 
Recht mehr zu erfechten ist, doch fortan noch wenigstens alle 
14 Tage einen neuen Krawall nebst Strassenkampf aufzuführen und 
die Barrikaden immer gleich für das nächste Mal stehen zu lassen. 
Unter der Schreckenszeit in Frankreich schien es vollends, als ob 
die schönste Aufgabe der Republik das Köpfen ohne Ende sei. 

Es mag sein , dass bei all diesen Ungeheuerlichkeiten die 
wirkliche Sorge um das Freiheitswerk mehr oder weniger Motiv 
war ; aber mitwirkte und bei Vielen vorschlagend war die Freude 
an der Macht über das Leben Anderer. Im Kleineu finden wir 
dasselbe in der Mordlust Einzelner. Nicht zu verwechseln mit der 
krankhaften Mordmonomanie gehört sie, wenn man vorläufig von 
der moralischen Seite absieht, ihren psychischen Quellen nach in 
das Gebiet der Narrheit. Am deutlichsten tritt diess bei jenen Gift- 



Narrheit. 



133 



mischerinnen hervor, denen, wie der Brinvilliers , der Gesine Gott- 
fried , der Zwanziger , das Vergiften zur Gewohnheit , zum süssen 
Lebensreiz geworden ist. Im Anfang Mittel zur Befriedigung von 
Rache, Habsucht, Wollust, wird mit dem einmaligen Gelingen der 
Kitzel, als Quasi- Schicksal mit dem Leben Anderer zu schalten 
und diese in seiner Gewalt zu haben, Selbstzweck, das Individuum 
wird ein Vergiftungsnarr. Auch der Jeanneret ist wohl zu glauben, 
dass sie wenigstens im Anfang lediglich an Anderen experimentiren 
wollte , wobei die Gefährlichkeit des Mittels schon einen eigenen 
schauerlichen Reiz hinzufügte, später, als sie fand, dass sie unge- 
straft Herrin über Leben und Tod war, machte ihr auch das Tödten 
und endlich nur noch das Töclten Genuss. Indessen bin ich bei 
ihr noch nicht völlig gewiss, ob nicht auch etwas wirklich Krank- 
haftes mit zu Grunde lag. 

Doch genug der Beispiele. Sie werden hinreichen , um zu 
beweisen , dass in allen Fällen der besprochenen Art , für welche 
die Sprache den Ausdruck Narrheit gebraucht, von Geisteskrankheit 
keine Rede ist, und für die Mehrzahl derselben müssen wir Irren- 
ärzte im Namen unserer Kranken feierlichst dagegen protestiren, 
sie mit denselben in eine Linie zu stellen. Gerade die häufigsten 
Haupt- und Elementarformen der Geisteskrankheit, Tobsucht, Me- 
lancholie, Wahnsinn, selbst partielle Verrücktheit haben mit den 
verschiedenen Arten von Narrheit, die ich Ihnen in Kürze geschil- 
dert habe, nichts gemein. Es gibt zwar eine Form psychischer 
Krankheit, welche wir Narrheit nennen. Sie zeichnet sich aus 
durch einen instinctartigen unbesiegbaren Trieb zu barocken, son- 
derbaren Handlungen, zu welchen ein entsprechendes Motiv nicht 
zu finden ist, und ohne damit weiter sich daran anknüpfende Folgen 
für sich und Andere zu bezwecken. So die Neigung, allerlei sonder- 
bare Bewegungen und Gesticulationen zu machen, oder den Körper 
oder einzelne Glieder immerfort in derselben Stellung unbeweglich 
zu erhalten, oder immerfort Gebete vor sich hinzuplappern, oder 
andächtige Geberden und Stellungen anzunehmen, zu knieen, oder 
der krankhafte Hang sich in phantastischer Weise zu putzen , oder 
in Reden die Worte eigenthümlich zu verderben oder ganz neue 
Worte zu machen oder gleich Monate und Jahre gar nicht zu reden 
oder immerfort zu schreiben oder irgendwie Schaden zu stiften, sei 
es durch Stehlen oder Anzünden oder Mord oder Selbstverstümme- 



134 



Narrheit. 



lung. Wenn aber für dies e Zustände der Name Narrheit (im Fran- 
zösischen Folie in engerem Sinne nach Guislain) gewählt wird, was 
übrigens noch nicht allgemein geschieht, so thut man diess nicht 
desshalb, weil dieselben wirklich nichts Anderes als Narrheiten in 
jenem gewöhnlichen Sinne und mit denselben identisch wären, son- 
dern weil wir einen anderen Ausdruck nicht haben und daher, um 
doch diese Speeles besonders benennen zu können , denjenigen 
wählen, der im Bereich der Gesundheit die verwandteste Erschein- 
ung bezeichnet. Wir behalten aber dabei vollkommen das Be- 
wusstsein, dass, wenn wir von Narrheit in diesem Sinne sprechen, 
wir eine Krankheit meinen , so wie es auch eine Schwermuth gibt, 
die ein natürlicher, objectiv begründeter Zustand ist, und wir doch 
das Wort Schwermuth auch zur Bezeichnung einer psychischen 
Krankheitsform gebrauchen. Es ist eben ganz natürlich, dass, wenn 
durch abnorme Gehirn - und Nervenzustände , Abweichungen im 
psychischen Leben hervorgerufen werden , diese solche sein werden, 
zu welchen der Mensch überhaupt fähig ist, von welchen daher so 
manche auch ohne psychische Krankheit auf andere Weise sich des 
Menschen bemächtigen können. 

Ungenügende Kenntniss und Beobachtung hat nun aber früher 
häufig genug das Vorhandensein von Krankheit misskannt, und in 
solchen Krankheiten nur psychisch motivirte, mehr oder weniger 
freiwillig eingegangene mit Lust und Willkühr cultivirte Schwächen 
und Missgewohnheiten erkannt und beiderlei Zustände mit einander 
vermischt und verwechselt. Und so lässt sich denn auch leicht 
denken, auf welchem Wege der Name Narrheit zuletzt populäre 
vulgäre Bezeichnung für Geisteskrankheit wurde. Da die psychische 
Krankheitsform Narrheit in der Regel eine chronische ist, das von 
demselben Individuum lange Zeit , Jahre lang , immer wieder ge- 
sehen wird ; da sie ferner von allen die leichtest bemerkbaren Züge 
darbietet, und ein bizarres Gebahren dieser Leute zur Belustigung 
der Zuschauer, in einer Zeit namentlich', wo man dergleichen In- 
dividuen noch mehr sich selbst überliess, leicht zu provociren war, 
so wurde der Name Narrheit vorzugsweise häutig in den Mund 
genommen und unvermerkt auf alle anderen Arten von Geistes- 
krankheit ausgedehnt, er wurde zu einem Gattungsnamen 10 ). Aber 
sicherlich gegen den urspünglichen Genius der Sprache, wie ich 
oben schon nachwies, und auch gegen die Thatsachen. Denn die 



Narrheit. 



135 



Krankheitsform Narrheit ist gegen die anderen Formen psychischer 
Krankheit verhältnissmässig nicht häufig. Die daran Leidenden 
bilden nur eine kleine Zahl und es kann sich in einer kleineren 
Irrenanstalt zuweilen wohl treffen, dass in derselben längere Zeit 
kein einziger Narr ist. 

Nun werden die Fragen der Verwunderung, welche ich einer 
Beleuchtung zu unterwerfen mich anheischig gemacht hatte, Ihnen 
schon von selbst in einem ganz anderen Licht erscheinen. Narrheit 
in dem einen und dem anderen Sinne sind eben zwei verschiedene 
Dinge, welche gar nicht noth wendig zusammen gehören. Es kann 
Einer sein ganzes Leben lang seine Marotten und sonderbaren Nei- 
gungen haben, kann ein närrischer Kauz und in seiner Art, wie 
man zu sagen pflegt, ein Narr in folio sein , aber er wird nicht 
geisteskrank. Dazu wird ein Erkranken des Gehirns und Nerven- 
systems erfordert, das seine besonderen Ursachen, sei es der Prä- 
disposition oder der Gelegenheit hat. Ich will nun hiemit natür- 
lich keineswegs ableugnen, dass auch Sonderlinge oder solche, die 
eine gewisse Idee rücksichtslos oder leidenschaftlich verfolgen, zu- 
letzt in Geisteskrankheit verfallen können. Es kann vorkommen, 
dass ein Geizhals durch grosse Vermögensverluste psychisch er- 
krankt, dass ein Processnarr und Querulant oder ein solcher, der 
neue kunstvolle Maschinen zu erfinden sich Jahre lang abmüht, 
schliesslich verrückt wird, dass der Hochmuth endlich zu einem 
Fall führt, aus welchem sich der Betreffende nur psychisch gestört 
wieder erhebt, aber das Alles ist viel seltener als man glaubt. Das 
bei weitem Häufigere ist (wenn dergleichen Schwächen und Leiden- 
schaften überhaupt üble Folgen haben und nicht schliesslich in 
Folge der heilsamen Zucht der Erfahrung zur Besonnenheit zurück- 
führen), dass das Individuum ein ärmliches, bedauernswerthes 
Dasein führt, bis es griesgrämig zur Grube fährt, oder dass es 
verkommt und verliedert, oder dass es in Selbstmord endigt, oder 
dass Aerger, Grimm oder Reue es in eine körperliche Krankheit 
stürzt, welcher es unterliegt. Man könnte zwar denken, ein Son- 
derling, ein Narr der beschriebenen Art müsse, wenn auch seine 
Gemüthsverfassung nicht von selbst zur psychischen Krankheit 
heranwachse, doch wenigstens mehr zu solcher disponirt, daher 
unter sonst gleichen Umständen mehr in Gefahr sein, geistig zu 
erkranken als ein Anderer. Aber auch diese Meinung ist zurück- 



136 



Narrheit. 



zuweisen. Denn selbst die Disposition zu psychischer Krankheit liegt 
keineswegs vorzugsweise in der Seele selbst, sondern zum bei weitem 
grösseren Theile im Gehirn und Nervensystem. Beweis dessen ist, 
dass so oft, und zwar je acuter die psychische Krankheit ist, desto 
entschiedener ein totaler Widerspruch zwischen dem jetzigen und 
dem sonstigen geistigen und sittlichen Verhalten des Individuums 
besteht. Der Geizige wird zum Verschwender, der Misanthrop läuft 
jetzt in alle Gesellschaften und der lustige Lebemann wird zum 
religiösen Grübler und Andächtler. Man kann diess wohl zuweilen 
so erklären, dass der Mensch sich eben bisher verstellt habe, und 
jetzt erst seine wahre Natur zum Vorschein komme; aber häufiger 
ist gewiss das gerade Gegentheil der Fall. Eben weil die dem 
Menschen überkommende Krankheit mit ihren Wirkungen auf die 
Seele so oft seinem gewöhnlichen Denken und Thun widerspricht, 
so unterliegt er ihrem Andrang auf seine Willenskraft um so 
leichter. Er hat gegen die fremdartigen Stimmungen, Anschau- 
ungen, Triebe, Gelüste, die jetzt in ihm aufsteigen, keine Hülfen 
in sich, weil er nicht gewohnt war, mit solchen kämpfen zu müs- 
sen, und er wird von ihnen um so leichter hingerissen , als ihm 
sein dermaliger Zustand als ein normaler, selbstverständlicher, der 
Lage entsprechender erscheint; denn nur im Anfang und am Ende 
desselben sagt er zuweilen selbst noch, er sei wie verdreht. Ich 
kann hier nicht weiter auf die merkwürdigen Charakterveränder- 
ungen und Gemüthsumwälzungen , welche durch den psychischen 
Krankheitsprocess im Menschen entstehen , eingehen ; sie zu be- 
leuchten, würde eine eigene Abhandlung erfordern, und die mir 
zugemessene Zeit ist wohl schon verstrichen. Ich bemerke daher 
nur noch Eines. Statt dass Sonderlinge zu Geisteskrankheit stärker 
als Andere disponirt wären, kann man sogar sagen, dass sie 
der Gefahr des psychischen Erkrankens weniger ausgesetzt sind 
als andere Leute, und man findet daher nicht, dass dieselben ein 
unverhältnissmässig grosses Contingent zur Zahl der Geisteskranken 
stellen 11 ). Am meisten noch die misanthropischen Sonderlinge so 
wie die Querulanten, weil die Stimmungen des Hasses und die Ein- 
bildung, im Rechte gekränkt zu sein, eine das Nervenleben unter- 
grabende Wirkung haben. Den üebrigen ist die Excentricität 
und Einseitigkeit der Richtung zur anderen Natur geworden, sie 
kümmern sich wenig darum, was Andere von ihren Schwächen 



Narrheit. 



137 



sagen und halten, und sind durch die Gewohnheit in einem be- 
stimmten Geleise festgefahren, aus welchem sie nicht leicht heraus- 
zuwerfen sind. Für eine grosse Anzahl von Affecten sind Manche 
derselben von vorne herein unempfänglich, weil sie für eine Menge 
menschlicher Interessen und socialer Berührungspuncte keinen Sinn 
haben. Oder sie sind sich selbst so genug, mit ihrem Thun und 
Treiben so zufrieden und dadurch innerlich mit sich in Harmonie, 
dass Beleidigungen und Kränkungen theils gar nicht als solche von 
ihnen aufgenommen werden, theils leicht von ihnen abgleiten. Sie 
sondern Alles, was geeignet werden könnte, ein Krankheitsferment 
zu werden, sofort von sich ab. Es ist gewissermassen , als ob sie 
durch eine natürliche oder schon frühzeitig durch ihren Lebens- 
gang bewirkte psychische Impfung schon von vorn herein vor dem 
eigentlichen Erkranken geschützt wären. 

Fassen wir nun zum Schluss das Ergebniss unserer Betrach- 
tungen noch einmal zusammen, so können wir es in dem Satz aus- 
sprechen: die Begriffe Narrheit und Geisteskrankheit decken sich 
nur zum kleinsten Theil, gleichsam mit ihren Rändern J2 ); im 
Uebrigen gehen sie weit auseinander ; die wenigsten Narren werden 
geisteskrank und die wenigsten Geisteskranken sind oder waren 
Narren. 

Ich weiss zwar nicht, ob Sie die Einsicht, welche Sie hie- 
durch gewonnen haben, besonders hoch anschlagen; mir ist es schon 
genug, wenn ich wenigstens eine Wirkung erzielte: den Ausdruck 
Narren für Irre und Narrenhaus für Irrenanstalt aus dem Kreise 
vorläufig wenigstens unserer nächsten Umgebung zu verbannen. 
Ich weiss zwar zum Theil, theils glaube, theils hoffe ich es, dass 
in den Kreisen, welchen Sie angehören, die Worte Narr in diesem 
Sinne und Narrenhaus nicht gebraucht werden. Aber Sie sind nur 
die Elite, und, Sie gestatten mir diess zu sagen, ich hielt diesen 
Vortrag nicht blos für Sie. Nicht auf die hier Versammelten soll 
er seine Wirkung beschränken, sondern ich wünsche, dass durch 
Ihre Vermittlung die richtige Ansicht sich weiter, besonders in die 
tieferen Schichten des Volkes verbreite und sie durchdringe. Dann 
werden auch noch andere hiemit in enger Verbindung stehende 
Vorurtheile verschwinden. Wir Irrenärzte werden nicht mehr die 
Frage zu hören bekommen: Werden denn auch welche geheilt? 
Eine Frage, welche uns ungefähr so anmuthet, wie wenn Jemand 



138 



Narrheit. 



einen Advocaten nach längerer Unterhaltung über dessen Beruf 
plötzlich fragen würde: hören denn auch manche Processe wieder 
auf? An sich betrachtet wäre die Frage, soferne sie auf Belehrung 
ausgeht, ganz berechtigt. Obgleich es nämlich Leute genug gibt, 
(unter Ihnen selbst vielleicht die Hälfte), welche genesene Geistes- 
kranke kennen, so ist doch Geisteskrankheit im Ganzen ein zu 
seltenes Vorkommniss, als dass man Erfahrungen darüber bei Je- 
dermann voraussetzen dürfte und noch weniger kann man Jeder- 
mann zumuthen, dass er die statistischen Berichte über Anstalten in 
Zeitschriften und Büchern gelesen und gemerkt hat. Allein leider 
wird die Frage um der blossen Belehrung willen grossentheils gar 
nicht gestellt, sondern aus den halb ungläubigen , halb mitleidigen 
Mienen des Fragenden geht in der Regel hervor, dass derselbe sie 
für sich selbst schon längst beantwortet hat und zwar verneinend. 
Er denkt: ach, da wird Keines mehr recht, es schickt sich aber 
doch, um seine Theilnahme zu zeigen, wenigstens darnach zu fragen. 
Da eine solche Ansicht von der Unheilbarkeit der Geisteskranken 
unmöglich der Erfahrung entnommen sein kann , weil diese das 
Gegentheil aussagt (wie z. B. unsere Anstalt allein im ver- 
flossenen Jahre 38 vollständig geheilt verliessen) , so ist sie eine 
Ansicht a priori. Denn diese Einbildung ist, wenn auch unbe- 
wusst, deducirt, abgeleitet aus einem allgemeinen Satz , dem : dass 
die Geisteskranken Narren seien. Unter diesem Gesichtspunct an- 
gesehen erscheint natürlich das Unternehmen, einen Geisteskranken 
zu heilen, als ein vergebliches und hoffnungsloses ; denn einen 
Narren gescheidt machen zu wollen, ist ja gerade so thöricht und 
lächerlich, als einen Mohren weiss zu waschen ; und diejenigen, 
welche sich einbilden es zu können und sich damit abgeben, ver- 
dienen in ihren Illusionen das tiefste Mitleiden. Diese aber ihrer- 
seits werden durch solche Ansichten ebenfalls zum Mitleid erregt, 
aber für die Kranken, welche unter diesem Vorurtheil noch immer, 
wenn auch glücklicher Weise nicht mehr in dem Umfang wie früher 
leiden. Noch jetzt kommt gar manche Familie, der der Rath ge- 
geben wird, eines ihrer Glieder in eine Anstalt zu bringen, über 
diesen Vorschlag ganz ausser sich. Ihr Kranker, sagt sie, sei ja 
kein Narr. Freilich ist er kein Narr, aber die, welche bereits in 
der Anstalt sind, sind eben auch keine, und viele von ihnen sind 
sogar in demselben Augenblick geistig viel besser daran als der 



Narrheit. 



139 



betreffende Kranke, vor dessen Zusammengesellung mit jenen man 
schaudert. Diesem unsinnigen Vorurtheil und der Rohheit des vul- 
gären Sprachgebrauchs fallen noch jetzt in Deutschland jährlich 
Hunderte zum Opfer, und wie oft habe ich bei solchen Gelegen- 
heiten, wo alles Reden nichts half, gedacht : der schrecklichste der 
Schrecken das ist der Mensch in seinem Wahn. 

Da nun alles Dieses zum grossen Theil von jenem heillosen 
Gebrauch des Wortes Narr für geisteskrank und von der Unge- 
wobnheit herrührt, Geistesstörungen für das anzusehen, was sie 
sind, für Krankheiten, so sehen Sie wohl ein, dass mir daran 
liegen musste, mich einmal darüber auszusprechen. Möchte es mir 
beschieden sein, recht bald Früchte meiner und wie ich nun hoffe, 
auch Ihrer Bemühungen zu sehen, und ich nicht die Enttäuschung 
erleben, dass nach Jahren noch dieselbe Sprachgewohnheit und die- 
selben Begriffsverwechslung in gleicher Macht fortbestehen. Möchte 
ich mir dann nicht sagen müssen : ich bin einem Phantome nach- 
gejagt, ich bin, indem ich mich bestrebte, eingewurzelte Vorur- 
theile auszurotten, und hoffte es zu können, ein Narr gewesen! 



Anmerkungen und Zusätze. 



1) Das Werk erschien in Leipzig 1786 — 1788, und enthält 
67 Nummern. 

2) Sanders, Wörterbuch der deutschen Sprache. Leipzig 1863. 

3) Weikard, in »philosophischen Arzt« gebrauchte das Wort 
Narrheit bald für Thorheit, bald für Irresein; Erhard hingegen (in 
Wagner's Beiträgen zur philosophischen Anthropologie. Wien, I. Bd. 
1794) schon für fixen und vagen Wahn, zum Theil auch Manie. Eb 
ist bezeichnend , dass Erhard , wie schon im ersten Vortrag erwähnt 
wurde , überhaupt die vernünftelnd deductive Methode zur psychologi- 
schen Erklärung des Irrseins anwendete. 

4) Den Ausdruck »physiologische Narrheit« hat zuerst Blum- 
röder gebraucht in einer Abhandlung »über Narrheit in allgemeiner 
und in speciell psychiatrischer Beziehung« in Fried reich 's Magazin 
für philosophische, medicinische und gerichtliche Seelenkunde. Siebentes 
Heft. Würzburg 1831, S. 64 ff. Diese Abhandlung enthält viele werth- 
und geistvolle Bemerkungen; aber gleichwohl ist das Wesen des Unter- 
schiedes zwischen physiologischer und pathologischer Narrheit nicht 
scharf genug erfasst. Er setzt »das Wesen der ersteren vorzugsweise in 
ein lustiges Verzichten auf Ernst und Besonnenheit , wobei allerlei 
scurril nach aussen fröhlich geniessend Thätiges das Bewusstsein an- 
und abzieht , so dass das Selbstbewusstsein mehr oder weniger daran 
auf kurze Zeit überwunden ist, daher secundär in eine temporäre Ge- 
störtheit, Geschwächtheit oder auch wohl momentanen Verlust des sich 
selbst Objectivseins (jedoch mit der Fähigkeit des Individuums, es will- 
kührlich jeden Augenblick wieder zu gewinnen'und sich berichtigen zu 
lassen«, während in der pathologischen, abnormen Narrheit, das Selbst- 
bewusstsein so sehr und dauernd gestört, getrübt und überwunden ist, 
dass »der Irre von seinem Organismus ausgehende Sinnestäuschungen 
für äussere Objecte, Irrthum für Wahrheit hält, mit der Unfähigkeit, 
sich durch Gründe berichtigen lassen zu können.« Die vorn im Texte 
gepflogenen Erörterungen so wie- darauffolgenden Beispiele beweisen 
hinlänglich , dass Blumröder's Definition der physiologischen Narrheit 
viel zu eng ist, da die Narrheit auch oft genug sehr ernster Natur 



Narrheit. 



141 



sein kann und der Träger derselben sich vielleicht nur in der Minder- 
zahl der Fälle bewusst ist, willkührlich auf Besonnenheit zu verzichten. 
Auch die Unfähigkeit, sich durch Gründe berichtigen zu lassen, macht 
es nicht aus. Schon hier scheint die materialistische Theorie hemmend 
auf die gehörige Unterscheidung von der Geisteskrankheit gewirkt zu 
haben, aber doch sind ßlumröder's Erklärungen hier noch annehmbarer 
als spätere in seinem Buche über das Irresein (Leipzig 1836) S. 159. 
160, wo sie in's System gebracht sind. Blumröder's Stärke war weit 
mehr die Kritik, welcher wir treffliche Leistungen, besonders auch in 
einer Reihe von Recensionen in Schmidt's Jahrbüchern, verdanken. In 
seinen eigenen positiven Aufstellungen führten ihn sein Geist und Witz 
in manchen Beziehungen auf Abwege. 

5) Blumröder 1. c. S. 81 sagt mit Recht von Adelung, 
welcher den Unterschied zwischen Thorheit und Narrheit dahin be- 
stimmte , dass Narr hart und niedrig , Thor aber um einige Grade ge- 
linder und anständiger sei , derselbe vergesse , dass noch eine Verschie- 
denheit je nach den Gesichtspuncten des Beurtbeilers stattfinde. »Der 
Moralist, der ernste Philosoph nennt Thorheit, was der Komiker, Saty- 
riker, Humorist, Narrheit heisst.« Wenn er aber noch weiter hinzu- 
setzt, »dass doch auch manchmal Narr viel harmloser, zutraulicher und 
weniger hart ist als Thor, so z. B. »ein guter Narr« und überhaupt 
auch der Narr nichts feindliches oder schädliches , sondern , als blos 
lächerlich, sogar etwas ergötzliches hat, was beim Thoren nicht immer 
der Fall ist, so muss man doch hervorheben, dass Narrheit durchaus 
nicht immer unschädlich, wenn auch meist lächerlich erscheint. Dann 
ist auch noch eine Hauptsache übersehen, dass »Thorheit« mehr auf 
mangelhaftes Erkennen, Beurtheilen, Abschätzen geht, während die 
Narrheit sich mehr auf die Willensrichtung, auf das Nachjagen ,nach 
dem imaginären Glück selbt, also auf ein Thun und Treiben bezieht. 

6) Nach Zimmermann, über die Einsamkeit. Erster Band. 
Leipzig 1784, S. 11; und Häser, Geschichte der Medicin. Jena 1852, 
S. 34. 

7) »Geistesepidemieen« nannte man dergleichen. Man vergleiche 
darüber auch die Bemerkungen Damerow's, allg. Zeitschrift f. Psy- 
chiatrie Bd. VII. S. 414 in der Abhandlung »zur Kritik des politischen 
und religiösen Wahnsinns«; und ebendaselbst Jessen, über die Oon- 
vulsionen unter den Jansenisten in Paris, S. 430. Die durch Nachahm- 
ung entstandenen Convulsionen in solch epidemischer Ausbreitung sind 
in Hinsicht auf ihre wirkliche Natur noch immer nicht gehörig that- 
sächlich constatirt. 

8) Zarncke, Seb. Brandt's Narrenschiff, Leipzig 1854, bemerkt 
gegen Vilmar S. 301 mit Recht, dass Brandt damit durchaus nicht 
sich selbst gemeint habe, da er auch andere Narren von sich in der 



142 



Narrheit. 



ersten Person sprechen lässt. Als Typus eines Bibliomanen kann Bou- 
lard gelten, dessen Sammelwuth Sinogowitz ^die Geistesstörungen 
in ihren organischen Beziehungen als Gegenstand der Heilkunde be- 
trachtet, Berlin 1843 S. 33) beschrieben hat nach einem französischen 
Werke: Vie publique et privee des Frangais. Paris 182(5, T. lh 
p. 336 tn 

9) Vambery, Wanderungen und Erlebnisse in Persien, Pest 
1867, S. 53. — Dass nicht bloss bei den Mohamedanern dergleichen 
vorkommt, beweisen die indischen Fakirs, besonders die Vanaprasthas 
(Waldeinsiedler;, von deren sonderbaren Büssungen Ideler, Grundriss 
Theil I. S. 504 ff. aus Bohlen's Werk über Indien eine Anzahl Bei- 
spiele mittheilt) ; und die Zerrbilder, zu welchen die Uebungen religiöser 
Andacht bei den Anachoreten und Säulenheiligen geworden sind , sind 
bekannt; Zimmermann hat ihrer Schilderung einen grossen Theil 
seines Werkes über die Einsamkeit gewidmet. 

10) Aehnlich wie in einem Theile Süddeutschlands der Name 
Fex. Vergl. hierüber Zillner, über Idiotie in den Verhandlungen 
der Leop. Carol. Acad. der Nat. 1860, XXVII. Bd. S. 129. Nachdem 
Zillner gesagt, dass, indem die Fexen in Salzburg die Rolle öffentlicher 
Volksnarren spielten , sich dadurch das Fexenthum mit dem Burlesken 
und Schnakischeu versippte, fährt er in §. 17 fort: »Eine weitere Be- 
sonderheit der Salzburger Fexen (darunter werden vorzugsweise nur 
Idioten der mittleren und geringeren Grade verstanden) war ihr mit- 
unter sonderbares Dilettantenthum. Dasselbe gibt über die Kultur- 
fähigkeit, die Geistesfähigkeiten und Richtungen der Idioten nicht un- 
erhebliche Auskünfte. So liebte der Eine Kreuze und Ordensbänder, 
ein Anderer die Soldatenkleider und ein Dritter Denkmünzen und Ablass- 
pfennige. Während ein Vierter die Heiligennamen des Kalenders in 
der Ordnung und mit ihren Monatsnamen auswendig lernte und auf 
Befragen darüber jederzeit richtigen Bescheid gab, erlangte ein Fünfter 
ziemliche Fertigkeit im Hersagen gehörter Predigtstücke und erwarb 
sich ein Sechster im Stehlen und Abrichten junger Hunde eine gewisse 
Geschicklichkeit und eine Art Ruf. Die rücksichtslose Pflege einer 
Liebhaberei , das einseitige Betreiben gewisser Nebenbeschäftigungen, 
das unüberlegte Gefallen und Vertiefen an und in nach dem allge- 
meinen Massstab unpraktische und unnütze Dinge, das übertriebene 
Werthschätzen brodloser Künste verschafft noch heutigen Tages im 
Munde der Stadtbevölkerung den betreffenden Personen das Epitheton 
Omans: Fex, z. B. Hundsfex, Steinfex, Kalenderfex, Bartfex u. s. w. 
§. 18 : Auch die Neigung Verstandesschwache zu »hänseln« , und an 
Geistesunmündigen sein Müthchen zu kühlen, fand bei solcher Sachlage 
reichliche Befriedigung. Jener kulturgeschichtliche Hang, der seine 
Freude hat, wenn der Hanswurst geprügelt wird, der noch unansge- 



Narrheit. 



143 



merzte christliche Sittenzug, der anderwärts die »Narren« und »Drill- 
häuschen« erfand und in der Redensart »Jemanden am Narrenseil her- 
umführen« sich ein dauerndes Denkmal gesetzt hat, ist auch in Salz- 
burg häufig beobachtet worden. Man fand genügenden Änlass, sich an 
den Possen der Fexen zu letzen und den Gegenstand der Laune zu 
»vexiren«, daher der Name Fex, vir vexabilis. »Und wie die Hofnarren 
gar oft mit Arglist und Tücke vergalten, so hatten auch diese Schelme 
der alten Bischofsstadt nicht selten den Schalk hinter den Ohren.« 

Was die im Texte besprochene Krankheitsform Narrheit be- 
trifft , so fehlt dieselbe in den meisten neueren Handbüchern , gewiss 
zum Theil unter dem Einfluss psychologischer Doctrinen. Die Natur 
der Dinge selbst wird aber immer wieder die Annahme solcher Formen 
aufdrängen. Französische Schriftsteller gebrauchen den Ausdruck Mo- 
nomanie instinctive, welcher jedoch den Begriff Narrheit nicht voll- 
kommen deckt. Guislain wendet den allgemeinen Namen folie 
speciell für diese besondere Form an (Legons I. p. 225). Parigot 
schlug das Wort Diastrephie vor (Les diastrephies de la volonte et des 
instincts au point de vue criminel. Bruxelles 1856) und Kahlbaum 
(Gruppirung der psychischen Krankheiten S. 95 und 102) bezeichnet die 
Diastrephie als eine Unterart partieller Seelenstörungen (Vecordiae), 
nämlich als eine Störung der ergetischen Vorgänge. 

11) Diess fand auch Bucknillin: A Manual of psychological 
Medicine etc. by J. Gh. Bucknill and by D. H. Tuke, M. D. Second 
edition. London 1862. S. 305 und 306 sagt er : An alienist physician 
of judgment and experience might be able to point out, in the circle of 
society ivith which he is acquainted , nearly all the men ivho are very 
likely to become insane; but were he imprudent enough to make Icnoivn 
this invidious prescience , it ivould be found that his judgmtnt diffcrecl 
widely from the opinions on this subject ivhich are current in the world. 
It would be found, for instance, that his prophecy tvould not often rest 
upon those men who are called eccentric. Eccentricity more frequently 
depends upon a disregard of public opinion , in trifling and non essen- 
tial matters, then upon any twist or perversion in the mind of the indi- 
vidual. The eccentric man is often a large -hearted and a courageous 
man, and as such, one of the last to become insane. The ominous fore- 
thougth of the physician would rather rest upon the man over - susceptible 
concerning the good opinion which others may entertain of him ; the 
suspicious and timorous man, who hears scandal before it is spoken, and 
apprehends the commencement of every possiblc mischief ; the man who 
has not at the bottom of his heart a sincere liking for is felloiv creatures, 
but who is querulous and contentious, and who perpetually finds himself 
in disaccord with the toorld. Man vergleiche damit auch die Stellen 
g 344_346 und 356; und Maudsley, physiology and pathology of 



144 



Narrheit. 



mind 2. ed. p. 479. — Obgleich die originellen Käuze immer mehr 
aussterben, so wird doch wohl Jeder noch aus dem Kreise seiner Er- 
fahrung Beispiele von Sonderlingen kennen, die sich dem Einflüsse der 
gewohnten Sitte entziehen und für Narren erklärt werden, ohne dass 
sie jedoch jemals in Geisteskrankheit verfallen. Einen der auffallendsten 
Belege hiezu bietet dar Le Sauvage du Var. Ann. med. psych. 1865 
S. 381. 

12) Zustände, wo dieses der Fall ist, gehören zu den U eber- 
gang sformen von psychischer Gesundheit zu Krankheit, Formen, 
welche hinsichtlich ihrer Classification, ihrer Behandlung und ihrer 
moralischen und rechtlichen Beurtheilung so grosse Schwierigkeiten 
darbieten. Sie unterscheiden sich von der im Texte besprochenen Narr- 
heit der Gesunden, der physiologischen Narrheit, von den Eigenheiten, 
Excentricitäten und blossen Bizarrerien dadurch , dass sie nicht bloss 
seelische Zustände an sich, leidenschaftliche Strebungen, barocke An- 
gewohnheiten u. dergl. sind, sondern dass ihnen ein Krankhaftes, etwas 
Abnormes im Organischen zu Grunde liegt. Dieses hat aber noch nicht 
jene Stärke und Uebermacht, dass eine eigentliche Krankheit entstünde, 
sondern es lässt anderweitigen Einflüssen auf die Seele, von welchen 
namentlich die Erziehung ein sehr bedeutender ist, und der individuellen 
Willkühr und berechnenden Ueberlegung, somit der Besonnenheit, noch 
viel Spielraum. Moreau (Psychologie morbide, Paris 1859) hat dr,s 
Wesen dieser Disposition, welche nach ihm auch bei der genialen An- 
lage anzunehmen ist, in eine Surexcitation nerveuse gesetzt; Morel 
(traite des maladies mentales, Paris 1860) beschrieb die neuropathischen 
Zustände als ein besonderes Attribut der erblichen Disposition zu Geistes- 
krankheit. Kr au ss (der Sinn im Wahnsinn, Zeitschrift für Psychiatrie 
Bd. XVI. S. 229) bezeichnete sie als (in der cerebralen Organisation des 
Gehirns begründete) psychopathische Diathese und Affectionen. Grie- 
singer endlich (Archiv für Psychiatrie I. Bd. Berlin 1868, S.V. nannte 
sie constitutionelle Neuropathieen. Diese eigenthümliche Beschaffenheit 
in der Modalität und Reactionsweise des Nervensystems kann angeboren 
sein und ist dann wohl fast immer ererbt; sie kann aber auch er- 
worben sein. Selbstverzärtelung , oft Folge einer schlechten Erzieh- 
ung kann eine Weichlichkeit und üeberempfindlichkeit und damit 
eine Art Hypochondrie herbeiführen, in Folge deren plötzlich entstan- 
dene Krankheitseinbildunngen sich auf eine Zeit lang fixiren, ohne dass 
doch das Individuum im Allgemeinen ein Hypochonder genannt werden 
könnte. Wer aus irgend welchen inneren und äusseren Gründen der 
Griesgrämigkeit verfällt, steigert in seiner Vereinsamung sein melan- 
cholisches Temperament leicht zu habituellem Kleinmuth, Zaghaftigkeit, 
Pessimismus in Bezug auf die Zukunft, und geräth in Folge der nach- 
teiligen Wirkung dieser Gemüthsverfassung in einen Zustand anhal- 



Narrheit. 



145 



tender bänglicher Stimmung, in welcher er durch Grillenfänger ei zu 
einer Art Narr wird. Er ist der Sorge verfallen, welche in ihrer 
Wirkung auf den Menschen, den sie beherrscht, von Göthe im zweiten 
Theil des Faust so schön geschildert ist: »Wen ich einmal mir besitze, 
der ist auf der Welt nichts nütze u. s. f.« Es schliessen sich hieran 
die Processsucht oder die Processmanie , wovon jeder einigermassen 
grösserer Gerichtsbezirk seine Beispiele aufzuweisen hat. Solche Process- 
narren laufen wegen den geringsten Kleinigkeiten zu den Advocaten 
und sind mit Landrichtern und Assessoren oft zu deren grosser Qual 
wohlbekannt. Man kann bei der Processsucht zweierlei Varietäten 
nach ihrer Entstehungsquelle unterscheiden. Die eine scheint nur bei 
den Bauern vorzukommen und mit einem gewissen Hochmuth in Ver- 
bindung zu stehen, vermöge dessen sie bei irgend einem Streithandel 
nicht nachgeben , sondern lieber eine Summe Geldes und ihr halbes 
Vermögen darangeben, nur damit der Andere nicht reicher erscheine 
und nicht länger nachhalten- könne als sie. Wer Riehl' s Schilderung 
des Bauernstandes kennt, erinnert sich wohl auch seiner Zeichnung 
dieses Characterzugs. Die Bauern betrachten ihren Process als Lotterie, 
als ein Spiel, und sagen, wenn sie ihn verloren haben, sie haben ihn 
verspielt. Diese Art Processsucht, so lange sie diesen Charakter bei- 
behält, kann zwar durch den damit verbundenen Aerger und durch das 
Schwanken zwischen Hoffnung und Furcht auch zur Geisteskrankheit 
führen, ist aber an sich mit dieser nicht so sehr verwandt als die 
zweite. Hier hat sich die Idee irgend eines Rechtes oder Vorrechtes 
festgesetzt, ob begründet oder nicht, ist gleichgültig; es ist der An- 
spruch auf eine Erbschaft, oder die Concession zu einem Unternehmen, 
oder die Anerkennung einer Abstammung und dergl. , was das Indivi- 
duum beschäftigt. Er gelangt trotz aller Bestrebungen nicht zum Ziel, 
kann sein wirkliches oder vermeintliches Recht nicht erhalten, das Ge- 
fühl des erlittenen Unrechts und der Gedanke daran wird in ihm an- 
haltend, er spricht mit Jedermann davon, all sein Streben und Denken 
dreht sich darum, der Gewinn des Processes wird Lebensziel und Ideal, 
das ihm zu rauben Frevel ist, er spricht von seinem Process als wie 
von 8 ein er Tochter, es werden zuletzt eingebildete Ursachen unter- 
gelegt, die das rechte Urtheil verhindern, dadurch wächst Hass und 
Erbitterung, es kommt zu endlosen Klageschriften, Ausfällen in Zeitun- 
gen, selbst zu Gewaltthat. Gewöhnlich hatten solche Leute ihre ganze 
Sache auf einen solchen Process desshalb gestellt, weil sie auf anderem, 
auf dem gewöhnlichen Wege, durch blosse Arbeit es zu Nichts brachten 
und lügen sich nun vor, ihr Herunterkommen und ihr Unglück sei 
lediglich durch die Rechtsverletzung herbeigeführt, die sie erlitten. 
Ein solcher Zustand kann in wirkliche Verrücktheit übergehen, wobei 
die früher vielleicht noch mässigen Ansprüche sich vervielfachen und 
Ha g en, Studien. 10 



146 



Narrheit. 



in's Abenteuerliche wachsen, die Reden völlig unbesonnen, die Mittel 
zur Erreichung des Zweckes ganz unangemessen werden und zuletzt 
zu Amts- und Majestätsbeleidigungen und gewaltthätigen Handlungen 
ausarten. Ich habe mehrere höchst interessante Fälle dieser Art be- 
obachtet, welche mitzutheilen jedoch hier zu weit von meinem eigent- 
lichen Zweck abführen würde. Man findet Beispiele solchen »Querulan- 
tenwahnsinns« aufgezeichnet bei C asper, gerichtliche Medicin, 2. Aufl. 
I. S. 518 ff. Stolz, Gutachten über einen Rechthaber im psychiatri- 
schen Correspondenzblatt 1861, Nr. 3 und 4; Feld, im Irrenfreund 1866 
Nr. 10; Schölt z, in Horn's Vierteljahresschrift für gerichtliche Medicin 
1868 S. 343. — Bei Manchen äussert sich die nervöse Ueberreizbarkeit 
oder neuropathische Constitution dadurch , dass sie sehr leicht in hef- 
tigen Jähzorn zu versetzen sind. Sie können , wenn eine vermeintliche 
Kränkung sie gerade in übler Laune trifft, in eine Wuth ausbrechen, 
welche der Tobsucht in ihrer äusseren Erscheinung ganz ähnlich ist 
und den alten Satz bewährt: Ira furor brevis. Solche Zornwüthige 
kommen oft so ganz ausser sich, dass sie Alles um sich her vergessen 
und keinen anderen Gedanken als den der Beleidigung und Rache mehr 
haben, sie gerathen in völlige Sinnesverwirrung und können durch diese 
eben ;so wie der von einem heftigen Schrecken erfasste, Handlungen 
verüben, welche sie hinterher tief bereuen. Wo nun dieser Jähzorn 
zwar sehr leicht erregbar aber doch für gewöhnlich nicht gefährlich 
oder schädlieh ist, und wo die Betreffenden überdiess einigermassen 
schwach an Geist , leichtgläubig sind oder sonst Schwächen haben , da 
gehören auch sie zu denen, welche in der Gesellschaft gern gehänselt, 
zum Narren gehabt werden, weil man sich an ihrer Ereiferung ergötzt. 
Manchmal sind allerdings dergleichen Spässe übel abgelaufen , weil 
unversehens der erregte Grimm, statt wie gewöhnlich schwächlich und 
harmlos zu bleiben, in heftige Wuth ausschlug und eine blutige Ge- 
waltthat zur Folge hatte. 

Es ist ferner jedenfalls ein Zeichen dieser besonderen Art von 
Nervosität, wenn ein Mensch häufig gewisse Gelüste zur Ausführung 
verbotene, auffallender oder verhängnissvoller empfindet und dieselben 
nur mit Aufgebot grosser Kraft überwindet. Mehr oder weniger steckt 
in den meisten Menschen ein solches Stück Narrheit , wenn auch nur 
im Rudiment. Man denkt etwa in der Kirche plötzlich, was würde es 
für Aufsehen geben, wenn Jemand jetzt einen Pfiff thäte, und hat von 
diesem Augenblick an an sich zu halten, dass man diess nicht selbst 
thut; oder man fährt auf tiefem See im Kahn, und wird, ohne allen 
Selbstmordtrieb, doch von den Wellen wie angezogen, in sie hinein- 
zuspringen; oder man geht spazieren, mit dem Stock fechtend, es geht 
vor Einem ein dicker Mann, und mit dem Gedanken: wie wär' es jetzt, 
wenn du diesem eins über den Rücken zögest, regt sich auch schon ein 



Narrheit. 



147 



Bewegungskitzel in der Hand ; aber es fährt auch gleich Angst in die 
Brust und Hitze in's Gesicht, wie wenn man sich schon vor der Mög- 
lichkeit schämte und fürchtete, einen so tollen Gedanken auszuführen. 
Man denke sich nun diese Antriebe , welche an sich nur einem geheim- 
nissvollen Drang der Seele selbst angehören, bei einem Menschen, der 
mit der in Rede stehenden abnormen Nervenorganisation begabt ist, 
so werden sie von ungleich grösserer Gewalt und der Mensch weit 
leichter in Gefahr sein , ihnen zu unterliegen. Und diess um so mehr, 
je ungeheuerlicher die vorschwebende That und je schauriger daher ihr 
Reiz ist. So kann denn die lockende Möglichkeit, eine frei daliegende 
Kostbarkeit oder auch selbst etwas Geringfügiges zu entwenden , in 
sonst rechtschaffenen, ja gewissenhaften Individuen doch den Gedanken 
des Diebstahls mit eben solcher Mächtigkeit anregen, wie Menschen, 
die zum Schwindel geneigt sind , sich , auf einer jähen Höhe stehend, 
nur mit äusserster Anstrengung davon zurückhalten können, sich selbst 
in die Tiefe zu stürzen, wenn sie auch ausserdem weder furchtsam 
noch zum Selbstmord geneigt sind. Die Antriebe dieser Art sind aber 
manchmal noch von viel ernsterer Natur. Wohl jeder Mensch, und 
der gemüthreiche und gewissenhafte manchmal nicht am wenigsten, hat 
etwas Dämonisches in sich, das ihm zuweilen Gedanken in der Seele 
erregt, über deren Schlechtigkeit er vor sich selber erröthet; bestialische 
Wünsche in Bezug auf Andere, Phantasiespiele gemeinen Inhalts um- 
gaukeln den Menschen , der dann mit einem gewaltsamen Ruck sich 
aus diesem momentanen moralischen Dämmerzustand herausreissen muss. 
»Abgründe gibt es im Gemüthe, die ärger als die Hölle sind.« Wie 
oft gerade die grössten Männer am meisten über solche Anfechtungen 
zu klagen hatten, so werden auch oft die besten und gesittetsten Men- 
schen plötzlich von solchen grauenhaften Gedanken ergriffen; sind die- 
selben dann überdiess noch jener unglückseligen nervösen Disposition 
unterworfen, so können sie zu Handlungen hingerissen werden, welche 
mit ihrem sonstigen Charakter in grellem Widerspruch stehen. Besonders 
I de ler hat sich um die psychologische Würdigung dieser Zustände, 
welche der gerichtlichen Medicin schon länger bekannt waren, Verdienste 
erworben. Nur ein schnelles Entfernen von dem gefährlichen Anblick 
(man denke an die Mutter, die beim Anblick eines scharfen Messers 
von dem Trieb erfasst wird, ihr Kind zu tödten), ein gewaltsames Hin- 
wenden zu einer anderen Handlung bringt hier Rettung, selbst noch 
da, wo eine gewisse nervöse Schwäche mit im Spiel ist. Aber es gibt 
Nervenverstimmungen, welche ein solches Losreissen äusserst erschweren, 
sondern in welchen im Gegentheil durch das Bestreben selbst, den An- 
trieb zu bekämpfen und durch die längst vor der That der Kitzel und 
das Gelüste nach ihr gesteigert wird , so wie der geängstete Vogel 
vor dem Anblick der Klapperschlange wie gebannt stilte stehen soll. 



148 



Narrheit. 



Dann verliert der Wille seine freie Beweglichkeit ; unfähig, irgend eine 
andere Idee mit gleicher Lebhaftigkeit hervorzurufen, bleibt er an 
diesem einzigen Gedanken kleben, der dann von dem unwiderstehlichen 
thierischen Impuls ausgeführt wird. 

Schliesslich will ich noch eines Mittelzustandes erwähnen, welcher 
als »unreife Geistesstörung« von Casper, (klinische Novellen zur ge- 
richtlichen Medicin, Berlin 1863, S. 215) in treffenden Zügen beschrieben 
worden ist, nämlich der Gemüthsverfassung der Vagabunden. Das un- 
stete Umherstreifen und das fortwährende Wechseln des Dienstes und 
der Arbeit ist oft schon das Zeichen einer allmälig sich entwickelnden 
Geisteskrankheit, welche dann oft genug auf erblicher Grundlage ruht 
und zu Blödsinn führt. »In der grösseren Zahl von vorkommenden 
Fällen aber, sagt Casper, wird andererseits das vagabundirende Leben 
Ursache zu geistiger Erkrankung. Wie es bei solchen Individuen 
von Haus aus an einem sittlichen Halt fehlt, und Arbeitsscheu und 
Lust am liederlichen Leben sie ursprünglich zum Verlassen einer ge- 
ordneten Beschäftigung antreibt, so treten nun die mannichfachen vom 
Vagabundiren untrennbaren Schädlichkeiten hinzu: Trunk, geschlecht- 
liche Ausschweifungen, Hunger, schlechte Ernährung, gestörte Nacht- 
ruhe , Erkältungen beim Schlafen auf Feldern , in Neubauten u. s. w., 
Schädlichkeiten, die nicht einzeln und vorübergehend, sondern anhaltend 
md lange Zeit und in ihrer Gesammtheit einwirkend, nicht verfehlen, 
Geist und Gemüth zu erschüttern und erkranken zu machen. Nicht 
genug, das Leben solcher Menschen wird bald ein ewiger Conflict mit 
den Polizei- und Gerichtsbehörden, und ich habe sehr viele solcher 
Individuen beobachtet, deren Leben viele Jahre lang ein fortgesetzter 
Wechsel zwischen Irrenanstalt, Arbeitshaus, Ausgewiesensein, Straf- 
anstalt u. s. w. gewesen war. Bei solchen Männern und Weibern ent- 
wickelt sich dann fast unfehlbar und findet man einen Geisteszustand, 
der ein so merkwürdiges Gemisch von Geisteskrankheit, Geistesgesund- 
heit, und dazu oft genug von Simulation der ersteren darstellt;, dass 
auch der geübteste Beobachter stutzig wird, und sich nicht selten in 
die Lage versetzt sieht, auch nach oft wiederholten persönlichen sorg- 
fältigsten Prüfungen des Individuums schliesslich sein Gutachten doch 
nur mit Wahrscheinlichkeitsgründen abzugeben.« So weit dieser Zu- 
stand bereits ein krankhafter geworden ist, gehört er meistens der 
Form des s. g. moralischen Irreseins , der folie raisonnante an , auf 
welche ich hier nicht weiter eingehen will (sie ist in der neueren Zeit 
besonders von unseren Nachbarn jenseits des Rheins in zahlreichen 
Schriften und Discussionen besprochen und mit einer ziemlichen Anzahl 
von Synonymis benannt worden. Zuweilen nimmt aber der Zustand 
auch die Form der Narrheit an; die Leute sind von einem hier schon 
bei weitem mehr instinctiven Kitzel gestochen, recht ausgesucht faul 



Narrheit. 



149 



zu sein, sich dummer zu stellen als sie sind, Insubordinationen zu be- 
gehen, Sachen zu zerstören und durch allerlei unangenehme Gewohn- 
heiten zu ärgern, und werden dadurch den Inspectoren und Aerzten 
der Gefängnisse zur Qual. 

Alle diese Zustände nun , deren Zahl sich leicht noch vermehren 
Hesse, stehen auf der Gränze zwischen moralischen Schwächen, Narr- 
heiten, Sonderbarkeiten einerseits und Geisteskrankheit andererseits. 
Die Disposition zu ihnen kann, wie gesagt, angeboren und im Laufe 
des Lebens verstärkt sein (vgl. über die Symptome dieser häreditären 
psychopathischen Anlage v. Krafft-Ebing in dessen Abhandlung 
über die prognostische Bedeutung der erblichen Anlage im Irresein in 
der allg. Zeitschrift für Psychiatrie Bd. XXVI. S. 444—448). Wo sie 
aber erworben ist (obgleich vielleicht auch hier eine, wenn auch ge- 
ringere, natürliche Anlage viel Schuld trägt) da thut die Gewohnheit 
viel, und zwar, da es sich hier um die Erzeugung halb krankhafter 
Zustände handelt, nicht lediglich durch ihren Einfluss auf den psychi- 
schen Mechanismus allein, sondern auch auf den psycho - physichen. 
Durch die häufigen Erregungen des Nervensystems in ganz bestimmter 
Weise und von bestimmten Seiten her wird dieses nicht etwa gegen 
dieselben abgestumpft, sondern dafür empfänglicher, verliert aber zu- 
gleich die Fähigkeit, durch andere Gemüthszustände, Gefühle und Stre- 
bungen in entsprechende, diese selbst wieder kräftigende Erregung ver- 
setzt zu werden. Diese Mittelzustände sind noch nicht eigentliche 
Geisteskrankheit, können aber zu derselben werden. Sie unterscheiden 
sich dadurch, durch ihre organische Grundlage, von jenen Narrheiten 
und Excentricitäten, welche das Gebiet des Seelenlebens allein angehen 
und daher, wie früher gesagt wurde, in der Regel nicht zu Geistes- 
krankheiten werden. Und weil dieser Unterschied besteht — und er 
ist auch in gerichtlicher Hinsicht sehr wichtig — so liegt eben darin 
wieder ein Beweis, dass Gehirnleben und Seelenleben , so innig sie auch 
zusammenhängen, doch zwei von einander zu unterscheidende Dinge sind. 



Ueber psychische Behandlung 

der 

Geisteskranken. 



I^as Thema, über welches ich heute zu Ihnen zu sprechen 
mich anheischig gemacht habe, mag vielleicht Manchem unter Ihnen 
ein Bedenken verursacht haben. Die psychische Behandlung der 
Geisteskranken ist ein so viel umfassender Stoff, dass er nicht in 
dem kurzen Zeitraum einer Stunde bewältigt werden kann, nament- 
lich wenn etwa dabei zugleich eine Anleitung erwartet werden 
wollte, da diese sich in's Detail der so verschiedenen individuellen 
Zustände ergehen müsste. Ich will daher von vorn herein erklären, 
dass es mir ^nicht in den Sinn kommt , den Stoff erschöpfen zu 
wollen, sondern dass mir nur am Herzen liegt, Sie auf den richtigen 
Standpunkt zu führen. Dass diesen wo möglich Jedermann ge- 
winne, hat ja, ausser dem Interesse an der Sache selbst, auch seinen 
unmittelbar praktischen Vortheil; denn bei der jetzt doch so ziem- 
lich zweifellosen Zunahme dieser Krankheiten in der neueren Zeit 
wird es nicht leicht Jemand geben , der nicht wenigstens einmal, 
wo nicht öfter, in seinem Leben in den Fall käme, mit Geistes- 
kranken eine Zeit lang umgehen zu müssen. 

Wie bei allen Untersuchungen haben wir vor der Frage nach 
dem Wie erst das Dass oder das Ob zu erörtern, d.h. bevor wir 
uns fragen , wie ein Geisteskranker psychisch behandelt werden 
müsse, haben wir uns erst darüber zu versichern, dass er über- 
haupt psychisch zu behandeln sei. 

Die Antwort hierauf scheint selbstverständlich. Ein Leiden, 
das die Seele angeht, wo diese in ihren Kräften und Functionen 
beeinträchtigt und gestört ist, wird, so sagt uns ein Vernunft- 
schluss, auch eine auf die Seele gerichtete, also eine psychische Be- 
handlung erfordern. Wir werden den Kranken über seinen Irrthum 
aufzuklären suchen, ihm in der Kette seiner Folgerungen den Punct 
nachweisen, wo er einen Sprung gemacht hat, und wenn ein Sinnen- 
trug ihm Einwirkungen der Aussenwelt vorgaukelt, welche nicht 



154 Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 

existiren, so werden wir ihm durch den Augenschein darthun , wie 
diese Aussenwelt wirklich beschaffen ist. Die Gluth einer aus- 
schweifenden Phantasie werden wir zu dämpfen und den zu aben- 
teuerlichen Problemen sich versteigenden Verstand in das Geleise 
der ruhigen auf dem Boden der Thatsachen bleibenden Ueberlegung 
herabzuziehen uns bestreben. Dem schwer bedrückten Melancholiker, 
welcher sich selbst zur Last ist, wird statt des Grames und Kum- 
mers Lust und Freude in das Gemüth zu pflanzen sein, sei es durch 
Zuspräche oder durch zerstreuende Unterhaltung, Uebermuth da- 
gegen und hochfliegende Pläne werden durch den Nachweis der 
Schwächen und des Unvermögens des Kranken herabzustimmen 
sein. Endlich, wo das Alles nicht verfangen sollte, wird auf den 
Willen des Kranken zu wirken, es wird der Melancholiker, der sich 
nichts getraut und durch nichts aus seiner Neigung zur Passivität 
herauszubringen ist, ernsthaft bei seiner Ehre und seinem Pflicht- 
gefühl anzupacken und zu nöthigen sein, seinen Willen zusammen- 
zuraffen und sich Gewalt anzuthun ; der Exaltirte und Uebermüthige 
wird durch Strenge in die gebührenden Schranken zurückzu- 
führen sein. 

Alles das ist zwar nicht das, was uns die Wissenschaft lehrt, 
sondern , ich wiederhole es , das , was aus der Natur und dem Sitz 
der fraglichen Zustände von selbst vernunftgemäss zu folgen scheint. 
Indessen ist doch dieses Resultat keineswegs das einzige, welches 
auf dem Wege der Deduction zu gewinnen ist, sondern man kann 
zu dem Gedanken der Nothwendigkeit psychischer Behandlung noch 
vermittelst anderer Reflexionen kommen, die von anderen Prämissen 
ausgehen. Den verschiedenen Arten und Weisen der Behandlung, 
die ich so eben angeführt habe, liegt nämlich die Idee zu Grunde, 
dass , da hier die Seele leide oder abnorm wirke , es die unmittel- 
bare Einwirkung auf deren Functionen sei, durch welche sie wieder 
zur normalen Thätigkeit zurückgeführt werden könne oder müsse. 
Gegen diese Anschauung erhebt sich nun eine andere , welche von 
anderen Gesichtspunkten ausgeht. Man braucht nämlich der Mein- 
ung, als ob das, was man Seele nennt, eigentlich gar nicht existire, 
durchaus nicht zu huldigen , um doch die Ansicht zu hegen , dass 
das, was wir gemeinhin unter Seelen- oder Geisteskrankheiten ver- 
stehen , gar nicht in der Seelensphäre selbst seinen Sitz habe, 
sondern lediglich im körperlichen Werkzeug und Vermittlungsappa- 



Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 155 

rate, dem Gehirn und Nervensystem. Die Seelenkrankheiten sind 
hienach secundäre Erscheinungen, hervorgerufen durch abnorme Zu- 
stände im Gehirn und Nervensystem, wodurch verschiedene Seelen- 
thätigkeiten entweder in ihren Aeusserungen gehemmt oder zu ab- 
normen Wirkungen deterniinirt werden. Gegen diese Gehirn- und 
Nervenkrankheit muss demnach die Behandlung gerichtet sein, 
woraus aber noch keineswegs folgt, dass die Mittel derselben ledig- 
lich physische sein müssen. Denn eben in jener Wechselwirkung 
der Seele mit dem Gehirn und Nervensystem, durch welche die 
psychische Krankheit ermöglicht wird, liegt auch die Möglichkeit 
einer Einwirkung von der Seele aus auf den Körper, und dadurch 
der Beseitigimg von üebeln, die das Nervensystem betreffen. So 
gut psychische Krankheiten, obgleich sie lediglich Gehirn- und 
Nervenkrankheiten sind, von der Seele aus erzeugt werden können, 
so gut müssen sie auch von derselben aus gehoben werden können. 
Lehrt ja doch die tägliche Erfahrung, dass schon bei den blossen 
Nervenkrankheiten psychische Einflüsse gar oft schon heilsam ge- 
wesen sind. Jeder von Ihnen hat es vielleicht selbst schon erlebt, 
wie Jemand, der mit wüthenden Zahnschmerzen zum Zahnarzte 
kam, um sich einen cariösen Zahn ausziehen zu lassen, in dem 
Augenblick seinen Schmerz völlig verlor, wo er die Zimmerthür 
des gefürchteten Operateurs öffnete. Ebenso wird Vielen von Ihnen 
die Geschichte des stummen Sohnes des Crösus bekannt sein, der 
seine Sprache wieder erhielt, als er bei der Eroberung von Sardes 
durch Cyrus sah, dass ein persischer Soldat seinen Vater tödten 
wollte. Er rief: Soldat, tödte den Crösus nicht! Dass diese Ge- 
schichte nicht etwa bloss eine von Herodot leichtgläubig angenom- 
mene Sage ist, beweisen noch viele spätere von glaubwürdigen 
Beobachtern mitgetheilten Fälle, in welchen Gelähmte in Folge 
eines Schreckens, z. B. über eine Feuersbrunst, den Gebrauch ihrer 
Glieder wieder erhielten, oder andere nervöse Leiden, z. B. anhal- 
tendes nervöses Herzklopfen, verschwanden. Besonders in einer 
Form der Nervenkrankheiten sind solche Wirkungen und zwar nicht 
etwa blos durch Schrecken, sondern namentlich auch durch freudige 
Gemüthsbewegungen oft zu beobachten. Zu den Symptomen dieser 
die vielfältigsten und wechselndsten Erscheinungen darbietenden 
Nervenkrankheit gehören unter anderen auch Lähmungen einzelner 
Körpertheile, ja ganzer Gliedmassen, welche, obgleich sie manchmal 



156 Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 

auch ziemlich lange anhalten, doch nicht dieselbe Bedeutung haben, 
wie die nach Schlagflüssen eintretenden. Sie verschwinden nach 
längerem oder kürzerem Bestehen oft von selbst, d. h. man weiss 
nicht warum, oft aber auch sichtlich in Folge der angewendeten 
Mittel. Diese Mittel müssen aber nicht eben arzneiliche, sie können 
auch psychische sein; denn so wie es für diese Krankheit charak- 
teristisch ist, dass die Nervenzufälle äusserst leicht durch seelische 
Reize hervorgerufen werden , so können sie auch von dieser Seite 
her beschwichtigt werden. Nicht selten ist es auch eine hartnäckige 
Stimmlosigkeit gewesen, welche durch psychische Momente gehoben 
worden ist 1 ). 

Wenn man nun alles bisher Vorgebrachte erwägt, so scheint 
damit der Weg zu der psychischen Behandlung der Geisteskranken 
so wie die zwei verschiedenen Wesen ihrer Wirkung von selbst ge- 
wiesen und rationell deducirt zu sein. Auf der einen Seite die 
direct psychische Methode durch Ueberredung, durch Leitung !der 
Gefühle und Beherrschung des Willens der Kranken ; auf der ande- 
ren Seite, wenn und da die psychischen Krankheiten Gehirn- und 
Nervenkrankheiten sind, und die heilende Kraft seelischer Eindrücke 
aufs Nervensystem constatirt ist, psychische Einwirkung auf das 
Nervensystem und von diesem wieder zurück auf die Seele — es 
kann nicht fehlen, Alles ist rationell, wenn so der Feind zugleich 
von vorn und im Rücken angegriffen wird, so muss die Seele auf 
psychischem Wege geheilt werden können. 

Indessen — so sicher dieser Schluss zu sein scheint, und so 
froh wir im Gefühle der theoretisch errungenen Therapie sein mögen 
— die Medicin ist eine Erfahrungswissenschaft, welche nur zu oft 
schmerzlich genug 'empfunden hat und zum Theil noch empfindet, 
wie gefährlich es ist, und wohin es führen kann, wenn sie nach 
Regeln handelt, die lediglich auf dem Wege der Synthese construirt 
sind. Nicht, dass sie nach dieser nicht streben sollte — sie wäre 
keine Wissenschaft, wenn sie es nicht thäte — aber sie muss skep- 
tisch genug sein, um Alles, was sie auf diesem Wege gefunden zu 
haben glaubt, auch wenn es noch so einleuchtend und a priori 
zweifellos erscheint, der Feuerprobe der empirischen Prüfung zu 
unterwerfen; und sie ist dazu ganz vorzugsweise in ihrem practi- 
schen Theile verpflichtet, da es sich hier unmittelbar um Leben 
und Gesundheit handelt. So müssen wir denn auch hier verfahren, 



Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 157 



und uns fragen, was denn nun hinsichtlich der psychischen Behand- 
lung der Geisteskranken die Erfahrung lehrt. 

Da finden wir denn, dass die Dinge in der Wirklichkeit sich 
ganz anders gestalten als wir, von unserer Theorie herkommend, 
erwarteten. Nur müssen wir freilich die Begriffe erst etwas scharf 
begränzen, damit wir nicht für eine Geisteskrankheit halten, was 
keine ist, wir müssen daher namentlich die moralischen Seelenleiden 
und die eigentliche Gemüthstrauer von der Gemüthskrankheit 
unterscheiden. Die Vermengung der beiderlei Zustände führt zu 
mancherlei Irrthümern und Missgriffen. Ein Mann, der an seinem 
Vermögen oder an seiner Ehre schwer geschädigt worden ist , eine 
Mutter, die ihr geliebtes Kind verloren hat, können lange Zeit in 
tiefem Gram und Kummer versunken sein und in den Aeusserungen 
ihres Schmerzes wohl auch zuweilen das Maass überschreiten und 
in bitterem Unmuth ungerecht gegen die Welt werden — aber das 
ist noch keine Geisteskrankheit. Diese dürfen wir erst annehmen, 
wenn kein normales Verhältniss zwischen dem Object und dem 
Seelenleiden mehr besteht, wenn also z. B. der Kummer bleibt, ob- 
gleich Vermögen und Ehre längst wieder hergestellt sind, wenn die 
trauernde Mutter sich nun eingebildete Verbrechen vorwirft oder 
glaubt, dass man sie vergiften wolle u. dgl. Eben desshalb ist 
auch die Behandlung eine verschiedene. Im ersten Fall ist Zer- 
streuung, Erheiterung, je nach Umständen bald tröstende, bald ener- 
gisch verweisende und aufrüttelnde Ansprache am Platz, im 
zweiten nicht. Vergeblich macht man mit dem kranken Melancho- 
liker Besuche, führt ihn in Gesellschaften, Concerte und Theater, 
um ihm statt der Gefühle des Kummers und der Sorge die der 
Freude und des Vergnügens aufzudrängen; es wird über diesen Be- 
mühungen alle Tage schlechter. Vergeblich strengt man sich damit 
an, den Kranken Vorstellungen aller Art zu machen: einen Geistes- 
kranken auf dem Wege der gewöhnlichen Beweisführung von seinem 
Irrthum zu überzeugen ist eine Danaidenarbeit. Es denkt wohl 
Mancher, der in seinem Leben schon Diess und Jenes durch seine 
Beredsamkeit und Dialektik erreicht hat, sich, wenn er von der 
Idee eines Geisteskranken hört: das müsste doch sonderbar zugehen, 
wenn ich nicht mit diesen Ideen fertig werden sollte. Er versucht 
es und geht ihm siegesgewiss mit seinen Gründen zu Leibe; aber 
nachdem er Stunden lang geredet hat, spricht der Kranke entweder 



158 Heber psychische Behandlung der Geisteskranken. 

dasselbe wie vorher oder im schlimmeren, aber häufigeren Falle, 
er ist in eine furchtbare Aufregung hineingeredet. Wer einen Ma- 
niaker, der sich in Uebermuth und Selbstüberschätzung über Alle 
erhebt, durch Ermahnungen, Spott oder Strafreden demüthigen oder 
zum Verstummen bringen will, wird Erfahrungen machen, die ihm 
die Lust zu solchen Versuchen gründlich benehmen. In früheren 
Zeiten haben selbst Aerzte .sich bei der Behandlung der Geistes- 
kranken des Schreckens bedient, unter Anderen dadurch, dass sie 
dieselben unvermuthet in tiefes Wasser untertauchen und so lange 
unter demselben Hessen , als sie es aushalten konnten. Das Mittel 
ist ausser Brauch gekommen, nicht allein weil es grausam, sondern 
weil es nutzlos ist; und ein späterer Versuch eines französischen 
Arztes 2 ), die s. g. Einschüchterung, intimUlütioii, als einen Haupt- 
bestandteil seiner s. g. moralischen Behandlung einzuführen, hat 
nicht durchdringen können. Ein Mädchen verfällt in Schwermut h, 
weit es seinen Geliebten nicht heirathen darf, aus der Schwermuth 
entwickelt sich eine Tobsucht und dann ein Zustand von Aufregung 
mit Verwirrung. Da es nun durchaus nicht besser werden will, ent- 
schliesst man sich, ihre Wünsche zu erfüllen, man führt ihr den Ge- 
liebten zu, sagt ihr, sie werde ihn erhalten, und hofft nun, nachdem 
die Ursache beseitigt sei, müsse auch das Leiden selbst schwinden. 
Aber nichts von dem Allem — die Kranke ignorirt den jungen 
Mann, sie sieht ihn für einen Andern an, lässt ihn entweder stehen 
und läuft davon oder sie schlägt ihm wohl gar ins Gesicht. Ein 
Schwermüthiger wird zur Heilung von seiner Familie entfernt; 
nachdem diese Entfernung einige Zeit gedauert hat, fügt sich zu 
seinen früheren Wahnideen die neue, dass seine Frau, seine Kinder 
gestorben seien; man lässt diese kommen, er sieht sie, ein Moment 
flüchtiger Freude durchzuckt ihn, und vielleicht ist er auch so lange 
sie da sind, befriedigt, aber, wenn sie fort sind, so überzieht die 
Wolke des alten Grames bald wieder sein Inneres: es sind nicht 
die Seinigen gewesen, es sind andere Leute, denen man nur deren 
Kleider angezogen hat, um ihn zu täuschen. Nun, da muss man 
ihn eben nach Hause schicken, damit er seine Leute immerfort um 
sich und in den gewohnten häuslichen Verhältnissen sieht — dann 
wird er wohl den Wahn, dass sie gestorben seien, verlieren. Er 
kommt wirklich nach Hause, er glaubt nicht mehr, dass die Seini- 
gen todt seien; dafür aber glaubt er nun, dass seine Anwesenheit 



Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 



159 



ihnen schweres Unheil bereite und er sie alle mit in seinen Sturz 
hineinziehe. Mit dem Wechsel der Ideen ist eben nichts gethan, 
so lange die Grundstimmung bleibt. 

Doch genug der Beispiele. Wir brauchen deren nicht mehre, 
um einzusehen, dass die Erwartungen, welche wir auf unsere theils 
rein psychologischen, theils psycho - physischen Voraussetzungen hin 
von der psychischen Behandlung der Geisteskranken hegen , sich in 
der Realität, in der Praxis selbst, nicht erfüllen. Woher dieser 
Widerspruch? Ist es in der That so, dass die Theorie so und die 
Praxis so sagen kann und dass doch beide Recht haben können? 
Können sich Theorie und Praxis widersprechen? Gewiss nicht; 
denn wenn es so wäre, dann dürfte man nur gleich alle Wissen- 
schaft, auch die medicinische, aufgeben. Wenn sich beide zu wider- 
sprechen scheinen, so ist entweder die Theorie irrig oder die Praxis 
nur vermeintlich die rechte. In unserem Falle liegt die Schuld an 
der Theorie. Diese , nämlich die , welche ich Ihnen vorhin ausein- 
andergesetzt habe, ist irrig, sie stellt Sätze als allgemeine auf, 
welche nur von gewissen Vorgängen, die bei gewissen Bedingungen 
statt haben, abstrahirt sind, und übersieht dabei andere Vorgänge, 
bei welchen andere Bedingungen obwalten. Sie wendet nämlich die 
Psychologie des gesunden Seelenlebens, den Erfahrungserwerb aus 
dem gewöhnlichen Umgang mit Menschen, dann die Wirkungen des 
gesunden Seelenlebens auf das Nervensystem ohne Weiteres an auf 
das kranke Seelenleben, sein Thun und Leiden, seine Erscheinungen 
und Reactionen. Nun gelten zwar auch im kranken Menschen die- 
selben psychologischen und psycho - physischen Gesetze, wie im ge- 
sunden; und mit Ausnahme etwa der höchsten Verwirrtheit und 
des tiefsten Blödsinns kommen bei jedem Seelenkranken mehr oder 
weniger zahlreiche Seelenverrichtungen vor, welche ganz dem ge- 
sunden Typus entsprechen: wie es denn auch nach der Gränze der 
Gesundheit hin ein zweifelhaftes Gebiet gibt, wo Gesundheit und 
' Krankheit in einander verfliessen. Aber soweit das Individuum krank 
ist und in der eigentlichen ausgesprochenen Seelenkrankheit wirken 
eben bei ihm die psychischen Kräfte zwar nach denselben Gesetzen aber 
unter veränderten Bedingungen. Diese veränderten Bedingungen wer- 
den von Seite des organischen Lebens gegeben. Wir sind zwar noch weit 
davon entfernt, eine genügende Kenntniss von dem Wie des Aufeinan- 
derwirkens des psychischen und leiblichen Lebens zu haben ; aber so 



160 Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 



viel können wir doch schon als gewiss aussprechen, dass keine psy- 
chische Thätigkeit statt hat ohne gewisse gleichzeitige Vorgänge im 
Nervensystem, speciell in dessen Centraiorganen. Worin diese Vor- 
gänge bestehen, kann ich hier nicht weiter untersuchen ; wir müssen 
uns mit der Anerkennung begnügen, dass es überhaupt so ist. Ver- 
sagen diese Centraiorgane aus irgend einer Ursache ihren Dienst 
oder leisten sie ihn unvollständig, so wird auch die Seele in ihren 
Verrichtungen gehemmt sein. Aber es ist nicht blos die Negation, 
die Hemmung, wodurch solche Processe wirken, sondern sie können 
auch positive Wirkungen hervorbringen. Sie können, statt bei den 
psychischen Verrichtungen blos dem Maasse derselben entsprechend 
mitzuwirken, übermächtig werden und dadurch die Seele bestim- 
men und nöthigen , anders zu wirken als sie sonst gethan hätte. 
Sie sind, indem sie durch die Krankheit umgestimmt sind, zugleich 
in einer Weise gestimmt, dass sie die für die Wirkungen der Seele 
nothwendige organische Resonanz nur noch einseitig so zu sagen 
in einer einzelnen bestimmten Tonart von abnormer Höhe voll- 
ziehen können. Auf jede psychische Kraftauslösung erfolgt im Phy- 
sischen, im Centralnervenorgan, immer nur dieselbe Oscillation und 
in übermässiger, ungewohnter Heftigkeit, während alle anderen dar- 
niederliegen. Denken Sie z. B. an unseren gewöhnlichen Vorstell- 
ungsverlauf. Unsere Vorstellungen folgen sich , wie Sie wissen , in 
einem ununterbrochenen Strom nach den Gesetzen der Association. 
Es wäre aber um unser seelisches Leben und Denken schlecht be- 
stellt, wenn diese Gesetze allein das herrschende wären; denn bei 
den vielfältigen Verbindungen, welche fast jede Vorstellung mit 
anderen hat, müsste ja bei jedem Gliede unserer Vorstellungskette, 
das in Erregung versetzt wird, immer ein unermesslicher Schwärm 
von Vorstellungen mit erregt werden und vor unserem Bewusstsein 
herumgaukeln — wobei Besonnenheit und logisches Denken unmög- 
lich wäre. Damit wir je nach Stimmung, Lage, Bedürfniss und 
Willensrichtung im Stande seien, von allen möglichen Vorstellungs- 
reihen nur ganz bestimmte in unserem Bewusstsein zu verfolgen, 
muss dafür gesorgt sein, dass diejenigen Vorstellungen, welche nicht 
in die eben nothwendige oder wünschenswerthe Reihe gehören, nicht 
störend sich dazwischen drängen; sie müssen dunkel bleiben. Die 
Vorstellungen haben daher einen verschiedenen Grad von Helligkeit, 
es gibt dunkle und helle. Ihre Helligkeit, ihre Lebhaftigkeit ver- 



Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 161 

danken sie aber neben der in Folge des Interesses oder der Stimm- 
ung auf sie gerichteten Aufmerksamkeit vor Allem der Mitwirkung 
des Gehirnes 3 ), in welchem dieselben physischen Eindrücke, die bei 
der ersten Entstehung der Vorstellung aus der Sinnesempfindung 
entstanden waren, sich nun auf psychische Anregung wiederholen, 
so zwar, dass keine Anstrengung des Willens im Stande ist, ein 
Erinnerungsbild sich lebhaft zu vergegenwärtigen, wenn das Ge- 
hirn seine Mitwirkung versagt — eine Erscheinung, welche bei 
so manchen organischen Gehirnkrankheiten, nach Schlagflüssen ins- 
besondere, oft zu beobachten ist. Aber bei Ueberreizung kann auch 
das Entgegengesetzte eintreten, das Gehirn leiht dann jeder, auch 
der flüchtigsten Vorstellung , ihr physisches Bild , ihren physischen 
Klang, keine Vorstellung bleibt mehr dunkel; Gedanken, deren 
Glieder, die gedachten Worte, sonst nur in schwächsten Spuren vor 
uns vorüberziehen, werden nun innerlich laut — in diesem Getümmel 
innerer Bilder und Töne, die sich einander vor dem Bewusstsein 
überstürzen, ist keine Rede mehr von Ordnung und Wahl, die Seele 
verliert die Zügel und wird in den Ideenfluss wie in einen Strudel 
willenlos hineingerissen. Nun, um auf unseren Ausgangspunkt zu- 
rückzukommen, werden wir glauben, in diesem Tumult der Seele 
psychologisch zu Hilfe kommen zu können? Kaum auf einen flüch- 
tigen Augenblick ist die Aufmerksamkeit des Kranken zu fesseln, 
und jeder Versuch der Regelung seines Vorstellungslaufes ist gegen- 
über diesem vom Organismus her erzeugten Sturm gerade so viel 
werth, wie wenn Einer eine im vollen Lauf daher brausende Loko- 
motive*) durch Vorhalten seines Stockes aufhalten wollte. Aehn- 
lich verhält es sich mit den Gefühlen. Allen Gefühlen, selbst den 
erhabensten, verbindet sich mittelst der Sinnlichkeit eine organische 
Basis, eine Miterregung gewisser Centralnervenorgane. Diese Be- 
theiligung des Gehirnes und der Nerven, welche oft genug in sicht- 
baren Affektionen auch anderer leiblicher Organe ausschwingt, wie 
sich ja in der Thräne, im Herzklopfen, im zwerchfellerschütternden 
Lachen zeigt, gibt unseren Gefühlen erst ihre Lebhaftigkeit und 
Stärke, und Gefühle, welche nicht durch solche physische Mitwirk- 

*) Aehnlich Maudsley S. 94. It toould be as absurd to preach 
control to the spasms of chorea or restraint to tTie convulsions of epilepsy 
as to preach moderation to the east wind or gentleness to the hnrricavc. 
Hagen, Studien. 11 



162 Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 

ung unterstützt werden, bleiben matt oder verschwinden kaum an- 
geregt wieder. Aber auch sie kann übermächtig werden und ist 
es dann in der Eegel nur in einer Qualität. Die Affection der 
Centralnervenorgane kann dann z. B. eine solche sein, dass nur jene 
Zustände, welche den Gemüthsbewegungen des Kummers, der Trauer, 
der Sorge und Verzweiflung entsprechen, erregt werden können, 
aber auch sehr leicht erregt werden. Indem nun andere durch 
Vorstellungen veranlasste Gefühle keinen Halt und keine Kraft 
gewinnen können, daher kaum im Keime entstanden, wieder zurück- 
treten , nehmen zuletzt die so leicht entstehenden deprimirenden 
Gefühle den Platz allein ein. Die Seele des Melancholischen ist 
dann nur für eine einzige Regung empfänglich, sie ist wie eine auf 
einen einzigen Ton gestimmte Orgelpfeife ; man mag sie ansprechen 
wie man will, sie gibt immer nur denselben Ton von sich. Selbst 
Mittheilungen und Zusprachen sonst erfreulicher Art werden durch 
den Contrast, in welchem sie mit der Grundstimmung stehen, ledig- 
lich zu Reizen, welche die Schmerzgefühle hervorrufen. 

Ich muss mich, um meinen Vortrag nicht zu lang werden zu 
lassen, auf diese Beispiele beschränken. Es wird Ihnen aber auch 
schon daraus klar geworden sein, wie die Bedingungen, unter welchen 
die Seele wirkt und dadurch die Lage und Verfassung derselben 
überhaupt in der Krankheit so ganz andere geworden sind, dass 
aus den nach den gewohnten Voraussetzungen auf sie versuchten 
Einwirkungen kein oder ein anderer als der gehoffte Erfolg hervor- 
geht. Weder die gewöhnliche wissenschaftliche noch die auf die 
tägliche Lebenserfahrung und den s. g. gesunden Menschenverstand 
gegründete Psychologie leisten, was sie uns zu versprechen scheinen. 
Unser grosser Kant hat eine Schrift geschrieben von der Macht 
des Gemüthes, durch den blosen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle 
Meister zu werden und darin Rathschläge gegeben, welche zur Ver- 
hütung von Krankheiten und gegen leichte Verstimmungen und 
hypochondrische Launen sehr probat sein mögen; aber der Gefühle 
eines Geistes- und Gemüthskr anken würde selbst ein Kant auf 
diesem Wege nicht Meister werden; und geradezu lächerlich wäre 
es, die Schrift etwa einem Tobsüchtigen oder Melancholischen zur 
Leetüre behufs der Selbstcur zu empfehlen, ganz abgesehen davon, 
dass der Gestörte überhaupt leugnet, krankhafte Gefühle zu 
haben. Die Herbart'sche Philosophie ist der Psychologie, trotz 



Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 163 



mancher Irrthtimer, gewiss in mehr als einer Hinsicht sehr förder- 
lich gewesen. Da nun nach ihr die gesammte Seelenthätigkeit 
wesentlich im Vorstellen beruht, da sie also die Lehre von der Ent- 
stehung der Vorstellungen, ihrem Wachsthum, ihren gegenseitigen 
Hülfen, Verschmelzungen und Hemmungen besonders eingehend be- 
arbeitet und darin ohne Zweifel viel Verdienstliches geleistet hat, 
so sollte man denken (und auch ich hoffte es einmal) , sie könnte 
uns von dieser Seite auch eine praktische Ausbeute gewähren, in- 
dem sie uns die Art und Weise kennen lehre, wie die zu raschen 
Vorstellungen des Tobsüchtigen zu hemmen und die zu zähen des 
Melancholischen zu lösen seien. Es wird aber Jeder, der eine solche 
Hoffnung hegt, sich in gleicher Weise wie ich enttäuscht sehen. 

Aber die Religion — werden Sie fragen — sollte diese mäch- 
tigste und gewaltigste Bewegerin des menschlichen Herzens hier das 
gleiche Schicksal der Machtlosigkeit theilen? Und ich muss auch 
hier antworten : Ja ! Nämlich , soferne man von ihr einen direct 
heilenden Einfluss auf den Grundprocess der vorhandenen Seelen- 
störung erwartet. Völlig unwirksam ist sie desshalb nicht. Reli- 
giöse Führung und Erhebung ist bei überhaupt für Religion em- 
pfänglichen Gemüthern am Platze, wenn die Gewalt der Krankheit 
nachgelassen hat, wenn es wieder anfängt in der Seele licht zu 
werden, diese wieder das Bewusstsein des Krankseins hat und sich 
aus diesem herauszuringen strebt. Ich kann aus Erfahrung bezeu- 
gen, dass in diesem Stadium wohlbemessene mit solchen Zuständen 
vertraute religiöse Einwirkung und Tröstung von grossem, zuweilen 
von entscheidendem Werth ist, um die Reconvalescenz zu sichern. 
Aber jeder in diesem Fache erfahrene , in längerer Praxis an den 
Umgang mit Geisteskranken gewöhnte Seelsorger wird mir auch 
beistimmen, dass während des eigentlichen Krankheitsprocesses und 
so lange die Seele noch vollständig von der Macht der Krankheit 
befangen ist, religiöse Einwirkung keine Stätte findet. 

Aber, können Sie mir entgegnen; soll also in den Geistes- 
krankheiten eine psychische Behandlung gar nicht am Platze, soll 
sie völlig nutzlos sein? Wenn die Cur derselben hienach vielleicht 
lediglich° eine körperliche sein soll, warum dringt ihr denn so sehr 
darauf, dass solche Kranke in Anstalten kommen, da doch die Me- 
dicamente dem Kranken eben so gut zu Hause gegeben werden 
können? 



11 



164 Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 

Ich erwidere darauf: eine psychische Behandlung muss aller- 
dings stattfinden, und die Anstalten sind gerade dazu da, um sie 
recht möglich und gedeihlich zu machen. Aber sie muss eine rich- 
tige, eine den Umständen angemessene sein. Was ich Ihnen dar- 
thun wollte und dargethan zu haben glaube, war nur diess , dass 
die Voraussetzungen und Massnahmen, welche auf die Erscheinungen 
des gesunden Seelenlebens gegründet sind, in der psychischen Krank- 
heit , wenn auch nicht völlig und absolut, doch sehr vielfach irrig 
und unbrauchbar sind. Die Zustände, in welche die Seele bei den 
Geisteskrankheiten versetzt wird, verlangen daher ein eigenes Stu- 
dium, zu welchem gewisse Hilfswissenschaften, wie die Physiologie 
und ich darf wohl auch sagen, die Philosophie nicht entbehrt wer- 
den können, ohne aber für sich allein auszureichen. Vielmehr 
kommen in diesen krankhaften Seelenzuständen so viele sonst unbe- 
achtete Seiten des psychischen Lebens zum Vorschein , dass die 
Psychiatrie die Thatsachen und Gesetze vorzugsweise aus ihrem 
eigenen Beobachtungskreise zu schöpfen hat. Wenn nun für viele, 
ja für die meisten psychischen Krankheitsfälle die Uebersiedelung 
des Kranken in eine Anstalt als das Zweckmässigste verlangt wird, 
so ist hievon nicht etwa nur der Umstand, dass dort allein die sach- 
verständigen Aerzte sind, der Grund. Diese haben allerdings als Spe- 
cialisten die Uebung voraus, aber die Kenntniss des entsprechenden 
therapeutischen Verfahrens kann sich jeder Arzt erwerben, und uns 
Specialisten hilft in den meisten Fällen weder Uebung noch Kenntniss 
etwas, so lange der Kranke in den bisherigen Verhältnissen bleibt; 
wir können ohne Anstalt so wenig wirken als der praktische Arzt. 
Es besteht in dieser Hinsicht ein grosser Unterschied zwischen den 
rein körperlichen und den s. g. psychischen Krankheiten. Bei jenen 
ist, so fern nicht häusliches Elend, Armuth, schlechte Wohnung, 
Mangel an Pflege es erheischen, die Verbringung in ein Spital zur 
Behandlung nicht nothwendig; die ärztlichen Anordnungen können 
auch zu Hause befolgt werden, und wenn es auch da und dort an 
widrigen Einflüssen nicht fehlt oder eine Neigung zur kleinen 
Pfuscherei besteht, die sich neben dem Arzt eine heimliche Mitbe- 
handlung erlaubt; so ist doch im Grossen und Ganzen die ärztliche 
Einwirkung die vorwaltende. Anders ist es in psychischen Krank- 
heiten. Psychische Einflüsse sind von dem Kranken gär nicht 
auszuschliessen ; es muss doch stets in irgend einer Weise mit ihm 



Ucber psychische Behandlung der Geisteskranken. 



105 



umgegangen werden, und so steht er, selbst wenn er vernachlässigt 
wird, fortwährend unter einer, wenn auch als solcher nicht bewusst 
werdenden und unwillkührlichen, psychischen Behandlung. Wer nun 
die Veränderungen, die in der Seele durch die Krankheit vorgehen, 
nicht aus Studium oder vieler Erfahrung kennt, wird unwillkührlich 
immer die Massstäbe des gesunden Seelenlebens anlegen und daher 
eine Menge ven Missgriffen machen. Um des Wohles des Kranken 
willen ist es daher dringend nothwendig, dass er in Umgebungen 
kommt , in welche er fortwährend und von allen Seiten her stets 
als das betrachtet und behandelt wird, was er ist, als Kranker. 
Dass man sich diesen Gedanken stets vorhalten solle, sieht zwar 
sehr selbstverständlich aus, es wird aber in der Wirklichkeit alle 
Augenblicke dagegen Verstössen ; zum Theil desshalb, weil Krankheit 
so vielfach als ein Ding ausser und neben dem Individuum betrach- 
tet wird. Man denkt sich dann wohl, dass, wie von einem körper- 
lichen Leiden , so auch von dieser seiner Krankheit das Individuum 
für jene Zeit, wo man etwas Vernünftiges mit ihm sprechen wolle, 
abstrahiren könne und wird höchst ärgerlich, wenn es diess nicht 
thut. Dann aber auch, weil diesen Zuständen von den mit ihnen 
nicht Vertrauten immerfort und grossentheils unwillkührlich theo- 
retische Erklärungen, die sich auf die mehrerwähnten, irrigen Vor- 
aussetzungen gründen, untergeschoben werden. Denn es ist ein 
grosser Irrthum , zu glauben , falsche Theorien zu machen , sei ein 
Privilegium der Gelehrten. Gott bewahre: sie wachsen überall 
wild, wie die Brombeeren. Theorien zu machen hat ein jeder 
Mensch in sich den Trieb; bringt er keine wahre zu Stande, so 
macht er sich falsche. Selbst beim Bauernstand, von dem man 
a priori voraussetzen sollte , dass er die reine Naturbeobachtung 
am wenigsten durch Denkoperationen verfälsche, wimmelt es von 
falschen Theorien, sei es über den Dünger, sei es über Bau und 
Functionen des Körpers oder Wesen der Krankheiten. Solche 
falsche Theorien beherrschen nun auch vielfach die meisten Men- 
schen in ihrem Umgang mit Geisteskranken, und sind um so hart- 
näckiger, als sie eben bald für das Resultat des gesunden Menschen- 
verstandes bald sogar für reine Thatsachen gehalten werden. Sie 
erhalten Nahrung durch die ganz veränderte Stellung, die der 
Kranke zu seinen bisherigen Umgebungen einnimmt. Der Melan- 
cholische wird oft argwöhnisch und erscheint, da er sich gar nicht 



166 Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 

belehren lässt, allmälig lediglich als ein Eigensinniger oder man 
denkt sich, wie man sich auszudrücken pflegt es sei wenigstens viel 
Eigensinn dabei. Der aufgeregte Wahnsinnige wird durch den 
Widerstand, welchen die Familie seinen jetzt ungehörigen Zumuth- 
ungen entgegenstellt, fortwährend in Aufregung und zwar in viel 
grössere versetzt, als wenn diese Opposition von Fremden ausgeht. 
In manchen Formen der Seelenstörung bestehen deren erste Symp- 
tome entweder in Zerstreutheit oder in Unfähigkeit zu geistiger 
Arbeit, welche oft von den Kranken selbst als solche schmerzlich 
empfunden wird ; aber sie wird ihnen fälschlich als Schuld imputirt 
und bei so manchem Offizier und Beamten ist durch die Rügen, 
welche er desshalb erhielt, die Krankheit rasch auf den Gipfel ihrer 
Höhe geführt worden. Vollends schlimm wird es, wenn der Kranke 
anfängt, den Leuten die Wahrheit zu sagen. Ein Beispiel: ein bis- 
her sehr besonnener gesetzter Mann verfällt in eine maniakalische 
Exaltation, er ist voll Unruhe, macht Pläne über Pläne, unnöthige 
Reisen, grosse Einkäufe, die freigebigsten Geschenke. Die ver- 
zweifelnde Familie, die ihren Ruin voraussieht, auf deren Stimme 
aber der Kranke nicht mehr hört, versucht vergeblich allerlei Mit- 
tel, ihn von seinen Extravaganzen abzuhalten. Endlich verfällt man 
auf einen alten Freund und Bekannten des Kranken , der immer 
viel Einfluss auf ihn hatte ; der soll ihn zurecht bringen. Er kommt, 
der Kranke empfängt ihn voll Freude, mit herzlichem Händeschütteln ; 
sie reden dies und das, erinnern sich wohl auch gegenseitig an die 
schönen Zeiten, die sie mit einander durchlebt haben. So weit 
geht Alles gnt. Nun wirft sich aber der Freund ins Zeug. Erst 
behutsam und auf Umschweifen, allmälig immer deutlicher, sucht 
er dem Kranken darzuthun, dass es doch nicht ganz richtig bei ihm 
stehen müsse, dass er aufgeregt sei, er weist ihn auf unbesonnene 
Handlungen hin, wodurch er seine Familie betrübt und seinem An- 
sehen geschadet habe. Der Kranke erwidert ihm erst scherzhaft, 
dann disputirt er, vertheidigt seine Berechtigung und weist jede 
Einmischung, schon mit sehr wenig gewählten Worten, zurück. Der 
gefundene Widerstand macht den Freund besorgter und dringlicher, 
er nimmt nun eine ernste Miene an und fängt an in strengerem 
Tone zu reden. Nun steigert sich aber die Heftigkeit des Kranken 
immer, mehr, er kehrt jetzt den Spiess um, und übergiesst den sei- 
ner Ansicht nach unverschämten Zudringling mit der vollen Schale 



Ueber psychische Behandhing der Geisteskranken. 167 



seines Zornes. Ohne alle Rücksicht auf die Anderen, die es mit an- 
hören, erinnert er den lieben Freund an alle Jugendstreiche, die 
er von ihm weiss, entblösst alle kleinen oder grossen Schwächen 
desselben (und wer hat solche nicht) und das in einem Ton, der 
sie als etwas Bekanntes erscheinen lässt; mit Bestürzung wird nun 
der Freund durch diesen Kanal gewahr, was in Gesellschaften, 
wenn er nicht dabei ist, von ihm geredet wird, aber sein Zorn 
wendet sich nicht gegen diese, sondern gegen den, der es ihm ins 
Gesicht sagt — nun ist das Urtheil gesprochen — sein alter Freund 
ist doch weiter nichts als ein schlechter, boshafter Mensch, in dem 
er sich von jeher getäuscht hat. Mit diesem Gefühl verlässt er ihn 
wüthender fast als jener selbst ist. Das ist das Ende des Einflusses 
vom guten Freund. 

Wenn auch nicht immer in derselben , so doch in mannich- 
fach anderer Weise werden die Geisteskranken auch wenn sie an 
anderen Störungsformen leiden, irrig aufgefasst und unrecht be- 
handelt, woraus wieder weitere Missverständnisse und Missgriffe 
entstehen und zuletzt ein förmlicher Knäuel der Verwirrung sich 
bildet. Dies geschieht um so leichter, je grösser bei mangelnder 
Kenntniss die Geschäftigkeit ist, mit welcher man sich um die 
Kranken bemüht und eine bessere Einsicht in denselben zu erzwingen 
sucht. Man denkt dabei wohl: wenn Dies und Jenes auch nichts 
nütze, könne es doch auch nicht schaden. Dies ist ein Irrthum. 
Alles, was wirksam, kann unter Umständen schädlich wirken. In 
den Heilanstalten der Augenärzte finden Sie die meisten Zimmer 
verdunkelt, aber es wird Niemand beikommen, denselben einen Vor- 
wurf daraus zu machen, dass sie so grausam sind, ihren Patienten 
den Anblick des lieben Himmelslichtes zu entziehen. Nichts ist 
lieblicher und wohlthätiger, als an einem schönen Sommerabend die 
lindfächelnde Abendluft zu geniessen, aber eben dieselbe Luft wird, 
ohne dass sie ihre chemische Reinheit irgendwie verändert hat, von 
einem Schwitzenden, der zwischen zwei offenen Fenstern steht, übel 
empfunden, und wer die Erfahrung von den Folgen hat, schützt sich 
vor dieser reinen Luft rasch durch seinen Plaid. 

Also, sowohl um den Kranken überhaupt aus dem Kreis der 
gewohnten Umgebung zu bringen, wo so viele- Reminiscenzen seine 
Krankheit steigern, als auch um ihn dem Einfluss der unwillkür- 
lich von falschen Vorstellungen beherrschten 'Umgebungen zu ent- 



168 Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 

ziehen , und ihn in solche zu bringen , wo , wenn auch nicht gerade 
die absolut richtigen, doch möglichst richtige Vorstellungen herr- 
schen, ist in dieser Hinsicht (abgesehen von den sonstigen zweck- 
mässigen Einrichtungen) die Verbringung in Anstalten angezeigt. 
Diese wirken nicht blos positiv, sondern eben so oft auch negativ, 
dadurch dass man darin auch versteht , am richtigen. Orte und zur 
richtigen Zeit nichts zu thun, sondern den Kranken in Ruhe zu 
lassen. Freilich darf dieses Nichtsthun nicht aus Trägheit oder 
Gleichgültigkeit hervorgehen, sondern es muss ein selbstbewusstes 
auf einer klaren Abwägung dessen beruhendes sein, was man thun 
könnte , und wogegen in dem betreffenden Falle das Zusehen doch 
immer noch das Bessere ist. 

Der Gelegenheiten , positiv einzugreifen, und zwar in psychi- 
scher Hinsicht, gibt es trotzdem noch genug. Sie finden aber vor- 
zugsweise in jenen Stadien statt, wo die Hauptgewalt der Krank- 
heit bereits gebrochen ist, die Seele aber die nöthige Klarheit und 
Kraft nicht gewinnen kann, um die Bande, welche sie noch um- 
stricken, vollends zu zerreissen. Hier zur rechten Zeit und in der 
richtigen Weise einzugreifen ist von der grössten Wichtigkeit; denn 
hier ist der Wendepunct, wo gar oft sich entscheidet, ob der Kranke 
vollends über den Rand des Abgrundes , dem er entkommen ist, 
sich herüberschwingen oder wieder in denselben zurücksinken, ob 
er genesen oder unheilbarer Verrücktheit oder Narrheit anheim- 
fallen wird. In der Hülfe, welche eine die Wichtigkeit solcher 
Momente aus Erfahrung kennende und sachverständige Umgebung 
in solchen Fällen zu leisten vermag, besteht ein grosser Theil der 
heilenden Wirksamkeit der Anstalten und dieses Stadium ist es 
auch, wie ich schon erwähnte , wo eine taktvolle religiöse Einwirk- 
ung eine segensreiche Wirksamkeit enfalten kann. Um diese Zeit 
kann selbst die Wiederentfernung aus der Anstalt in gewissen Fäl- 
len die Heilung beschleunigen, und ein gewissenhafter Arzt wird 
oft selbst hiezu rathen; aber es ist dringend zu wünschen, dass 
dies niemals ohne seine Zustimmung geschehe. 

Wenn nun auch ein solches positives Eingreifen in den frühe- 
ren Phasen der Krankheit selten am Platze ist, so ist damit doch 
keineswegs gesagt, dass die psychische Behandlung des Kranken in 
dieser Zeit gleichgültig sei. Es ist schon von Wichtigkeit, dass 
jene auf Vorurtheilen ,und mangelnder Kenntniss beruhenden nach- 



Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 169 

theiligen Einwirkungen wegfallen , welche wir eben kennen gelernt 
haben. Und dies ist eben der Natur der Sache nach wieder vor- 
zugsweise in den Anstalten der Fall. In ihnen (den jetzigen näm- 
lich, nicht den alten, deren Typus das Kaulbach'sche Gemälde ist) 
gewinnt das Personal theils durch die fortwährende Anleitung von 
Seite der Aerzte, theils durch eigene längere Uebung und Erfahrung 
einen gewissen Tact, vermöge dessen in ihm stets der Gedanke 
lebendig erhalten wird, dass es sich hier um krankhafte Zustände 
handelt, ein Gedanke, der in seiner thätigen Anwendung nicht so 
leicht unverbrüchlich festzuhalten ist, als es scheint. Geräth schon 
der geübte Irrenarzt nicht selten in die Gefahr, ihn zu vergessen, 
wie viel mehr der Laie, dessen tägliches A und 0 nicht immer nur 
die Krankheit ist. Die psychische Behandlung der Geisteskranken 
besteht daher nicht in gewissen Methoden der Zuspräche, über- 
raschenden Einfällen, Redewendungen und besonderen Kunstgriffen, 
die zu lehren wären, sondern sie muss sich von selbst aus der 
Kenntniss des kranken Seelenlebens ergeben. Es gilt auch hier: 
Kenntniss ist Macht. Nicht dass ich dabei das Wissen über Alles 
stellen möchte — es gebührt auch dem Herzen sein Antheil, aber 
wer sich in die Seele des Geisteskranken möglichst hineinzuversenken, 
wer seine Zustände innerlich mitzuleben, dann aber auch sich über 
sie zu erheben und sie objectiv zu betrachten versteht , der wird 
auch wissen , wie er sich einer solchen Gemüths - und Geistesver- 
fassung gegenüber in jedem einzelnen Falle zu verhalten hat 4 ). 
Wenn die gesammte Umgebung des Kranken ihr Benehmen in die- 
sem Sinne einrichtet, so wird derselbe in der ihm am meisten zu- 
sagenden geistigen Atmosphäre erhalten, das gesammte Krankheits- 
bild bleibt reiner und es wird schon in dieser Phase der Krankheit, 
wenn auch in psychischer Hinsicht vorläufig nur auf negativem 
Wege dafür gesorgt, dass der Zustand , wenn er auf der kritischen 
Schwelle ankommt, nicht schon zu verfälscht und verdorben ist, um 
den neu eintretenden activeren Bestrebungen einen Anhaltspunkt 
zu bieten. 

Was ich hier hinstelle, ist allerdings, so sehr es das Maass 
unserer Thätigkeit zu beschränken scheint, doch immer noch ein 
Ideal, dessen Erfüllung viele Schwierigkeiten entgegenstehen. Noch 
ist die Wissenschaft nicht so weit gediehen, dass nicht über vielen 
Gebieten derselben noch ein dichtes Dunkel läge, und unter denen, 



170 Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 

welche die irrenärztliche Kunst ausüben, müssen selbst die Begab- 
testen und Geübtesten gestehen, dass ihnen die Zustände, die ihnen 
zur Behandlung kommen, gar oft unerfassbar und unergründlich 
sind. Die Schwierigkeiten, welche wir zu bekämpfen haben, liegen 
ferner in den Mitteln und Werkzeugen, welche uns zu Gebote stehen. 
Die Pflege und Wart der Geisteskranken ist einer der schwersten 
Berufe und erfordert einen Verein von Eigenschaften, welcher nicht 
gerade häufig vorkommt. Und dazu kommt noch , dass die Per- 
sönlichkeiten , bei welchen er sich findet , sich meist anderen Er- 
werbszweigen zuwenden , welche bei geringeren Opfern grösseren 
materiellen Lohn darbieten, als wir dermalen gewähren können. 

Die dritte Schwierigkeit liegt in der Sache selbst. Zwar ge- 
hören im Allgemeinen die Seelenstörungen keineswegs zu denjenigen 
Krankheitsformen, aus welchen die Rückkehr zur Gesundheit eine 
vorzugsweise schwere wäre. Die statistischen Vergleichungen haben 
dieses Vorurtheil längst zerstört, und nachgewiesen, dass unter 
günstigen Verhältnissen , worunter die frühzeitige Verbringung in 
die Anstalten gehört, zum Wenigsten zwei Drittheile wieder genesen. 
Der Rest bleibt, theils weil die Krankheit gar oft nur das Endpro- 
duct mannichfacher Jahre lang vor ihrem Ausbruch, ja eine ganze 
Lebenszeit hindurch wirksam gewesenen Ursachen ist, theils weil 
die richtige Behandlung zu spät eintrat, ungeheilt. Indem dieser 
Rest sich allmälig immer mehr ansammelt, wozu die jetzt bessere 
Pflege durch Verlängerung der mittleren Lebensdauer des Irren bei- 
trägt, wird die Zahl der gleichzeitig lebenden unheilbaren Irren 
verhältnissmässig eine ziemlich bedeutende sein, und ihre Pflege 
macht daher die andere grosse Hälfte unserer Aufgabe aus. Viele 
derselben haben keine Aeltern, keine Geschwister mehr und die Ver- 
wandten sind ihnen oft durch die lange Dauer des Leidens ent- 
fremdet. Sie haben auf der Welt Niemand mehr, als die öffentlichen 
Armenpflegen, welche die Mittel zu ihrem Unterhalt gewähren und 
die Bediensteten der Anstalten, welche sich ihrer unmittelbaren 
Pflege widmen. Für sie ist die Anstalt ein Asyl, in dem sie vor 
den Unbilden geschützt sind, welche ihnen draussen in der Welt 
bereitet werden, theils aus Unkenntniss, theils aus Rohheit, theils 
sogar aus Missvergnügen, weil sie durch ihr blosses Nochdasein 
lästig fallen. Diese Unheilbaren erfordern nicht mindere Sorgfalt 
als die Heilbaren, auch sie müssen, um sie geeignet führen zu 



Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 171 

können, ihrem Zustand gemäss psychisch behandelt werden. Wenn 
auch davon in diesem Leben kein Erfolg mehr im Sinne der Ge- 
nesung zu erwarten ist, so darf uns dies nicht müde machen; es 
ist Erfolg genug, wenn diesen Geistes-Siechen für ihre noch übrige 
Lebenszeit ein erträgliches menschenwürdiges Dasein verschafft wird. 
Die Heilung selbst bringt hier nur der Tod. Ist die krankhafte 
Störung, welche die nächste Ursache der Geisteskrankheit ist, zu 
sehr mit dem Bestände des Organismus verwachsen, als dass sie 
noch gehoben werden könnte , so wird sie nur schwinden , wenn 
dieser Organismus selbst morsch wird und abfällt. Vor Allem am 
Grabe eines geisteskrank Gestorbenen wird uns daher so recht die 
befreiende , die erlösende Kraft des Todes klar. Und so lassen Sie 
mich zum Schlüsse der Worte von zwei Dichtern gedenken. Der 
eine derselben, Nicolaus Lenau, ist selbst dem Wahnsinn zum Opfer 
gefallen und hat in einem seiner lichten Zwischenräume , welche 
dem völligen Blödsinn und dem tödtlichen Ausgang vorhergingen, 
ein kurzes Gedicht niedergeschrieben, in welchem er das Leben des 
Menschen einem Kruge vergleicht, der, anfangs schmuck und glän- 
zend , lange zum Brunnen getragen .wird , aber zuletzt, morsch und 
brüchig geworden , keinen Dienst mehr leisten kann , er theilt das 
Geschick alles alten irdenen Hausraths, und, so schliesst der Dichter 
»und zu den andern Scherben muss er sinken« 5 ). 

Ja wohl sind es Scherben , aber nicht die eines zerbrochenen 
leeren Kruges, wie es dem unglücklichen Dichter in seiner 
düsteren Wehmuth erschien, sondern solche Scherben, die es gibt, 
wenn nach vollbrachtem Glockenguss unter den Schlägen des Ham- 
mers der Mantel springt und 

Aus der Hülse blank und eben 
Der metallne Kern sich schält. 
Soll die Glocke auferstehen, 
Muss die Form in Stücken gehen. 



Anmerkungen und Zusätze. 



1) Beispiele von günstiger Wirkung psychischer Therapie auf 
körperliche Krankheiten findet man besonders in den älteren anthropo- 
logischen und medicinischen Werken zusammengestellt; so in Tissot's 
Abhandlung über die Nerven und deren Krankheiten, deutsch von 
Ackermann in dreiBänden, Leipzig 1781 — 1782 ; Zimmermann, von 
der Erfahrung in der Arzneikunst, neue Auflage, Zürich 1787; Len- 
hossek, Darstellung des menschlichen Gemüths in seinen Beziehungen 
zum geistigen und leiblichen Leben. Zwei Bände. Wien 1824 und 1825 ; 
Schubert, Geschichte der Seele. Vierte Auflage. Stuttgart und Tübin- 
gen 1850. Unstreitig lief bei diesen Erzählungen Vieles mit unter, 
was nicht gehörig beglaubigt oder wo das wirkliche Sachverhältniss 
nicht kritisch genug erhoben war, und unter der Missgunst eines in 
solchen Dingen vor Allem skeptischen Jahrhunderts zogen sich die hier- 
auf bezüglichen Anschauungen und Thatsachen mehr und mehr aus der 
medicinischen Literatur zurück, und lebten nur in der Praxis und in 
der Tradition des Volkes fort. Erst in neuerer Zeit gewinnt die Medicin 
auch in dieser Hinsicht ihre Unbefangenheit wieder. Zeugniss davon 
gibt ein von der kaiserlichen Akademie der Medicin gekröntes Werk 
von Padjoleau , de la medicine morale dans le traitement des maladies 
nerveuses. Paris 1864. Dasselbe erschien auch in deutscher Uebersetz- 
ung von Eisen mann. Es enthält eine reiche Sammlung wohl grössten- 
teils sicherer Thatsachen, verbunden durch besonnene Reflexion. 

Ich kann aber nicht umhin , über ein paar Stellen darin mich 
noch besonders auszusprechen. Es wird nämlich u. A. (S. 154 u. S. 217) 
erzählt, wie hartnäckige hysterische halbseitige Lähmungen, welche 
ganz das Ansehen einer organischen Rückenmarkserkrankung getragen 
hatten, nach Empfang der Communion verschwanden. Derselbe be- 
rühmte Arzt, welcher in einem dieser Fälle die hysterische Natur der 
Krankheit stets aufrecht erhalten hatte, hatte sich in einem anderen 
vergeblich mit der Heilung hartnäckiger Stimmlosigkeit bemüht und 
selbst den Schrecken dagegen angewendet; die Kranke geht in's Kloster, 
die Oberin befiehlt ihr zu lesen, und sie liest mit lauter Stimme. Ein 
15 jähriges Mädchen (S. 101) litt an hartnäckigem trockenem Husten mit 



Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 173 



Abmagerung und wurde für schwindsüchtig erklärt; endlich lässt man 
den Fürsten Hohenlohe für sie beten und am 9. Tage verschwindet der 
Husten, um nie wieder zu kehren. 

Die Medicin thut nicht wohl , wenn sie solche Fälle für Fabeln 
erklärt und ihre Existenz läugnet ; denn obgleich viele derartige Er- 
zählungen der unparteiischen Kritik nicht Stand halten und auf Ge- 
rüchten beruhen , deren letzte Quelle nicht fassbar ist, so gibt es doch 
immer auch solche, (wie die eben erzählten), deren Realität von den- 
selben ärztlichen Notabilitäten constatirt ist, wider deren Vermuthen 
die Heilung eingetreten war. Aber eben so wenig thut meines Erach- 
tens die Theologie wohl, wenn sie auf solche Fälle allzu grosses Gewicht 
in ihrem Sinne legt und die Wirkung lediglich für eine religiöse, rein 
durch das gesprochene Gebet als solches errungene hält. Denn das 
Volk (soweit es in dieser Beziehung überhaupt noch gläubig ist) stellt 
die religiöse Varietät derartiger Einwirkungen in der Schätzung ihrer 
Macht und in seinem Vertrauen darauf auf vollkommen gleiche Stufe 
mit jenen anderer Mächte, mit welchen jene keine Gemeinschaft haben 
wollen. 

Die Volksheilkünstler, welche durch s. g. Sympathie wirken, ver- 
danken ihren Ruf oft Fällen ähnlicher Art. Aber nicht blos in Neu- 
rosen, sondern auch in anderen Krankheiten ist dieselbe auf psychischem 
Wege schon öfters wirksam gewesen. Von Wechselfieber sind in dieser 
Hinsicht mancherlei Erzählungen bekannt. Zuweilen ist es der Schrecken 
oder das Grauen, welches hiebei das vermittelnde Agens bildet; aber 
auch andere Gemüthsbewegungen sind hiezu fähig. Wer längere Zeit 
mit der ländlichen Bevölkerung viel in Verkehr gewesen ist, der be- 
kommt als Beispiel, wie manche Leute etwas Besonderes »können«, 
unter Anderem auch öfters Geschichten von s. g. Blut stillern zu 
hören, welche gefährliche Blutungen durch Sympathie stillen , wobei es 
oft vorkomme, dass das Blut schon in dem Augenblick stehe, wo sie 
das Haus betreten. Nun entziehen sich zwar dergleichen Thaten, wie 
überhaupt die gesammte Pfuscherei, der wissenschaftlichen Kritik da- 
durch, dass wir niemals beglaubigte statistische Angaben über Erfolge 
und Nichterfolge zu erhalten vermögen, und die geschäftige Fama hat 
freien Spielraum, vereinzelte Thatsachen wie in einem Kinderspielzeug 
hundertfältig zu vervielfachen. Aber wie so manches Andere, so ent- 
hält auch dieser Volksglaube sein Bruchtheil Wahrheit- Wir finden 
denselben, wenn wir erfahren, dass es nicht gerade ein Bauer sein 
muss, sondern auch ein promovirter Arzt sein kann, von dem solche 
Wirkungen ausgehen , dass es dazu also nicht einer mysteriösen (vom 
Volk in°der Regel in einen feindlichen Gegensatz zu der Wissenschaft 
gestellten) Eigenschaft bedarf. Es kommt z.B. vor, dass ein Kranker 
einige Zeit nach einer Operation eine heftige Blutung bekommt, *Ich 



174 



Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 



muss sterben, ich verliere all mein Blut« ruft der Kranke dem etwas 
später anlangenden Arzt zu. »Im Gegentheil, ruft der Arzt, Sie haben 
noch nicht genug verloren. Vielleicht müssen wir in ein paar Stunden 
sogar noch zur Ader lassen.« Und die Blutung steht (Petit bei Pad- 
joleau S. 44). Warum? offenbar wegen des Vertrauens. Die Beruhig- 
ung, welche dem Kranken eingeflösst wird, die Wirkungsweise derselben 
können wir uns ungezwungen so erklären: Bei jeder Blutung, welche 
nicht aus grösseren, sondern aus kleineren, der Unterbindung nicht zu- 
gänglichen Gefässen erfolgt, bei welchen wir also nur durch Druck oder 
Arzneisubstanzen auf die blutende Oberfläche wirken können , ist es 
zur Verhütung ihrer Wiederkehr und Fortdauer von höchster Wichtig- 
keit, dass der Stoss der Blutwellen so sehr als möglich beschränkt, 
dass namentlich die Herzthätigkeit gemässigt werde; der Kranke muss 
sich absolut ruhig halten, darf keine hitzigen Getränke gemessen u. s.w. 
Ebenso wichtig ist es aber auch, ihm die Angst zu benehmen, welche 
so leicht entsteht, wenn eine Blutung nicht aufhören will. Die Angst, 
die Furcht vor der Verblutung und dem Sterben , wirkt aber auf das 
Herz, das Herz schlägt stärker, die Pulse fliegen, das gewaltsam fort- 
geschleuderte Blut durchbricht immer wieder die schwachen Gerinnsel, 
die sich gebildet haben, und so unterhält also die Furcht vor der Blu- 
tung diese selbst. Naht nun aber plötzlich Hülfe, der der Patient ganz 
sicher und unbedingt vertraut, so legt sich der ganze Sturm, der Puls- 
schlag wird ruhig, und die Blutung hört auf, nicht wegen einer posi- 
tiven Einwirkung, sondern weil die Hindernisse, welche im Individuum 
selbst der Naturheilung im Wege standen, weggenommen sind. 

2) Leuret, du traitement moral de la folie. Paris 1840. Leuret's 
Ansichten haben grossen Widerspruch erfahren ; seine Behandlungsweise 
kann zuweilen gefährlich werden, und er hat sich ohne Zweifel hinsicht- 
lich ihres Erfolges öfters getäuscht. Allein es lässt sich nicht läugnen, 
dass auch, und nicht nur von ihm allein, wirkliche Erfolge auf diesem 
Wege gewonnen sind und dass ihnen gegenüber auch das Nichtsthun 
seine Verantwortlichkeit mit sich führen kann. In diesen Fällen war 
aber jedenfalls nicht die deprimirende Gemüthsbewegung als solche 
das Wirksame und sollte auch niemals das Ziel sein. Man soll bei 
aller psychischen Behandlung nicht so sehr auf Zerstören von Krank- 
haftem ausgehen wollen, als vielmehr auf Unterstützung des im 
Seelenleben noch gesund Gebliebenen in seiner Reaction gegen das 
Krankhafte. Wo diess nicht möglich oder nach dem Krankheitsverlaufe 
noch nicht an der Zeit ist, da sind derartige Einwirkungen, wo nicht 
schädlich, doch ohne Nutzen. Zeit und Umstände dafür abzuschätzen, 
ist aber nur bei genauester Kenntniss des Zustandes möglich und kann 
daher nur Sache des Fachmannes sein. 

3) Worin diese Mitwirkung des Gehirnes beim Vorstellen und 



Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 



175 



Denken besteht, darüber habe ich meine Ansicht zuerst ausgesprochen 
in meinen Beiträgen zur Anthropologie. Erlangen 1841 , und dieselbe 
weiter ausgeführt in meiner Abhandlung: Psychologie und Psychiatrie 
in R. Wagner 's Handwörterbuch der Physiologie. Zweiter Band, 
Braunschweig 1844 S. 707— 713, und S. 731— 734. — Man vergl. ausser- 
dem Griesingers Pathologie und Therapie der psychischen Krank- 
heiten 1845, §. 14 und 15. Zweite Auflage 1861, §. 16—18. — Dom- 
rich, die psychischen Zustände, ihre organische Vermittelung und ihre 
Wirkung in Erzeugung körperlicher Krankheiten. Jena 1849. S. 90 — 
122. — Lotze's medicinische Psychologie und dessen Mikrokosmos an 
verschiedenen Orten. — In neuester Zeit hat Hartmann (Philosophie 
des Unbewussten 1869") die Leistung des Gehirns hauptsächlich darein 
gesetzt , dass durch dasselbe bewusste oder helle Vorstellungen und 
Bewusstsein überhaupt ermöglicht wurden, ähnlich wie schon Stieden- 
roth, Psychologie, 1824. Erster Theil. S. 52. 

4) Hiemit soll nicht gesagt sein, dass die psychische Behandlung 
nun lediglich eine Sache des mit Kenntniss ausgerüsteten natürlichen 
Tactes und der Uebung sein und bleiben müsse. Vielmehr verträgt 
auch sie eine systematische wissenschaftliche Bearbeitung nach den 
verschiedenen Mitteln und Methoden und ist hierin nicht blos schon 
Manches geleistet, sondern im Gefolge der sich weiter entwickelnden 
psycho -pathologischen Erkenntniss noch wenigstens eben so viel zu 
erwarten. 

5) Das Gedicht findet sich in Nicolaus Lenau's dichterischem 
Nachlass , herausgegeben von Anastasius Grün, Stuttgart und Augs- 
burg 1858, S. 152. Es ist betitelt: »Eitel nichts« und lautet: 

's eitel nichts, wohin mein Aug' ich hefte! 
Das Leben ist ein vielbesagtes Wandern , 
Ein wüstes Jagen ist's von dem zum andern, 
Und unterwegs verlieren wir die Kräfte. 
Ja, könnte man zum letzten Erdenziele 
Noch als derselbe frische Bursche kommen, 
Wie man den ersten Anlauf hat genommen, 
So könnte man noch lachen zu dem Spiele. 
Doch trägt uns eine Macht von Stund zu Stund, 
Wie 's Krüglein, das am Brunnenstein zersprang, 
Und dessen Inhalt sickert auf den Grund, 
So weit es ging, den ganzen Weg entlang. 
Nun ist es leer; wer mag daraus noch trinken? 
Qnd zu den andern Scherben muss es sinken. 



176 



Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 



A. Grün bemerkt dazu im Vorwort: 

»Eitel nichts« entstand am 18. September 1844, als Lenau spät in 
der Nacht auf dem rollenden Eilwagen zwischen Zernolding und Mün- 
chen, körperlich sehr erschöpft, dahin fuhr, gleichsam zum Versuche, 
ob er unter so ungünstigen Umständen noch zu dichten vermöge. 
Dieses Gedicht wurde von dem bereits tief erkrankten Dichter am 
29. November 1844 in seiner Zelle zu Winnenthal seinem geliebten 
Justinus Kerner, der von Weinsberg ibn zu besuchen gekommen war, 
dann seinem Arzt und Freunde Hofrath Zeller, der es ihm sogleich 
nachschrieb, und endlich seinem von Wien herbeigeeilten Schwester- 
manne A. X. Schurz, von dem diese Angaben herrühren, mit aller 
bekannten Vortrefflichkeit des Vortrages mitgetheilt. 



Der Zweck heiligt die Mittel. 



Hagren, Studien. 



12 



Es ist zwar unter uns sonst nicht der Brauch, dass der 
Sprecher des Abends seinen Vortrag mit einer Captatio benecolett- 
tiae für seine Person anfängt. Da indessen mein heutiges Thema 
von vorn herein eine etwas ungünstige Meinung gegen mich erregen 
könnte, so muss ich eine Ausnahme davon machen und mir, ehe 
ich anfange, von Ihnen das Zeugniss ausstellen lassen — das Sie 
mir gewiss mit Ueberzeugung geben können, — dass Sie mich für 
keinen Jesuiten halten. Und wesshalb diess? Weil ich heute die 
Gültigkeit des Satzes vertheidigen will, dass der Zweck die 
Mittel heiligt. 

Sie werden vielleicht denken: das ist ein abgenütztes Thema, 
und überdiess fragen, wie es kommt, dass gerade ich mich desselben 
bemächtige und es nicht dem Mitglied einer anderen Facultät über- 
lasse. Wir werden uns aber leicht verständigen, wenn ich hinzu- 
setze, dass ich dabei inirnerhin bei meinem Leisten bleibe, indem 
ich nämlich vom medicinischen Standpunct ausgehen werde. Das 
Studium der Willenskrankheiten sowie der Zurechnungsfähigkeit 
veranlasste mich auch, da und dort ethischen Fragen weiter nach- 
zuspüren. Was ich da in Bezug auf jenen Satz gefunden, ist daher 
zwar nur ein Nebengewinn, da aber Substanzen, welche in chemi- 
schen Fabriken als Nebenproducte gewonnen werden, darum nicht 
gerade schlechter sind als die durch unmittelbare Bemühung er- 
zielten, so halte ich dadurch einerseits meine Berechtigung für 
erhärtet, und andererseits sind Sie dadurch doch einigermassen 
davor gesichert , nur Bekanntes zu hören , da , soviel ich weiss, 
eine Beleuchtung des fraglichen Satzes von dieser Seite her noch 
nicht stattgefunden hat. 

Eine allgemeine Erörterung über seinen Sinn muss aber 
doch vorhergehen. Darüber kann nämlich kein Zweifel sein, schon 
wegen des Wortes »heiligt«, dass der Satz dem Gebiete der Ethik 
angehört oder angehören soll. Er besagt zunächst so viel als: es 

12* 



180 



Der Zweck heiligt die Mittel. 



kommt auf den Zweck an , ob ein gewisses Mittel, d. h. eine Hand- 
lung als schlecht oder gut anzusehen ist, und will hier das schlecht 
oder gut im moralischen Sinn, nicht im Sinne des Klugen und 
Zweckmässigen genommen wissen. Denn ein verkehrtes und un- 
geschicktes Verfahren wird niemals dadurch zu einem richtigen oder 
geschickten , dass man dabei einen guten Zweck hat (ausser höch- 
stens durch das blinde Glück, das den Dummen begünstigt). Am 
allermeisten müsste dagegen die Medicin protestiren ; denn wenn 
hier der gute Zweck , die Heilung oder Lebensrettung schlechthin 
jedes angewendete Mittel zu einem guten, d. h. zu einem richtigen, 
stempeln würde, so würde dadurch der Unwissenheit der Freibrief 
ertheilt ; alle medicinische Erfahrung, alles Studium, alle Facultäten 
und Prüfungen würden von Stund an überflüssig sein. Mit dem 
s. g. guten Willen, der guten Absicht ist es da nirgends gethan, 
sondern zur Erreichung solcher Zwecke gehören Kenntnisse und auf 
ihre Erwerbung gerichtete Anstrengungen. 

Der Begriff »schlechte und gute Mittel« kann daher in unse- 
rem Satze nur in moralischem Sinne genommen sein. Warum er- 
scheint er nun hier nicht von vornherein eben so falsch wie in 
dem eben besprochenen utilitarischen ? Streng genommen ist er es 
auch. Eine Handlung (und ein Mittel ist nichts Anderes als eine 
Handlung) ist, als eine durch Anwendung unserer Kräfte in der 
Welt gewirkte Veränderung, niemals dadurch selbst schon schlecht 
oder gut, sondern wird diess bekanntlich nur durch die Gesinnung, 
aus welcher sie hervorgegangen ist. Unter diesem Gesichtspunkt 
enthält der Satz : der Zweck heiligt die Mittel in seiner Absolutheit 
einen inneren Widerspruch ; denn wenn hier unter den Mitteln 
schlechthin alle möglichen Handlungen, also auch alle schlechten, 
d. h. aus unmoralischer Gesinnung hervorgehenden, zu verstehen 
wären, so litte der Satz, da schlechte Handlungen eine unmoralische, 
gute Zwecke aber eine moralische Gesinnung voraussetzen, an einer 
inneren Unmöglichkeit, über welche nicht wegzukommen ist. 

Soll sich unter ihm etwas Vernünftiges denken lassen , so 
bleibt nur übrig, sich die Mittel, welche durch den Zweck geheiligt 
werden sollen, als moralisch indifferente zu denken, welche erst 
durch den Zweck, zu welchem sie unternommen werden, zu schlech- 
ten oder guten werden; sie können im moralischen Sinne noch 
indifferent sein, auch wenn sie einem Anderen Uebles, also Unlust, 



Der Zweck heiligt die Mittel. 



181 



zufügen. Nun trifft es sich allerdings oft, dass solche böse, einem 
Anderen Uebles zufügende Handlungen auch moralisch schlechte, 
d. h. solche sind, deren Anwendung in dem betreffenden Falle nur 
unter Voraussetzung einer schlechten verderbten Gesinnung denkbar 
ist, während sie unter anderen Umständen für gute angesehen wer- 
den müssten. Sie werden in unserer Schätzung zu dem einen oder 
zu dem anderen durch den Zweck, der durch sie erreicht werden 
soll; ist dieser ein guter, so gelten auch die Handlungen für gut, 
der Zweck heiligt die Mittel. 

Ich erläutere diess, wie gesagt, zunächst durch Beispiele aus 
der Medicin und fange mit den Grundwissenschaften derselben, 
welche ihre Adepten zuerst lernen müssen, an, mit der Anatomie 
und der Physiologie. Die Thierquälerei , welche ein Kind ausübt, 
kann im Anfang noch ohne alle Verderbniss des Herzens geschehen, 
wenn das Kind sich noch keine Gedanken über den Schmerz macht, 
den es dem Thiere verursacht; wird das Kind älter und sich be- 
wusst, dass es dabei Schmerz und Leiden verursacht, so hat man 
keine Zeit zu verlieren, diesen Keim der Bosheit aus seinem Herzen 
zu vertilgen, und an Erwachsenen betrachten wir eine Neigung zur 
Thierquälerei mit Abscheu. Inzwischen schneidet, zwickt, brennt 
und electrisirt der Physiologe geschäftsmässig Hunderte von Fröschen, 
Tauben, Kaninchen und Hunden, ohne dass wir ihn desshalb für 
einen moralisch entsetzlichen Menschen halten. Woher kommt 
diess? Daher, dass er dabei einen guten Zweck hat, dass er die 
Gesetze des Organismus erforschen will, deren Kenntniss wieder den 
Menschen , ja selbst auch anderen Thieren zu Gute kommen kann. 
Der exacte Nachweis , dass die Arterien Blut führen , war Galen, 
und der der Gesetze des Kreislaufes war Harvey nur mittelst 
Vivisectionen an Thieren möglich ; wie viele Tausende von Men- 
schenleben sind aber nicht auf Grund dieser Kenntnisse vom Kreis- 
laufe durch Arterienunterbindung gerettet worden! Diess ist nur 
ein Beispiel von vielen; sie beweisen aber alle, dass der gute 
Zweck hier eine Handlung heiligt, die wir unter anderen Umständen 
verwerfen. 

Gehen wir weiter, zur Chirurgie. Wenn Jemand eines seiner 
Glieder verliert, so ist diess unter allen Umständen etwas Uebles; 
aber die Gesinnung, in welcher dieses Uebel zugefügt wird, kann 
eine sehr verschiedene sein. Wenn ein rachsüchtiger Mensch, ich 



182 



Der Zweck heiligt die Mittel. 



will annehmen, ein Soldat, lediglich aus Neid, weil ein Anderer, 
sei es im Avancement oder in der Liebe, mehr Glück hat als er, 
diesem einmal einen rechten Denkzettel anhängen will, ihm Nachts 
auflauert und ihm den Arm abhaut, so werden wir sowohl den 
Zweck als das Mittel verdammen. Wenn aber der Chirurg einen 
Arm abnimmt , der vom Knochenfrass ergriffen ist , so wird er da- 
mit in den allermeisten Fällen ein Leben retten und thut daher 
seine Pflicht. Der Verlust des Gliedes ist hier an und für sich 
auch etwas Uebles für den Kranken, er ist aber das kleinere gegen 
den Verlust des Lebens; der Zweck heiligt das Mittel, d. h. er 
macht, dass dieselbe Handlung, welche im ersten Fall eine schlechte 
war, hier eine gute wird. 

Wenn es Jemand übel wird bis zum Erbrechen, so ist diess 
sicherlich ein Uebel für ihn. Aber, soferne nicht Krankheit, sondern 
eine äussere Einwirkung dai-an schuld ist, kann diese eine sehr 
verschiedene Bedeutung haben. Einer , in dessen Vortheil es liegt, 
dass wir zeitig aus der Welt scheiden, kann das Uebelsein herbei- 
führen, indem er uns heimlich Arsenik beibringt (wobei ich jedoch 
um Entschuldigung bitte , dass ich ein so veraltetes Vergiftungs- 
mittel noch anführe, während doch jetzt Cyankali oben ansteht). 
Aber der Arzt bringt ähnliche Erscheinungen hervor, indem er 
durch ein Brechmittel einen kranken belasteten Magen heilt oder 
ein Kind vom Crouptod zu retten bestrebt ist. 

Es ist sicher ein Frevel, um schnöden Gewinnes willen einen 
Menschen zu überfallen , zu binden , und in der Gefangenschaft zu 
halten. Der Verlust der Freiheit ist, noch ganz abgesehen von 
anderweitigem dadurch entstehenden Schaden, gewiss für den Ge- 
fangenen ein grosses Uebel. Aber halten wir nicht auch die Be- 
wohner der Irrenanstalten gefangen? Man beraubt sie ihrer Frei- 
heit, wenn zu Hause keine Möglichkeit gegeben ist, sie zweckent- 
sprechend zu behandeln, oder, wenn sie, sich selbst überlassen, 
für ihre Familie oder ihre Umgebungen eine Quelle stets drohender 
Gefahr und Angst werden. Der Zweck heiligt das Mittel. Ver- 
letzung des Briefgeheimnisses, Erbrechen und Lesen fremder Briefe 
ist nicht nur in rechtlichem Sinne ein Vergehen, sondern auch 
moralisch verwerflich. Und doch halten wir Irrenärzte es für 
nothwendig und für Pflicht, dass alle Briefe an unsere Kranken 
und von denselben von uns gelesen werden, und wir erbrechen zu 



Der Zweck heiligt die Mittel. 



183 



diesem Zwecke unbedenklich diejenigen, welche uns versiegelt in 
die Hände kommen , und confisciren die unpassenden. Wir thun 
es , weil wir wissen und oft genug erfahren haben , dass der unbe- 
schränkte Verkehr der Kranken mit den Ihrigen in vielen Fällen 
schädlich ist und nur in wenigen mit Sicherheit vorausgewusst 
werden kann, dass er es nicht ist. So viel ist also gewiss, dass 
die Psychiatrie etwas, was sonst als Verbrechen wider Freiheit oder 
Eigenthum bestraft wird, unter Umständen als Mittel unbedenklich 
brauchen darf 1 ). 

Diese Beispiele werden genügen , um darzuthun , dass unser 
Satz jedenfalls in der Medicin seine Gültigkeit hat. Nun weist 
aber seine ganz allgemeine Fassung darauf hin , dass seine Macht 
sich nicht bloss auf sie, sondern, und vielleicht noch mehr, auch 
auf andere Gebiete menschlicher Thätigkeit erstrecken soll, beson- 
ders aber auf Eecht und Moral. 

In Hinsicht auf Ersteres will ich vor Allem der Folter Er- 
wähnung thun. Dieselbe ist gewiss eine barbarische Quälerei ge- 
wesen ; aber sie ist Jahrhunderte lang für ein nothwendiges Uebel 
gehalten worden , ohne welches der Zweck der Strafrechtspflege 
nicht zu erreichen sei. Ihre allmälige Abschaffung ist ohne Zweifel 
hauptsächlich die Folge der milder werdenden Sitten und der wach- 
senden Abneigung vor Grausamkeit gewesen 2 ). Man darf aber 
wohl fragen, ob es dazu gekommen wäre, wenn die Ermittlung und 
Bestrafung von Verbrechen ohne Folter in der That nicht mög- 
lich wäre und ob wir uns dann nicht wohl oder übel in ihre Bei- 
behaltung fügen hätten müssen, da von absoluter Straflosigkeit der 
Verbrecher und der Folter die letztere sicher das kleinere Uebel 
ist. Es ist unter diesen Umständen ein Glück zu nennen, dass es 
nicht so ist, dass die Folter kein zweckmässiges Mittel ist, Thäter 
zu entdecken, sondern dass man, wie die neuere Strafrechtspflege 
hinreichend gezeigt hat, jetzt ohne Folter viel mehr Uebelthätern 
auf die Spur kommt als früher mit ihr. 

Von Natur hat Niemand das Becht, den Andern seiner Frei- 
heit zu berauben, und doch werden alle Tage Freiheitsstrafen, also 
Freiheitsberaubungen, ausgesprochen. Was der Einzelne nicht thun 
darf, vindicirt sich unbedenklich der Staat; mit welchem Grund 
und Recht? Um der Sicherheit aller Bürger und der Aufrecht- 
haltung der Staatszwecke willen. Diess ist der Zweck, welcher 



184 



Der Zweck heiligt die Mittel. 



die Freiheitsberaubung heiligen muss, und wenn gegen die Beibe- 
haltung der Todesstrafe unter Anderem gesagt wird, dass das Töd- 
ten eines Menschen niemals, auch durch den besten Zweck, geheiligt 
werden könne, so sehe man wohl zu, dass man nicht zu viel be- 
weist ; denn dieser Einwand liesse sich auch auf die Freiheitsstrafen 
anwenden. 

Diese Bemerkung führt uns schon zugleich mit auf das Gebiet 
der Moral. Das Gebot: du sollst nicht tödten, ist so klar und 
so einfach; es kommt einem vor wie ein nackter, glatter Fels, an 
dem nirgends ein Haken befindlich, um daran über ihn wegzukom- 
men. Und doch hat man das schon lange fertig gebracht, und 
wie! Schon gleich Moses selber hat eine Menge Menschen um- 
bringen lassen. Ich schweige von den Kreuzzügen, von der Bartho- 
lomäusnacht, vom dreissigj ährigen Krieg, wo die Menschen zu 
Gottes Ehre getödtet wurden, und will nur vom gewöhnlichen ge- 
meinen Krieg sprechen. Alle Bestrebungen, den Krieg zu recht- 
fertigen, seine Notwendigkeit zu deduciren, in diesem Wirklichen 
das Vernünftige herauszufinden , sind weiter nichts als Variationen 
über das Thema: der Zweck heiligt das Mittel. Selbst da, wo der 
Krieg ganz entschieden zur Vertheidigung des Vaterlandes, der 
Freiheit, des Rechtes und der Ehre geführt wird, gilt diess; wie 
viel mehr da, wo es nöthig ist, andere Beweg- und Rechtfertigungs- 
gründe aufzusuchen. Es mag wohl zuweilen Kriege geben, von 
welchen nicht klar ist, welcher der streitenden Theile Recht oder 
Unrecht hat oder auf wessen Seite mehr das Eine oder das Andere 
ist, obwohl gar oft der, welcher durchaus behauptet, eine Streit- 
sache sei unklar, nur so thut, damit der Krieg unausbleiblich sei, 
und einem Timur und Dschinchischan schwerlich jemals eingefallen 
ist, ihre Kriege als Durchführungen eines unklaren Rechtshandels 
anzusehen. Es kann ferner der Mangel eines Richters angeführt 
werden, welcher entweder genug Klarheit und Einsicht oder Un- 
parteilichkeit oder Recht auf das Schiedsrichteramt habe, ein Motiv, 
welches wahrscheinlich ganz besonders bei Napoleon I. wirksam 
war, welcher seine Kriege bekanntlich zu seinem grössten Leidwesen 
immer nothgedrungen führen musste", weil er unglücklicherweise 
so gar keinen Gerichtshof fand, vor dem er seine Sachen hätte 
anbringen können. Man mag nun den Krieg auf die eine oder die 
andere Art zu rechtfertigen suchen, mag dazu vielleicht auch die- 



Der Zweck heiligt die Mittel. 



185 



jenigen seiner günstigen Nachwirkungen, welche durch ihn eigent- 
lich gar nicht beabsichtigt wurden, herbeiziehen — immer läuft 
die Vertheidigung des allgemeinen und geregelten gegenseitigen 
Tödtens, worin der Krieg besteht, auf den Satz hinaus: dass der 
Zweck die Mittel heiligt. 

' Durch den Krieg sind wir aber auch schon zu einem anderen 
Gebot gekommen , welches heisst: du sollst nicht stehlen. Im 
Ganzen kommt Stehlen im Grossen zu guten Zwecken wenig in 
Betracht, höchstens bei Diplomaten, welche bisweilen zum Nutzen 
ihrer Sache Documente aus fremden Mappen oder Archiven ver- 
schwinden lassen. Es gilt vielmehr in Hinsicht auf dieses Gebot 
von den Mächtigen dasselbe, was der Kapuziner von den Soldaten 
sagt: Ja, das befolgt ihr nach dem Wort; denn ihr tragt Alles 
offen fort. Es handelt sich dabei nämlich meistens um's Rauben, 
welches wir aber billig hier auch mit abhandeln können. Auch 
diess geschieht immer um des edelsten Zweckes willen. Da man 
im Kriege auch Spione braucht, welche lügen können müssen, und 
man auch auf alle Weise suchen muss , Leute zum Ueberlaufen zu 
bewegen (abspenstig machen) , so ist eigentlich jede Kriegsprocla- 
mation, selbst des gottesfürchtigsten Regenten, so viel wie eine Er- 
klärung, dass von nun an eine Zeit lang sämmtliche Gebote suspen- 
dirt seien. 

Das Lügen ist an und für sich nichts Unmoralisches; das 
Kind, indem es zum ersten Male die Entdeckung macht, dass es 
in seinem Belieben stehe, auch etwas Anderes zu sagen als das 
Wirkliche , sieht diess als etwas ganz Natürliches an , um sich aus 
Verlegenheiten zu helfen, ja es verneint in diesem Sinne Unannehm- 
lichkeiten, welche Aeltern oder Geschwister betreffen, diesen gegen- 
über ganz naiv in tröstender Weise. Hier ist noch nichts von 
Unsittlichkeit , diese wird erst durch den Gebrauch daraus , den 
das Kind von dieser seiner Fähigkeit, Lügen zu sagen, macht. Und 
so kann die Lüge , wozu auch der Wortbruch gehört , aus einer 
sehr verschiedenen Gesinnung hervorgehen. Ich will Sie verschonen 
mit der Casuistik der Nothlüge, deren Zulässigkeit wohl Niemand 
schlechthin bestreiten wird, und dafür einen historischen Treubruch 
anführen. Die Convention von Tauroggen hat die Freiheitsbeweg- 
ung des Jahres 1813 eingeleitet; aber die That, welche York da- 
mit gethan hat, kann casuistisch in sehr verschiedenem Licht 



186 



Der Zweck heiligt die Mittel. 



erscheinen. Wer mit der strengen und unerbittlichen Moralregel 
herantritt, dass der Zweck die Mittel niemals heilige, der muss sie 
verwerfen, der muss aber auch, wenn er unverbrüchlich an seinen 
Grundsätzen hängen will, alle Consequenzen derselben perhorresciren, 
und die gesammten Freiheitskriege und ihre Errungenschaft, so wie 
unsern ganzen dermaligen Zustand als einen aus einer unmoralischen 
Handlung hervorgegangenen zurückweisen, für unberechtigt erklären; 
wer sich aber hiezu nicht verstehen kann, der muss auch die That, 
durch welche ein Militär dienstpflichtwidrig handelte und deren 
Ausnützung ein Wortbruch gegen Napoleon war, wegen des höhe- 
ren Zweckes der Vaterlandsrettung, wofür jetzt gerade die Zeit günstig 
schien, billigen, er muss den Satz darauf anwenden: der Zweck 
heiligt das Mittel. Tertium non datur. Alles Uebrige, wodurch 
man einerseits sowohl dem General York seine Ehre geben als auch 
seine eigene Moral salviren will, sind sophistische Ausflüchte. Sie 
gemahnen an eine Wendung , welche man heut zu Tage in Leit- 
artikeln von Journalen häufig trifft. »Wir sind weit entfernt, 
heisst es da wohl, dem Satze zu huldigen, dass der Zweck das 
Mittel heilige, aber — und nun kommt die Ausführung, dass es für 
den speciellen Fall, den der Schreiber vertritt, eine Ausnahme gebe. 
Solche Ausnahmen nimmt aber Jeder für gewisse Zwecke, für ge- 
wisse Lagen in Anspruch 3 ) und so steht die scheinbare Entrüstung 
gegen den Satz in Folge dieser laxen Ausnahmsmoral auf sehr 
schwachen Füssen. 

Gestehen wir es nur — wir erkennen den Satz: der Zweck 
heiligt das Mittel — welchem Beruf und welcher politischen Par- 
teistellung wir auch angehören mögen, alle thatsächlich an. Wenn 
diess das Zeichen eines Jesuiten ist, so sind wir allzumal Jesuiten. 

Indessen — obgleich das Alles nicht abzuleugnen ist, warum 
finden wir denn, dass Crispinus zum Mindesten ein wunderlicher 
Heiliger gewesen sei? und wenn jener Münchener Bursche Geld 
stahl, um dafür den durchziehenden Kriegern Cigarren zu kaufen, 
warum zollen wir dem Bezirksgericht, das ihn trotz seines schönen 
Zweckes verurtheilte, unseren vollkommenen Beifall? 

Es mag sein, dass die Grösse des Zweckes und des Verbre- 
chens nach dem bekannten Sprichworte von den kleinen und den 
grossen Dieben eine gewisse magische Wirkung auf uns ausübt. 
Jedenfalls aber muss mit derselben sich der Erfolg verbinden 



Der Zweck heiligt die Mittel. 



187 



wenn dieser fehlt, verurtheilen wir den Zweck mit sammt den 
Mitteln. 'Es ist für die erhabene Stellung, die sich der Mensch 
vindicirt, nicht schmeichelhaft, dass es so ist, und so lange die 
Menschen so bleiben, ist trotz aller politischen Weiterentwicklung 
in der Erkenntniss die Freiheit keinen Augenblick vor immer neuer 
Vergewaltigung sicher. 

So wahr diess auch ist , so muss man doch auch wieder zur 
Ehre des Menschengeschlechtes sagen, dass nicht solche egoistische 
und gemeine Erwägungen allein uns zu einer Ungleichheit in der 
Werthhaltung des fraglichen Satzes veranlassen. Wir finden näm- 
lich, dass, sobald die Gültigkeit des Satzes als einer allgemeinen 
Maxime proclamh*t werden soll, uns ein gelindes Grausen an- 
kommt, und dieses moralische Gefühl lässt sich von keiner Dialectik 
wegdisputiren. Stellen Sie sich vor, Sie hätten die Bekanntschaft 
eines angenehmen Mannes gemacht, der mit Ihnen auch gleiche, 
etwa gelehrte , Interessen verfolgt. Sie hätten schon viel mit ihm 
verkehrt, und derselbe schlüge ihnen endlich vor, mit ihm, ich will 
nicht sagen ein Freundschaftsbündniss zu schliessen (denn dergleichen 
Empfindsamkeiten des 18. Jahrhunderts kommen jetzt nicht mehr 
vor) aber doch in ein intimeres Verhältniss zu treten. Dabei käme 
Ihnen nun in den Sinn, dass Jeder dem Anderen seine Lebensmaxime 
offenbaren solle. Wenn nun dieser Mann zu Ihnen sagen würde: 
Mein Grundsatz ist: der Zweck heiligt die Mittel, so würde Ihnen 
vor dem Mann grauen , und Sie würden denken : mit dem ist kein 
Bund zu flechten. Warum denken wir nun so? Sobald man sich 
darüber Rechenschaft gibt, so wird man in sich etwa den folgenden 
Gedankengang finden, der in unentwickelter Gestalt sich zunächst 
nur als dunkles, aber sicheres Gefühl dargestellt hatte. Wenn sich 
Jemand veranlasst fühlt, eine Regel als Lebensmaxime aufzustellen, 
so muss er, damit diess, so zu sagen, der Mühe werth sei, voraus- 
setzen, dass er oft in die Lage kommen werde, sie anzuwenden. 
In dem gewählten Beispiele wird er dadurch ausdrücken, dass er 
oft in der Lage sei, seine Mittel durch seine Zwecke heiligen lassen 
zu müssen. Nun sagt uns ein untrügliches Gefühl, dass bei einem 
Menschen, der immerfort nur Mittel anwendet, die an und für sich 
unheilig sind, es am Ende doch mit den wirklichen (nicht etwa 
bloss vorgeschützten) Zwecken selbst, also mit seiner moralischen 
Gesinnung übel bestellt . sein müsse. In den früher angeführten 



188 



Der Zweck heiligt die Mittel. 



"Fällen', wobei sich zeigte, dass wir unserem Satz unwillkührlich 
huldigen, geben wir bereitwillig und ohne sonderliche Gewissens- 
rührung eine Indemnität für Vergangenes. Sobald aber Jemand 
von uns verlangen würde, dass wir ihm im Voraus für Handlungen, 
die er zukünftig in Befolgung desselben Satzes begehen werde 
(und die sich vielleicht sogar gegen uns richten können) Absolution 
ertheilen, also ihm das Eecht dazu zusprechen sollen — »so wenden 
wir uns ab mit Grausen — mit dem kann ich nicht länger 
hausen. « 

Was folgt daraus? Dass wir den Satz: der Zweck heiligt 
das Mittel, zwar als eine in Regelform gebrachte Erfahrungstat- 
sache, aber nicht als eine Maxime anerkennen. Er drückt als 
erstere weiter nichts aus als die Gewohnheit der Menschen, in ge- 
wissen Fällen zu den gebrauchten Mitteln die Augen zuzudrücken, 
wenn sie mit den erreichten Zwecken zufrieden sind. Zu einer 
moralischen Lebensregel, einer Maxime erscheint er uns ungeeignet. 
Ein Grundsatz, so denken wir, kann schwerlich empfehlenswerth 
sein, welcher eine schon vorhandene Geneigtheit gern zu zweideuti- 
gen, jedenfalls immer erst zu heiligenden Mitteln zu greifen, noch 
befördert. Dazu kommt, dass ihm das wesentliche Prüfungsmittel 
jeder Maxime abgeht, nämlich die allgemeine Einführbarkeit ; denn 
stünde es Jedermann frei, für seine Zwecke (sobald er sie nur für 
recht hält) beliebige Mittel zu wählen, also beliebige Handlungen 
zu verrichten — so würden wir alle mit einander in kürzester 
Frist sowohl mit dem moralischen als rechtlichen Gesetz in Confiict 
sein und eine allgemeine Verwirrung, eine Unmöglichkeit alles ge- 
sitteten Lebens, würde eintreten. Unsere Indemnitätserklärungen 
hinterher sind daher eben so viele uns von unserer Schwäche und 
Unvollkommenheit abgezwungene Ausnahmen von der Regel, Con- 
cessionen an die Gewalt oder Erklärungen , dass wir in fraglichem 
Falle die Sache eben a\ich nicht anders hätten machen können. 

So hat denn der Satz für uns eine schaukelnde, schillernde 
Stellung zwischen den Gebieten der Naturwissenschaften (wohin 
auch die empirische Psychologie gezählt werden kann) und der 
Ethik. Darin liegt es, dass er auf uns einen ähnlich widerwärtigen 
Eindruck macht, wie die Thiere, welche halb Land- halb Wasser- 
thiere sind, die Amphibien, die Schlangen und Kröten. Er ist ein 
Erfahrungssatz über die menschliche Natur; indem er sich aber 



Der Zweck heiligt die Mittel. 189 

dabei das Wort heilig anmasst, schminkt er sich mit der Farbe 
der Ethik und will für einen moralischen imponiren. Bei dieser 
trüben Vermischung zweier verschiedener Gebiete findet aber nichts 
Anderes statt, als dieselbe Confusion und Verwechslung, welcher 
man in der neueren Zeit überhaupt vielfach begegnet. Da nämlich 
die Naturwissenschaften mehr und mehr zu einer domin irenden 
Geltung gelangt sind, so haben sich von ihnen Anschauungen und 
Begriffe auch auf andere Gebiete herüberverpflanzt, welchen sie bis- 
her fremd waren. Die Wörter organisch, Organismus und Organi- 
sation, Entwicklung, Gliederung, Blüthe , Gesundheit, gesunder 
Egoismus, Krebsschaden, Gebrechen und viele andere noch begegnen 
einem jetzt in Büchern und Zeitschriften auf jeder Seite. Ich bin 
weit entfernt, zu leugnen , dass dieses Verfahren für viele Verhält- 
nisse passend und der Sache ganz entsprechend und namentlich auf 
die Auffassung der Geschichte so wie auf die Staatswissenschaften 
von wohlthätigstem Einfluss gewesen ist. Allein die Sache hat 
auch ihre Schattenseiten. Der Anschein der Moderuheit, welcher 
durch diese Wörter in den Styl kommt, hat dieselben den Schrift- 
stellern so sehr empfohlen, dass über ihrem häufigen Gebrauch zu- 
letzt ihr richtiger Gebrauch verlernt und sie auf Dinge angewendet 
wurden, auf welche sie nicht passen, so namentlich auch auf ethische 
Verhältnisse. 

Gestatten Sie mir, dass ich zur weiteren Exemplification dessen, 
was ich meine , eine der eben angeführten Redensarten, in welchen 
Begriffe von beiderlei Arten zusammengeschweisst sind, einer bei- 
läufigen Analyse unterwerfe. Es ist der Ausdruck: gesunder Egois- 
mus , welcher einem gegenwärtig überall , auf Wegen und auf Ste- 
gen, begegnet. Offenbar soll mit demselben gesagt werden, dass 
unter gewissen individuellen Umständen der Egoismus als etwas 
Plausibles und Empfehlenswertes erscheine, und eine solche zu- 
lässige, ja lobens- und nachahmenswerthe Selbstsucht mit einem 
besonderen Eigenschaftswort versehen und von dem gemeinen, im 
Übeln Geruch stehenden Egoismus ausgezeichnet werden müsse. 
Vor Zeiten hätte man einen solchen einen rechtmässigen 
oder erlaubten genannt. Einen solchen gibt es; durch ihn suchen 
wir uns, das was wir sind und haben, im Leben fest zu behaupten 
und ohne denselben wäre auch vielfach selbst das Durchführen des 
Guten im Leben nicht möglich. Aber dem Geschmacke des Zeit- 



190 



Der Zweck heiligt die Mittel. 



alters gefällt der Ausdruck: erlaubter Egoismus nicht, er hat 
für ihn etwas Zopfiges, das an alte Compendien oder auch an den 
Katechismus erinnert. Der Egoismus laudabilis muss jetzt ein ge- 
sunder sein. Was heisst denn das? Wir stossen hier auf einen 
sonderbaren Widerspruch. Eine Gesinnung, welche sonst für ver- 
werflich gilt, soll für gewisse Fälle gerechtfertigt werden. Nun 
sind wir Aerzte gewohnt, Entschuldigungs- und Milderungsgründe 
in der Krankheit zu sehen; wir kennen auch einen krankhaften 
Egoismus, der in psychischen Krankheiten sich ausbildet, aber auch 
in anderen Krankheiten nicht selten zum Kreuz der Familien wird. 
Wie wir nun bei Verbrechen, Vergehen wegen Krankheit Unzu- 
rechnungsfähigkeit im juristischen Sinne annehmen, so wird diess 
auch in moralischem Sinne der Fall sein, wir werden einen krank- 
haften Egoismus entschuldigen dürfen. Aber in unserem Falle wird 
das umgewendet; das, was hier entschuldigt, was Indemnität gibt, 
ist nicht die Krankheit, sondern die Gesundheit. Haltet's ihm zu 
gut, muss man nun sagen, er ist ja so gesund. Je gesunder ein 
Egoismus, desto vortrefflicher. Wenn hiemit nicht Unsinn gesagt 
werden will, so muss hiebei der Begriff Gesundheit in einem 
anderen Sinne genommen sein, als in dem der Krankheit entgegen- 
gesetzten. Ich kann mir nichts Anderes denken, als dass man 
darunter einen naturwüchsigen Egoismus versteht, der eben auch 
die Derbheit, Kraft und Unbefangenheit der Natur hat. Das Ur- 
bild eines derartigen Egoismus kann uns etwa ein vierschrötiger, 
rothbackiger Kerl von 672 Fuss geben, welcher vor einem um- 
drängten Eisenbahnschalter mit Stössen sich bis zu der Kasse ficht. 
Gesund ist der Mann und egoistisch auch ; wenn er aber Einen 
von Ihnen , der nach viertelstündigem Ringen bis dicht an den 
Schalter vorgedrungen ist, wieder 10 Schuh weit zurückschleudert, 
um sich vorzudrängen, so zweifle ich sehr, ob Sie sich bewundernd 
vor diesem gesunden Egoismus verneigen werden. 

Indessen Scherz bei Seite. Wir müssen auf die neuerdings 
So beliebte Fusion der Naturgesetze mit den moralischen noch etwas 
ernsthafter eingehen. Ich muss hiebei um Entschuldigung bitten, 
wenn ich über eine Frage, die in der Philosophie vielleicht schon 
hinreichend discutirt ist, nämlich den Unterschied des Natur- und 
Sittengesetzes, vor Ihnen einige Reflexionen anstelle. Aber man 
spürt von der Wirkung dieser Erörterungen auf die gegenwärtige 



Der Zweck heiligt die Mittel. 



191 



Generation im Ganzen nicht viel, und da dies muthmasslich davon 
herrührt, dass die Auseinandersetzungen mit den Naturwissenschaf- 
ten über diesen Punct immer nur von Philosophen ausgegangen sind, 
so kann es vielleicht nur willkommen sein , wenn eine hierauf ge- 
richtete Bemühung einmal auch von der anderen Seite ausgeht, zu- 
mal wenn sie unabhängig von jenen philosophischen Bestrebungen 
stattfindet. 

Die moralischen Gesetze, sagt man, sind den Naturgesetzen 
nicht entgegengesetzt, sondern fallen mit ihnen zusammen, gehen 
in ihnen auf. Fragt man näher, wie, so findet man verschiedene 
Vorstellungen. 

Einige meinen, es gebe überhaupt kein Sittengesetz; was wir 
dafür halten sei entweder Selbsttäuschung, oder Andere täuschen 
uns oder wir täuschen Andere damit geflissentlich, damit ein allge- 
meiner Betrug die Klügeren in Stand setze, sich von der Milch der 
frommen Denkart der Dümmeren zu nähren. Ohne besonderes Hirn- 
organ sei eine Function wie Pflichtgefühl, Gewissen oder Glauben 
nicht denkbar. Nun hat der Mensch vor gewissen Thieren (Orang, 
Chimpanse und Gorilla) kein besonderes Hirnorgan voraus, sondern i 
unterscheidet sich von ihnen durch die quantitative Entwicklung 
des Gehirnes überhaupt. Da aber den Thieren der Besitz eines 
Sittengesetzes oder des religiösen Glaubens nicht beigelegt werden 
kann, so können auch die Menschen dergleichen nicht haben, und 
was sie so nennen, sind nur künstliche, ihrer Eitelkeit schmeichelnde, 
Aufputzungen sonstiger auch dem Thiere zukommender Gefühle, 
der Furcht namentlich. Es würde mich viel zu weit führen, wenn 
ich mich hier in eine Kritik dieser Ansicht einlassen wollte ; es ge- 
nüge zu sagen, dass sie eine sophistische Verflechtung einer richti- 
gen Thatsache mit zwei unbegründeten Hypothesen ist, auf welche 
wir eine weitere Rücksicht nicht zu nehmen brauchen. 

Mehr Beachtung verdient eine andere Variation dieser An- 
sicht, diejenige nämlich, welche zwar zugibt, dass in uns etwas 
existirt, was man sittliches Gebot nennen kann, welche in demselben 
aber nur den Ausdruck des Naturgesetzes selbst sieht, das in ihm 
uns zum Bewusstsein komme und uns als eine den Willen be- 
stimmende Nothwendigkeit erscheine. Die Stimme der Natur sei 
das untrüglichste Gesetz, und ihr gemäss leben und die Naturgesetze 
befolgen, das sei die einzige Pflicht. Schlecht sei nur das Un- und 



192 



Der Zweck heiligt die Mittel. 



Widernatürliche, und Verbrechen sei es, der freien Entfaltung und 
Uebung der Naturgesetze hinderlich entgegen zu treten. 

Dieser Gedanke hat auf den ersten Anblick etwas Idyllisches, 
Beruhigendes, man glaubt, nun könne es gar keinen Zwiespalt mehr 
geben. Sehen wir uns aber die Sache etwas genauer an. 

Was ist ein Naturgesetz? Eine auf einen allgemeinen Aus- 
druck gebrachte Thatsacbe. Unter dem Gesetz stellen wir uns den 
wesentlichen Hergang der Dinge vor, und sind dadurch in den 
Stand gesetzt , sie zu unserem Besten zu benützen und uns ihnen 
gegenüber zweckmässig zu verhalten. In Hinsicht auf die leblose 
Natur sagt uns also die Anweisung, ihren Gesetzen zu folgen, nichts 
was wir nicht schon so wüssten und ohnehin thäten ; und thun wir's 
nicht, so sind wir in erster Linie nicht Schufte, sondern Thoren. 

Wir haben durch Liebig die Wichtigkeit kennen gelernt, 
welche die Aschenbestandtheile der Pflanzen für deren Wachsthnm 
haben , und dass , wenn dieselben dem Boden , auf welchem diese 
stehen, genommen werden, die Pflanzen nicht gedeihen können, dass 
die Aernten schlechter werden. Es ist hienach offenbar nicht natur- 
gemäss , wenn man dem Boden diese Stoffe fortwährend , ohne sie 
ihm wiederzugeben, entzieht, sei es durch Verkaufen der Aernte 
sammt dem Stroh in andere Länder , sei es durch Verschwenden 
der thierischen Excremente, indem man dieselben aus den Gossen 
in die Flüsse und von da ins Meer laufen lässt. Das Naturgemässe 
ist natürlich, es nicht so zu machen, ist diess aber schon an und 
für sich etwas Moralisches? Am einfachsten würde die Forderung 
erfüllt durch völlige Rückkehr zum Naturzustand, wenn kein Ge- 
treide mehr ins Ausland geführt, sondern Alles in loco verzehrt 
würde, und wenn man keine Ställe und Abtritte mit abfliessender 
Jauche mehr hätte, sondern Mensch und Thier Felder und Wiesen 
durch immittelbare Deposition düngten. Nun ist freilich auch der 
grösstmögliche Gewinn ein natürlicher Wunsch, und wo einem ver- 
ständigen Menschen der Weg gewiesen wird, wie er die Naturgesetze 
zu seinem Vortheil anwenden und sich dabei ein Vermögen erwer- 
ben kann, wird er sie anwenden. Es wird aber keinem Menschen 
einfallen zu behaupten, dass wenn der Bauer Vernunft annimmt 
seinen Boden nach rationeller Methode düngt und seine Dung- 
flüssigkeiten nicht fortlaufen lässt, er damit einen sittlichen Act 
begeht. Derselbe kann, als geweckter Kopf, auch in diesem 



Der Zweck heiligt die Mittel. 



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Stücke klüger als seine Nachbarn, dabei aber doch ein Schuft erster 
Sorte sein. 

Moleschott hat jüngst in einem akademischen Vortrag 
(»Ursache und Wirkung der Lehre vom Leben.« Giessen 1867) 
gesagt, das Verständniss der treibenden Notwendigkeit der That- 
sachen sei »eine der festesten Grundlagen der Zufriedenheit und des 
Glückes. Denn Niemand ist elender als wer sich vermessen hat 
gegen die Natur zu kämpfen, mit der thörichten Absicht sich jenem 
obersten Gesetz zu entwinden. Das sagt uns die Legende von Ahas- 
ver, dem ewigen Juden, der nicht sterben kann, das zeigt uns der 
arme Peter Schlemihl, der seinen Schatten verkaufte, und weil er 
sich damit den wohltbätigen Banden der Natur entzogen hat, von 
allem natürlichen Genüsse jämmerlich ausgeschlossen ist, und weil 
er sich nicht nur gegen die gute Sitte, sondern gegen das Natur- 
gesetz aufgelehnt hat, jedes neu aufkeimende Wohlwollen einbüsst, 
Freundschaft und Liebe in Hohn und Hass sich verwandeln sieht, 
sowie man den Mangel des Schattens bei ihm entdeckt.« Moleschott 
sagt hier zwar nicht selbst, dass Schlemihl mit dem Verkauf seines 
Schattens eine Sünde begangen hat, aber nach der Meinung seiner 
Gesinnungsgenossen zu schliessen, nach welchen die Tugend darin be- 
steht, den grossen ewigen Naturgesetzen zu folgen, ist es doch wohl 
so und zwar um so mehr, als er ja selbst den Peter Schlemihl mit dem 
Ahasver in eine Linie stellt. Nicht ein armer dummer Tropf, son- 
dern ein ganz perfider , niederträchtiger Kerl ist hienach dieser 
Peter Schlemihl, weil er gegen das ewige Naturgesetz rebellirt, dass 
jeder Mensch seinen Schatten haben muss. Armer Schlemihl! 

Man mag über die Abstammung der Menschen die eine oder 
die andere Ansicht haben, so viel ist jedenfalls sicher, dass die 
europäische Race in ihrer psychischen und physischen Organisation 
höher steht als die Negerrace. Folgt aus dieser Naturthatsache 
etwas Zwingendes für die Behandlung der Neger? An und für sich 
gar nicht. Man kann sagen, dass darin ein deutlicher Hinweis für 
die Bestimmung der Schwarzen zum Dienste der Weissen liege, 
welche jene mit demselben Rechte sich unterthänig zu machen be- 
fugt seien, mit welchem der Mensch die Thiere in seinen Dienst 
zwinge; man kann aber auch sagen, eben die Inferiorität lege der 
höheren Race die Pflicht auf, die Neger, da sie doch einmal Men- 
schen seien, durch Cultur und mittelst der Freiheit auf eine höhere 
Hasen, Studien. 13 



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Der Zweck heiligt die Mittel. 



Stufe heraufzuziehen. In den gegebenen Thatsachen liegt an und 
für sich gar nichts, was mit logischer Nothwendigkeit das Eine oder 
das Andere als das allein Naturgemässe erscheinen Hesse; das ent- 
scheidende Moment liegt erst in einem Dritten, in dem morali- 
schen Standpunct, den man in der Frage einnimmt oder einnehmen 
will. Weil diesen die eine Partei der anderen mit Vernunftgrün- 
den nicht beibringen konnte , entstand als ultima ratio ein drei- 
jähriger Bürgerkrieg, wodurch den Anderen zuletzt der Standpunct 
klar gemacht wurde. 

Man mag die Forderung, den Naturgesetzen zu folgen, auf 
ihren ethischen Werth ansehen, unter welcher Gestalt sie auch auf- 
trete, sie löst sich immer in ein Nichts auf. Das Sehen geschieht 
nach gewissen Gesetzen, und unter gewissen Bedingungen verdaut 
der Magen. Aber es ist offenbar lächerlich zu sagen : der Mensch 
hat die Pflicht, zu sehen, zu verdauen u. s. w. Also weiter hinauf! 

Auch die Verrichtungen des Vorstellens, des Denkens, Fühlens 
u. s. w. gehen nach Gesetzen vor sich. Die des Denkens lehrt die 
Logik; wenn wir uns ihrer bewusst werden, können wir unstreitig 
im Denken mehr leisten als ohne das; wem fällt es aber ein, oder 
wer vermag es auch nur, sie nicht zu gebrauchen ? Wir leben ja so 
schon unter ihrem Bann. Oder ist unlogisch Denken ein Verbrechen? 
Gesagt ist es wohl worden, die Dummheit sei eines. 

Nun zu den Handlungen. Auch bei ihnen können wir uns 
den Naturgesetzen, nach welchen sie erfolgen, nicht entziehen; wir 
müssen dabei wahrnehmen, Zwecke setzen, Mittel wählen, uns be- 
wegen. Das thun wir Alles ohnehin, und das braucht uns Niemand 
erst anzuweisen. Die Frage ist aber nicht die, sondern: was wir 
im einzelnen Falle thun, welchen Vorsatz wir fassen, welche 
Wahl wir treffen sollen. Die Ansicht, um welche es sich hier han- 
delt, muss erwidern: das Naturgemässe. Was ist aber diess? wie 
entscheide ich mich, wenn zwei Antriebe mit einander streiten? 
Andere werden wohl, wenn ich etwas gethan habe, es trefflich 
aus psychologischen Gesetzen zu erklären wissen; ich aber weiss, 
bevor ich es tkue, nicht, welchem Trieb zu folgen das Natürlichste 
sein mag. Eben so wenig hilft es mir, wenn mir Jemand sagt, ich 
solle thun, was mit Nothwendigkeit aus der Lage folgt. Um dieses 
im Sinne der Naturgesetze zu wissen, müssten wir in jedem Falle 
alle Umstände, Kräfte, Gesetze kennen, die in dem betreffenden 



Dei- Zweck heiligt die Mittel. 195 

Augenblicke zusammenwirken; und es hiesse das uns, die wir alle 
Augenblicke in der Lage sind, gestehen zu müssen, dass die Dinge 
anders gekommen sind, als wir gedacht haben, zumuthen, immer 
so zu handeln, als ob wir die ewige Weltordnung selber wären, 
und ganz genau wüssten, welches Kettenglied derselben gerade an 
diese Stelle gehört. Um dieser Anforderung nur halbwegs zu ge- 
nügen, müssten wir von der Verwicklung des einzelnen Falles ab- 
strahiren und nach allgemeinen Erfahrungen fragen, in welchen das 
Gesetz unverhüllter heraustritt. Diess geschieht in der Statistik, 
welche durch die numerische Methode die Zufälligkeiten abstreift. 
Auch die ethischen Handlungen wurden bereits dieser Methode 
unterworfen ; die Diebstähle, die Morde, die Selbstmorde haben ihre 
Statistik, welche nachweist, dass mit erstaunenswerther Regelmässig- 
keit auf eine gewisse Seelenzahl und gewisse Zeit eine gewisse An- 
zahl Verbrechen kommt. Dahinter steckt sicher irgend ein Gesetz. 
Was folgt daraus? Sollen wir uns bestreben, dieses Resultat zu 
machen und zu fördern, oder es zu verhindern? In dem Gesetz 
selber liegt weder die Aufforderung zu dem Einen noch zu dem 
Anderen. Gesetzt, für eine städtische Bevölkerung hat sich heraus- 
gestellt, dass auf 10 Jahre regelmässig 100 Selbstmorde kommen. 
Nun geht einmal ein Decennium zu Ende, und die Bevölkerung be- 
merkt, dass der Selbstmorde erst 90 sind. Muss sie darüber er- 
schrecken, weil sie ein Naturgesetz verletzt hat, und müssen sich, 
um den Etat voll zu machen, noch 10 erhängen? Man kann sagen, 
das folge ja nicht daraus, sondern vielmehr die Aufforderung, die 
Ursachen zu erforschen, durch welche diese Minderung erfolgt ist 
und dann vielleicht dahin wirken zu können, dass der Selbstmorde 
immer weniger werden. Ganz recht, nur muss der, welcher diesen 
Schluss aus dem Gesetz zieht, vorher schon mit sich darüber im 
Reinen sein, dass es seine Menschenpflicht ist, Elend und Sünde 
vermindern zu helfen. Wo diess nicht der Fall ist, führt das Natur- 
gesetz allein in keiner Weise zur helfenden That, sondern entweder 
zum Fatalismus und Quietismus oder zu noch etwas viel Schlimme- 
rem. Waren denn, kann jener fragen, die Bedingungen, unter wel- 
chen früher die grössere Anzahl von Selbstmorden erfolgt war, nicht 
ihrerseits auch wieder in Naturgesetzen begründet , denen wir ja 
folgen sollen ? Warum sollen wir ihnen denn nicht den Lauf lassen ? 
Der Kampf ums Dasein ist bekanntlich diejenige Thätigkeit, mit welcher 

13* 



* 



196 



Der Zweck heiligt die Mittel. 



eigentlich alle Geschöpfe von Anfang der Welt an ihre Existenz 
hinbringen ; dass ein Theil davon darüber zu Grunde geht, ist noth- 
wendig; warum sollen wir es hindern und unsere Kraft nicht lieber 
darauf verwenden, unsere eigene Existenz zu festigen und zu ge- 
messen? Ein Krämer kann es für einen sehr natürlichen Wunsch 
halten, dass sich im Laufe des Jahres einige seiner Concurrenten 
in's Wasser stürzen möchten. 

Ein grosser Dichter hat gesagt: »der Handelnde ist immer 
gewissenlos« und ein grosser Philosoph : »Es ist die Ehre grosser 
Charaktere, schuldig zu sein.« Beide Aussprüche sind tiefe Wahr- 
heiten und beruhen auf einer feinen Beobachtung. Da wir niemals 
alle jene äusseren Umstände , welche oft schon zu den unmittelbar- 
sten Folgen unserer Handlungen hinzutreten, voraussehen können, 
nicht mehr Herr über die abgeschossene Kugel sind , so würden 
wir, wenn wir uns durch die Erwägung aller dieser Möglichkeiten, 
unter welchen grosse Uebel sein können , vom Handeln abhalten 
Hessen, niemals zu diesen und daher auch niemals zur Vollführung 
grosser Thaten gelangen; und zuweilen ist die Ausübung einer 
grossen in ihren Polgen überwiegend wohlthätigen Handlung nur 
möglich, wenn dabei nach irgend einer Seite hin ein Eecht verletzt 
wird. Diess sind Thatsachen, welche die Psychologie und die Ge- 
schichte lehrt. Kann man dieselben aber in eine Vorschrift für das 
moralische Verhalten umsetzen? Nein. Denn man müsste dieselbe 
so formuliren: Tugend zeigt sich nur im Handeln, wir üben sie 
um so mehr, je mehr und öfter wir handeln ; da nun aber Gewissen- 
haftigkeit dem Handeln hinderlich ist, so bestrebe dich, möglichst 
gewissenlos zu sein ; wenn du aber gar ein grosser Mann sein willst, 
so musst du ein Verbrechen begehen. 

Doch genug hiemit. Ich glaube, es ist hinreichend erwiesen, 
dass wir, wenn wir die Naturgesetze auf das Gebiet der Ethik 
übertragen wollen, nicht weiter kommen. Wir drehen uns mit 
ihnen immer im Cirkel herum. Wir sehen, was gemeine Thatsache 
ist, und sollen nun diese Thatsachen selbst wieder vermehren helfen. 
Freilich: gewissen Standpuncten erscheint gerade diess als der Weis- 
heit höchster Schluss. Schlauen Menschenkennern oder die sich da- 
für halten, erscheint Jeder, der von den Menschen etwas Anderes 
hofft und verlangt, als was nach der gewöhnlichen Sinnesweise der- 
selben zu erwarten steht, als naiv. Und was in der Welt so und 



* 



Der Zweck heiligt, die Mittel. 



197 



so oft unter ähnlichen Umständen geschehen ist, soll den untrüg- 
lichen Maassstab abgeben für das, was auch künftig geschehen 
soll; wer anders meint, lebt in kindlichen Illusionen. Indessen kann 
man Welt und Menschen kennen, ohne desshalb an seinen Forder- 
ungen an sie etwas nachzulassen, und ohne es gerade eben so zu 
machen wie sie ; man kann diese Kenntniss recht wohl benützen, 
ohne desshalb auf sie seine Gesinnung zu stützen. Dagegen kann 
man der gegentheiligen Ansicht vorwerfen, dass sie den Menschen 
von Stufe zu Stufe immer tiefer herabziehe, ihn lehre, die Dinge 
nach gemeinem Maass zu messen und überall die Elle der trivial- 
sten Lebenserfahrung anzulegen. Wir gelangen so zur Sprichwörter- 
weisheit eines Fallstaff und Sancho Pansa ; jeder Strolch beruft sich, 
um seinen Thaten einen Schein der Notwendigkeit zu verleihen, 
auf ein Sprichwort, das eine genuine Erfahrung ausdrückt, d. h. 
ein unter gewissen Umständen zu Tage tretendes Naturgesetz. Wer 
den Papst zum Vetter hat, wird bald Cardinal — das ist einmal 
so — wenn Jemand Minister geworden ist, so halten es seine Ver- 
wandten für ganz selbstverständlich , dass er nun etwas für ihre 
Söhne thut und vor Allen sie anstellt, und es gibt Manchen, der 
im Stillen denkt: wenn ich Minister war', ich macht' es auch so. 
Mundus vult deeipi, ergo deeipiatur. 

Damit sind wir wieder an unseren Ausgangspunct zurückge- 
kommen. Ein solches Sprichwort oder genau von dem Werthe 
eines solchen ist auch der Satz: Der Zweck heiligt die Mittel. Er 
ist unbedingt giltig im Reiche der Medicin und der praktischen 
Anwendung der Naturwissenschaften, weil es sich hier bei der Wahl 
der passendsten Mittel eben nur um die Erreichung eines nützlichen 
Zweckes unter möglichst geringen Nachtheilen für das Object han- 
delt und die Sittlichkeit oder Unsittlichkeit der Mittel gar nicht in 
Betracht gezogen wird. Er ist ferner auf dem Gebiete des Rechts 
und der Sittlichkeit der Ausdruck einer sich täglich wiederholenden 
Erfahrung über die Art, wie wir uns mit der moralischen Beur- 
teilung von gewissen' Handlungen , die wir an sich missbilligen 
müssen, zurechtsetzen. Wir halten dabei eine innerliche Jury ab, 
die nicht nach dem strengen Gesetz, sondern nach dem Gefühl und 
der Opportunität urtheilt. Dabei kommt es vor Allem darauf an, 
ob wir die fraglichen Zwecke für löblich und recht halten müssen 
und ob es sich herausstellt, dass ihre Erreichung unbedingt, und 



198 



Der Zweck heiligt die Mittel. 



zwar gerade jetzt, nothwendig war, sei es für das Allgemeine, sei 
es für das Individuum. Unter Umständen stellen wir den Kreis 
der Freisprechung noch weiter und sind auch schon befriedigt, 
wenn die erzielten Wirkungen auch nur von überwiegend wohlthä- 
tigen Folgen waren und so ziemlich die allgemeine Zufriedenheit 
erlangt haben. Um mit diesem Thatsäehlichen , das wir doch alle 
Tage geniessen , nicht ewig in Widerspruch zu bleiben , geben wir 
von unserem moralischen Richterstuhl aus Absolution und leben dann 
ruhig weiter. 

So viel vom Standpunct der Medicin und Psychologie zu die- 
sem Satze. Ihn vom ethischen aus als Maxime des Handelns end- 
gültig zu würdigen, will ich anderen Facultäten überlassen. Vielleicht 
finden aber diese in dem Mitgetheilten einiges schätzbare Material, 
welches sie als Vorstudien für die Lösung der Aufgabe verwerthen 
mögen. 



Anmerkungen und Zusätze. 

1 ) Es ist mir nicht unbekannt geblieben, dass diese Berechtigung 
bestritten worden ist. Unter den vielen wunderlichen Blasen, welche 
moderner Doctrinarismus in die Höhe getrieben hat, befindet sich auch 
eine, welche vor einiger Zeit ein (nichtdeutscher) Irrenarzt steigen liess, 
nämlich die : dass die Correspondenzen der Kranken in den Irrenanstal- 
ten vollständig frei zu geben seien, woran sich in nicht mehr unge- 
wöhnlicher Weise die Ansicht schloss, jeder Arzt, der Briefe an die 
Kranken oder von denselben zurückhalte oder öffne , sei zu denunziren 
und gerichtlich zu verfolgen. Wie sich damit die Zurückhaltung der 
Kranken selbst in der Anstalt vertrüge, blieb dabei freilich eine noch 
zu lösende Frage. Auch niuss man einerseits sehr wenig Werth auf 
seine psychische Behandlung der Kranken legen, wenn man die- 
selbe immerfort durch den Verkehr dieser mit der Aussenwelt durch- 
kreuzen lassen kann, oder andererseits sich eine erstaunliche Fähigkeit 
zutrauen; denn wenn daraus nicht der grösste Nachtheil für die Patien- 
ten erwachsen soll , so muss der Arzt gleichzeitig mit der Behandlung 
dieser auch ihre Angehörigen in die Schule nehmen und sie in kürze- 
ster Frist (nach Art der Sprachbriefe) so weit bringen, dass sie sowohl 
die brieflichen Aeusserungen der Kranken immer vollkommen richtig 
beurtheilen als auch ihre eigenen Briefe dem jeweiligen Zustand der- 
selben ganz entsprechend abfassen. Aber nicht allein auf die Familie 
des Kranken hätte sich diese Sorgfalt zu erstrecken , sondern , da die 
Correspondenz desselben eine unbeschränkt freie sein soll, auch auf 
alle möglichen Bekannten und Freunde, von den Behörden noch ganz 
zu schweigen. Man weiss nur, wie gesagt, nicht, was dann der Kranke 
noch in der Anstalt soll, da consequent (und auch diess wurde behaup- 
tet) Besuche jederzeit unbedingt zuzulassen sein sollen, und warum der 
Arzt sich nicht aufs Receptschreiben im Hause des Kranken beschrän- 
ken soll. 

Freilich geschieht es wohl auch noch, dass von ähnlichem Stand- 
punct aus die Anstalten überhaupt oder wenigstens deren Benützung 
Anfechtung erfahren. Es gibt Leute, welche, fast ohne alle Kenntniss 
von den psychischen Krankheiten und der auch bei ihnen durch die 



200 



Der Zweck heiligt die Mittel. 



Natur in acht bedingten Notwendigkeiten , in diesen Dingen keinen 
anderen Massstab und Begriff anzuwenden im Stande sind als den 
rechtlichen , und daher in der Aufnahme eines Menschen in eine Irren- 
anstalt in erster Linie immer nur die Freiheitsberaubung und Einsperr- 
ung sehen; sie können es nicht vertragen, dass dergleichen ohne Richter- 
spruch soll geschehen können, und die Irrenanstalten haben nach ihrer 
Meinung eine privilegirte Ausnahmsstellung , welche im Rechtsstaate 
nicht geduldet werden könne. Ginge es nach diesen, so müssten die 
Aufnahmen in diese Institute, deren man in allen Ländern in rühm- 
lichem Wetteifer mit grossen Kosten immer mehrere errichtet, noch 
mehr erschwert werden, als sie es leider schon sind. Zur Beruhigung 
ängstlicher Seelen, deren Phantasie durch allerlei Roman- und Schau- 
spiel -Unthaten aufgeregt ist, von welchen freilich in der Wirklichkeit 
nichts vorkommt, sind ohnediess diese Aufnahmen leider schon zur 
grossen Belästigung der Familien an eine Anzahl von Bedingungen ge- 
bunden, welche an sich ganz überflüssig wären, aber lediglich um der 
Beschwichtigung jener eingebildeten Besorgnisse willen gegeben sind. 
Diess trägt nicht zum Wenigsten dazu bei, dass dem Volke die Irren- 
anstalten noch immer viel zu wenig als das erscheinen , was sie sind, 
als Krankenhäuser. Würde die oben gerügte Anschauung durchdringen, 
so würden dieselben vollends wieder als Orte angesehen werden , an 
deren Benützung alle Welt möglichst gehindert werden und welche man 
mit möglichst viel Fussangeln und spanischen Reitern umgeben müsse. 
Dann wär' es aber besser, wenn man gar keine baute. Denjenigen, 
welchen sie als Monstrum im Rechtsstaat erscheinen, möchte ich nur 
zu bedenken geben, dass in der republikanischen Schweiz, wo man doch 
gewiss auf die Wahrung der persönlichen Freiheit etwas hält, jene 
ängstlichen Aufnahms- Cautelen gar nicht existiren, sondern den An- 
staltsvorständen in der Befugniss Kranke aufzunehmen viel grösserer 
Spielraum gegeben ist als bei uns. Den Gipfel des Unsinns erreichen 
derartige Aufstellungen dann, wenn sie sogar verlangen, dass kein 
Kranker in eine Anstalt ohne seine Einwilligung gebracht werden sollte. 
Einen Typhuskranken schafft man in's Spital, mitten im Delirium ohne 
ihn zu fragen; fällt ein Dachdecker auf's Pflaster und liegt mit er- 
schüttertem Hirn bewusstlos da, oder findet man auf der Strasse einen 
unbekannten Menschen, der von Blutverlust ohnmächtig niedergesunken 
ist, so bringt man ihn, ohne ihn zu fragen, in's nächste Krankenhaus. 
Nur mit Geisteskranken, so sehr auch ihr Bewusstsein gestört sein 
mag, soll man es nicht so machen dürfen. Aber der Geist der Zeit 
ist mächtiger als abstracte Doctrinen, und auch die Schauspiel- und 
Romandichter werden es hoffentlich nachgerade satt werden, die nötlnge 
Sensation mittelst Schauergeschichten von willkührlichen Einsperrungen 



Der Zweck heiligt die Mittel. 



201 



Gesunder in Irrenanstalten zu erreichen und dadurch unter dem Pub- 
licum die möglichst verkehrtesten Anschauungen zu verbreiten. 

2) Lecky, Geschichte des Ursprungs und Einflusses der Auf- 
klärung (Rationalism) in Europa, Leipzig und Heidelberg 1868, sagt 
I. Bd. S. 258: »Die Bewegung, welche die Tortur zerstörte, war viel 
weniger eine intellectuelle als eine gemüthliche. Sie repräsentirte viel 
weniger eine Entdeckung des Verstandes, als eine gesteigerte Kraft 
des Mitgefühls. Fragt man, welche bestimmte Beweise für die Sache 
beigebracht werden können, so würde es schwer sein, welche anzuführen, 
die nicht allen Klassen in jeder Periode des Mittelalters vollkommen 
geläufig waren. Dass kühne Verbrecher zuweilen entweichen und dass 
furchtsame Personen sich manchmal fälschlich für schuldig erklärten; 
dass die Unschuldigen häufig einer schrecklichen Strafe unterlagen und 
dass der sittliche Eindruck der gesetzlichen Urtheile sich abgeschwächt 
hatte — diese und andere Argumente waren im eilften und zwölften 
Jahrhundert eben so sehr ausgemachte Wahrheiten wie sie es heute 
sind. Der Umschlag wurde auch nicht hiedurch bewirkt. Die Tortur 
wurde abgeschafft, weil bei dem Portschritt der Civilisation die Sym- 
pathien der Menschen grösser, ihre Empfindungen für die Leiden Anderer 
schärfer, ihr Urtheil nachsichtiger, ihre Handlungen milder wurden. 
Selbst einen Schuldigen den Schrecken der Folter zu unterwerfen, schien 
grausam und barbarisch, und darum wurde die Folter zerstört. Die 
Abschaffung war ein Theil der grossen Bewegung, welche die barbari- 
schen Vergnügungen beseitigte , die Rohheiten milderte und die Sitten 
aller Klassen verfeinerte. Nun 'ist es ganz sicher , dass die , welche 
das ewige Leiden als die gerechte Strafe eines mürrischen Kindes ernst- 
lich ansahen, die Tortur unmöglich mit demselben Grad und derselben 
Art von Widerwillen, wie ihre weniger orthodoxen Mitmenschen be- 
trachten konnten. Es steht auch fest, dass eine Zeit, wo die Religion 
durch den ununterbrochenen Verkehr mit den Märtyrerlegenden xmd 
den Qualen der Verdammten die Einbildung mit der Combination von 
neuen und schrecklichen Leidensformen fortwährend beschäftigte, vor 
allen andern dazu angethan war, das System der Tortur höchst grausam 
zu gestalten. Dieselbe Geistesverstockung nun , welche die Menschen 
die Praxis der Tortur angreifen liess, Hess sie zugleich die mittelalter- 
liche Lehre von der zukünftigen Strafe angreifen. Beide erwuchsen 
aus demselben Zustand der Gesellschaft, sie blühten zusammen und 
verfielen zusammen.« 

3) Selbst die Kirche that diess in den Zeiten ihrer Verderbniss, 

wie diess aus den durch das eben stattfindende Concil hervorgerufenen 

Schriften sattsam zu ersehen ist. Lecky sagt darüber unter Anderen 

(a. a. 0. S. 307): die Kirchenväter stellten es als einen entschiedenen 

Lehrsatz hin , dass frommer Betrug zu rechtfertigen und sogar lobens- 

* 



202 



Der Zweck heiligt die Mittel. 



werth wäre, und wenn sie diesen Grundsatz auch nicht aufgestellt 
hätten, würden sie ihn nichts desto weniger als eine nothwendige Folge 
ihrer Lehre von der ausschliesslichen Seligkeit ausgeübt haben. Un- 
mittelbar darauf färbte sich die ganze kirchliche Literatur mit einem 
Geiste der schamlosesten Lügenhaftigkeit. Das Heidenthum sollte be- 
kämpft werden, darum wurden Weissagungen über Christus von Orpheus 
und den Sybillen geschmiedet , lügenhafte Wunder vervielfältigt und 
unaufhörliche Verleumdungen auf die ausgeschüttet, die sich, wie Julian, 
dem Glauben widersetzten, die Ketzer sollten überzeugt werden, daher 
wurden Einschaltungen in alte Schriften oder vollständig falsche Schrif- 
ten den erdichteten Evangelien entgegengestellt. Die Reliquienverehr- 
ung und das Mönchsystem sollten eingeführt werden, daher wurden 
den Gebeinen der Heiligen oder den Gebeten der Einsiedler unzählige 
Wunder beigemessen und von den bedeutendsten Kirchenvätern be- 
stätigt. Die Richtung beschränkte sich nicht auf jene morgenländischen 
Völker , die immer des Wahrheitsgefühls fast beraubt waren ; sie 
triumphirte überall, wo man die überlegene Wichtigkeit des Dogma's 
festhielt. Von Geschlecht zu Geschlecht wurde sie allgemeiner , sie 
dauerte an, bis der eigentliche Sinn für die Wahrheit und die eigent- 
liche Liebe für die Wahrheit aus den Gemüthern der Menschen aus- 
gelöscht schienen.« 

In Hinsicht auf Politik hat den dermaligen Stand der Dinge in 
dieser Beziehung gut zusammengefasst Twesten (Machiavelli. Ein 
Vortrag im Berliner Handwerker - Verein gehalten. In Virchow und 
Holtzendorff's Sammlung gemeinnütziger populärer Vorträge, III. Serie 
16. Heft. S. 11). 

»Im klassischen Alterthum war allgemein die Moral der Politik 
untergeordnet. Dieser Anschauung folgte jene grosse Zeit, welche sich 
an dem Vorbilde des Alterthums in raschem Aufschwung zu einer neuen 
Stufe der Cultur emporarbeitete. Die politische Tugend stand ausser- 
halb der menschlichen, der Staat über den Geboten der gewöhnlichen 
Sittlichkeit. Das Christenthum des Mittelalters hatte durch seine 
Autorität die Privatmoral in hohem Grade gefördert, aber auf das 
Staatsleben nur mittelbar durch Hebung der gesellschaftlichen Zustände 
eingewirkt. Erst die neuere Zeit hat auch in der Politik und den 
Feinden des Staates gegenüber allgemeine Regeln des Rechts, der Ehre 
und der Menschlichkeit zur unverbrüchlichen Richtschnur gemacht. 
Aber die Grundsätze, welche in den Ausdrücken Machiavellismus oder 
Jesuitismus zusammengefasst zu werden pflegen, sind nur sehr langsam 
aus der Praxis gewichen, und keineswegs vollständig. Für ihre Partei, 
ihre Kirche, ihren Staat halten noch die Meisten Dinge für erlaubt, 
durch die man sich im Privatleben entehren würde. Die Vorstellung, 
dass der Zweck die Mittel heilige, erhielt sich trotz aller Ablauf- 



Der Zweck heiligt die Mittel. 



203 



nung sehr zähe. Nicht bloss wo es sich um hohe Ziele in der Politik, 
uin grosse Fragen des Ehrgeizes und der Herrschaft, oder um den 
Fanatismus einer Idee handelte, sondern wo überhaupt nur allgemeine 
Zwecke in Betracht kamen , galten List und Gewalt als rechtmässige 
Mittel. Noch in unserem Jahrhundert suchte der Inquirent den Ange- 
schuldigten durch List, falsche Versprechungen, Drohungen oder zuge- 
fügte Uebel zum Geständniss zu bringen, ohne dass ihn ein Tadel dess- 
halb traf. Mit einer Art Kriegszustand zwischen der öffentlichen Gewalt 
und dem Volke rechtfertigte man die Anwendung gehässiger und nieder- 
trächtiger Polizeikünste von der einen , das politische Verbrechen von 
der anderen Seite. Das Vernünftige und Heilsame vollzieht sich in der 
Geschichte nicht auf den Wegen der Vernunft. Das unbewehrte Recht 
kann es nicht mit der bewaffneten Gewalt aufnehmen. Wo nicht Ueber- 
zeugungen zu gewinnen, sondern mächtige Interessen zu überwinden 
sind, wo Gewalt der Gewalt begegnen muss, da werden auch die Mittel 
der Gewalt ihre Stelle behaupten. Der Unterschied lässt sich nicht 
abstract feststellen; es handelt sich um ein Mehr oder Minder. Aber 
die Fortschritte der Humanität, des Rechts und der Sitte ziehen die 
Schranken des Zulässigen und Anständigen allmälig enger, und der 
öffentliche Geist der Nationen lässt sich nicht ungestraft überspringen.« 



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Quain's Lehrbuch der Anatomie, von welcher der erste 
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system und den Sinnesorganen enthaltend , wird spätestens im 
Herbste dieses Jahres vollendet sein. 

Erlangen, Juni 1870. 

Eduard Besold. 



Druck vod E. Th. Jacob iii Belangen. 




MAR 3 1 1960